„Das Leben in der DDR war ein Auftrag“

Markus Meckel, evangelischer Pfarrer und erster frei gewählter Außenminister der DDR, über die Rolle der Kirche in der Opposition, seine Deutung und Bedeutung in den Jahren 1989/90
Das erstmalige Treffen der Außenminister der Siegermächte des Zweiten Weltkriegs mit denen der Bundesrepublik und der DDR im „2+4“-Format zur Planung der Wiedervereinigung Deutschlands. Zweiter von rechts: Markus Meckel.
Foto: akg
Das erstmalige Treffen der Außenminister der Siegermächte des Zweiten Weltkriegs mit denen der Bundesrepublik und der DDR im „2+4“-Format zur Planung der Wiedervereinigung Deutschlands. Zweiter von rechts: Markus Meckel. Er wurde 1952 in Müncheberg, Brandenburg, geboren. Der Theologe war ein führendes Mitglied der DDR-Opposition. Er wurde Mitglied der frei gewählten Volkskammer und langjähriges Mitglied des Bundestages (für die SPD). Nach der ersten freien Wahl war er vom 12. April bis zum 20. August 1990 Außenminister der DDR und von 2013 bis 2016 Präsident des „Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge“. Markus Meckel hat jüngst zwei Bücher zum Vereinigungsprozess und zu seinem politischen Wirken veröffentlicht: „Zu wandeln die Zeiten. Erinnerungen“, Leipzig, 2020, und „Zeitansagen. Texte und Reden aus zwei Jahrzehnten“, Stuttgart, 2019.

zeitzeichen: Herr Meckel, schon Ihr Vater war Pfarrer und hatte die Chance, nach dem Krieg im Westen als Pfarrer zu leben und zu arbeiten, nicht wahrgenommen, sondern er entschied sich für ein Leben in der späteren DDR. Wie hat Sie das geprägt?

MARKUS MECKEL: Ja, das war seine Entscheidung, so dass ich im Grunde, sozusagen mit der Muttermilch, ebenfalls in diesen Auftrag hineingewachsen bin. Da war natürlich alles andere als eine Nähe zum System in unserer Familie, sondern genau das Gegenteil. Ich bin in eine Distanz zum System hineingewachsen, in dem es eine Herausforderung war, christlichen Glauben zu leben.

Haben Sie denn Ihrem Vater, vielleicht auch unbewusst, etwas vorgeworfen, dass er Ihnen diese Chance geraubt hatte, im
Westen aufzuwachsen?

MARKUS MECKEL: Nein. Hier war volle Übereinstimmung, das Leben in der DDR war Auftrag, im gewissermaßen feindlichen Umfeld sich im Glauben zu bewähren und – wo möglich – etwas zu ändern. Von Anfang an. Von   Kindheitstagen. Ich weiß von anderen, bei denen war das anders.

Hat die Kirche in den Zeiten der Teilung den Gedanken an die deutsche Einheit hochgehalten?

MARKUS MECKEL: Ja, da hat die Kirche eine ganz wesentliche Rolle gespielt, die Zusammengehörigkeit von Ost und West bewusst und lebendig zu halten. Jede Kirchgemeinde im Osten hatte eine Partnergemeinde im Westen – und viele  Partnerschaften waren wirklich lebendig! Das geflügelte Wort von Willy Brandt von 1989, „Es wächst zusammen, was zusammengehört!“, setzt ja diese Zusammengehörigkeit voraus.

In den Jahren der Friedlichen Revolution 1989/90 hat dann die Kirche eine entscheidende Rolle gespielt – oder sind die Zweifel mancher Historiker daran berechtigt?

MARKUS MECKEL: Die Kirche war auch im Herbst 1989 wichtig, aber weniger von den Kirchenleitungen her, sondern durch die vielen engagierten Christen! Das gilt aber schon für die Jahre davor! In den Kirchen gab es viele unabhängig   denkende und handelnde Menschen, die politisch aktiv waren und sich mit Nichtchristen zusammentaten. Man traf sich in den Kirchen – hier war der einzige unabhängige Raum in der Gesellschaft. Der Anteil von Christen in diesen   oppositionellen Gruppen war überall sehr groß, weitaus größer als ihr Anteil an der Bevölkerung.

Wie bei Ihnen.

MARKUS MECKEL: Ja, ich gehörte dazu und habe als Student und später als Pfarrer vielfältige Initiativen ergriffen. Dazu gehörten die politischen Seminare, die sogenannten Friedensseminare, die ab 1982 jährlich im Sommer stattfanden. Das  war aber immer auch in der Kirche umstritten. Oder die Arbeit an der Vernetzung der Gruppen. Andere Landpastoren  haben ihre Bienen, der Meckel hat seine Politik, hieß es gelegentlich.

Sie hatten Ihren Ruf weg.

MARKUS MECKEL: Es gab sehr verschiedene Ansätze kirchlicher Arbeit. Ich hielt das Politische immer für etwas   Zentrales, das ich auch als Dimension des christlichen Glaubens angesehen habe. Natürlich waren Leute, die Karl Barth  folgten und aus diesem theologischen Bereich waren, auch dabei. Die älteren Pastoren dieser Richtung waren zu einem sehr hohen Anteil in der Bekennenden Kirche aktiv gewesen und haben auch ihr politisches Engagement in der DDR als   Botschaft in diese Welt hinein verstanden.

Ihr Vater war sogar bei der berühmten Barmer Synode 1934 dabei.

MARKUS MECKEL: Ja, das war ein Zufall. Er machte damals in Barmen seine theologische Ausbildung, und die Studierenden des „Johanneum“ haben dort bei der NS-kritischen Synode geholfen.

Sie sehen es in Ihrer Biografie skeptisch, dass die Kirche im Laufe des Vereinigungsprozesses 1990 auch eine gewisse politische Macht suchte.

MARKUS MECKEL: Nach meiner Überzeugung sollte Kirche auch in politischen Fragen Orientierung geben, aber nicht Teil des politischen Machtspiels sein. Das ist nicht ihr Auftrag. Deshalb bin ich auch skeptisch, wenn eine Partei sich   christlich nennt. So war es 1988/89 ein bewusster Schritt, die Opposition außerhalb der Kirche als gesellschaftliche   Institution zu organisieren. 1988 dachten wir zuerst an eine Vereinsstruktur, kamen dann aber schnell zur Überzeugung, dass es eine Partei sein sollte. Deshalb haben wir die Ost-SPD, die SDP, gegründet.

Aber ist es nicht absurd, dass ausgerechnet mehrere Pfarrer führende Rollen in einer Partei übernehmen, die bewusst
sagte: Aber die Kirchen dürfen hier keine führende Rolle übernehmen?

MARKUS MECKEL: Nein, das war in sich logisch.

Es ist damals ja alles sehr schnell gegangen. Hätten Sie Ende 1989 durchaus noch etwas länger gerne mit zwei deutschen Staaten leben wollen?

MARKUS MECKEL: Nein, obwohl mir das ja manche unterstellt haben. Meine Kategorie ist nicht die der Schnelligkeit. Meine Kategorie ist Qualität. Und da kann ich schon sagen, an manchen Stellen hätte ich im konkreten Verhandeln im Einigungsprozess noch 14 Tage oder vier Wochen länger verhandeln wollen. Aber da geht es nicht um das länger oder kürzer, sondern um die Ergebnisse des Einigungsprozesses.

Hätte man im Vereinigungsprozess grundsätzliche andere Entscheidungen fällen müssen?

MARKUS MECKEL: Hier geht es um etwas, das mir am Herzen liegt: Normalerweise reden die Leute vom „Untergang der DDR“. Das stimmt aber nicht. Die DDR ist nicht untergegangen. Die DDR ist zu einem demokratischen Staat  geworden – in einer friedlichen Revolution und durch den Übergang des Runden Tisches. Genauso demokratisch legitimiert wie die Bundesregierung war ihre letzte Regierung, die wir dann gebildet haben. Beide haben dann die  Verhandlungen zur deutschen Einheit geführt.

Aber es waren schwierige Verhandlungen: die kleine DDR mit der großen BRD.

MARKUS MECKEL: Ja. Dass es natürlich in diesen Verhandlungen ein Gefälle gab, ein Machtgefälle, bei den Finanzen  und viele anderen Dingen, das ist völlig klar. Die Bundesregierung hatte eine hoch professionelle Bürokratie, wir waren  weit entfernt davon. Aber trotzdem waren es Verhand-lungen, die zu einem Ergebnis geführt haben – nämlich zur   Deutschen Einheit. Das gilt es anzuerkennen! Da hat nicht ein Helmut Kohl einfach die Einheit gemacht! In den  Verhandlungen wurde der Wille der großen Mehrheit der DDR-Bürger umgesetzt – der Weg in die Einheit. Wenn man in Ostdeutschland oft sagt, man sei kolonisiert worden, dann ist das ein Reflex einer falschen Sicht. Gewiss hat die   Bundesregierung dabei ihre Interessen geschickt durchgesetzt und ihre Dominanz spielen lassen. Dazu kommt, dass viele DDR-Bürger die Verhandlungen, die in ihrem Interesse geführt wurden, als Verzögerung der Einheit missachteten – und damit deren Umsetzung selbst schwächten. 

Können Sie deshalb auch den Frust, der oft in Ostdeutschland bei vielen Menschen noch heute existiert, zum Teil  nachempfinden?

MARKUS MECKEL: Gewiss kann ich das verstehen. Aber, wie gesagt, das muss man konkret verorten. Leider ging es zu oft um das Modell West und die Angleichung der DDR daran. Das war jedoch auch der Wille vieler DDR-Bürger – sowie der Bundesregierung. Das ist irgendwie ja auch geglückt, insofern war der Einigungsvertrag eine beachtliche Leistung der Bürokratie in dieser kurzen Zeit. Aber wenn es um die politischen Fragen geht, gab es ein ausgesprochenes Defizit an Sensibilität, Achtung und Respekt gegenüber den Repräsentanten der DDR. Im Grunde galten alle Strukturen in der DDR als kommunistisch verseucht. Es gab im Westen auch keine Bereitschaft, etwas Neues zu schaffen.

Sie haben gesprochen von dem Frust, den einige Ostdeutsche hatten. Da gibt es zumindest von Kirchenseite einen  ähnlichen Frust. Viele fragen sich: Wie ist es zu diesem Zusammenbruch gekommen, dass die Kirchen, die so eine wichtige Rolle 1989/90 in der DDR spielten und voll waren, sich nach 1990 gleich wieder geleert haben? Und hätte man da irgendetwas von Seiten der Kirchen anders machen können?

MARKUS MECKEL: Also ich hatte diesen Frust nicht.

Weil Sie das erwartet haben?

MARKUS MECKEL: Nein, ich habe nicht erwartet, dass die Bevölkerung der DDR automatisch christlich wird. Ich habe ja erlebt auf meinen Dörfern und überhaupt in der Gesellschaft, dass die Entchristlichung schon tief ging und es bis in schlichte Kenntnisfragen hinein große Defizite gibt.

Erleben wir in Ostdeutschland die Zukunft der Kirche in ganz Deutschland? Ist die Situation hier im Grunde das, was in ein, zwei Jahrzehnten in der ganzen Bundesrepublik üblich sein wird?

MARKUS MECKEL: Vielleicht noch nicht in ein, zwei Jahrzehnten, denn wir leben jetzt immerhin schon dreißig Jahre in dieser Situation. Aber in manchen Punkten schon. So gibt es etwa in der Gesellschaft durch Fördervereine aktive  Bemühungen, Kirchen auch in den Dörfern zu erhalten, wo es nur noch wenige Christen gibt. Ein anderes Thema
ist der Religionsunterricht. Es ist ja die Frage, ob konfessionell getrennte Unterweisung sinnvoll ist und es nicht  anzustreben ist, für den ganzen Klassenverband einen Unterricht anzubieten, in welchem ethische Grundfragen und Kenntnisse über die Botschaft von Religionen und Konfessionen vermittelt werden. Es gibt gewiss bestimmte Felder, wo man hier schon vor Herausforderungen steht, vor denen man auch im Westen in Zukunft steht. Es gibt Lernfelder im Osten Deutschlands.

Es gibt ja die These, Stichwort AfD, dass diese Partei in Ostdeutschland auch deshalb so stark ist, weil unter anderem die Kirche als Faktor in der Zivilgesellschaft so schwach ist. Meinen Sie, da ist etwas dran? Oder welche Gründe sehen Sie für die spezifische große Wirkung der AfD gerade in Ostdeutschland?

MARKUS MECKEL: Das ist sehr komplex. Man muss schon mal festhalten, dass die Führungsfiguren der AfD aus dem Westen kommen, sie machen die Konzepte. Es gibt im Osten ein hohes Protestpotenzial, vieles wurde von der PDS oder  der Linken übernommen. Ich hatte hier in der Uckermark über zwei Jahrzehnte meinen Wahlkreis. Da habe ich festgestellt, dass wir uns als Ganzes, also als Demokratie in Deutschland, viel zu wenig um die Parteien gekümmert haben. Parteien  haben eine ganz wesentliche Funktion in der Demokratie. Das gilt für die öffentliche Willensbildung und das Angebot von
Mitgestaltungsmöglichkeiten. Jedenfalls für meine Partei muss ich sagen, dass man sich für den Osten lange kaum  interessiert hat, sowohl was den Parteiaufbau anlangt wie programmatisch. Das Problem ist jedoch gleichzeitig grundsätzlicher, wie man in allen posttotalitären Staaten, auch in Polen, Ungarn und anderen Ländern sehen kann. Die Parteien sind auch hier kaum durch Mitgliedschaft in der Gesellschaft verwurzelt.

Eine scheinbar kleine, aber wichtige Entscheidung der letzten DDR-Regierung, der Sie angehörten, prägt uns noch heute – da müssten Sie eigentlich den Leo-Baeck-Preis bekommen: Sie haben dafür gesorgt, dass die jüdische Gemeinde in Deutschland wieder aufgeblüht ist.

MARKUS MECKEL: Nicht ich persönlich. Aber natürlich, richtig ist, dass die letzte DDR-Regierung beschlossen hat,  Juden aus der Sowjetunion Asyl zu geben, die dort unter erheblichem Druck standen. Einen ersten Anstoß dazu gab es  schon am Runden Tisch. Die damalige Bundesregierung war verärgert, hat dann jedoch nach der Vereinigung mit einigen Änderungen diese Praxis fortgesetzt. Diese von uns damals angestoßene Einwanderung hat das jüdische Leben in Deutschland nachhaltig geprägt.

Ist das nicht typisch, dass wichtige Entscheidungen der letzten DDR-Regierung heute nicht mehr gesehen werden?

MARKUS MECKEL: Man kann es noch pointierter formulieren: Es ist heute überhaupt nicht mehr im Blick, dass die  Einheit das Ergebnis von Verhandlungen zweier demokratischer Regierungen war. Auch die historische Forschung hat sich nur den internationalen Verhandlungen gewidmet, den 2+4-Gesprächen – der innerdeutsche Verhandlungsprozess und  die Willensbildung dabei ist bis heute kaum untersucht. So geriet aus dem Blick, was ich für wesentlich halte: Wir  Ostdeutschen waren Akteure, Subjekte des Vereinigungsprozesses, nicht Objekte fremden Handelns. Gewiss war es ein  komplizierter Prozess, der stärker und differenzierter wahrgenommen werden sollte.

Das stimmt.

MARKUS MECKEL: Es gilt ja nicht nur für den Vereinigungsprozess, sondern für die ganze Nachkriegsgeschichte. Für viele im Westen verlief die deutsche Geschichte bis 1945 gemeinsam, und dann wieder ab 1990. Dazwischen fand sie im Westen statt, die DDR blieb außen vor, war eine Sondergeschichte, die nur Spezialisten und die Ostdeutschen selbst  interessiert. Dabei wird vergessen, dass die deutsche Nachkriegsgeschichte eine geteilte war und beide deutschen Staaten nur in ihrem Bezug zueinander wirklich zu verstehen sind.

Das genaue Hinschauen ist nicht so  einfach. Dennoch: Sind Sie stolz  auf Ihren eigenen historischen Beitrag zur Deutschen Einheit – oder ist „Stolz“ ein zu unchristlicher Begriff?

MARKUS MECKEL: Es ist ja eine Mischung, wie immer. Man kann nur sagen: Es ist nicht durch mich, sondern durch IHN geschehen. Wie für alles menschliche Handeln gilt auch für das eigene: Das Wollen und Aktivsein haben wir in der Hand, aber nicht das Gelingen. Dass wir heute in Freiheit, Demokratie und Einheit leben können und dass alles ohne Blutvergießen möglich war, das ist ein Geschenk, das kann man gar nicht oft genug sagen.

Sehen Sie in der Friedlichen Revolution auch das Wirken Gottes?

MARKUS MECKEL: Ja gewiss. Trotzdem: Ich hätte damals nie gesagt: Auf unserer Seite ist Gott! Da muss man sehr vorsichtig sein. Aber, wie gesagt, ich sehe das, was 1989/90 möglich wurde, als ein großes Geschenk an. Das würde ich aber auf diesen gesamten Befreiungsprozess im Osten Europas beziehen, das Ende des Kalten Krieges, das weitgehend friedlich verlaufen ist. Und wenn ich von einem Geschenk rede, wen soll ich sonst meinen, wenn nicht Gott?

Das Gespräch führten Philipp  Gessler und Reinhard Mawick am 19. August in Joachimsthal in der Schorfheide.

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