Gott ist zielstrebig (II)

Günter Thomas denkt angesichts der Coronaepidemie über Theologie nach
Straßenszene Berlin, Menschen mit Mundschutz
Foto: epd

Theologisches Nachdenken in Coronazeiten! Günter Thomas, Professor für Systematische Theologie an der Ruhruniversität Bochum, geht mit theologischen Fragen und Antwortversuchen ins Risiko. Heute der zweite Teil seiner Erwägungen zu den Themen Sündenlehre und Anthropologie.

Vorgestern kamen wir bis zur Schöpfung. Heute geht es weiter:

Die Sündenlehre ist in der Theologie der Ort, an dem der Menschen befreiende göttliche Widerwille Thema wird. Jenseits aller oberflächlichen Moralisierung ist es der Denkzusammenhang, an dem die Frage nach den Kräften und Mächten der Lebenszerstörung in der Schöpfung aufgeworfen wird. Hier stellt sich die Frage, wie Leiden und Sünde strikt zu unterscheiden und doch zugleich wieder aufeinander zu beziehen sind. Gerade weil es in der theologischen und der kirchlichen Vergangenheit äußerst problematische Verbindungen gab (Krankheitsleiden zeigt Sünde an, Sünde führt zu Krankheit, et cetera) ist hier große theologische Vorsicht geboten. Es ist ein notorischer Fehler der Theologie und der Kirchen, die Sünde von den Defiziten des Menschen her zu bedenken. Sogenannte konservative und sogenannte progressive Christen vertreten – eben als Moralisten – hier strukturell sehr ähnliche Irrtümer. Es ist der Widerwille des Leben fördernden Gottes, der etwas als Sünde bestimmt.

Die theologische Tradition hat die Sünde zumeist auf der Ebene willentlicher menschlicher Handlungen angesiedelt. Zügellose Gier, die sich in Handlungen zeigt, führt zur Zerstörung sozialer Beziehungen ebenso wie Lügen. Wie ist aber mit der Gewalt unterhalb des Willens, innerhalb von biologischen Prozessen theologisch umzugehen? Autoimmunerkrankungen, Krebserkrankungen und nicht zuletzt auch die Erkrankung durch das Coronavirus zeigen zerstörerische Ungleichgewichte, ‚Fehler‘ in biologischen Prozessen an. Kann man hier von Analogien der Sünde sprechen?

Endlichkeit des Menschen

Nimmt man Vulkanausbrüche, Wirbelstürme, Erdbeben und Tsunamis in den Blick, so ist die Theologie mit der Frage konfrontiert, wie sie zu diesen Formen des natürlichen Übels steht – die selbstverständlich nur in der Perspektive des rückbetroffenen Menschen betrachtet als Übel erscheinen. Weite Teile der westlichen Theologie „nach Immanuel Kant“ erklärten sich für natürliche Prozesse nicht zuständig. Der Ort der Theologie ist die Deutung der menschlichen Existenz, ihre Selbstdeutung. Es ist allerdings just die Erfahrung massiv lebensbedrohlicher Krankheit, die diesen bequemen Weg mit großen Steinen verlegt.

Mit Ausnahme der westlichen protestantischen Theologie vertreten weite Teile der Weltchristenheit immer noch die Auffassung, dass der Tod bis hin zum biologischen Tod eines Menschen „der Sünde Sold“ sei (Römer 6). In der evangelischen Theologie setzte sich die Erkenntnis durch, dass die Endlichkeit des Menschen unvermeidlicher Teil seiner Geschöpflichkeit ist. Diese Verschiebung verschärft in der Coronakrise die Frage: Welche Manifestationen menschlicher Endlichkeit und Begrenztheit sind zu akzeptierende Aspekte der ganz und gar irdischen und guten Schöpfung? Welche Aspekte sind aber Manifestationen einer tödlichen Brüchigkeit der Schöpfung, denen nur ein entschlossener Kampf zugunsten des Lebens trotzen kann? Wer jetzt sagt, dass die Alten eben sterben, gibt den Kampf auf und stellt schulterzuckend fest: So ist eben das endliche Leben. Wo verläuft aber die Grenze zwischen beiden Auffassungen? Kann es sein, dass die Verfügbarkeit eines Beatmungsgerätes darüber entscheidet?

Noch eine letzte Bemerkung zum „Klumpenrisiko“ der Sünde. Es scheint so zu sein, dass sich persönliche, aber auch soziale und kulturelle Formen der Sünde mit Vorliebe auch an Menschen und Ereignissen der Verwerfungen und Zerklüftungen des biologisch-leiblichen Lebens festmachen. So abgründig es wohl ist, aber Opfer ziehen magnetisch Täter an, die nicht helfen, sondern weiter beschädigen. Die Macht des Vitalismus tobt sich stets an den Schwachen aus. Deshalb bleibt Leiden und Sünde untergründig verbunden. Ohnmachten sind steigerbar. Der Schwache steigert die Lebensgier des Starken. Diese Phänomen muss eine theologische Rede von Sünde entschlüsseln helfen – ohne mit schnellen Empörungsgesten und Distanzhaltungen („Haltung zeigen“) die aufbrechenden Abgründe vorschnell zuzuschütten.

Anthropologie

Die Coronaepidemie räumt gleich mit mehreren liebgewonnen Vorstellungen der theologischen Anthropologie auf. Gegenläufig zu einem verbreiteten Anliegen, Freiheit und Autonomie zur Bestimmung des Menschseins ins Zentrum zu rücken, verweist das Coronavirus brutal auf die Verletzlichkeit des Menschen. Endlichkeit heißt Verletzlichkeit. Wer verletzlich ist, kann sich den Umgebungsfaktoren nicht vollständig entziehen, auch nicht den von ihnen ausgehenden Bedrohungen. Nach vielen Jahren des Lobpreises der Körperlichkeit und Leiblichkeit des Lebens macht Corona auch rücksichtslos klar: Leiblich zu existieren heißt, auf der biologischen Ebene massiv gefährdet zu sein. Corona wirft einen mächtigen Elendsschatten auf die leibliche Existenz. Der Mensch, der dachte, er sei „wenig niedriger gemacht als Gott“ (Psalm 8,6) ist doch zuerst und zumeist „Staub, der atmet“ (Genesis 2,7). Der Coronavirus erinnert daran, dass all diejenigen, die in einer langen philosophischen und theologischen Tradition den Leib als Gefängnis betrachteten, in allem Irrtum nicht frei von einem Körnchen Wahrheit waren.

Aber auch all diejenigen, die in den letzten Jahren die Kreativität in der Verletzlichkeit des Menschen betont haben, können die tiefe Zweideutigkeit der Verwundbarkeit nicht übersehen. Auch die Pandemie zeigt, dass es die gleiche Verletzlichkeit des Menschen ist, die hinter den Rachephantasien des Lamech (Genesis 4,23f.) und hinter dem Barmherzigkeitsethos des Jesaja (Jesaja 42,3) steht. Akute Ereignisse der Verletzlichkeit können ungeahnte Energien des Beistandes und brutale Egoismen entfesseln. Der Siegfried-Mythos ist eine gefährliche Erinnerung. Auch die Lebensmetapher des Kampfes ist mit Verletzlichkeit kombinierbar. Da die Verletzlichkeit gefährlich ist, ist auch ein Kampf angesagt, eben der Pflegenden und Ärzte, der Forscher und all derer, die die Folgen der Pandemie einzugrenzen suchen. Die menschliche Verletzlichkeit bleibt schillernd.

Kreative Kommunikation gefragt

Auch eine weitere Bestimmung des Menschen stellt die Coronakrise massiv in Frage. Diese Idee ist in vielfältigen Varianten in Theologie und Kirche verbreitet. Das Zauberwort heißt Relationalität. Dabei wird stets unterstellt, Relationen seinen stets gut und lebensförderlich. Die „Vergöttlichung“ des anderen und der Andersheit fallen in die gleiche Rubrik. Eine gesteigerte Konnektivität steigert aber auch das Risiko und die Gefährdung. Nicht im einfachen Sinne der sozialen Distanzierung. Jedes Leben ist in Wahrheit von förderlichen, wie auch von destruktiven Mächten und Kräften umgeben. Beide zu unterscheiden ist so schwierig wie notwendig. Menschen fördern sich und beschädigen sich gegenseitig. Dieses schillern der Sozialität ist tief eingeschrieben in die biblischen Traditionen.

Pandemien führen zweifellos zu einer geradezu paradoxen Struktur in der menschlichen Gemeinschaft: Wenn die anderen einen selbst für die Fürsorge benötigen, dann müssen sie sich aus dem Weg gehen und Distanz pflegen. Zugleich sind Menschen, die in Quarantäne leben, in besonderer Weise auf eine Versorgung angewiesen, die nicht allein „virtuell“ vonstattengehen kann. Es braucht auch Menschen, die produktiv rücksichtslos unterstützen. Es sind die Schutzgrenzen durch Schutzkleidung, die Nähe erlauben.

Für die gottesdienstliche Kommunikation ist für neue Kombinationen von Medialität und physischer Präsenz viel Kreativität gefragt. Die anthropologisch wie theologisch reiche Kommunikationsform der Fürbitte wartet auf neue Erschließungen. Dies alles sind nur Andeutungen zu den anthropologisch wie theologisch und speziell auch liturgisch spannenden Fragen sehr subtiler Gestalten von Nähe und Distanz, Relationalität über Distanz oder Nähe aufgrund von spezifischen Ebenen der Distanzierung.

Am Montag, 23. März 2020, lesen Sie an dieser Stelle die Fortsetzung der Überlegungen von Günter Thomas. Da geht es um die Themen „Christologie“ und „Kirche“. Am Mittwoch, 25.März 2020, erscheint dann der vierte Teil mit den Themen „Gottes Geist“ und „Christliche Hoffnung“ und am Freitag, 27. März 2020, der fünfte und letzte Teil zum Thema „Protestantische Ethik“.

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