Edle Dreisamkeit

Klangjuwelen von Luisa Imorde

Zum neuen Jahr ein neues Leuchten! Es gibt immer wieder Musik, der das überlichte Licht derart innewohnt, dass sich ihr Glanz in der Resonanz prismatisch vervielfältigt und in der Korrespondenz Unerhörtes offenbart. Sei es „Spem in alium“ von Thomas Tallis oder „Air“ von Johann Sebastian Bach, Robert Schumanns „Erster Verlust“ oder George Gershwins „Summertime“ – immer stellen nachfolgende Komponistinnen und Komponisten zu solchen musikalischen Fixsternen bewusst oder unbewusst Korrespondenzen her, die es zu hören und zu entdecken gilt.

Eine Entdeckerin solch immanenter, lichter Korrespondenzen ist die Pianistin Luisa Imorde – sie hört sich tastend ein, erkundet Farbe und Gestalt der Töne, spürt ihrer Reichweite nach und prüft sie auf ihre Resonanz – so zum Beispiel in puncto Rhythmik, virtuoser Melodik und kontrapunktischer Polyphonie zwischen Johann Sebastian Bach und dem unter Kennerinnen und Kennern wie ein Juwel gehandelten ukrainisch-russisch-jüdischen Komponisten und Jazz-Pianisten Nikolai Kapustin (1967–2020) auf der exzellenten CD „moon rainbow“, die bereits 2020 erschien und dank begeisternder Fingerfertigkeit und musikalischer Eloquenz neue Hörfenster geöffnet hat. Allein diese CD ist schon ein Geschenk für jedes neue Jahr.

Nach neuen, ausgedehnten Spaziergängen unter dem musikalischen Sternenhimmel hat Luisa Imorde ein nächstes Korrespondenzen-Album veröffentlicht, das von mindestens ebensolch seltener Schönheit ist und ob seiner luzide schimmernden Sequenzen noch in dunkelsten Stunden zu leuchten vermag: Polychromie – eine klingende Zusammenschau von Werken des französischen Barock-Granden François Couperin (1668–1733) und des Klangmystikers Olivier Messiaen (1908–1992). Dessen acht dicht gewebte Préludes pour Piano von 1928/29 (!) flicht sie zwischen 16 Préludes und Pièces Couperins, eigentlich für Cembalo – und spielt das alles auf einem modernen, voluminösen Bösendorfer-Flügel, dessen Sound gelinde gesagt Meilen von dem eines barocken Cembalos entfernt ist. 

Aber höre: Unter den kraftvoll zugreifenden, behutsam Kontakt aufnehmenden Fingern Luisa Imordes und auf eben diesem Instrument stellen sich Resonanzen ein – Zwiegespräche der Töne, die einander sich beflügelnden Impulse und sich verschränkenden Gebärden, aus denen ein großes Gemeinsames in Zweisamkeit, nein: Dreisamkeit entsteht. Denn diese Offenbarungsstunde Couperins und Messiaens wäre ja nichts ohne ihre profunde Moderatorin Luisa Imorde, die beide so zu nehmen weiß, wie sie sich von ihrer schönsten, tiefsten Weise zeigen mögen. Sie gibt jedem, was er braucht, packt den einen bei den Hörnern, bettet den anderen auf grünen Auen und bewegt sich bravourös lächelnd durch alle Fährnisse der verschiedenen Partituren. Das zeugt von großer Kunst und besonderem Können – und einem tiefen Sinn für das lichtreiche Schöne.

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