Kein Opium des Volks

Klartext
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Unbequeme Wahrheit

1. Sonntag nach Trinitatis, 19. Juni

Es war aber ein reicher Mann, der … lebte alle Tage herrlich und in Freuden. Ein Armer aber mit Namen Lazarus lag vor seiner Tür … und begehrte sich zu sättigen von dem, was von des Reichen Tisch fiel.
(Lukas 16,19–21)

Wir erfahren nicht, wie der reiche Mann seinen Reichtum erworben hat, ob er ein Spekulant war oder ein hart arbeitender Unternehmer. Unbekannt bleibt, wie der Reiche mit denen umgegangen ist, die für ihn gearbeitet haben. Und unklar bleibt auch, was die Not des Lazarus verursacht hat. Aber klar ist: Der reiche Mann hat seine Augen sogar vor dem Elend an seiner Haustür verschlossen.

Auch im „Gleichnis vom reichen Mann und armen Lazarus“ erinnert der Verfasser des Lukasevangeliums daran, wie Reichtum die Liebe zum Nächsten beeinträchtigen kann und die Liebe zu Gott, die mit ihr untrennbar verbunden ist. Aber darüber hinaus wird deutlich: Menschen leiden nicht nur unter der Gewalt, die ihnen bösartige Mitmenschen antun, sondern auch unter der Gleichgültigkeit derer, die wegsehen. Das ist so im Gleichnis vom Barmherzigen Samariter wie bei den meisten nichtjüdischen Deutschen, als ihre jüdischen Landsleute in der Weimarer Republik beleidigt und in der Nazizeit entrechtet, vertrieben oder verschleppt werden.

Vor einiger Zeit schrieb der Reutlinger Politologe Ulrich Bausch in der taz, Putin sei in die Ukraine „einmarschiert, weil er auf unsere Gleichgültigkeit setzte“. Die Gleichgültigkeit gegenüber seinen Kriegsverbrechen in Syrien und Tschetschenien „musste“ der Kremlherrscher „als Einladung verstehen, genau so weiterzumachen“.

Und Gleichgültigkeit trägt auch dazu bei, dass die Schere zwischen Reichen und Armen immer weiter aufgeht, in unserem Land und weltweit zwischen Nord und Süd.

Als der Reiche darum bittet, Lazarus aus dem Totenreich zu seinen Brüdern zu schicken, um sie zu warnen, antwortet Abraham lakonisch: „Sie haben Mose und die Propheten; die sollen sie hören“ (Vers 29). Aber sie werden oft nicht gehört, auch nicht von religiösen Menschen. Denn Propheten verkünden unbequeme Wahrheiten. Wie Jesus verabreichen sie eben kein Opium, um die Armen und Machtlosen zu sedieren und die Reichen und Mächtigen zu euphorisieren.

 

Gottes Umkehr

2. Sonntag nach Trinitatis, 26. Juni

Jona … predigte und sprach: Es sind noch vierzig Tage, so wird Ninive untergehen. Da glaubten die Leute von Ninive an Gott und riefen ein Fasten aus und zogen alle, Groß und Klein, den Sack zur Buße an …Als aber Gott ihr Tun sah, wie sie umkehrten von ihrem bösen Wege, reute ihn das Übel, das er ihnen angekündigt hatte, und tat’s nicht. (Jona 3,4–5+10)

Der Abschnitt aus der Bibel (Jona 3,1–10), der heute in evangelischen Gottesdiensten in Deutschland ausgelegt wird, knüpft in gewisser Weise an den vom vergangenen Sonntag an. Und er weist darüber hinaus. In beiden Fällen geht es um „Propheten“, Männer, die ihre Mitmenschen herausfordern, weil sie ungerechtes Verhalten und unmenschliche Strukturen geißeln. Der Abschnitt vom vergangenen Sonntag spielt mit einem resignativen Unterton darauf an, dass selbst religiöse Leute wie die Pharisäer die Warnungen der Propheten nicht hören (wollen).

Und an diesem Grundproblem, das auch auf Gewohnheit und menschlicher Trägheit beruht, hat sich – bei allen Unterschieden im Einzelnen – wenig geändert. Schon 1971 warnte die Deutsche Physikalische Gesellschaft davor, dass der Klimawandel unumkehrbar sein könnte. Und weitere Warnungen folgten. Aber es änderte sich nur wenig. Unternehmer und Manager hatten den Profit im Auge und Politiker ihre Wiederwahl. Sie wollten uns, ihren Wählerinnen und Wählern, Zumutungen ersparen. Und das spielte auch für die Beziehungen zu Russland eine zentrale Rolle. Spätestens nach dem Überfall auf die Krim war klar, was der Gewaltherrscher im Kreml anstrebt. Aber die meisten wollten es nicht so genau wissen. Der Bezug von billigen fossilen Energien war eben wichtiger, als ein stärkerer Umstieg auf erneuerbare Energien.

Jona hat mehr Glück als andere Propheten. Ausgerechnet die Bewohner von Ninive, das im Jonabuch für eine von Nichtjuden bewohnte Metropole steht, hören auf die Warnung des jüdischen Propheten. Sie kehren um in der Hoffnung, dass dann auch der Gott Israels umkehrt und auf eine Vernichtung ihrer Stadt verzichtet.

Auf der einen Seite wirkt das Bild von einem Gott archaisch und anthropomorph, der die Bewohner einer Stadt wegen ihrer „Bosheit“ (Jona 1,2) strafen will, dessen Zorn dann aber verraucht. So stellt sich die Frage, ob das Jonabuch das Bild eines irdischen Herrschers auf den Himmel projiziert.

Auf der anderen Seite wird Gott gerade nicht wie ein Gewaltherrscher beschrieben. Der hätte nämlich Angst, Gesicht und Autorität zu verlieren und würde auf Teufel komm raus an einem Plan auch dann noch festhalten, wenn sich die Umstände verändert haben. Der Gott Israels ist kein höheres Wesen, das – wenn überhaupt – eine einseitige, asymmetrische Beziehung mit den Menschen unterhält. Gott ist kein „unbewegter Beweger“, sondern erweist sich als mitleidsfähig, reagiert auf Menschen und lässt sich von ihnen zur Umkehr bewegen.

Ein solches Gottesbild aber ist nicht nur anschlussfähig für die Moderne, sondern entspricht auch dem Wesen Gottes, der auf Moses Frage nach seinem Namen antwortet: „Ich werde sein, der ich sein werde“ (2. Mose 3,14).

 

Geringe Selbstliebe

3. Sonntag nach Trinitatis, 3. Juli

Werft von euch alle eure Über­tretungen, die ihr begangen habt, und macht euch ein neues Herz und einen neuen Geist. (Hesekiel 18,31)

Es ist schon am vergangenen Sonntag angeklungen: Gott ist nicht unbewegt, sondern lässt sich bewegen und eröffnet Menschen neue Möglichkeiten, selbst wenn sie nach menschlichem Ermessen ausgeschlossen sind. Und wir sollen sie ergreifen und etwas daraus machen. „Macht euch ein neues Herz und einen neuen Geist“, empfiehlt Hesekiel. Und er meint damit das Zentrum, das den Willen des Menschen steuert. Wir würden vom Gehirn sprechen und den Organen, die es beeinflussen.

Am 18./19. Oktober 1945 versprachen die Mitglieder des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland in der Stuttgarter Schulderklärung: „Nun soll in unseren Kirchen ein neuer Anfang gemacht werden.“ Natürlich kann man einwenden, dass diese Erklärung nicht nur dem Erschrecken über das eigene Versagen geschuldet war, sondern auch das Ziel hatte, den Kirchen des Auslands, insbesondere der Staaten, die unter dem von Hitlerdeutschland begonnenen Vernichtungskrieg gelitten hatten, einen Besuch in Stuttgart zu erleichtern. Der versprochene Neuanfang verlief zunächst holprig und brauchte Zeit. Aber trotzdem ist er erfolgreich umgesetzt worden.

Viele evangelische Kirchenleute haben aus der Vergangenheit gelernt, sich auf den Dialog mit den Juden eingelassen und dadurch den christlichen Antijudaismus weitgehend überwunden. Mir selber haben Veröffentlichungen christlicher und jüdischer Theologen geholfen und Veranstaltungen der Kirchentagsarbeitsgemeinschaft „Juden und Christen“. Und vor allem durch liberale Juden habe ich gelernt, zwischen dem Zeremonialgesetz und der Ethik des Judentums zu unterscheiden.

Die Unterzeichner der „Stuttgarter Schulderklärung“ haben „Übertretungen“ angesprochen, die ihr Volk, ihre Kirche und sie selber begangen haben und sei es nur durch Schweigen zu dem Unrecht, das vor aller Augen geschehen war. Sie räumten ein, „nicht mutiger bekannt“ und „nicht brennender geliebt“ zu haben. Aber ehrlicher als die Steigerungsform wäre die Formulierung gewesen, „nicht mutig bekannt“ und „nicht brennend geliebt“ zu haben.

Zu unseren „Übertretungen“ gehören, was wir tun und was wir unterlassen. Dazu zählen nicht nur Verstöße gegen das Gebot der Nächsten- und Gottesliebe, sondern auch gegen die Selbstliebe. So machen manche nichts aus den Begabungen, die ihnen in die Wiege gelegt und von Eltern, Lehrkräften und anderen wohlmeinenden Mitmenschen gefördert wurden. Aber, o Wunder, plötzlich bietet sich ein Ausweg von dem Holzweg oder Umweg, den man eingeschlagen hat. Statt stehen zu bleiben und resigniert und verbittert zurückzublicken, kann man „ein neues Herz und einen neuen Geist“ machen und aufbrechen. Und diese Erfahrung ist so überwältigend, dass man Gott am Werk sieht und ihm dafür dankt.

 

Zeitlose Wahrheit

4. Sonntag nach Trinitatis, 10. Juli

Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie. (Johannes 8,7)

Dieser Satz gehört zu den Bibelversen, die den garstigen Graben der Geschichte überspringen und auch Zeitgenossen des 21. Jahrhunderts unmittelbar ansprechen. Wegen seiner Weisheit und Humanität dürfte die Erzählung selbst Leute ansprechen, die von der Bibel oder dem christlichen Glauben insgesamt nichts halten.

Jesus schleudert den oben zitierten Satz den „Schriftgelehrten“ und „Pharisäern“ entgegen, die eine Frau „beim Ehebruch ergriffen“ haben und von Jesus wissen wollen, ob er ihre Steinigung befürwortet. Von den Pharisäern zeichnen die Evangelien ein Bild, das ihnen nicht gerecht wird. Es spiegelt eben die Auseinandersetzungen zwischen den Juden, die Jesus verehrten, und den Juden, die in ihm nicht den erwarteten Messias erkennen konnten.

Wichtiger als der historische Befund ist die Erkenntnis, die die Erzählung von Jesus und der Ehebrecherin befördert. Besonders zwei Gruppen von Menschen neigen dazu, Mitmenschen, die gegen das Strafrecht oder die Moral verstoßen haben, hart zu be- und verurteilen. Das tun mitunter Leute, die nach bürgerlichen Maßstäben ein anständiges Leben führen. Ihr Stolz darauf kann den Blick auf eigene Schwächen und Abgründe trüben. Und für Andere gilt: „Die Kritiker der Elche waren selber welche.“ So bekämpften gerade diejenigen besonders heftig die Gleichberechtigung von Schwulen und Lesben, die die eigene Homo- oder Bisexualität nicht akzeptieren konnten.

Ob die Erzählung von Jesus und der Ehebrecherin einen historischen Hintergrund hat, ist unklar. Aber sie passt auf jeden Fall zu dem Bild des Nazareners, das die Evangelien überliefern. Zu den Versen, die genauso stark einleuchten wie Johannes 8,7, gehört Jesu Frage in Matthäus 7,3: „Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge und nimmst nicht wahr den Balken in deinem Auge?“ 

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