Erwischt! Sie denken schon lange nicht mehr an diese merkwürdige Fußball-Europameisterschaft vor ein paar Wochen, oder? Gut, vielleicht erinnern Sie sich noch an den unvermeidlichen und letztlich verdienten Finalsieg der Italiener. Vielleicht aber sind Sie ein Hardcorefan der „Mannschaft“, also „unserer“ (National-)Mannschaft, die recht spröde, mut- und glücklos gegen England im Achtfinale dahinschied. Vielleicht hadern Sie noch ein bisschen à la „Ja, wer weiß, wenn Müller kurz vor Schluss getroffen hätte …“ – lassen Sie es sein, es lohnt sich nicht. Ich selbst bin diesmal über das Scheitern „unserer“ Mannschaft übrigens erstaunlich gut hinweggekommen. Wirklich leid tun mir bis heute nur die Schweizer, die mit ihrem Achtelfinalspiel gegen Frankreich ein Heldenepos schrieben: nach 1:3 noch 3:3 und dann ins Elfmeterschießen und dann: Jaaa … Sommer hält gegen Mbappé. Da war ein Hauch von Sevilla 1982, als unsere Rumpelpumpeldeutschen sich gegen die filigrane Equipe Tricolore um Platini und Co in der Verlängerung mit 3:3 ins Elfmeterschießen retteten, Schumacher gegen Bossis hielt und Hrubesch dann … aber ich schweife ab … Also: Im Viertelfinale 2021 gegen Spanien glichen die Schweizer die frühe spanische Führung aus, bekamen dann einen Platzverweis, und retteten sich trotz Unterzahl wieder ins Elfmeterschießen. Da ging’s dann schief. Zwar vergaben die Spanier zwei Elfmeter, die Schweizer aber vergaben derer drei – wie 2006 im Achtelfinale gegen die Ukraine, damals verwandelten sie keinen einzigen und ein paar Jahre lang schwirrte der abfällige Spruch „Die schießen Elfmeter wie die Schweizer“ durch die Landschaft …

Sie meinen, ich beschäftige mich zu viel mit Fußballgeschichte? Das kann sein. Ich will aber auch gestehen, warum das so ist, denn bei mir kommen zwei unglückliche Veranlagungen zusammen: Ich liebe Fußball, aber konnte nie gut spielen. Trotzdem war ich als Kind im Fußballverein, weil ich es unbedingt wollte. Fast immer musste ich bei Punktspielen draußen bleiben – aus Mitleid wechselte mich unser Trainer meist in der zweiten Halbzeit ein, aber eigentlich auch nur, wenn wir führten. Natürlich erzählte ich zuhause vom Reservistendasein nichts – im Gegenteil, ich erfand immer wieder ein paar Heldentaten, sogar Torerfolge. Das rächte sich, als meine Großeltern zu Besuch kamen und „den Jungen“ – ich war damals zehn – unbedingt einmal spielen sehen wollten. Und dann stand ich da mit ihnen und meinen Eltern am Spielfeldrand …

Das Fotoalbum kündet noch von dieser Blamage. Unter das erste Bild schrieb meine Mutter: „Reinhard beim Fußball in Rüstersiel. Erste Halbzeit noch Ersatz …“, es geht weiter unter dem zweiten Bild, auf dem ich ungelenk auf dem Spielfeld zu sehen bin, „… aber dann munter dabei.“ Kürzlich sah ich es nochmal und konnte schmunzeln, damals litt ich sehr. Aber trotzdem liebe ich Fußball bis heute heiß und innig. Warum? Keine Ahnung. Herrlich. 

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