„Scharfe Zähne, dünne Haut“

Warum echter Dialog nur ohne Camouflage und Einschüchterung geht
Johann Hinrich Claussen, Kulturbeauftragter des Rates der EKD: „Feindschaft sollte für Christen niemals das Letzte und Endgültige sein.“
Foto: epd

Im März-Heft von zeitzeichen hatte der EKD-Kulturbeauftragte Johann Hinrich Claussen einen Artikel über evangelische Theologie und Neue Rechte geschrieben. Diesem Beitrag haben die darin erwähnten Historiker Karlheinz Weißmann und Benjamin Hasselhorn – ebenfalls in zeitzeichen – entschieden widersprochen. Claussen geht darauf ein und kritisiert die Methoden der beiden jenseits ihrer Entgegnungen.

Intensive Auseinandersetzungen sind immer gut, gern auch im fröhlichen Wechselspiel von Kritik und Gegenkritik. Nur muss man darauf achten, welche Methoden dabei eingesetzt werden. So ist es befremdlich, dass Benjamin Hasselhorn und Karlheinz Weißmann es versäumen, in der Kritik meines Artikels darauf hinzuweisen, dass sie juristisch gegen mich beziehungsweise gegen die zeitzeichen, die meinen Text gebracht hat, vorgehen.

Ich sehe in den aggressiven Schreiben ihrer Rechtsanwälte einen Angriff auf mein Grundrecht auf freie Meinungsäußerung. Meine Berufserfahrung hat mich gelehrt, dass es nicht zielführend ist, sich von derlei Droh-Aktionen einschüchtern zu lassen.

Weißmann versäumt es zudem, in seinem Text darauf hinzuweisen, dass er vorher schon einmal auf meinen Artikel reagiert hat. In der Online-Ausgabe der Jungen Freiheit, der inoffiziellen Zeitung der AfD, hatte er am 4. März einen recht heftig geratenen Artikel veröffentlicht, in dem er versucht, mich zum Inbild eines „Woke“-Protestantismus, einer linksgrün-politisch-korrekten Verfallsgestalt der evangelischen Kirche, zu machen. Mich hat dies eher amüsiert. Denn bisher dachte ich, mein Problem wäre, dass ich allzu bürgerlich sei. Aber Weißmanns Tirade in der Jungen Freiheit offenbart unfreiwillig, dass er seine Hausaufgaben nicht gemacht hatte und von seinen fixen Feindbildern einfach nicht lassen kann. Er kennt offenkundig weder mich, meine Arbeit, meine Positionen noch meine Texte. Es ist zudem anstößig, wenn er zuerst in der Jungen Freiheit mich und den Chefredakteur der zeitzeichen, Reinhard Mawick, scharf angreift sowie juristische Schritte ankündigt, um dann in einer feineren Adresse, eben den zeitzeichen, einen vornehm-fairen Diskurs einzuklagen – wo ihm die Möglichkeit einer Replik ebendort vorher zugesagt worden war und inzwischen in der Maiausgabe von zeitzeichen erschienen ist.

In Hasselhorns Beitrag habe ich eine andere Doppelzüngigkeit wahrgenommen. In seiner Replik erklärt er, seit seinem Abitur nichts mehr mit seinem Lehrer Weißmann zu tun zu haben. Dabei wusste er aus dem Antwortschreiben meines Anwalts, dass ich zahlreiche Hinweise und Ansatzpunkte besitze, die es rechtfertigen, ihn auch heute noch als „Schüler und Weggefährten“ von Weißmann zu bezeichnen. Im Dezember-Heft des Merkur  hat der Historiker Niklas Weber die ideenpolitische und biografische Nähe zwischen beiden ausführlich analysiert. Ein bemerkenswertes Detail dabei: Weber behauptet, dass Hasselhorn 2019 unter dem Pseudonym „Dominique Riwal“ den entscheidenden geschichtspolitisch-theologischen Beitrag zur Festschrift zu Weißmanns 60. Geburtstag beigesteuert hat. Hasselhorn hat dem nicht widersprochen. Natürlich sind solche unausgewiesenen Selbstzitate nicht leicht nachzuweisen, insofern wäre eine Nachprüfung sinnvoll. Mich aber hat Webers Argumentation überzeugt. Sollte es sich tatsächlich so verhalten, könnte man darin eine problematische Strategie erkennen: Unter eigenem Namen in Medien und Verlagen mit gutem Ruf zu veröffentlichen, dabei behaupten, nichts mit der Neuen Rechten und Weißmann zu tun zu haben, zugleich aber unter Pseudonym in deren unmittelbarer Nähe zu publizieren. Mir scheint also, dass bei Hasselhorn ein Ehrlichkeitsproblem vorliegt.

Beide, Weißmann und Hasselhorn, legen in ihren Stellungnahmen ein widersprüchliches Verhalten an den Tag, das man bei Vertretern der „Neuen Rechten“ jedoch häufig beobachten kann: Willkürlich wechseln sie zwischen Opfer- und Täterrolle hin und her. Sie greifen andere heftig an, stimmen aber bei sachlicher Gegenkritik sofort die Wehklage der verfolgten Unschuld an. Sie wollen das sogenannte Establishment von seinem vermeintlichen Thron stürzen, aber auch irgendwie dazugehören und anerkannt werden. Ich halte dies für wenig konsequent. Nie werde ich das weise Wort meines kirchengeschichtlichen Lehrers Bernhard Lohse vergessen, der einmal in einem Seminar erklärte: „Man kann nicht zugleich scharfe Zähne und eine dünne Haut haben.“ Man muss sich irgendwann entscheiden. Aber für die „Neue Rechte“ ist eben kennzeichnend, was schon Fritz Stern in seinem Buch über die alten Kulturpessimisten treffend als „weinerlichen Heroismus“ bezeichnet hat.

Bemerkenswert ist auch, dass beide, Weißmann und Hasselhorn, für sich eine faire Behandlung einfordern, selbst aber nicht bereit sind, sie anderen zuteilwerden zu lassen. So machen sie in einem durchsichtigen Manöver gemeinsam einen Nebenschauplatz der Auseinandersetzung auf. Anlässlich der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten hatte ich in zeitzeichen ein Essay über die Begriffe der Feindschaft und des Hasses veröffentlicht (zz 4/2017). In diffamatorischer Absicht zitieren Weißmann und Hasselhorn auf eine entstellende Weise so daraus, dass ich wie ein gewaltträchtiger Hassprediger dastand. Damit zeigen sie, wie rechte Medienpolitik funktioniert: Ein empörungsträchtiger Unsinn (ein problematisch erscheinendes Zitat, ein „skandalöses“ Bild) wird so lange wiederholt, bis irgendetwas hängenbleibt und das Feindbild „sitzt“. Zum Glück kann man den fraglichen Text unter anderem in zeitzeichen nachlesen und Weißmanns/Hasselhorns Darstellung meiner Position in Ruhe überprüfen.

Ehrlichkeit gefordert

Beide, Weißmann und Hasselhorn, fordern eine offene, faire Debatte auch über inhaltliche Gegensätze hinweg. Dazu bin ich stets gern bereit. Allerdings gibt es für mich Voraussetzungen. Die erste lautet Ehrlichkeit. Ich kann schwerlich mit Menschen diskutieren, die hier ganz anders sprechen als dort.

Ehrlichkeit ist bei Weißmann und in gewisser Weise auch bei Hasselhorn zudem in ideenstruktureller Hinsicht ein Problem. Die von Weißmann konstruierte Traditionslinie einer „Konservativen Revolution“ ist ein Widerspruch in sich. „Konservativ“ ist recht verstanden etwas dezidiert anderes als ein ideenpolitisches Gebräu, das auf den Sturz der gegenwärtigen demokratischen Ordnung zielt. Mir selbst ist „das Bewahren“ viel zu wichtig, als dass ich es akzeptieren könnte, wenn das umstrittene, aber bedeutsame Adjektiv „konservativ“ für einen Etikettenschwindel missbraucht wird.

Das bringt mich zur zweiten Voraussetzung eines Gesprächs, nämlich der Anerkennung des Prinzips der Gottebenbildlichkeit aller Menschen. Mit ihm ist – nicht gleichzusetzen, aber – eng verbunden das Prinzip der Menschenwürde und der Menschenrechte. Es gilt für alle Menschen gleichermaßen. Ich habe meine Zweifel, ob ich hier mit Weißmann eine gemeinsame Basis besitze. Diese Fragen habe ich in meinem Beitrag zu dem soeben erschienenen Buch Christentum von rechts. Theologische Erkundungen und Kritik (Tübingen, 2021) mit Hilfe von sorgfältigen Interpretationen seiner Texte ausführlich argumentativ vorgestellt.

In kleinen Schritten nähern

Drittens schließlich ist es für mich unzumutbar und auch nicht sinnvoll, mit Menschen eine direkte Diskussion zu führen, die unter Ausschluss der Öffentlichkeit gegen mich juristisch vorgehen oder sich anderer Formen kommunikativer Aggression bedienen.

Wie ich in meinem Essay über Feindschaft und Hass am Ende dargelegt habe, sollte Feindschaft, die es in dieser Welt leider gibt und mit der man realistisch umgehen sollte, für Christen niemals das Letzte und Endgültige sein: Denn „das Christentum lehrt, die Hoffnung nicht aufzugeben. „Liebe deine Feinde“ – das ist ein hoher Anspruch. Aber man kann sich ihm in kleinen Schritten nähern, zum Beispiel indem man versucht, aus einem Feind nicht gleich einen Freund, aber immerhin einen Gegner zu machen, mit dem man demokratisch streiten kann. Vielleicht wird aus ihm irgendwann ein Verbündeter. Auch darin steckt ein christlicher Kern der offenen Gesellschaft, nämlich der Glaube an Veränderung, Umkehr, Einsicht und Versöhnung.

Dazu braucht es allerdings auf beiden Seiten Ehrlichkeit und Fairness, also den Verzicht auf Camouflage und Einschüchterung. 

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Foto: EKDKultur/Schoelzel

Johann Hinrich Claussen

Johann Hinrich Claussen ist seit 2016 Kulturbeauftragter der EKD. Zuvor war er Propst und Hauptpastor in Hamburg.


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