Mehr Klarheit

Über die Auferstehung

Die Systematische Theologin Julia Drube beschäftigt sich in ihrer Dissertation mit der Frage nach dem Geschichtsbezug des neutestamentlich bezeugten leeren Grabs Jesu und dessen Implikationen für die Botschaft der leiblichen Auferstehung. Sie gewinnt daraus auch insgesamt Erkenntnisse für den Umgang mit Leiblichkeit und Endlichkeit. Dazu setzt sich Drube kritisch mit Interpretationen des leeren Grabs aus der Perspektive „neuzeitlich-rationalistischer Rationalitäten“ auseinander (zum Beispiel Rudolf Bultmann). Solche Rationalitäten setzten a priori voraus, dass alle historischen Ereignisse durch ihre Analogiehaftigkeit sowie durch die „prinzipielle Gleichartigkeit alles historischen Geschehens“ gekennzeichnet seien. Ein Handeln des transzendenten Gottes in der Geschichte werde so ausgeschlossen. Die Botschaft der leiblichen Auferstehung werde daher unter anderem als „Ausdruck der Bedeutsamkeit des Kreuzes“ verkannt und verharmlost.

Gegen eine solche scheinbar alternativlose, weil dem modernen Geschichtsverständnis entsprechende Konzeption plädiert Drube im Anschluss an zum Beispiel Karl Barth und Jürgen Moltmann dafür, Geschichte „neu [zu] perspektivieren“, indem sie als dynamischer, offener „Prozess“ und als Einbruch der „Ewigkeit“ Gottes in die Zeit gedacht wird. Zwar entziehe sich Gottes auferweckendes Handeln am Leichnam Jesu geschichtswissenschaftlicher Überprüfbarkeit. Für den, der an die Auferstehung Jesu glaube, sei das neutestamentlich bezeugte leere Grab (von dessen Historizität Julia Drube ausgeht) aber eine „kognitive […] Bestätigung“ der Botschaft der Auferstehung. Im Unterschied zu einem Realitätsbegriff, der sich ausschließlich an neuzeitlichen Kriterien von Rationalität orientiert, erkenne der Glaubende in der Auferweckung Jesu daher die „Durchdringung“ von Zeit und Ewigkeit. Die Autorin vertritt somit einen offenbarungstheologischen Ansatz, der mit dem Handeln Gottes in der Geschichte rechnet und so von der „Mehrdimensionalität“ der Wirklichkeit jenseits neuzeitlicher Rationalitäten ausgeht.

Des Weiteren entfaltet sie die Erschließungskraft der Rede von der leiblichen Auferstehung für das sonstige biblische Verständnis von Gott und Mensch: Sie verweist auf die Mensch- und damit auch Leibwerdung Gottes, auf die jesuanischen Heilungswunder und auf die Erwartung einer eschatologischen leiblichen Auferstehung aller. Daher füge sich die Botschaft von der leiblichen Auferstehung Jesu sachlich kohärent und theologisch sinnvoll in andere biblische Topoi ein.

Überzeugend, weil anschlussfähig an gegenwärtige Diskurse zur Verkörperung, ist die existenzielle Deutung der Auferstehung. Die in Jesu Auferstehung begründete Verheißung, dass Gott den „gesamten, leiblich konstituierten Menschen“ verwandeln werde, ermögliche diesem die Akzeptanz seiner hinfälligen irdischen Leiblichkeit. Nicht der Mensch müsse seine leiblich verfasste, Fragment bleibende Lebensgeschichte vollenden, sondern das tue Gott, der den menschlichen Leib in seinen Leistungen und seinen „Mängeln und Defizite[n]“ annimmt, verwandelt und neu schafft. Ferner werde durch die leibliche Auferstehung aller auch die „Sozialität“ des Menschen, der immer schon durch und mit dem Leib mit anderen interagiert, erschlossen.

Unklar bleibt schließlich, inwiefern die Systematikerin Auferstehung zugleich als „Neuschöpfung“ und als „Verwandlung“ beziehungsweise als „Beseitigung“ und „Bewahrung“ des irdischen Leibs versteht. Wie verhält sich der Aspekt der Kontinuität des irdischen Leibs schließlich zur empirischen Beobachtung, wonach menschliche Leiber vergehen und verwesen? Hier wäre mehr Klarheit wünschenswert. Zusammenfassend legt Julia Drube einen Entwurf vor, dem es gelingt, die leibliche Auferstehung als geschichtlich denkmöglich zu verantworten, als theologisch stimmig zu erweisen und zugleich ihre Erschließungskraft für ein ganzheitliches Menschenbild auszuweisen.

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