Erstaunliche Unterschiede

Lucas Müller erforscht nichtjüdische Einflüsse auf das Alte Testament
Lucas Müller
Foto: Rolf Zöllner

Lucas Müller, der im Jahr des Mauerfalls in Halle an der Saale geboren wurde, ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Exegese und Literaturgeschichte des Alten Testamentes der Humboldt-Universität Berlin. Der 33-Jährige untersucht in seiner Doktorarbeit die hebräische, griechische und lateinische Version der Bußgebete in den Büchern Esra und Nehemia und beleuchtet die unterschiedlichen theologischen Akzente.

Politik und Religion waren zwei Themenbereiche, die mich als jungen Menschen sehr interessierten. So entschied ich mich zunächst nach dem Abitur, in Potsdam Politikwissenschaft zu studieren. Als Nebenfach wählte ich Religionswissenschaft. Im Rahmen dieses Nebenfachs lernte ich zunächst ein Semester Ivrit, Neuhebräisch, anschließend ein Semester Bibelhebräisch, das ich mit dem Hebraicum abschloss. Da mir das Hebräischlernen viel Freude bereitet hatte, vertiefte ich meine Kenntnisse durch Kurse, die die Jüdische Gemeinde zu Berlin anbot. Begeistert hat mich, dass ich mich in das Hebräische in besonderer Weise hineindenken musste, weil es sich als semitische Sprache von den uns vertrauten indoeuropäischen Sprachen in vielen Facetten unterscheidet. Das Erlernen der hebräischen Sprache erlaubte es mir außerdem, ein vertieftes Verständnis der jüdischen Kultur zu gewinnen, was für mich aus religionswissenschaftlicher Perspektive sehr fruchtbar war.

Nach dem Studium der Politik- und Religionswissenschaft beschloss ich, in Berlin ein Theologiestudium aufzunehmen. Das hatte verschiedene Gründe: das Erlebnis eines Kirchentages und wohl auch der Umstand, dass ich in einer evangelischen Familie aufgewachsen war und sowohl mein Urgroßvater als auch mein Großvater Pfarrer waren. Da mich die hebräische Sprache bereits während meines Studiums der Religionswissenschaft begeistert hatte, lag im Theologiestudium eine Hinwendung zum Alten Testament nahe. Und mein Interesse an diesem Fach steigerte sich im Verlauf des Studiums, weil ich Professoren erlebte, die das Fach anschaulich und spannend lehrten, unter ihnen Professor Markus Witte, der gegenwärtig mein Promotionsprojekt als Betreuer begleitet.

Aufgrund meines großen fachlichen Interesses besuchte ich im Bereich des Alten Testaments über die in der Studienordnung geforderte Anzahl von zu absolvierenden Seminaren hinaus zusätzliche Kurse. So konnte ich das breite Spektrum der Teilgebiete der alttestamentlichen Wissenschaft kennenlernen. Dabei erweckten meine besondere Aufmerksamkeit die zwischentestamentlichen Schriften, die das Judentum nicht kanonisiert hat und die die Reformatoren zum Teil als apokryph bezeichneten, die uns aber heute zum Teil erst durch Funde in der Kairoer Genizah oder in Qumran zugänglich geworden sind. An diesen Texten interessierten mich vor allem die daraus ersichtlichen literarischen Besonderheiten des hellenistisch-jüdischen Schrifttums und die oft verblüffenden literarischen Kontinuitäten zwischen Altem und Neuem Testament. Darüber hinaus besuchte ich Sprachkurse bei den historischen Linguisten und lernte unter anderem Sanskrit und Altpersisch. Ich bin der Überzeugung, dass es zum Verständnis des religionsgeschichtlichen Umfeldes der Literatur des antiken Judentums wichtig ist, sich mit den originären Schriften der benachbarten Religionen zu beschäftigen. Diesbezüglich ist die Kenntnis der Sprachen aus der Um- und Mitwelt des Alten Testamentes wesentlich.

Nachdem ich mein theologisches Examen abgelegt hatte, ergab sich für mich die Möglichkeit, der Beschäftigung mit dem Alten Testament und mit dem indoiranischen Kulturkreis in einem Promotionsprojekt mit dem Arbeitstitel „Die Bedeutung der Perser für Literatur und Religion des antiken Judentums“ nachzugehen. Mein Projekt setzt sich mit der unterschiedlich akzentuierten Darstellung der Perserzeit in den Schriften des antiken Judentums auseinander. Viele alttestamentliche Texte zeichnen ein positives Bild der Perser. Diese grundsätzlich anerkennende Sicht des Alten Testaments auf die Perser erklärt sich besonders dadurch, dass sie die Bezwinger der Neubabylonier waren, die für die Exilierung der Israeliten nach Babylon verantwortlich waren. Allerdings sind wohl nicht alle alttestamentlichen Texte, die von der Perserzeit berichten, auch literargeschichtlich in der Perserzeit zu verorten. Vielmehr ergaben erste Beobachtungen, die ich in den Bußgebeten der Bücher Esra und Nehemia machte, dass mit gewisser Bestimmtheit zentrale Texte, in denen auch die Perser eine wichtige Rolle spielen, aus hellenistischer Zeit stammen. In meiner Dissertation gehe ich deshalb der Frage der literarischen Entstehungsgeschichte dieser Texte auf den Grund und untersuche, welche traditions- und religionsgeschichtlichen Aspekte – womöglich persische und/oder hellenistische – in der Textgenese bedeutend waren.

Meine Arbeit soll außerdem die theologischen Akzente und Unterschiede der verschiedenen antiken Versionen der alttestamentlichen Texte, die ich untersuche, beleuchten. Hier sehe ich noch offene Stellen in der Forschung. Die alttestamentliche Wissenschaft hat sich sehr lange vornehmlich mit dem hebräischen Text des Alten Testamentes beschäftigt, aber weniger mit den weiteren antiken Versionen. Das sind unter anderem die griechischen Texte, auf die sich die Autoren der neutestamentlichen Schriften bezogen, wenn sie vom Alten Testament sprachen, oder auch die lateinischen Texte. Ich nehme dabei die hebräischen, griechischen und lateinischen Texte in ihrer Eigenständigkeit wahr und vergleiche sie miteinander. So stellen die griechischen und lateinischen Fassungen der Bußgebete in Esra und Nehemia an einigen Stellen dezidiert vom hebräischen Text differenzierte theologische Bezüge her. Diese Unterschiede haben mich überrascht und motiviert, dieser abweichenden Akzentuierung noch genauer auf den Grund zu gehen.

Meine Doktorarbeit kann in Theologie und Kirche die Einsicht fördern, dass die literarischen Grundlagen sowohl des jüdischen als auch des christlichen Glaubens eine lange Genese durchliefen, in der sie von nichtjüdischen und nichtchristlichen Einflüssen geprägt wurden und man das Alte Testament nicht getrennt von der Umwelt des antiken Judentums verstehen kann. Diese Erkenntnisse könnten schließlich die Toleranz gegenüber anderen Religionen und Gedanken befördern. Nach Abschluss meiner Dissertation möchte ich mich gerne weiterhin wissenschaftlich mit dem Alten Testament beschäftigen. 

 

Aufgezeichnet von Jürgen Wandel
 

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Lucas Müller

Lucas Müller ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Exegese und Literaturgeschichte des Alten Testamentes der Humboldt-Universität Berlin.


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