Immerfort werden

Punktum
Foto: Rolf Zöllner

„Das Leben ist eine Baustelle.“ Das ist einer dieser Sätze, die in den Neunzigerjahren mal originell waren, aber heutzutage, seien wir ehrlich!, ein wenig an Strahlkraft verloren haben. Aber das Leben als eine Baustelle zu begreifen, erleichtert zumindest in Berlin den Alltag durchaus, er verführt zu segensreicher Langmut. Wir wollen nicht über den Flughafen BER sprechen, der angeblich im kommenden Monat eröffnet wird, was ich als Berliner seit nunmehr 22 Jahren erst glaube, wenn ich selbst von dort in einem Flugzeug gestartet und gelandet bin. Fernsehbilder werden mich nicht überzeugen. Der Apostel Thomas wäre ein guter Berliner, da bin ich sicher.

Der Kunstkritiker Karl Scheffler soll 1910 bemerkt haben, Berlin sei „dazu verdammt, immerfort zu werden und niemals zu sein“ – und wer ein paar Jahre in der Hauptstadt verbracht hat, kennt den Spruch schrecklicherweise zur Genüge. Denn das Schlimme ist: Er stimmt, leider! Und zwar nicht nur im Großen und Ganzen von Köpenick bis Spandau, sondern auch im ganz Kleinen, etwa bei mir zuhause. Seit Monaten ist die halbe Straße aufgerissen, es sollen Arbeiten an der Wasserleitung sein. Zuerst wurde etwa im Februar ein Bauzaun aufgestellt, dann gebaggert, dann ein Bauwagen aufgestellt, und dann, ja dann passierte: nichts, oder besser: nüschte, wie man hier sagt.

Man scheint an der Spree als Bauunternehmen ausreichend Geld damit zu verdienen, Bauzäune aufzustellen – das Arbeiten dahinter ist dann nicht mehr so entscheidend, zumindest für die Baubehörde. Ein befreundeter kleiner Bauunternehmer aus Berlin hat mir, ungelogen, erklärt, dass am hiesigen Leipziger Platz, gleich neben dem Potsdamer Platz gelegen, eine riesige Baustelle über etwa zehn Jahre deshalb nicht voran kam, weil eine Baufirma mit der Vermietung der mächtigen Plakatwand an ihrem unvollendeten Projekt mehr Geld verdiente, als wenn sie das Gebäude schnell beendet hätte. Korruption von Lokalbeamten habe es da gegeben. Aber ich vermute eher, das ist in Berlin gar nicht nötig … man muss sie nur ihre normale Arbeit machen lassen. Das dauert.

Im Haus gegenüber sollen nun Fassade und Dach gemacht werden, beides völlig ruiniert. Dass dies unmittelbar bevorstehe, hatte man uns schon vor 16 Jahren gesagt, als wir in unsere Wohnung einzogen. Als das Baugerüst vor Wochen aufgestellt wurde, traute ich meinen Augen nicht. Jetzt bin ich beruhigt, meine Vorurteile bleiben unerschüttert. Seit Wochen ist nichts mehr passiert. Geht doch! Und der Putz der Decke unserer Wohnküche ist nach dem Wasserschaden in der Wohnung über uns und der wochenlangen lärmenden Trocknung durch so etwas wie Dementorengeräte immer noch so brüchig, wellig und notdürftig verklebt wie vor zwei Monaten. Der Handwerker hat mir versichert, er werde bald kommen. Ich habe mir überlegt, dass ich die beschädigten Stellen zu Weihnachten gut mit Tannenzweigen abdecken könnte.

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