Bild der DDR

Meckel-Biographie

Seit einigen Jahren erscheinen immer wieder Bücher ehemaliger Bürgerrechtler, in denen sie ihre Erinnerungen an die DDR und an die Wendezeit veröffentlichen. Wenn sich darin auch vieles wiederholt, so besitzen doch die meisten einen besonderen Schwerpunkt. So auch die Erinnerungen Markus Meckels, des evangelischen Pfarrers, Mitbegründers der Sozialdemokratischen Partei in der DDR (SDP) und letzten Außenministers der DDR.

Die Erzählungen über das sogenannte Wendejahr 1989/90 nehmen breiten Raum ein. Eindrücklich beschreibt Meckel die Schwierigkeiten beim Aufbau seines Ministeriums. Viele Mitarbeiter aus DDR-Zeiten mussten entlassen werden, aber in der provinziellen DDR mit ihren restriktiven Reisebeschränkungen gab es wenig geeignete und befähigte Menschen für die Mitarbeit in einem Außenministerium. Selbstverständlich hätte es Beamte aus der Bundesrepublik gegeben, aber Meckel wollte die Probleme des Ostens nicht mit Fachleuten aus dem Westen lösen. Kirchlichen Mitarbeitern in der DDR waren gelegentlich Dienstreisen und Studienaufenthalte ins westliche Ausland genehmigt worden. Aber diese Erfahrungen qualifizierten sie nur selten zum Dienst in der Regierung. Die Personaldecke blieb bis zum Ende der DDR dünn.

Ein anderes Problem war, dass die zu Ministern ernannten Bürgerrechtler über keinerlei Erfahrungen beim Aufbau eines Ministeriums verfügten. Hinzu kamen Schwierigkeiten bei der Absprache zwischen den einzelnen Ressorts sowie die ständige Einflussnahme der Bonner Regierung. Dies alles berichtet Meckel leidenschaftlich, ohne sich klüger oder geschickter darzustellen, als er damals war. Die politische Entwicklung jenes Jahres ist in groben Zügen bekannt; durch Meckels Schilderung bekommt sie Farbe, wird sie konkretisiert und werden die Emotionen der Akteure nacherlebbar. Meckel erklärt am Anfang, er lege eine politische Biografie vor, in der er versuche, sein eigenes Leben in den zeitgenössischen Kontexten nachzuvollziehen.

In den Kindheitserinnerungen wird viel Persönliches mitgeteilt. Mit den zunehmenden politischen Aktivitäten gerät es stärker in den Hintergrund, bis es spätestens mit der Gründung der SDP am 7. Oktober 1989 kaum noch Erwähnung findet. Immer bleibt spürbar, dass Meckel aus christlicher Verantwortung handelt. Das Besondere an seinem Buch ist, wie er beschreibt, „was heute so pauschal als Opposition bezeichnet wird“: Es war keine Organisation, es gab keine Mitgliedschaften. Das politische widerständige Engagement geschah in verschiedenen Kommunikationszusammenhängen. Erst allmählich kam es zu Verbindungen zwischen einzelnen Gruppen, einige arbeiteten bis zum Herbst 1989 allein. Auf einen wenig beschriebenen Konflikt geht Meckel ein, wenn er von den Schwierigkeiten vieler Bürgerrechtler gegenüber der Gründung von Parteien schreibt. In den Gruppen war man Parteien gegenüber grundsätzlich skeptisch und sprach eher von einer angestrebten Basisdemokratie.

Vorurteilsfrei und verständnisvoll war seine Einstellung zu den Menschen, die einen Ausreiseantrag stellten und in die Bundesrepublik übersiedeln wollten. Er freute sich für jeden Einzelnen, der die Mauer überwinden und im Westen ein Leben in Freiheit führen konnte. Zugleich wünschte er, dass diejenigen, die eine kritische Distanz zum politischen System der DDR entwickelt hatten, nicht gingen, sondern sich mit anderen für Veränderungen einsetzten.

Mit dem, was Meckel über die Struktur der oppositionellen Gruppen und über den Wunsch schreibt, basisdemokratisch ohne Parteien die Gesellschaft zu reformieren, ergänzt er das Bild der DDR und der Wendezeit. Seine Haltung zu den Ausreisewilligen zeugt von menschlicher Größe und Respekt.

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