Corona-Panorama in elf Akten

Fragen der Krise, auf die auch Kirche Antworten finden muss
Mann in Corona-Schutzkleidung
Foto: epd

Das Gefühl, dass ein neues Zeitalter anbricht, dominiert in diesen ersten Wochen der Corona-Pandemie. Fürs Deuten ist es eigentlich noch zu früh, dennoch wagt der Theologe Stephan Schaede, Direktor der Evangelischen Akademie Loccum, für zeitzeichen ein multiperspektivisches Logbuch zur Lage.

Die Corona-Krise trifft die Kirchen hart. Die Absurdität der Sonderlage spiegelt sich schlicht darin wieder, aus virologischen Gründen soziale Begegnungen zu vermeiden und zugleich den Menschen möglichst nahe sein zu wollen. In diesem absurden Unterfangen fehlt es der Kirche an Übung. Sie musste die üblichen Formen des Austausches und der Begegnung abrupt einstellen. Das provozierte Ohnmachtserfahrungen der neuen Art.

Doch die Kirche fiel nicht in Schockstarre. Vielmehr ist in der Ausnahmesituation reichlich Energie entstanden, Gemeindeleben fantasievoll anders zu entwickeln. Geistreiche geistliche Angebote auf den Homepages der Kirchenseiten, Kurzandachten im Freien, Twittertrostbotschaften, Nachbarschaftsbringdienste und Balkongesänge: In Chatrooms wird diskutiert, welche Lieder in der Karwoche und an Ostern erklingen sollen. Telefonketten werden gebildet. Die Drähte der Internetseelsorge laufen heiß.

Dieses kirchliche Engagement spiegelt eine gesamtgesellschaftliche Lage in der Bundesrepublik, in der sich neben Staat, Militär, Polizei und Gesundheitswesen diverse produktive Kräfte ans Werk machen. In dieser Situation wächst Kirche die Aufgabe zu, Orientierung zu geben, öffentlich und in ihren eigenen Reihen. Nach welchen Kriterien sollen evangelische Krankenhäuser Beatmungsgeräte verteilen? Wann wird die wirtschaftliche Existenz vieler wichtiger als die Gesundheit einzelner Bevölkerungsgruppen? Und welche Rolle kann Kirche spielen, wenn die derzeit erlebbare gesellschaftliche Solidarität brüchig wird? Antworten auf diese Fragen sollen anhand von elf Orientierungsmarken in diesem Text und den folgenden Teilen gesucht werden.

1. Ethik

Drei unvermeidliche und harte gesellschaftspolitische Abwägungsprozesse, in denen Kirche und Theologie sich während und auch nach der Krise ethisch zu orientieren hat, drängen sich auf: Zu den zu verhandelnden Abwägungsprozessen zählt erstens das Eskalationsszenario der Triage, also jener befürchtete tragische Fall, in dem aufgrund fehlender intensivmedizinscher Kapazitäten entschieden werden muss, welche vom Coronavirus akut betroffene Menschen therapiert werden sollen und welche nicht.

Es für die Kirche allein schon um der eigenen diakonischen Einrichtungen unumgänglich, die Überlegungen in der Orientierungshilfe des Deutschen Ethikrates zu ergänzen – so heikel das ist. Der Deutsche Ethikrat hat zwar in seinem wichtigen Votum wesentlich auf die Verhinderung einer Triage-Situation gesetzt und hilfreiche Forderungen formuliert, etwa zu intelligenteren Vernetzungen und Stärkungen des Pflege- und Gesundheitssystems, zum Ausbau von Testkapazitäten, dem Ausbau der Forschung et cetera. Zugleich hat er klar gestellt: Klassifizierungen aufgrund einer sozialen Rolle, des sozialen Umfelds oder der prognostizierbaren Lebensdauer würden sich verbieten. Der Staat dürfe aufgrund des Würdeschutzes von Menschenleben nicht vorschreiben, welches Leben in einer Situation vorrangig zu retten sei. Verboten sei, die Beatmung eines Menschen zugunsten eines anderen Menschen auszusetzen. Keine unterlassene Hilfeleistung bedeute hingegen, Leben nicht retten zu können.

Und nun? Was ist zu tun, wenn Entscheidungen im Blick von intensivmedizinischer Versorgung schwerkranker Menschen zu treffen sind, die nicht alle behandelt werden können? Sind die nahezu beliebig, weil sowieso prekär? Die Gesellschaft bürdet dem Klinikpersonal die Last des Fluches auf, eine eigentlich indiskutable Entscheidung über Leben und Tod treffen zu müssen. Deshalb gilt es, Formen einer vor Ort gemeinsam verantworteten Abwägungsentscheidung zu etablieren. Das ethische Konsil, eine in der Palliativmedizin bewährte Beratungsform, wäre zu übertragen, und solange die Situation noch nicht völlig eskaliert ist, in den Corona-Aufnahmezentren und Intensivstationen einzuüben: Seelsorge, ethische Urteilskraft, medizinisches- und pflegerisches Fachwissen ist so zu konstellieren, das es im Zweifelsfall schnell zu Handlungsentscheidungen führt. So kann die Last des Entscheidungsfluches wenigstens in einem Team gemeinsam getragen werden.

Zu den Abwägungsprozessen zählt zweitens, sich den mit der Corona-Krise verbundenen Güterabwägungsprozessen zwischen Sozialem, Sozialpsychologischem, Ökonomischem und Gesundheitspolitischem zu stellen. Der Abwägungsprozess zwischen Existenzperspektiven wird kommen, der Abwägungsprozess zwischen den Existenzperspektiven der von Alter und Vorerkrankungen gefährdeten Menschen auf der einen Seite und den Existenzperspektiven von Soloselbstständigen, Freiberuflern, Künstler*innen, die Existenz auch von Startups, mittelständischen Unternehmen und Familienbetrieben sowie den in prekärer sozialpsychologischer häuslicher Lage gefährdeten Menschen.

Die staatlichen Verantwortungsträgerinnen und –träger können die Kirche und die Orientierungskraft beanspruchende Theologie mit dieser Abwägung nicht allein lassen. Die verstellten Lebensperspektiven von gesundheitsgefährdeten Geschwächten sind gegen verstellte Lebensperspektiven von sozialpsychologisch und ökonomisch gefährdeten Geschwächten abzuwägen. Was hilft es einer virologisch immunisierten Gesellschaft, wenn sie sich in einem sozialen Dauerdesaster wieder findet, dem etliche Wirtschaftszweige, eine Vielzahl von Unternehmen und individuelle berufliche Existenzen anheimgefallen sind?

Drittens kann die Kirche dafür eintreten, dass die von der Corona-Krise überlagerte Klimakrise bei einem Wiedereintritt in die „Normallage“ nicht ins Hintertreffen gerät. So positiv sich allein schon aufgrund stark reduzierter Mobilität die Coronakrise auf die CO2-Emission auswirken mag, steht zu befürchten, dass nach der Coronakrise im Zuge der Kompensation der ökonomischen Einbußen die Umweltlast in der Gesamtbilanz des Jahres 2020 eher steigt als dass sie sinkt. Sie könnte steigen, statt zu sinken ganz einfach deshalb, weil die Rücksicht auf das Klima von Individuen und Unternehmen, die überleben wollen, als nachgeordnetes Ziel eingestuft werden wird.

Die Kirche kann hier jetzt schon dafür werben, auf privater und institutioneller Ebene, im Handel wie in den Unternehmen zu prüfen, ob in der Zeit des staatlich verfügten Verzichts neue Verhaltensweisen eingeübt und Strategien gefunden werden, aus denen sich klimapolitisch dauerhaft Gewinn ziehen lässt.

2. Perspektivische Vielfalt

Es ist eine Stärke, keine Schwäche unseres Gemeinwesens, dass es in der internen und öffentlichen Diskussion eine Vielfalt und den Streit vieler Perspektiven ermöglicht. Es ist im Sinne eines evangelisch freiheitlichen Streites um die Wahrheit ein Zeichen von Ideologieabstinenz, wenn das die Bundesregierung beratende Robert-Koch-Institut Mitte März mit Christian Drosten ein mittelschweres Gefahrenszenario skizziert, während der Bonner Virologe Hendrik Streeck zeitgleich prognostiziert, es könne durchaus sein, dass wir im Januar 2021 zusammengerechnet nicht mehr Todesfälle haben werden als in jedem anderen Jahr, und sein Kollege Alexander Kekulé aus Halle währenddessen von hunderttausenden Toten spricht und meint, „wir werden Jahre brauchen“, um uns von dieser Pandemie zu erholen.

Dieser Konkurrenz von Perspektiven innerhalb der virologischen Disziplin treten die Perspektiven anderer Disziplinen zur Seite. Und die Politik ist gut beraten, wenn sie weder der Virologie noch der Politik noch der Ökonomie oder der Sozialpsychologie die alleinige Deutungshoheit über die Krise überlässt, denn darin spiegelt sich: Lebensgestaltungsprozesse können unter den Bedingungen dieser endlichen noch nicht erlösten Welt nur Aushandlungsprozesse sein, die dem Leben und Zusammenleben dienen. Die Geschichten des Alten Testaments zehren geradezu von dieser Weisheit und besingen ein Lob der Vielfalt, das produktiv in die Multiperspektivität der Problemanalysen der Corona-Pandemie hineinsprechen kann.

3. Sozialpsychologische Folgen

Aufgrund ihrer seelsorgerlichen Kompetenzen und Einblicke in die häuslichen Lagen ist die Kirche aufgefordert, über die sozialpsychologischen Folgen des Shutdowns Orientierung zu geben. Es mag zwar mit einer gewissen ironischen Heiterkeit erfüllen, wenn Sportmediziner vor den Gefahren des Homeoffice warnen. Die Menschen bewegten sich zu wenig, kämen zu wenig an die frische Luft, äßen das Falsche und tränken zu viel, was die Mortalitätsrate steigern lasse.

Alles Lachen erlischt jedoch, wenn häusliche familiale Spannungen gepaart mit Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes und zusammenbrechender wirtschaftlicher Perspektiven die häusliche Gewalt vor allem gegen Frauen und Kinder in die Höhe schnellen lässt. Über die prekäre Lage in den Frauenhäusern, die Hygienemindeststandards nicht standhalten, wird zunehmend berichtet. Kindern und Eltern in benachteiligten Kontexten fehlen Kontaktmöglichkeiten zu Lehr- und Erziehungskräften, die sie unterstützen. Das hohe Gut der körperlichen und seelischen Unversehrtheit steht auf dem Spiel. Und praktisch stellt sich die Frage, welche Formen und Wege sich finden lassen, um das soziale Leben dieser in prekären Verhältnissen lebenden Menschen unter erschwerten Bedingungen aufrecht zu erhalten.

Diesem Problem einer prekären sozialen Nähe ausgeliefert zu sein tritt das Problem der Einsamen zur Seite: Einsamkeitserfahrungen sind angesichts einer wachsenden Zahl von Haushalten unfreiwillig Alleinstehender sowieso schon ein soziales Problem. Es nimmt ohne Übertreibung dramatische Züge an. Im erzwungenen Totalrückzug bedroht die Gleichförmigkeit der Tage und Wochen das Leben. Vor allem alte und pflegebedürftige Menschen, die vor Infektionen zu schützen sind, fallen in ihren Pflegeinrichtungen in Einsamkeit. Ehepartner können ihre eigenen im Stift oder Heim gepflegten Partner nicht aufsuchen. Sind sie dement, verstehen sie nicht, weshalb der Besuch ausbleibt. Es wird in diesen Tagen sehr einsam gestorben. Das ist bitter.

Schließlich dürfte für Alleinerziehende die ohnehin hohe Grundlast, Erziehung, Betreuung und Beruf auszutarieren, in vielen Fällen möglicherweise aus dem Lot geraten. Konturierte Stellungnahmen können hier zu den oben erwähnten ethisch anspruchsvollen Abwägungsfragen beitragen: In welchem Verhältnis steht das elementare Gut der vom Coronavirus gefährdeten Risikogruppen zum elementaren Gut dieser sozialpsychologisch belasteten Menschen? Vor allem aber: Welche Wege aus der Einsamkeit bahnt die Kirche an, entwickelt sie neu?

4. Veränderungsdynamik

Ob die Corona-Krise ein wirkungsvolles, wenn auch schmerzliches Lernfeld für die Gesellschaft wird, bleibt abzuwarten. Es ist in der Perspektive der christlichen Sündenlehre zu erwarten, dass in Zeiten der Krise die Gutartigen gutartiger, die Bösartigen bösartiger, die Artigen artiger und die Unartigen unartiger werden. Phänomenologisch sprechen Indizien genau dafür: Es gibt Solidaritätswellen der Nachbarschaftshilfe. Schutzkleidungs- und Infektionsmittelklau ist zu beklagen. Vorschriften werden in Institutionen und Privathäusern überpenibel befolgt, um dem eigenen Bedürfnis nach legaler Unfreiheit zu folgen. Und einige Menschen machen sich einen Sport daraus, in Parkanlagen mit dem Schlachtruf „Corona“ älteren Passanten ins Gesicht zu husten.

Ist Deutschland ein in Krisen lernaffines gesellschaftliches Terrain? Schon nach den anfänglichen Solidaritätswellen der Flüchtlingskrise 2015/16 hat Bundespräsident Steinmeier sehr bald die poröse Metapher vom Kitt der Gesellschaft herbeibemühen müssen. Auf die Kirchen kommt die Aufgabe zu, im Namen von wechselseitiger Gerechtigkeit und Barmherzigkeit an einem von ihr in seinem Gehalt auszubuchstabierenden Gemeinsinn zu appellieren.

Und sie wird im Blick auf ihr eigenes kirchliches Leben Antworten zur Frage entwickeln müssen, wie nach dieser gesellschaftlichen Generalpause und ihr auf dem Fuß folgenden Kontaktkater wieder angstfreie Formen der Geselligkeit folgen können. Welche Formen der Geselligkeit, des gottesdienstlichen Lebens lassen sich in welcher gewinnenden Form behutsam aufbauen? Wie gelingt es durch Präsenz im Quartier und in der Stadt an Indizien solidarischer Unterstützung anzuknüpfen und vor Augen zu führen: Gesellschaftliches Leben ist nicht das Leben vieler Individuen plus Kitt, sondern besteht im vitalen Austausch von Menschen, die auf Sozialität angewiesen sind?

Es ist eine ökonomisch eingeschränktere und sozial angespanntere Lage nach der Krise zu erwarten. Christliche Anthropologie empfiehlt hier nicht die Selbstaufgabe, auch nicht eine Haltung, von morgens bis abends chronisch für Andere da sein zu sollen. Es geht um Formen des Zusammenlebens, um Formen aufmerksamer Mitmenschlichkeit, die ihre Energie zuletzt daraus schöpfen, selbst ein strapaziöses und strapaziertes menschliches Gegenüber als Ebenbild Gottes zu begreifen und anzuerkennen. Die Stärke der Ebenbildlichkeit sinkt nicht jenseits staatlicher Grenzen. Das führt zur fünften Orientierungsmarke.

5. Globalisierung und Ökumene

Schließlich gilt es, das Blickfeld auf Globalisierung, internationaler Solidarität und Ökumene zu erweitern: Es liegt im Wesen der Kirche grenzüberschreitend zu denken und zu handeln. Sie muss sich deshalb jetzt schon darauf vorbereiten, in ökumenischer Ambition auf den zu erwartenden Schub in Sachen Globalisierungskritik zu reagieren, um sich beizeiten auch dazu zu Wort zu melden:

Der Soziologe Ulrich Menzel hat jüngst eine Reihe von Schüben der Globalisierungskritik kartographiert (Corona und kein Ende. Die Entzauberung der großen Erzählung von der Globalisierung, Blätter für deutsche und internationale Politik, 4/2020, S. 39–46):

Erst sei der Verdrängungswettbewerb durch Ostasien gekommen. Er habe zu einer massiven Deindustrialisierung und Abhängigkeiten von China geführt. Dann sei die Finanzkrise gefolgt, an deren Auswirkungen noch manche Staaten leiden. Wenig später sei es zum Ansturm von Migrantinnen und Migranten gekommen. Der habe populistische Kräfte gestärkt und Globalisierungsverlierer innenpolitisch auf den Plan gerufen. Es habe keine fünf Jahre bis zur Klimakatastrophe gedauert, die kosmopolitisch denkende Kräfte in ihren globalisierungskritischen Energien mobilisierte.

Nun stehe die Pandemie ins Haus und lasse das globalisierungskritische Fass überlaufen. Der politische Umgang mit der Pandemie hat sich nationalstaatlich organisiert. Zwischenstaatliche kulturelle und soziale Arrangements ob zwischen Polen und Deutschland, Deutschland und Frankreich wurden ignoriert. Jeder Staat war sich in Zeiten von Corona der Nächste. In Italien flogen vor jeder deutschen Hilfe russische und chinesische Hilfskonvois ein. Eine Anfrage Italiens nach Atemschutzmasken Ende Februar an alle Mitgliedsstaaten der EU blieb von allen Staaten unbeantwortet.

Und was war aus dem Zivilschutzmechanismus der Europäischen Union geworden? Der stellvertretende Chefreporter Gianluca Di Feo der proeuropäischen linksliberalen Zeitung La Repubblica schrieb in Richtung Deutschland: „Die EU lässt Italien im Stich. Wir merken uns das!“ Sollte auf die Corona-Krise eine schwere wirtschaftliche Rezession und mit ihr verbunden eine Globalisierungsdestabilisierung und eine Ende der Freizügigkeit folgen, sind die friedenspolitischen und freiheitspolitischen Implikationen dieser Entwicklungen zu bedenken. Das wird eine der Kernaufgaben internationaler kirchlicher und theologischer Orientierung sein. Der Freiheit der Kinder Gottes darf nicht gespottet werden. Schalom steht auf dem Spiel.

Diese globalen Implikationen führen auf die Frage nach der Eigenart dieser Krise, denn Corona-Krise ist nicht nur ein Geschehen, in dem ein Virus global real Gefährdungen und Irritationen, Krankheit und Tod auslöst. Sie entfaltet auch eine Macht über gesellschaftliche, politische und Lebensprozesse, die in Deutungsmachtkonflikten auszuhandeln und zu bewältigen sind. Diese Deutungsmachtkonflikte haben die folgenden drei Orientierungsmarken im Blick.

6. Die Eigenart der Krise

Es ist schwer, die Eigenart dieser Pandemie zu verstehen. Sicher hat diese pandemische Krise im Unterschied zur Flüchtlingskrise sehr viel mehr als andere Großkrisen mit wissenschaftlichen, insbesondere virologischen und infektionsbiologischen Erkenntnissen zu tun. Wissenschaftlicher Rat ist besonders teuer. Selbst ein Boris Johnson, der noch während seiner Wahlkampagne über seinen Kabinettsbürominister Michael Grove wissen ließ, die Leute hätten genug von Experten, ließ sich von medizinischen Fachberatern medial begleiten. Zugleich lässt sich diese Krise nicht allein mit nüchternen infektionsmedizinischen Analysen und Strategien bewältigen.

Das liegt schlicht daran, dass diese Krise ein Virus, der Coronavirus, auslöst. Viren sind keine Lebewesen. Aber sie sind evolutionsbiologisch entstandene lebensförmige Entitäten. In gewisser Weise wendet sich hier also Leben gegen Leben. Mit einem Virus kann sich niemand anfreunden. Ein Virus ist ein lebensträchtiger lebensfeindlicher Machtfaktor, der mir entzogen ist. Das ist das Eine.

Das Andere ist: Im Fall des Coronavirus genügt es nicht, statistische Bilanzen zu ziehen. Es geht nicht um die schlichte Zahl sterbender Menschen. Wenn es so wäre, dann hätten der HIV-Virus oder die Krankenhauskeime noch radikalere Krisen hervorgerufen. Die bitteren Szenarien aus Bergamo und Nachrichten von vereinzelt sterbenden Teenagern ohne Vorerkrankung vermitteln bildpolitisch eine andere Art der Bedrohung. Das Lebensrisiko, das dieses Virus mit sich bringt, wirkt direkt in die eigene Lebenswirklichkeit hinein und beschränkt sich nicht auf Sondersituationen des Lebens wie einen Krankenhausaufenthalt oder besondere Milieus, so sehr es gefährdete und weniger gefährdete Gruppen gibt.

Damit nicht genug. Man kann fragen, wie hoch der infektionsbiologische Anteil an dieser Krise ist. Sie ist, mit einer Wendung des Lyrikers und evangelischen Theologen Christan Lehnert, eine „vielköpfige Krise“. Man kann den Verdacht eines Giorgio Agamben scharf kritisieren, der eigentlich recht harmlose Virus werde politisch instrumentalisiert und scharf gemacht. Die gesellschaftliche und politische Konstruktion der Pandemie sei stärker als der Virus selbst. Ein Klima der Panik, erlaube, so Agamben, den Ausnahmezustand als normales Regierungsparadigma auszuloben.

Zugleich muss die Frage zulässig sein, wie stark mediale und digitale Kommunikation die Krise verschärfen. Ohne Frage steuern vor allem öffentlich-rechtliche Medien gegen, bieten gut aufbereitete tägliche Updates der Lage, sammeln Beispiele über Beispiele für einen besonnenen lebensbejahenden Umgang mit der Krise. Das verhindert nicht, dass in den medial versorgten Einzelhaushalten eine panikproduzierende Melange von diversen unkontrollierbaren Szenarien, eben auch Horrorszenarien konsumiert werden.

Hinzu kommt hinzu, was der Jurist Uwe Volkmann in seinem Beitrag „Der Ausnahmezustand“ vom 20. März 2020 in „verfassungsblog.de“ als Problem markierte: „Profilieren können sich“ im Raum des Politischen „letztendlich nur diejenigen, die jeweils härtesten und weitgehendsten Maßnahmen vorschlagen, während alle anderen als Zauderer und Zögerer alsbald unter Druck geraten.“ Kurz: Die Pandemie schafft wirkungsvolle über die rein virologische Gefahr hinausgehende Fakten. Panik zum Beispiel, weshalb Leo Latasch, Mitglied des Deutschen Ethikrates auf einem Frankfurter Podium registrierte (vergleiche den Bericht von Marie Lisa Kehler, „Ein Feuerwerk des Wahnsinns“ in der FAZ) „Wir haben einen Panikzustand erreicht, der nicht dem entspricht, womit wir es zu tun haben“. Latasch, der ärztlicher Direktor des Nordwestkrankenhauses Frankfurt ist, ging auf demselben Podium noch weiter und sprach von einer „populationsgenetisch verankerten Angst“.

Die Kirchen sollten hier den virologischen Ernst der Lage nicht klein reden, zugleich aber für einen von Hoffnung bestimmten Umgang mit der Bedrohung des Lebens und der eigenen Gebrechlichkeit werben. In dieser Welt Angst zu haben ist menschlich. Es wäre unmenschlich, diese Angst zu unterdrücken (vergleiche Johannes 16: „In der Welt habt ihr Angst. Aber seid getrost. Ich habe die Angst überwunden.“).

Aber ebenso unmenschlich ist ein Spiel mit einer vagen Angst. Unser Leben ist nicht sicher und immer wieder gefährdet, uns kann aber kein noch so aggressiver Virus von Gott distanzieren. Es wäre hier Römer 8,37-39 auf die Corona-Krise hin auszulegen, in dem eingeschärft wird, dass „weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes“. Vor allem können Kirchen vor einer die Panik schürende Einmaligkeitsrhetorik warnen und an der Seite eines in diesen Tagen sehr intensiven verfassungsrechtlichen Diskussionsgangs dafür eintreten, dass die Corona-Krise als Ausnahmesituation verstanden wird, die, weil sie eine Ausnahmesituation ist, nicht auf Dauer gestellt werden darf. Das führt zu einem siebten Aspekt.

7. Einmaligkeitsrhetorik und Ausnahmesituation

Die Corona-Infektion, die noch vor einigen Wochen als harte Variante gängiger Grippeepidemien galt, mutierte hierzulande binnen Kurzem zu einer „beispiellosen Krise“, zur „größten Krise seit 1945“ oder zur „größten Herausforderung seit 1945“ (Merkel). In Frankreich war gar von einem „unsichtbaren Feind“, einem „Krieg um die Gesundheit“ (Emmanuel Macron) und einem „Tsunami“ die Rede, der tausende von Toten fordere (so die französische Ärztin und Politikerin Agnès Buzyn). Aktuell wird in Österreich von einem „Zusammenbruch des Gesundheitssystems Mitte April“ gesprochen. Dieses sei bei der augenblicklichen „Ruhe vor dem Sturm“ (Sebastian Kurz) nicht unwahrscheinlich. Wissenschaftliche Studien bemühen Vergleiche mit Pestepidemien des 14. Jahrhunderts.

Nun legitimieren politisch einzigartige Maßnahmen wie die Stilllegung des sozialen Lebens nur einzigartige Gefahren. Das ist nachvollziehbar. Allerdings sollte die Gegenfrage nicht unterdrückt werden: Nimmt sich mit diesem geschichtsträchtigen Gefahrenpathos die gegenwärtige Menschheit und die lebenden Generationen nicht in einer peinlichen Weise wichtig, die jede (christliche) Selbstdistanz missen lässt? Generationen vor uns, und übrigens auch nach 1945, mussten andernorts ganz andere Lebensbedrohungen hinnehmen.

Ähnliches gilt für die Deutung der derzeitigen Situation als Ausnahmesituation. Als Ausnahmesituation verstanden sollte es bei einer Ausnahme bleiben, die nicht zur Regel zukünftiger Gestaltungs- und Lebensszenarien werden sollte. Ein Hantieren mit „neuen Normalitäten“, wie in Österreich geschehen, ist von problematischem Beigeschmack. Die Coronakrise hat nicht und sollte auch nicht das Zeug haben, demokratisch rechtsstaatliche Freiheitsgrade zu unterminieren. Auch das kirchliche Leben hat bei aller Entdeckung von neuem im Zuge der Krise die Aufgabe, bewährte Strukturen und Einsichten zu fördern. Die öffentliche Diskussion über die Rückkehr oder den Ausstieg aus der Ausnahmesituation hat erst begonnen. Die Kirche sollte da – unter Einschluss ihrer eigenen Aufgaben und Vorhaben – mitreden und sich für einen klugen Umgang mit strukturellem Nichtwissen aussprechen.

8. Eigenart von Nichtwissen

Das Aushalten von Erkenntnisdefiziten und Nichtwissen bleibt eine Aufgabe. Selbst oder eben gerade Fachleute haben mit prognostischem Nichtwissen zu kämpfen. Noch so sorgsam erstellte Statistiken bleiben unvollständig und nur das Beste aller schlechten Deutungsinstrumente für eine Einschätzung der Lage und dessen, was zu tun ist. Die Fallhöhe von Prognosen, falsch zu liegen ist dieser Tage hoch.

Fehleinschätzungen müssen nicht an der professionellen Qualität dessen rütteln, der da prognostiziert. Schon der Apostel Paulus hat sich in der Frage der Rückkehr seines Herrn gewaltig verschätzt, was seiner lebensorientierenden Kraft als Apostel keinen Abbruch getan hat. Es stünde der Kirche gut an, hier für mehr Barmherzigkeit im Umgang mit Ansagen und Entscheidungen der Politik und der sie beratenden Fachgremien zu werben. Wenn Ende März die Ansage, in 14 Tagen wisse man Bescheid, revidiert werden muss, ist das Ausdruck prognostischen Nichtwissens. Unwissen nötigt zu Scheinrationalitäten wie der Festlegung von Verdopplungszeiten Infizierter, die erreicht werden müssen, um zu entwarnen, oder der Anzahl von italienischen Corona-Patienten, die aufgenommen werden können.

Insbesondere Nichtwissen verlangt die harte Kunst des Abwartens, und so den langen Atem der Leidenschaft namens Geduld, von der schon das Neue Testament urteilte, dass sie dem Leben entscheidend zutrage. Sie ist eine Kraft, es in einer vorletzten Welt mit ihren Unwägbarkeiten auszuhalten. Auch die Kirche selbst muss in der Krise ihren Sinn für neu Abzuwägendes und Auszuhandelndes aufrechterhalten. Das führt zu einer Orientierungshilfe, die ihre eigenen Reihen betrifft, dennKirche und Theologie sind sind gefordert, Orientierung zu geben. Sie sind aber auch in ureigenen das kirchliche Leben und theologische Kernfragen betreffenden Aspekten gefragt. Dem gelten weitere drei Orientierungsmarken.

9. Kampf ums Abendmahl

Die Ausnahmesituation der Coronakrise führt dazu, dass übliche Ansprüche an die Koordination theologischer Urteilsbildung auf EKD-Ebene oder innerhalb einer Landeskirche souverän gesenkt wurden. Es ist jetzt offensichtlich nicht die Zeit und es gibt auch aus Zeit- und Kommunikationsgründen gar nicht die Gelegenheit innerhalb konfessionellen Bünden (UEK und VELKD) einheitlich vorzugehen.

Gestaltungsimpetus und Gestaltungsdruck erhält in Fragen auch elementarer Lehrauffassungen eine eigenartige Wucht. Das hat zu überraschenden Vorstößen im Umgang basaler theologischer Lehrfragen geführt. Wer hätte gedacht, dass Landeskirchen in Analogie zur Nottaufe die Einsetzung des Abendmahls durch nicht von der Kirche ordnungsgemäß zur Abendmahlsausteilung berufenen Christenmenschen befürworten!

Erwogen wird sogar, dass ein Mensch sich selbst das Abendmahl austeilen könne. Ob ein solches sakramentales Münchhausenprinzip über die Krise hinaus Bestand haben wird, sei dahin gestellt. Man stelle sich vor: Ein Christenmensch vollzieht mit sich selbst an Gründonnerstag oder Karfreitag das Abendmahl. Das ist eine sehr besondere liturgiepolitische Reaktion auf eine geistliche Einsamkeitserfahrung dieser Tage. Es wäre ja auch möglich, die sakramentale Luft in Sachen Abendmahl für einige Wochen mal anzuhalten, solange es nicht wie bei einer Nottaufe um Leben und Tod geht. Die Freiheit zu solchen die evangelische Dogmatik strapazierenden Schwungübungen gab die Deutung dieser Krise als eines seit 75 ja 100 Jahren einmaligen Notstandes.

Diese Abendmahlsfrage ist in den Reihen der Gliedkirchen und der EKD selbst umstritten. Sie geriet durch ein mit dem Vorsitzenden der Kammer für Theologie der EKD abgestimmten Votum in die Kritik. Der Vizepräsident der EKD, Thies Gundlach, plädierte eher für schmerzliches, aber zu ertragendes Abendmahlfasten. Spontane Konfliktdynamiken dieser Rasanz in Lehrfragen führen der EKD und den konfessionellen Bünden vor Augen: An Stelle von Koordination tritt in dieser Ausnahmesituation die Zusammenstellung unterschiedlicher Aktivitäten und theologischer Experimente der jeweiligen Landeskirchen.

Allerdings sollte die damit verbundene Drosselung eines auch in ökumenischer Perspektive koordinierenden kirchlichen und theologischen Handelns eine Ausnahmesituation bleiben. Nicht jetzt, später, nach der Krise, ist die Auseinandersetzung darüber zu führen, welche Abweichungen von ursprünglich eingespielten Regeln zur Entstehung von geistlich fruchtbarem Neuen führt, welche ein nachvollziehbares geistliches Versehen waren oder welche als Überreaktion auf Notstandsnervosität ad acta gelegt werden sollten. Die Krise sollte auch hier nicht ungefragt zu „neuen Normalitäten“ führen, die hinterher als unveränderbar ausgelobt werden.Zugleich sind die damit verbundenen Chancen der Erneuerung zu ergreifen. Und sie liegen in erheblich mehr als einem digitalen Sprung und Lernschub der Kirchen, den vorauszusagen eines der wenigen sicheren Prognosen ist. Sie haben auch damit zu tun, dass die Kirchen gut daran tun, sich gegen eine dogmatische Überregulierung der Coronakrise entschieden zur Wehr zu setzen. Das führt zu einer zehnten Orientierungsmarke.

10. Krisentheologie hilft nicht!

Im Blick auf ein spezifisch theologisches Engagement muss fraglich bleiben, ob die Corona-Krise „alle Register der Theologie“ zieht und „die Kraft“ hat „vertraute theologische Formen zu zerbröseln und Worthülsen öffentlich … zu entlarven“, wie Günter Thomas nicht ohne Krisenpathos urteilt. Wie passt dieses Urteil zu dem von ihm skizzierten Aufriss einer Art Corona-Dogmatik, die die mit dieser Krise verbundene Ausnahmesituation zum Gradmesser und Orientierungspunkt theologischer Urteilsbildung durch alle theologischen Topoi hindurch gestaltet? Wie passt diese Skizze wiederum zu seiner Versicherung und Aufforderung, „aus dieser globalen Krise“ nur ja keinen „theologischen Honig zu saugen oder kulturelle Geländegewinne anzustreben“?

„Corona-Dogmatik“ birgt die Gefahr einer Katastrophentheologie. Brauchen wir die? Um einzusehen, dass das Leben ambivalent ist, sich unter Umständen Leben gegen das Leben stellt, brauchen Pfarrerinnen und Pfarrer, die Günter Thomas im Blick hat, (warum eigentlich angesichts einer auf viele Gabenschultern gelegte Kommunikationslast nur sie?) jedenfalls keine Corona-Krise. Wer mit halbwegs offenen Augen den Alltag dieser Welt in seiner Gemeinde wahrnimmt, weiß das nur zu gut.

Viel eher leuchtet ein, in einer solchen Situation sich kirchlich und theologisch wechselseitig zu ermutigen, den eigenen Bestimmungen etwas zuzutrauen und gegen Defätismus, Resignation oder Zynismus, auch gegen einen mit der zunehmenden Länge der Krise verstärkt einsetzenden Eigennutz, der sich nicht länger auf das Horten von Klorollen, Hefeklötzchen oder Mehltüten beschränken wird, solche starken Lebensführungsmarken wie Glaube, Liebe und Hoffnung in Stellung zu bringen.

Was aber schwerlich, wie vom Nürnberger Theologen Ralf Frisch in der aktuellen Aprilausgabe von zeitzeichen angeregt, Aufgabe von Kirchen in Zeiten der Krise sein kann, ist, sich zur geistlichen Großmeisterin von innerweltlichen Ausweglosigkeiten im Angesicht eines diese Welt überwindenden erhofften Reiches Gottes zu stilisieren. Es gilt dieser Tage nun einmal vorrangig an- und zuzupacken, Zuversicht zu schüren. Die Konzentration auf ein solches Engagement hat mit gottvergessenem Ethizismus nichts zu tun. Das hat vielmehr damit zu tun, bei wachem geistlichem Verstand das Gebot der Stunde zu erkennen.

Diese Welt ist, das ist mit Händen zu greifen, noch nicht erlöst. Aber sie ist mit all ihren Abgründen immerhin der Ort eines versöhnten Zusammenlebens mit Gott. Eine Kirche, die sich für ein solches Zusammenleben engagiert, macht sich damit nicht zur Fürsprecherin einer „ethischen Anthropotheologie des Anthropozän“, die angeblich die mit dem Coronavirus über die Welt einbrechende Kontingenz „hartnäckig ignoriert“.

Welche „Protagonisten der Volkskirche“, denen vorzuwerfen sei, lediglich „Experten der Diesseitsgestaltung“ zu sein, hat Ralf Frisch vor Augen, wenn er ihrer Theologie die „Hybris“ unterstellt, „das Dasein kraft menschlicher Fähigkeiten zum Guten wenden zu können“? Das will so gar nicht zu den allerorts in den landeskirchlichen Verlautbarungen notierten Aufforderungen zum Gebet und zur Fürbitte, zur Härte der mit der Krise verbundenen Demutsübungen, der Aufforderung zur Besonnenheit passen.

Frisch ist sich nicht sicher, ob die kirchenleitende Theologie „wirklich auf das Unverfügbare vorbereitet“ sei. Damit zeichnet er bei all seiner Negativität ein erstaunlich einheitliches Bild kirchenleitender Theologie. Kirchenleitende Theologien sind bunt und in unterschiedlichsten Intensitäten auf das unterschiedlichste mehr oder weniger energisch vorbereitet.

Ralf Frisch ist vielmehr die Gegenfrage zu stellen: Wie überlegen ist in seiner Substanz ein theologischer Beitrag, der nicht klar und deutlich die Unverfügbarkeit einer viralen Attacke von der Unverfügbarkeit Gottes zu unterscheiden versteht und von einem „existenzerschütternden Unverfügbaren, Tragischen und Heiligen“ spricht?

Auf die Kunst der Unterscheidung jedoch ist es der lutherischen Theologie, auf die Frisch sich beruft, immer maßgeblich angekommen. Der Behauptung einer „Sancta Corona“, die sich in ihrer Unverfügbarkeit als bedeutungsschwangere Chiffre dem göttlichen Unverfügbaren anschmiegt und uns auf den Pfad des das „Schicksal der Welt“ allein wendenden Gottes führen soll, ist entschieden zu widersprechen. Die evangelische Theologie braucht keinen Virus, um relevant zu werden. Wenn nur ein Virus sie relevanzträchtig macht, kann sie abdanken.

Und dann gab und gibt in unserer Kirche in diesen Tagen Stimmen, die nicht sehen wollen, wie schwer es den Landeskirchen gefallen ist, in einem Akt harter Selbstbeschränkung die Gottesdienstarbeit gerade auch während der höchsten Fest- und Feiertage der Passions- und Osterzeit am Ort der Kirchenräume für einige Wochen einzustellen. Es geschah dies in der Verpflichtung zur Solidarität mit den Gefährdeten, die zu der treuesten Kirchgangklientel der Kirchen zählen. Und es war und ist auch Ausdruck, ja viel weniger, einer Staats- als Gesellschaftsraison, an dieser Entscheidung beharrlich festzuhalten.

Es gab und gibt Kräfte, prominent durch das ehemalige EKD-Ratsmitglied Peter Hahne vertreten die gegen diese Schließung der Kirchenräume protestieren –Gerade Religionsfreiheit befreit dazu, aus sozialer Verantwortung gegenüber gesellschaftlichen Bedrohungen für eine überschaubare Zeit und ja eben nicht für immer auf die üblichen Formen der Religionspraxis zu verzichten. Theologisch geht eine dem auferstandenen Gekreuzigten verpflichtete Kirche wegen Kirchenraumverzicht auf Zeit nicht in die Knie. Denn die Kraft seiner Auferweckung stellt weder ein volles Grab noch eine leere österliche Kirche in Frage. Christus wandert zwar auch in Kirchenräumen ein und aus, ist aber vor allem überall da unterwegs und wird nicht weghören, wo immer jemand nach ihm ruft.

Es sollte zu denken geben, in welch eigenwilliger gewiss ganz ungewollter Allianz sich die Empörungen gegen Kirchenschließungen mit der türkischen Religionsbehörde wiederfinden, die sich weigerte die Freitagsgebete abzusetzen, mit der buddhistisch-nationalistischen Regierung Sri Lankas, die eine Gebetswoche anordnete, statt ein Tempelverbot auszusprechen, mit orthodoxen Kirchentümern in Griechenland, ganz zu schweigen von schiitischen Fundamentalisten im Iran (Vergleiche Andreas Jacobs, Die Virulenz von Religion und Politik, Kurzum Nr. 68/ März 2020, Konrad Adenauer Stiftung, Berlin 2020). Auch die fatalen Folgen eines freikirchlichen Gottesdiensthappenings bei prekärer Infektionslage in Oberitalien gingen durch die Medien. Religiöse Veranstaltungen wurden bittererweise zu Kulminationspunkten virologischer Verbreitungsszenarien!

Die dringenden Empfehlungen der Kirchenleitungen zur Kirchenschließung waren triftig. Und sie waren deutlich mehr als ein „Lernprozess“ der Kirchen, „dass ein säkulares Staatssystem andere Priorisierungen erlangen darf“, wie der katholische Theologe Magnus Striet meinte . Die Kirchenschließung ist ein Solidarbeitrag der Kirchen zum Schutz von Leben und Gesundheit. Und die Kirchenvorstände haben denn auch bundesweit diese Empfehlung und Entscheidung mitgetragen. Ansonsten: Hans Michael Heinig hat dazu in zeitzeichen an diesem Montag alles gesagt.

Ob angesichts dieser beachtlichen Konsequenz die spontan von Landesregierungen in der Karwoche, etwa in Niedersachsen, eröffneten Möglichkeiten, Kirchen zum Gebet in streng reglementierter Weise in den Osterfesttagen öffnen zu dürfen, der religionspolitiischen Lage einen Gefallen getan haben, sei dahingestellt. Sie muten, abgesehen von den schwierigen organisationspolitischen Friktionen innerhalb einer großen Landeskirche, die sie auslösen, in bester Absicht ausgesprochen, ehrenamtlichen und beruflichen Diensten der Kirche zu, geradezu hygienepolizeilich in den Kirchenräumen auf Abstand und Distanz zu achten. Hoffentlich geht das gut!

11. Corona und Gott

Theologisch dürftig wirkt, der interessierten Öffentlichkeit den Klassiker „Die Pest“ von Albert Camus als theologische Grundlektüre zu empfehlen. Der religiös interessierte Literat Camus hatte nicht die Absicht und hat sie auch nicht eingelöst, der Theologie ihre Arbeit abzunehmen. Es wird auch nicht überzeugen, sich im Bonhoeffergedenkjahr ständig auf Dietrich Bonhoeffer zu beziehen, der in staatspolitisch grausamer Zeit empfahl, das Leben als ein Leben in einer Welt vor Gott ohne Gott zu deuten.

Ein gottfreier innerweltlicher Säkularpurismus klappert, wenn er von Theologinnen und Theologen vertreten wird. So geriet der katholische Freiburger Systematiker Magnus Striet systematisch ins Schlingern, als er in einem Interview zunächst festhielt: Die Entstehung und Verbreitung des Coronavirus sei ein Prozess, der in der Evolution stattfinde und nichts mit einem Wirken Gottes zu tun habe, um im nächsten Gesprächsgang dann doch Ernst-Jandl als Hoftheologen auszuloben, der von Gott als „Schöpfer des Himmels und der Verderbnis“ gesprochen habe.

Es wird bei alledem die Öffentlichkeit und die Kirchenmitglieder keineswegs langweilen, die Corona-Pandemie im Horizont des Theodizeeproblems durchzubuchstabieren. Wie ist der naturale Zynismus eines Virus zu verstehen, der durchs Land zieht, der durch menschliches Verhalten mit geformt ist, aber eben in dieser Welt als Geschöpf begriffen werden muss?

Wollen wir kirchlich die Unzuständigkeit Gottes verkünden, wenn wir mit guten Gründen die Coronakrise nicht fundamentalistisch-evangelikal als eine Art Exerzierplatz der Charakterbildung ausloben möchten? Ist die Entstehung von Corona und ihre globale Folge die notwendige Folge des verwegenen Gottesgeschenkes menschlicher Freiheit? Ist Gott eine Art fürsorgende Vater oder Mutter, aber in dieser Fürsorge recht zynisch veranlagt, weil Gott die Ergebung in das womöglich tödliche Erkrankungsschicksal fordert und honoriert? Oder ist Gott ein sadistisches Monster?

Es gilt der Fixierung auf die Panik und das Übel entgegenzutreten. Wenn das Drama überstark gezeichnet wird, wird es schwer einen Grund zu entdecken, warum es Gott geben sollte. Die Macht des Faktischen wird dann derart mächtig, dass alles was geschieht, so verstanden wird, als müsse es so kommen (Vergleiche Ingolf U. Dalferth, Malum. Theologische Hermeneutik des Bösen, Tübingen 2008). Nur weil etwas geschieht, ist etwas aber nicht legitim. Das ist schon im innerweltlichen Recht nicht der Fall, erst Recht nicht vor Gott. Karfreitag und Ostern mögen die Gelegenheit geben vor Augen zu führen, wie Gott am Ort des Übels Gutes zur Geltung bringt – Gutes, das ein vom Übel entstelltes Leben freier, gerechter, ja schöner macht.

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Stephan Schaede

Stephan Schaede, Jahrgang 1963,  promovierte in Systematischer Theologe. Er ist seit 2010 Direktor der Evangelischen Akademie in Loccum. Zuvor arbeitete er an der FEST in Heidelberg und war Pfarrer in Niedersachsen.


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