Gott ist zielstrebig (I)

Die Corona-Krise könnte zu einer klareren Theologie führen
Leerer Platz vor einer Kirche
Foto: epd

Das Virus Corvid 19 legt zunehmend das öffentliche Leben lahm.  Zum Nachdenken bleibt in diesen Tagen kaum Zeit. Dennoch darf in einer solchen Krise die Theologie nicht schweigen oder einfach nur warten. Günter Thomas, Professor für Systematische Theologie an der Ruhruniversität Bochum, geht ins Risiko mit theologischen Fragen und Antwortversuchen. Er meint: „Die Coronakrise zieht alle Register der Theologie.“

Die Coronakrise fordert die Kirchen nicht nur zu neuen Formen mutiger Nächstenliebe zu Zeiten der sozialen Distanzierung heraus. Sie provoziert auch das theologische Nachdenken. Nicht nur die Ethik, auch die Dogmatik ist herausgefordert. Die Coronakrise führt zu einem tiefgreifenden Umbau der Bühne, auf dem die Kirche sich aufführt. Bewährtes tritt in den Hintergrund, Vergessenes schiebt sich in den Vordergrund. Es ist nicht nur eine thematische Schnittstelle, die wichtig wird, wie zum Beispiel Verantwortung, Schöpfung oder Theodizee. Diese Krise berührt die ganze Theologie. Um im Bild der Orgel zu sprechen: Die Coronakrise zieht alle Register der Theologie. Sie zwingt zu theologischer Ehrlichkeit und zu konstruktiver Auseinandersetzung. Diese Krise hat die Kraft, vertraute theologische Formen zu zerbröseln und Worthülsen öffentlich als das zu entlarven, was sie sind: leere Hülsen längst vergangener Gefechte.

Es gibt ja in der Tat Zeiten, in denen es die Theologie vorziehen sollte, qualifiziert zu schweigen. Hier und heute schuldet sie aber der Kirche und den denkenden Christen Orientierungsvorschläge. Pfarrerinnen und Pfarrer schulden sie ihren Gemeindegliedern. Dabei muss die Theologie wie auch die Kirche tunlichst vermeiden, aus dieser globalen Krise theologisch Honig zu saugen oder kulturelle Geländegewinne anzustreben. Ebenso sollte die Theologie besonders vermeiden, eine Flucht in die Unbestimmtheit anzutreten, eine Unverfügbarkeit des Lebens zu zelebrieren oder gar die Erfahrung von Ohnmacht religiös vertiefen zu wollen. Es steht die Fragen im Raum: Was sagen und tun wir, was die Bundeskanzlerin nicht auch schon sagt? Sagen wir als Christen, als Kirchen und als Theologen etwas, was die Bundeskanzlerin nicht sagen und tun kann, darf und muss?

Die folgenden Überlegungen sind ein Selbstgespräch mit vielen offen bleibenden Fragen. Sie nehmen aber die Tatsache als Hintergrund, dass die Thematik der Krankheit die biblischen Traditionen wie ein roter Faden durchzieht. Darüber hinaus unternehmen sie etwas auf den ersten Blick ganz Altbackenes. Sie sortieren sich selbst anhand der ganz traditionellen Themenfelder der Theologie: Schöpfungslehre, Vorsehungslehre, Sünde, Christologie, Ekklesiologie, Pneumatologie, Anthropologie und zuletzt Eschatologie. Die Ausführungen sind kurze theologische Meditationen in diesen klassischen Themen und fragen, welche Resonanzen zwischen der Coronakrise und diesen Themen sich fassen lassen. Es geht nicht um letzte Einsichten, sondern um Vorschläge von Erkenntnisrichtungen.

Schöpfung

Das Coronavirus nötigt die Theologie, den schöpfungstheologischen Blick auf die Traditionen der Schöpfung als dauernder Chaosüberwindung zu lenken. Das christliche Reden von der Schöpfung folgte über viele Jahrhunderte der Erzählung in Genesis 1. Als eine der Pointen war festzuhalten, dass die Schöpfung gut sei und es keinen Grund für ein zweites Prinzip neben Gott gebe. Ein anderer Fokus lag auf dem sogenannten zweiten Schöpfungsbericht und der damit verbundenen Anthropologie und Vorstellung von Sünde. Dieser Störfaktor Mensch rückt dann in ökologischen Theologien in den Vordergrund. Diese Entwürfe neigen durchgehend zu Harmonisierung hinsichtlich der Einbettung des Menschen in die weitere Natur. „Integrity of Creation“ oder „Bewahrung der Schöpfung“ sind die Stichworte.

Dabei gerät aus dem Blick: Christen beten nicht die Kräfte des Lebens an. Sie vergöttern nicht die Evolution und auch nicht das Leben. Der Gott der Lebendigen ist nicht das Leben selbst. Nur im Rahmen eines zu harmonisierend romantischen Verständnisses von Leben kann der Aspekt der Feindschaft, des Konfliktes zwischen den Sphären und Ebenen des Lebens aus dem Blick geraten. Schon Genesis sieht die Notwendigkeit, dass auch etwas zurückgedrängt werden muss.

Der jüdische Exeget und Theologe Jon D. Levenson hat in einer großartigen Studie mit dem Titel „Creation and the Persistence of Evil“ 1987 auf die biblisch breite Tradition der Schöpfung als Chaosüberwindung hingewiesen. Karl Barth hat schon in den 50er Jahren eine prozessorientierte, die Chaosüberwindung herausstreichende Schöpfungslehre vorgelegt. Selbst der erste Schöpfungsbericht lässt die chaotische Finsternis nicht verschwinden, sondern stellt sie neben den Tag. Der siebente Tag der Ruhe Gottes ist ohne Nacht, wie auch die Vision des himmlischen Jerusalem in der Apokalypse keine Nacht mehr kennt. Dies ist zu vergegenwärtigen, wenn die Schöpfung immer wieder als gut oder sehr gut bezeichnet wird. Sie ist nicht unüberbietbar gut. Sie ist passabel brauchbar, aber stets gefährdet durch einbrechendes Chaos.

Es ist ein Irrtum in vielen ökologischen Schöpfungstheologien den Einbruch des Chaos nur auf der Seite des Menschen zu verorten. In einer sich evolutionär entfaltenden Welt sind Risiken Teil des Prozesses. Die Schöpfung entfaltet sich mit einer nicht zuletzt auch abgründigen Freiheit, die sich auch in lebenszerstörerischen Mutationen der Viren manifestiert. Eine indianische Frömmigkeit der natürlichen Einbettung des Menschen in das Leben kann man sich nur unter zwei alternativen Bedingungen leisten: Einem guten Schuss Fatalismus oder genügend Antibiotika und anderen guten Medikamenten. Auch die religiöse Überhöhung von Relationalität und Gemeinschaft muss sich fragen lassen, wie viel Entkopplung als Bedingung des Lebens ihr schon bisher entgangen ist.

Die Frage, die heute mit der Coronakrise auf den Tisch gelegt wird, heißt: Wie verhält sich diese Virusinfektion und das mit ihr verbundene Leid zur vielfachen und lautstark behaupteten Güte der Schöpfung? Ist die Schöpfung eine Einheit von Leben und Tod zugunsten des Lebens, in der die Kräfte der Destruktion stets zurückgedrängt werden müssen? Ist die lebenszerrüttende Krankheit SARS-CoV-2 eine Manifestation dieser Mächte? Gehört diese Krankheit einfach zu den hinzunehmenden Risiken der guten Schöpfung? Oder ist sie ein Zeichen des Risses in der Schöpfung, der nach einer Neuen Schöpfung fragen lässt? Wie viel Gewalt ist eingewoben in die Netze des Lebens? Die Sintfluterzählung spricht hellsichtig vom Problem der Gewalt in allem Fleisch. Läuft in diesen Fällen die Eigenkreativität der Schöpfung, die schon in Genesis 1,24 klar gesehen wird, irgendwie aus dem Ruder?

Selbst die theologische Tradition, die sich nicht mit den Anfragen eines evolutionären Verständnisses der Natur auseinandersetzen musste, hat stets zwischen Skylla und Charybdis navigieren müssen: Die Behauptung einer unüberbietbaren Güte der Schöpfung widerspricht zunächst vielen Alltagserfahrungen. Sie steht aber auch im Konflikt mit den Visionen einer Neuschöpfung von Himmel und Erde, die die Gewaltverhältnisse im Leben hinter sich lässt. Darum frisst der Löwe Stroh in der Vorstellung (Jesaja 11), dass der Löwe seine Existenz nicht mehr als Raubtier fortführt, lebt er nicht mehr auf Kosten anderen Lebens. So wurde eine religiöse Versöhnung mit dem Elend vermieden. Zugleich wich die Tradition einer völligen Verdunklung der Schöpfung aus, die dann in gnostischen und platonischen Gedankenräumen zur Vorstellung einer religiösen Befreiung aus dem Gefängnis dieser Leiblichkeit führte. Unter den gegenwärtigen Bedingungen eine theologische Geschicklichkeit der Navigation wieder zu entdecken ist von großer Bedeutung. Religiösen Schöpfungskitsch nehmen die Menschen der Kirche mit guten Gründen nicht ab.

Gottes Vorsehung

Viel der theologischen Sprachlosigkeit angesichts lebensgefährdender Krankheit ist Teil der Krise der Vorsehungslehre. In Sachen Vorsehungslehre ist eine enorme und wohl nicht mehr überbrückbare Distanz zur Tradition mit Händen zu greifen. Allerdings gilt auch hier: Mit der entschlossenen Verabschiedung fragwürdiger Antworten sind die berechtigten Fragen noch lange nicht automatisch mit verschwunden.

In Verbindung der Idee einer Allwirksamkeit Gottes war die Vorstellung der Vorsehung, der Providenz Gottes, ein Kontingenzpuffer: Das Leiden, das die Gottlosen traf, konnte als Gericht und Strafe, das eigene Leiden als Prüfung verbucht werden. Wie weit die theologische Tradition von unseren gegenwärtigen theologischen Intuitionen entfernt ist, lässt sich an der Beantwortung der 27. Frage des Heidelberger Katechismus erkennen: „Was verstehst du unter der Vorsehung Gottes? (Apostelgeschichte 17, 25-28) Die allmächtige und gegenwärtige Kraft Gottes, durch die er Himmel und Erde mit allen Geschöpfen (Hebräer 1, 2-3) wie durch seine Hand noch erhält und so regiert, dass Laub und Gras, Regen und Dürre (Jeremia 5, 24 / Apostelgeschichte 14, 17), fruchtbare und unfruchtbare Jahre (Johannes 9, 3), Essen und Trinken (Sprüche 2), Gesundheit und Krankheit, Reichtum und Armut und alles andere uns nicht durch Zufall, sondern aus seiner väterlichen Hand zukommt.“

Wer will dies hier und heute öffentlich angesichts der Corona-Toten sagen? Welche Präses und welcher Pfarrer stehen uneingeschränkt hinter dieser Antwort? Selbstverständlich finden wir diese Theologie auch noch in beliebten Liedern des Kirchengesangbuches. Inmitten der Coronakrise kann die Kirche nicht sagen „der alles so herrlich regieret“. Die Pfarrerinnen und Pfarrer sollten diesen Zweifel aber auch nicht beschweigen. Der Weg zu diesen Texten ist zugemauert, oder?

Nicht zuletzt war es die radikal christologische Umorientierung der Theologie des 20. Jahrhunderts, die Auswege aus diesem theologischen Fatalismus zeigte. In Sachen Providenz sind wir in der gegenwärtigen Krise aber nun eingeklemmt zwischen zwei fragwürdigen Alternativen: einer mit den Eigenschaften der Allmacht und Allwirksamkeit verbundenen Gottesverdunklung und einer mit den Ideen der liebenden Begleitung in Schwachheit verbundenen Verohnmächtigung Gottes. Zu verführerisch ist die Rede von Ergebung, von Schicksal und Fatum, die nur zu einer falschen Versöhnung mit dem Elend führt.

Wie ist die nicht nur, aber auch abgründige Freiheit in der sich entfaltenden Natur mit einer treuen göttlichen Begleitung zu verbinden? Krankheit, körperliches Elend und zerbrochenes Leben stellen beträchtliche Herausforderungen für ein Reden von Gottes gegenwärtiger Vorsehung dar. Die hier aufbrechenden Probleme werden durch die Rede von Gott als „alles bestimmender Wirklichkeit“ lediglich verdunkelt. Auf der anderen Seite ist theologisch einzugestehen, dass die radikale Alternative einer Theologie, in der Gott den Prozess der Welt nur mit anzunehmenden oder auch abzulehnenden Möglichkeiten begleitet, auch nicht befriedigend. Ist nämlich Gott nur der, der situativ Möglichkeiten bereitstellt, so kann angesichts des durch Gier und Dummheit geschwächten Menschen kein rettendes Handeln Gottes ausgesagt werden.

Mancher Theologe und manche Predigt verweist bei Gottes vorsehendem Handeln gerne auf das große kosmische Bild von Schöpfung. Abgesehen davon, dass diese kosmisch weite Perspektive den kranken Menschen auch nicht hilft, verführt der Verweis auf das „grand picture“ dazu, kleine Elende als notwendiges Opfer für den großen Prozess zu betrachten. In Ansätzen findet sich dieses Denken schon in Sätzen wie. „Corona? Da sterben doch nur die Alten. Das Leben geht weiter.“

Schon die theologische Tradition ging von einer Fülle von Medien aus, durch die sich die Vorsehung Gottes vollzieht. Menschen, Organisationen und natürliche Prozesse, kulturelle und geschichtliche Kräfte sind alles Medien der göttlichen Fürsorge und Vorsehung. Sie alle sorgen nicht für das Heil, aber für das Wohl der Menschen. Allerdings war Gott selbst – um das Modell des Theaters zu bemühen – immer noch der Regisseur des ganzen Welttheaters. Für die emanzipierte Moderne ist es der Mensch mit all seinen technischen, sozialen, rechtlichen, moralischen und kulturellen Erfindungen der Lebensbewältigung, der die Rolle des Regisseurs beansprucht – auch noch in der Weltenrettung. In der Coronakrise wird aber das eigentlich Selbstverständliche überdeutlich: Der Mensch, auch die Staatengemeinschaft und all die Koalitionen der Gutgesinnten sind trotz allem richtigen und notwendigen Engagement nicht in der Lage, als Ersatz für den göttlichen Regisseur zu dienen. Theologie und Kirche sollten sich aber tunlichst hüten, mit religiöser Schadenfreude auf den Sieg des Unverfügbaren, auf Kontingenz und Ähnliches zu verweisen. Sie ringen selbst mit Antworten und fragen auf ihre Weise nach dem Regisseur.

Eine letzte selbstkritische Notiz ist noch notwendig. Die Kirchen sangen in den letzten Jahren laut im Chor der Biotechnologiekritiker mit. Fakt ist, dass eine Impfung gegen das Coronavirus aus irgen-deiner Biotechnologieschmiede kommen wird.  Was ist riskanter? Die biotechnologische Entwick-lung oder mutierende Viren? Vielleicht hat sich auch die Kirche an diesem Punkt in ihrer Ethik wenig die Nacht- und Schattenseiten der naturalen Schöpfung sehen wollen. Ein letztes Wort muss hier und heute nicht zu sprechen sein. Aber auch hier stellt die Coronakrise der Kirche und der Theologie unangenehme Fragen, die auf eine Antwort warten.

Eine Neuformulierung der Vorsehungslehre muss einerseits bei Gottes Absichten für jedes Leben, die Kirche und die Welt ansetzen, dann aber als Lehre der Ungeduld der Hoffnung entfaltet werden. Die Idee der Vorsehung Gottes formuliert dann nicht eine Einsicht in einen alles bestimmenden Gott, sondern die in eine unerbittliche, aber auch abgründig geduldige Zielstrebigkeit Gottes.

Am Freitag, 20. März 2020 lesen Sie an dieser Stelle die Fortsetzung der Überlegungen von Günter Thomas. Da geht es um die Themen Sünde und Anthropologie.

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