Kritik an der Papstkirche

Mirjam Wulff promoviert über ein Buch, das einst in kaum einem Kardinalshaus fehlte
Mirjam Wulff
Foto: Rolf Zöllner

Das um das Jahr 1500 geschriebene Werk Apocalypsis Nova gewährt uns wie durch ein Fenster einen unmittelbaren Einblick in die vielfältigen gelehrten und theologischen Verhandlungen der Reformationszeit, meint Mirjam Wulff.

Ich bin auf dem Land aufgewachsen – etwa zwischen Kassel und Paderborn. Meine Eltern waren in der Friedensbewegung aktiv, sie haben sich bewusst für ein Leben auf dem Land entschieden. Bei uns zuhause wurde immer viel diskutiert, das hat mich geprägt.

Nach dem Abitur habe ich zunächst am Theater gearbeitet, unter anderem am Deutschen Theater in Berlin. Dann aber war mir danach, ein klassisches Studium zu ergreifen, und die Theologie hatte mich immer schon gereizt. Während des Studiums hatte ich die Chance, ein Jahr am Melanchthon-Zentrum in Rom zu studieren, einem internationalen Studienprogramm, das Studierenden der evangelischen Theologie ermöglicht, an den römisch-katholischen Hochschulen Roms und an der Facoltá Valdese, der einzigen evangelischen Hochschule Italiens, zu studieren. In dieser Zeit habe ich unter anderem an der Hochschule „St. Anselmo“ der Benediktiner studiert, wo mich vor allem liturgische Fragen und die Geschichte des Mönchtums faszinierten.

Ich hatte mich schon in Berlin als studentische Hilfskraft mit apokalyptischer Literatur beschäftigt und merkte sofort auf, als ich während meiner Studien in Rom über eine eigenartige Apokalypse „stolperte“ – auch weil sie zwar in ihrer Zeit sehr populär war, es aber über sie so gut wie keine Forschung gibt. Es hat mich gereizt, dass ich bei der Erforschung dieses Werkes nicht Wege gehe, die schon Dutzende Forscherinnen und Forscher vor mir gegangen sind, sondern dass ich Neuland entdecke. Es geht bei meinem Promotionsprojekt, das von Professor Christoph Markschies von der Humboldt-Universität zu Berlin betreut wird, um die Apocalypsis Nova. Das war ein geheimnisvolles Buch, das Mitte des 16. Jahrhunderts in kaum einem Kardinalshaus Roms fehlte.

Geschrieben um 1500 von einem anonymen Autor, entsprach der Text der Mode, denn apokalyptische Literatur war damals sehr gefragt. Der Text kritisierte die Papstkirche und entwarf so eine Art Gegenprogramm für die Kirche mit einem zukünftigen Idealpapst, dem Pastor Angelicus. Der Anspruch des Textes war es nicht nur, alle Konflikte der Welt zu lösen – er verstand sich sogar als Fortschreibung des biblischen Kanons.

Ich begreife diese Schrift als einen Schlüsseltext, an dem sich die Emanzipation erzählender Literatur beobachten lässt, ebenso die Veränderung und Verschränkung wissenschaftlicher Diskurse an der Schwelle zwischen Mittelalter und Neuzeit. Die Apocalypsis Nova gewährt uns dabei wie durch ein Fenster einen unmittelbaren Einblick in die vielfältigen gelehrten und theologischen Verhandlungen dieser Zeit. Zudem changiert der Text zwischen Heiligkeit und unterhaltendem Spiel, zwischen Wahrheit und Erfindung.

Mir gefällt diese rund 300-seitige Schrift, da sie sowohl düster als auch unterhaltsam, fantastisch und utopisch ist. Natürlich wird dabei das damalige Zeitgeschehen gedeutet. Wie populär dieser Text war, zeigt sich auch daran, dass noch heute rund einhundert Handschriften von der Apocalypsis Nova erhalten sind. Dabei ist der Text nicht einfach zu verstehen. Lukas Wadding, der Chronist des Franziskanerordens, fand die Lektüre so anstrengend, dass ihm dabei übel geworden sei. Ich habe gottseidank eine italienische Übersetzung des Textes, und ich kann Italienisch, aber natürlich muss ich vor allem am lateinischen Originaltext arbeiten.

Die Schrift ist so kirchenkritisch, dass der berühmte Kardinal Thomas Cajetan, der 1518 in Augsburg den Reformator Martin Luther verhörte, sie als Häresie verurteilte – sie ist allerdings nie verboten worden. Die Apocalypsis Nova zeigt, dass in dieser Zeit der Reformation nicht alles sofort auf dem Scheiterhaufen landete, sondern eine offene Diskussion möglich war – zumindest bis zum Konzil von Trient (1545–1563).

Interessant ist auch, wer als Autor der Apocalypsis Nova in Betracht kommt: Es war wahrscheinlich der franziskanische Gelehrte Giorgio Benigno Salviati, der eigentlich Juraj Dragisic hieß und von 1445 bis 1520 lebte. Er war ein großer Intellektueller, der unter anderem am Fünften Laterankonzil teilgenommen hat.

Wie offen die internationale Diskussion der Intellektuellen damals war, zeigt sich unter anderem darin, dass Salviati den deutschen Humanisten und Hebräisch-Experten Johannes Reuchlin gegen Häresie-Vorwürfe in Schutz nahm, dadurch selbst in Häresie-Verdacht kam, und dann seinerseits von Erasmus von Rotterdam verteidigt wurde. Der Reformator und Luther-Mitarbeiter Philipp Melanchthon war übrigens ein Ziehsohn Reuchlins, er brach aber mit ihm, weil Reuchlin die Reformation ablehnte.

Mich reizt an der Apocalypsis Nova, dass diese Schrift mit einem Fuß fest im Mittelalter steht, mit dem anderen in eine neue Tradition hinein schreitet. Die komplexe geistesgeschichtliche Situation der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts, diese Umbruchszeit, kann mit ihr nachvollzogen werden. Daneben ist die Verspieltheit der Schrift, auch ihr Humor ansprechend, denn der hat zum Teil einen anarchischen Zug. So sagt zum Beispiel der als wichtige Figur auftretende Erzengel Gabriel in der Apocalypsis Nova, er habe die Schriften des Aristoteles schon gekannt, bevor dieser sie überhaupt aufgeschrieben habe.

Die Apocalypsis Nova zeigt, dass man mit der Dichotomie von Häresie und Orthodoxie nicht weiter kommt, sondern Autorität immer Verhandlungssache war und ist. Die katholische Kirche war damals keineswegs so unbeweglich, wie sie bei der Reformation Luthers dann schien. Eine Apokalypse ist dabei nicht, wie im heutigen Sprachgebrauch üblich, als eine Schrift über eine Endzeit zu begreifen, sondern als eine Offenbarung. Sie spiegelt jedoch das Bewusstsein der Zeitgenossen, in gewisser Weise schon am Ende einer alten Zeit zu stehen – und inmitten einer Epoche großer Dynamik, in der etwas Neues entsteht. In diesem Denken finde ich manche Parallelen zu heute.

Aufgezeichnet von Philipp Gessler

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