Die Krise kann kein Maßstab sein (I)

Warum sich Ethik nie dem Alarmismus des Ausnahmezustandes hingeben darf
Transparent über der B1 in Dortmund.

Die Corona-Krise auch theologisch wahr- und ernstnehmen? Ja. Die Krise zum Maß aller Dinge machen? Nein, meint Florian Höhne, Systematischer Theologe und Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Humboldt-Universität zu Berlin. Denn das Krisendenken überschätze sich zu leicht selbst.

Viele haben reagiert auf die Corona-Pandemie: Die Politik hat nach und nach das öffentliche Leben heruntergefahren und schnürt Hilfspakete für Unternehmen. Krankenhauspersonal bereitet sich auf die Ausbreitung der Krankheit vor. Forscherinnen und Forscher suchen nach Impfstoffen und Heilmitteln. Kirchenleitungen und -gemeinden haben Veranstaltungen abgesagt und suchen nach anderen Formen der Solidarität und Begleitungen. Menschen haben Klopapier und Nudeln gehamstert, bleiben zuhause, halten Abstand voneinander und waschen sich endlich öfter die Hände: Wir haben unser Leben radikal verändert; die Gesellschaft hat auf Krisenmodus geschaltet.

Und die „öffentlichen Intellektuellen“ theologischen und geistesgegenwärtigen Denkens? Sie haben angefangen zu denken und zu schreiben, sie suchen in der Coronakrise auf neue und alte Fragen neue Antworten und Deutungen – die (theologische) Textproduktion läuft auf Hochtouren. Slavoj Žižek, kein Theologe aber sicher ein öffentlicher Intellektueller, hat gar schon ein Buch zur Krise ankündigen lassen: „Pandemic! Covid-19 shakes the world“. Auf zeitzeichen.net sind auch schon die ersten krisentheologischen Beiträge erschienen: Ralf Frisch hat angefangen von der Zwei-Regimente-Lehre zu träumen und Günter Thomas hat in beeindruckendem Tempo eine beeindruckend anregende, differenzierte und impulsgebende Kurzdogmatik für Coronazeiten skizziert.

Ich würde gerne einen Schritt zurücktreten und fragen: Was passiert mit theologischem Denken im Krisenmodus? Wo sind jetzt gerade die Chancen, wo die Fallen dieses Modus?

Doch ich habe gelernt: Ich kann keinen Schritt zurücktreten und die Dinge objektiv betrachten. Ich bleibe ein weißer, männlicher, evangelischer Theologe mit geregeltem Einkommen, der in einem der reichsten Ländern der Welt im sogenannten Homeoffice sitzt und mit Blick in den blauen Himmel über Berlin das unvorstellbare Privileg hat, Zeit zum Denken und Schreiben zu haben, manchmal abgelenkt durch Nachrichten, Angstgefühle und Hoffnungsgedanken, aber – auch krisenbedingt – mit geleertem Terminkalender. Ich kann versuchen zuzuhören und nachzuvollziehen, aber ich kann in letzter Tiefe nicht wissen, was es heißt, in dieser Situation Krankenpfleger oder Intensivmedizinerin, alleinerziehend, Supermarktverkäufer, oder Bewohnerin eines Townships in Kapstadt, Südafrika, zu sein.

Also: keinen Schritt zurück und trotzdem in diesem Bewusstsein ein paar ethische Gedanken über (theologisches) Krisendenken, über das Denken in Krisenzeiten. Mitten hinein, getreu einem Wort aus dem 2. Timotheusbrief, Kapitel 1, Verse 7: „Denn Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.“

Besonnenheit in der Analyse

Dem Krisendenken ist immer wieder eine besondere Kreativität und Klarheit zugekommen. Zum Beispiel bei Dietrich Bonhoeffer in der Zeit seines konspirativen Widerstandes während des zweiten Weltkrieges: In einer der jetzigen nicht vergleichbaren, historischen wie biografischen Krisensituation schrieb er seine Fragment gebliebene Ethik. In einer wiederum ganz anderen Krise schrieb Friedrich Schleiermacher seine Reden „Über die Religion“ (1799). Das sind Texte zum Leben und Glauben, zu Verantwortung und Religion, die noch heute faszinieren. Ja, Krisen haben unbestreitbar gedanklich etwas Produktives und Klärendes!

Diese Chance führt aber eine Versuchung mit sich, der protestantische Theologie wie der populäre, öffentliche Diskurs immer wieder erliegen. Allzu leicht überschätzt das Krisendenken sich selbst. Es erhebt sich zum Paradigma und erklärt den Ausnahmefall zum Prüfstand für alles, frei nach dem Motto: „Was in der Krise nicht taugt, taugt niemals.“ Und dann räumt das Krisendenken radikal auf und mistet in den Vorratskammern theologischer Deutungskategorien aus. Dann muss ethisches Denken sein Orientierungspotential in den Horror-Dilemmasituationen des Ausnahmezustandes beweisen. Dann stehen und fallen der Glaubenssatz, die Frömmigkeit oder das Ritual damit, ob sie in und durch Krisenzeiten tragen. Als würde alles erst in der Krise und nicht im Alltag sein wahres Gesicht zeigen. Das aber ist – gelinde gesagt – Quatsch! Denn alltagsethische Orientierungen müssen sich im Alltag als gut und klug erweisen, nicht im Ausnahmezustand. Mit einem klassischen Beispiel aus Ethikseminaren sei gesagt: Nicht prinzipiell zu lügen, ist im Alltag gut und klug. Nur unter Voraussetzung dieser Selbstverständlichkeit kann Vertrauen entstehen, können Menschen ihr Handeln redend koordinieren und sich darauf verlassen, was der andere sagt.

Für den Ausnahmezustand kann man dies mit guten Gründen anders beurteilen, wie das Lehrbuch-Beispiel zeigt: Wenn der Mörder oder Geheimpolizist vor der Tür steht, der meinem Freunde nach dem Leben trachtet, während ich eben diesen Freund im Keller verstecke, und der Häscher nun nach eben diesem Freunde fragt, habe ich dann das „Recht aus Menschenliebe zu lügen“? Anders als Immanuel Kant einst in seiner Auseinandersetzung mit Benjamin Constant urteilte, können wir mit guten Gründen antworten: Ja, im Notfall, ausnahmsweise, lüge ich hier, obwohl es sonst falsch ist. Diese Ausnahme aber verwirft die Regel nicht, sonst nicht zu lügen. Auch für diese Ausnahme sind Orientierungen nötig. Darüber wäre mehr zu sagen. Hier nur so viel: Die Erschließungskraft von Dilemmasituationen und Ausnahmezuständen ist zwar vorhanden, aber sie bleibt begrenzt. Besonnenheit heißt, auch diese Grenzen zu sehen. Das gilt auch für die aktuelle Corona-Krise, wie ich gleich an einem konkreten Beispiel zeigen werde.

Zuerst aber noch dies: Diese „Ausnahmefall-als-Prüfstand-Logik“ impliziert noch eine andere Fehlbestimmung. Ohne in Dezisionismus oder blanke Situationsethik zu kippen, ist es in der evangelischen Ethik üblich geworden, die Situationsbeschreibung mit in die Reflexion einzubeziehen. Die Situationsanalyse ist – etwa bei Heinz Eduard Tödt – ein Sachmoment im Mobile sittlicher Urteilsfindung. Und das ist auch gut so. In der „Ausnahmefall-als-Prüfstand-Logik“ kommt einer Ausnahmesituation – wie beispielsweise der gegenwärtigen – in der Deutung immer Priorität über alle tradierten Normen und erhofften oder angestrebten Güter zu, weil der Ausnahmefall ja zu dem Maßstab geworden ist, an dem die Tauglichkeit von Normen und Gütern zu messen ist. Damit aber verbirgt die „Ausnahmefall-als-Prüfstand-Logik“ nicht nur, welche normativen Entscheidungen in die Erhebung einer Situation zum Ausnahmefall und damit zum Prüfstand eingeflossen sind. So bleibt unsichtbar, welche evaluativen Vorentscheidungen etwa dazu führen, dass viele die gegenwärtige Situation als globale Corona-Krise beschreiben, aber nur wenige vorher mit deutlich weniger inbrünstigem Ernst von einer globalen Hungerkrise gesprochen haben, obwohl täglich Zehntausende verhungern. Die „Ausnahmefall-als-Prüfstand-Logik“ unterwirft zudem alle anderen ethischen Erwägungen dem Diktat situativer Notwendigkeit.

Nun das Beispiel. Es geht um unseren Föderalismus und die Diskussion, ob unser föderales System im Moment geeignet ist, der Corona-Krise angemessen zu begegnen: Natürlich kann es aus der Perspektive politischer Ethik sinnvoll sein, nach der besonnenen Abwägung von Optionen, möglichen Konsequenzen, Normen, Gütern und situativen Gegebenheiten bestimmte Kompetenzen qua Gesetz für die Notsituation von den Ländern auf den Bund zu übertragen. In der „Ausnahmefall-als-Prüfstand-Logik“ scheint es aber plötzlich plausibel zu sein, diese Abwägung einfach aktionistisch zu umgehen – und das ist höchst problematisch, denn zu einem besonnenen Krisendenken gehört unabdingbar, neben der Situationsbeschreibung auch die anderen Sachmomente im Mobile der Urteilsfindung mit zu beachten.

Krisendenken fordert immer wieder retrospektiv, man hätte sich besser vorbereiten müssen. Der Imperativ „Sei auf alles vorbereitet“ steht auch hinter dem Gedanken, den Ausnahmefall zum Prüfstand zu machen: Nur wessen Kategorien und Muster auf die Ausnahmesituation vorbereitet sind, der ist auch wahrhaft vorbereitet. In sozialethischer Perspektive ist dieser Imperativ nicht nur, aber auch gut, weil er auf Nachhaltigkeit und Resilienz ausrichtet. Es wäre gut gewesen und ist gut, die Strukturen und finanziellen Ressourcen eines Gesundheitssystems besser auf eine solche Pandemie vorzubereiten. Es ist gut, sich bei Entscheidungen um Weitsicht zu bemühen. Vorzubereiten und vorzusorgen gehört zu besonnenem Denken und Handeln.

Zur Besonnenheit gehört genauso das Wissen um Unverfügbarkeiten. Vorbereiten und Planen sind immer auch Versuche, sich erst denkerisch, dann handelnd der ungewissen und unverfügbaren Zukunft zu bemächtigen. Doch das bleibt ein paradoxes Unterfangen, denn auf das Unverfügbare und Ungewisse kann sich keiner vorbereiten. Vorbereiten können wir uns nur auf das Prognostizierte, das dem Ungewissen fehlbar abgerungen ist. Das Wissen um diese Paradoxie ist bei aller nötigen und guten Bemühung um Vorbereitung eine entlastende Besonnenheit, denn wir alle kennen die Zukunft nicht. Wir müssen alle damit leben, dass wir auf vieles oder weniges, auf manches oder alles nicht vorbereitet gewesen sein werden. Das zeigt auch „Amaras Gesetz“, das einst Roy Amara, der Mitgründer des Institute for the Future in Palo Alto, so formulierte: „Wir neigen dazu, die Wirkung einer Technologie kurzfristig zu überschätzen und auf lange Sicht zu unterschätzen.“

Konkret und alltagspraktisch auf die gegenwärtige Situation bezogen bedeutet dies: Erst wenn ich in zweiwöchiger Quarantäne sitzen würde und auch zum Einkaufen nicht mehr aus dem Haus käme, würde ich wissen, ob ein Klopapiervorrat tatsächlich die wichtigste und nötigste Vorbereitung darauf gewesen wäre, hätte ich ihn denn angelegt.

Der Blick der Schwächsten

Besonnenheit im Denken zeigt sich zuerst und gerade in der Situationsanalyse: Was ist der Fall? In Krisen- wie in Alltagszeiten ist das theologische Denken dabei auf den Dialog mit anderen Disziplinen, der Medizin, Biologie, Ökonomik oder Politikwissenschaft, angewiesen. In Krisen- wie in Alltagszeiten gilt: Eine Situationsbeschreibung ist nie wertneutral. Dass wir etwas beschreiben, was wir in die Beschreibung mit einbeziehen und wie wir beschreiben – all das ist immer schon von Orientierungen an Normen und Gütern unhintergehbar und oft unsichtbar geprägt. Deshalb ist der Diskurs so wichtig, in dem unterschiedliche Perspektiven zusammenkommen, wobei für die einen sichtbar ist, was für die anderen unsichtbar war.

In der Tradition evangelisch-theologischer Ethik gibt es ein wichtiges Kriterium, dem bei Situationsanalysen unbedingt Orientierungskraft zukommen muss: Kommt die Perspektive der Benachteiligten, der Schwächsten in dieser Situationsbeschreibung zur Geltung? Natürlich bleibt umstritten, wer diese Schwächsten sind. Aber schon die Frage danach ist entscheidend. Auf die gegenwärtige Situation bezogen heißt das: Kommt die Perspektive der oft überarbeiteten und unterbezahlten Pflegekräfte in der Situationsbeschreibung zur Geltung? Kommt die Perspektive der sogenannten Risikogruppen zur Geltung? Auf die Ausgangssperren bezogen: Wie kommt die Perspektive derer zur Geltung, für die Zuhause kein sicherer, sondern „ein furchtbarer Ort“ ist? Und international beziehungsweise ökumenisch betrachtet: Wie steht es um die Perspektive derer, die in Ländern mit desolater Gesundheitsversorgung leben? An der Geltung dieser Perspektiven zeigt sich die Besonnenheit einer Situationsanalyse.

Vor diesem Hintergrund scheint es mir problematisch, in der Situationsanalyse einseitig zu betonen, dass sich Solidargemeinschaft als national oder auf den Nahraum begrenzt zeigten oder Autokratien effizienter entscheiden und steuern können als partizipative Prozesse. Beides ist nicht falsch, aber eben einseitig: In der Corona-Krise zeigen nicht nur Exportverbote die Problematik der Begrenzung gelebter Solidarität auf Nationalität. Grenzübergreifende Hilfen, etwa an der deutsch-französischen Grenze, grenzüberschreitende Lieferketten und gesellschaftliche Verbindungen über Ländergrenzen hinweg – etwa in den sozialen Medien – zeigen transnationale Verbundenheit oder gar Solidarität. Und Autokratien können vielleicht schneller entscheiden und unkomplizierter „durchregieren“, aber sie haben aus strukturellen Gründen ein Informationsproblem: Sie fördern Kulturen und Verwaltungsapparate, in denen (auch buchstäblich) „Potemkin’sche Dörfer“ gebaut werden, in denen beschönigt und verharmlost wird, von Untergebenen wie von Führungspersonen. Das ist verheerend. Schon auf der Ebene von Klugheitserwägungen verdienen Diktaturen gegenüber Demokratien in dieser Pandemiekrise also keinen Vorzug – von Richtigkeitserwägungen noch ganz abgesehen. Und selbst wenn dies auf der Ebene von Klugheitserwägungen nicht so wäre, ließe sich – siehe oben – noch lange nicht vom Ausnahmefall auf den Rest der Zeit schließen. Und selbst wenn sich nationale Solidaritätsgemeinschaften in der Krise als hilfreich für alle Beteiligten erweisen sollten (was wiederum zu bezweifeln ist), disqualifizierte dies nicht transnationale und kosmopolitische Orientierungen im Rest der Zeit.

Also: Die Krise auch theologisch wahr- und ernstnehmen? Ja. Die Krise zum Maß aller Dinge machen? Nein. Vor diesem Hintergrund will ich weiterfragen. Menschen hängen gerade an den Lippen der Virologen. Was passiert in der Krise mit der Kraft der Worte? Und: Sind grenzenlose Empathie und grenzenlose Liebe Orientierungen in der Krise? Oder regiert jetzt die Begrenzung auf nationale Solidargemeinschaften, auf Nachbarschafen und Familien? Um diese Frage wird es in Teil II des Textes gehen, der übermorgen, am Mittwoch, dem 1.April (kein Scherz!), auf zeitzeichen.net erscheinen wird.

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Florian Höhne

Dr. Florian Höhne ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Systematische Theologie (Ethik und Hermeneutik) an der Humboldt-Universität zu Berlin.


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