Scharfsinnig

Neues über Sölle

Der 20. Todestag Dorothee Sölles wurde begleitet von vielfältigen publizistischen Würdigungen ihres Lebens und Werks. Einen der scharfsinnigsten und anregendsten Beiträge dieses Gedenkjahrs 2023 stellt dabei Konstantin Sachers „Annäherung an eine Ikone des Protestantismus“ dar. Dies liegt vor allem daran, dass der Autor mit dem Hinweis auf Sölle als „Ikone“ nicht das Programm seines Buches beschreibt – ihm also nicht an einer Hagiografie gelegen ist. Vielmehr geht Sacher zur Ikonizität Sölles auf kritische Distanz und unternimmt den Versuch eines Theologen, für den Sölle „keine Zeitgenossin mehr ist, sondern eine historische Gestalt“, ihre Texte nicht mehr als „Zeitansagen“, sondern vielmehr als „Dokumente der Zeitgeschichte“ zu lesen, „die uns helfen zu verstehen, wie wir geworden sind, was wir sind“.

Insofern wird Sacher andererseits auch nicht zum Ikonoklasten, sondern es gelingt ihm, Mythen der – eben hagiographisch anmutenden – dominanten Sölle-Rezeption zu überwinden und die Theologin als eine spannende, aber eben auch nicht von inneren Spannungen und Widersprüchen freie Denkerin neu zu entdecken. Zu den Mythen, mit denen Sacher aufräumt, gehört etwa derjenige „von der verhinderten Professorin“: „Sölle wurde (…) nicht von Männern daran gehindert, Professorin zu werden“. Sie lehnte es aus freien Stücken ab (etwa, 1967 Professorin an der Pädagogischen Hochschule Rheinland zu werden), weil sie die Phantasie hatte, dass „noch etwas besseres für sie kommen wird.“ Zu den Selbstwidersprüchen gehört wiederum Sölles Existenz als „bildungsbürgerliche Kämpferin gegen die Bürgerlichkeit der christlichen Religion“ – mithin ihr knallharter Antikapitalismus und Antiamerikanismus, der die Ermöglichungsgründe ihrer eigenen Karriere als Sprössling einer rheinischen Gelehrtenfamilie und Akademikerin im freien Teil Deutschlands ausklammerte.

Sacher verbindet eine intensive Ausein­andersetzung mit exemplarischen Texten aus den unterschiedlichen Lebensphasen mit einer reportageartigen Spurensuche zwischen Hamburg – der letzten Ruhestätte Sölles – und Luzern, wo er Sölles Ehemann Fulbert Steffensky trifft. Auf diesem Wege arbeitet Sacher zum einen Grundlinien des Denkens – und nicht zuletzt auch der intensiven Frömmigkeit – Sölles heraus.

Hierzu gehört insbesondere die von Heidegger und Bultmann angeregte Beschäftigung mit dem Tod, die zu ihrem Lebensthema werden sollte. Zum anderen rekonstruiert Sacher die Verwobenheit von Sölles theologischem und publizistischem Wirken mit einzelnen Lebensphasen und hiermit einhergehenden persönlichen Erfahrungen: „Sölle war eine Autorin, die schreibend ihre eigene Seele erkundete. Und sie war eine echte Schriftstellerin, ein Mensch, der nicht anders konnte, als diese Erkundigungen der eigenen Seele auch noch zu veröffentlichen.“

Seine „biographische Grundthese (…), dass es in Sölles theologischem Werk um Selbstfindung geht“, vermag Sacher anhand der einzelnen von ihm ausgewählten publizistischen Wegmarken zu plausibilisieren. Hieraus wird dann auch die Radikalität vieler ihrer Positionen verständlich: So habe Sölle – führt Sacher mit Blick auf ihr letztes Buch „Mystik und Widerstand“ aus – „ihre Leserinnen und Leser davon zu überzeugen (versucht), dass es eine allgemeine Notwendigkeit und nicht nur die Söllesche Notwendigkeit gibt, vom Leben auf der ungerechten Welt zum Gottesglauben und vom Gottesglauben zur mystischen Gotteserfahrung und von dieser Erfahrung zur Haltung des Widerstands gegen die ungerechte Welt zu kommen“. Damit setzt er Sölle als eine „faszinierende Denkerin“ ins Licht, „die mit ihrem Werk gezeigt hat, wie sehr der christliche Glaube lebensverändernd wirken kann – im Guten wie im Schlechten“.

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Foto: Andreas Helle

Tilman Asmus Fischer

Tilman Asmus Fischer ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Theologischen Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin und schreibt als Journalist über Theologie, Politik und Gesellschaft


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