Und ab ist die Tür!

Was „Kottan ermittelt“ mit taz und Twitter und Theologie zu tun hat …

Satire ist eine heikle Kunst, meint unser Onlinekolumnist Christoph Markschies. Während sie einigen Serien Lebenselixier ist, geht sie anderswo auch häufiger daneben. Erwägungen aus aktuellem Anlass…

Während meiner Studienzeit lief im Fernsehen eine wunderbare österreichische Krimi-Serie, die nach einer ihrer Hauptfiguren benannt war und „Kottan ermittelt“ hieß. Besonders amüsant an den Folgen war, dass immer wieder Running Gags auftauchten. Ein besonders schöner bestand daraus, dass regelmäßig das verwendete Einsatzfahrzeug geschrottet wurde: Die ohnehin sehr spezielle und oft orientierungslose Truppe aus dem Wiener Sicherheitsbüro öffnete bei Einsatzfahrten die Fahrertür ihres Polizeiwagens immer derart unglücklich, dass ein anderes Auto in voller Fahrt gegen die geöffnete Tür fuhr und die Tür aus der Halterung riss.

Dieser Gag wurde in jeder Folge leicht variiert, einmal gelang es beispielsweise zunächst, die Fahrertür unbeschädigt zu öffnen und in der allgemeinen Freude über diesen Erfolg wurde dann die hintere Tür unbedacht aufgerissen und natürlich abgefahren. Ein andermal lehnte sich der Titelheld Kottan aus dem geöffneten Fenster der Fahrertür, bevor er sie öffnete und sagte in breitem Wienerischen Dialekt (hier ins Hochdeutsche übertragen): „Die wird auch nicht alleweil abgefahren“. Natürlich war die Tür in der nächsten Einstellung fällig.

Und wieder ein anderes Mal fuhren die Ermittler mit ihrem Wagen direkt vor eine Telefonzelle, in der ein Verdächtiger telefonierte und versperrten ihm mit der Möglichkeit, die Tür der Zelle zu öffnen, den Fluchtweg. Dann wurde heftig diskutiert, wie man den Verdächtigen nun aus der Zelle bekommen und verhaften könne, das Polizeiauto setzte zurück, beim Versuch, auszusteigen, wurde die Fahrertür abgefahren und der Verdächtige entkam natürlich im allgemeinen Chaos.

In den Folgen von „Kottan ermittelt“ wurden die Running Gags so massiert verwendet, dass man den Eindruck bekommen konnte, die ganze Serie bestünde nur aus solchen Gags und das Leben der Wiener Polizei dazu. Die Polizeigewerkschaft protestierte. Vermutlich befürchtete man, dass Zuschauende filmische Satire für Realsatire halten könnten.

In der Krimi-Reihe „Nord Nord Mord“, die auf der Nordseeinsel Sylt spielt und seit einigen Jahren im ZDF ausgestrahlt wird, werden die Running Gags sparsamer eingesetzt, sind aber durchaus auch deutliches Stilmittel. In einer Folge, die ich vor wenigen Tagen mehr zufällig sah, entdeckte ein junges Paar, das sich in den Lister Dünen lieben wollte, zunächst einen einzelnen Totenschädel im Sand, kurz darauf eine ganze Leiche am Strand und schließlich auf dem Weg nach Hause einen betäubten Mann, der in einer Kurve aus einem Lieferwagen fiel, bevor er wie andere in diesem Wagen transportierte Personen umgebracht werden konnte. Natürlich hingen alle drei „Funde“ des Paares zusammen, wie sich am Ende des Films herausstellte. Und das geschockte Paar brach natürlich den Urlaub auf der für Verliebte offenbar derart ungeeigneten Nordseeinsel ab.

Ich mag Satire insbesondere dann, wenn sie filmisch oder literarisch kunstvoll angelegt ist, ohne deswegen schwerfällig zu wirken: Die Serie der Running Gags bei „Kottan ermittelt“ wurde auf einer zweiten Ebene filmischer Erzählung noch einmal als Serie ironisiert, die Serie der schrecklichen Funde des Urlaubspaares auf Sylt war eigentlich eine Antiklimax (vom gruseligen Totenschädel zum lediglich betäubten Zufallsfund) und zugleich doch Teil einer spannungsreichen Steigerung.

Ich mag Satire nicht, wenn sie nicht kunstvoll und ironisch angelegt ist, sondern einfach nur verbal draufhaut und beispielsweise Polizisten rhetorisch auf die Mülldeponie befördert, „auf der Halde, wo sie wirklich nur von Abfall umgeben sind. Unter ihresgleichen fühlen sie sich bestimmt auch selber am wohlsten“. Da wäre es vermutlich nicht nur ehrlicher, sondern auch literarisch gelungener gewesen, mit offenem Visier eine politische Kolumne zur Polizei zu schreiben und sich nicht hinter einer halb gelungenen Satire zu verstecken.

In der heftigen Diskussion über diese vor knapp einem Monat publizierte, nicht sonderlich gelungene Satire über die Abschaffung der Polizei im Kapitalismus konnte man immer wieder etwas darüber lesen, dass die Sprache der politischen Auseinandersetzung roher wird und nicht nur stilistisch verludert. Meist gehen solche Diagnosen mit Medienschelte einher: Die großen Tageszeitungen nähern sich dem Boulevard an, um durch Skandalisierung der Themen in prekärer ökonomischer Lage mehr Exemplare zu verkaufen; bei Twitter kann man angesichts der begrenzten Zeichenzahl ohnehin nichts abgewogen darstellen und viele rotzen einfach nur hin, was ihnen gerade einfällt. Der amerikanische Präsident als stilistisches Vorbild.

Ich bin allerdings skeptisch, wenn ich solche Diagnosen lese: Der Stil literarischer Auseinandersetzungen in meinem eigenen Fach, der Evangelischen Theologie, war im neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhundert auch nicht sehr fein und einige Rezensionen in altertumswissenschaftlichen Nachbarfächern hatten sogar Duelle zur Folge. Literarische Gefechte führten also unter Umständen auf reale Tote. In der Theologie haben damals ganz prominente Zeitgenossen mindestens die akademische Existenz anderer Wissenschaftler durch Polemik und Satire ausgelöscht. Wer angesichts solcher Fälle von „akademischer Hinrichtung“ spricht, verwendet nicht nur eine Metapher, sondern beschreibt bittere Realität. Und hier wie auch sonst gilt übrigens, dass Theologen natürlich nicht automatisch die besseren Menschen sind.

Dramatisch schlimmer kann der Ton der Auseinandersetzung also seither nicht geworden sein, auch nicht in unseren Tagen und schon gar nicht durch Social Media oder die ökonomische Not der Tageszeitungen. Bevor man im Blick auf die Medien und das literarische Niveau handfesten Dekadenzmodellen folgt, lohnt im Blick auf den angeblichen Verfall und die sprachliche Verrohung vielleicht eine ganz schlichte These: Gute Satire ist ebenso wie elegante Polemik hohe literarische Kunst. Die wurde noch nie von jedem und jeder beherrscht, die sich daran versucht haben. Oder noch etwas schlichter formuliert: Einen wirklichen Nachfolger hat „Kottan ermittelt“ nicht gefunden, als nach neunzehn Folgen 1983 Schluss war. Aber man kann ja die Wiederholungen im Internet ansehen.

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