Zum Ossi gemacht

Dreißg Jahre Mauerfall (III): Wie die DDR auch die Nachwendekinder beeinflusst
Foto: dpa/ Ulrich Baumgarten
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Ost-Berlin am 10. März 1990: Eine junge Familie vor dem Palast der Republik.

Johannes Nichelmann wurde ein halbes Jahr vor dem Mauerfall in Ost-Berlin geboren. Obwohl er und seine Altersgenossen in Gesamtdeutschland aufwuchsen, müssen sie sich zu „Ostdeutschland“ verhalten, meint der Buchautor und Journalist. Doch das dazu notwendige Gespräch mit den Eltern kann sehr schwierig sein.

Ich weiß nicht, was Du damit machst und ob ich danach noch einen Job haben werde“, sagt mein Vater. Er neigt manchmal dazu, die Dinge extrem zu sehen. Wenn er sich gegen etwas wehrt, dann bekommt es meist etwas Existentielles. Wir haben uns zu einem Gespräch verabredet. Ziemlich ungewöhnlich, denn normalerweise schreibt sich ja niemand in den Kalender: „Samstag, Aussprache mit Papa über sein Leben DDR.“ Aber jetzt sitzen wir hier. Ich will nicht weniger als endlich wissen, wer mein Vater eigentlich ist. Denn ich weiß wenig bis gar nichts darüber, wie er wurde, was er ist.

Mein Vater hat schwarze Haare, tiefe Geheimratsecken und auf seiner Nase sitzt eine Brille mit schwarzem Rahmen. Er ist ein ernster Mann. Oft wirkt er gestresst und abgekämpft. Wir sitzen seit einer halben Stunde auf einem kleinen Sofa, befinden uns mitten in einem Gespräch, das wir in dieser Form noch nie geführt haben. Ich unterbreche die Unterhaltung. „Papa, irgendwie ist die Stimmung hier gerade sehr angespannt. Warum?“ Wie zur Bestätigung verschränkt er seine Arme. „Ich weiß ja schon eine ganze Weile, dass Du es vorhast, mich zu fragen, und ich grüble die ganze Zeit darüber nach“, sagt er, „und bei einigen Deiner Fragen“, er macht eine Pause, „kommt das halt so klischeemäßig rüber.“

Die erste Frage, die ich meinem Vater kurz zuvor gestellt hatte, war: „Was war die DDR?“ Dass ich die eindeutig falsche Frage gestellt hatte, erklärt er mir, nachdem ich ihn auf die schwierige Stimmung im Raum anspreche. Ich hatte mir den Dialog zwischen den Generationen leichter vorgestellt.

Viele Anekdoten

Es gibt zwei physische Beweise, die belegen, dass ich nicht in dem Staat aufgewachsen bin, in dem ich geboren bin. Meine Geburtsurkunde und mein Impfausweis tragen das Emblem der DDR. Ich bin in Ost-Berlin geboren, ein halbes Jahr vor dem Mauerfall. 1989 – im Jahr der friedlichen Revolution. Mit den Zehen steckt meine Generation der Nachwendekinder noch in der DDR – aufgewachsen sind wir aber in einem Gesamtdeutschland.

Aber auch als Nachgeborene müssen wir uns bis heute zu unseren Wurzeln und denen unserer Familien verhalten. Genauer gesagt, müssen wir uns zu „Ostdeutschland“ verhalten. Ohne vielleicht genau zu wissen, was dieses „Ostdeutschland“ eigentlich sein soll. Zu Hause wurde – wie vermutlich in jeder Familie dieser Welt – viel Anekdotenhaftes erzählt. Von Urlauben, vom Alltag in der Schule, vom Familienhund. Das ganz normale Leben. Ziemlich unpolitisch. Im Fernsehen dann das komplette Gegenteil: Hier war die DDR zumeist schwarzweiß, trist, grau, gefährlich. Nur in Ostalgie-Shows durfte sie kurz ein überdrehtes Disneyland mit Plaste-Autos, stolzen Olympiasiegerinnen und Rotkäppchen-Sekt sein. Auch nicht besser.

Insgesamt habe ich das Gefühl, dass die DDR entweder ein vierzig Jahre lang andauernder Sommerausflug an den See oder ein niemals enden wollender Aufenthalt im Stasi-Knast war. Es kommt immer darauf an, wen man fragt. Es ist so, als würden viele verschieden Erinnerungsfetzen durch die Luft schweben. Wenig Konkretes. Für mein Buch (Literaturangabe am Ende des Textes) habe ich Nachwendekinder und ihre Eltern getroffen, um genau darüber zu sprechen. In diesem Artikel will ich einen Teil meiner Geschichte erzählen.

Bei meiner Recherche musste ich lernen, wie schwierig es ist, sich den Biographien unserer direkten Vorfahren zu nähern, sie zu hinterfragen, ohne sich wie ein Verräter oder ein Eindringling vorzukommen. Es fühlt sich seltsam und falsch an, bei den eigenen Eltern nachzubohren. Meine Bereitschaft, mich mit ihnen zu identifizieren, ist nicht gerade gering. Deutlich spürbar ist ihre Angst, offen über das Leben und die eigene Rolle in der DDR zu sprechen. Über den Beitritt zur sed, über den Glauben an den Sozialismus, über den schmalen Grad des richtigen Lebens im Falschen. Befürchten sie, wir, ihre Kinder, würden sie moralisch verurteilen?

Ein Nachwendekind gab mir mit auf den Weg: „Natürlich können wir Nachwendekinder gnadenlos sein, weil wir ja nichts verteidigen müssen.“ Wir sind zwar nicht frei vom Einfluss der Propaganda aus Ost und West, können aber mit Abstand auf die DDR blicken. Wir haben sie nicht erlebt. Am 3. Oktober 1990 hörte sie auf zu existieren. Dennoch sind wir Nachwendekinder kulturell mit ihr aufgewachsen. Der untergegangene Staat wirkt nach – nicht zuletzt durch die Erziehung in der Familie und der Schule.

Identität stiften

Inzwischen beschäftigt sich auch die Soziologie mit dieser Generation. Die Otto-Brenner-Stiftung hat im Frühjahr 2019 eine Studie über die Nachwendegeneration veröffentlicht. Darin wurde unter anderem gefragt, inwiefern sich junge Ostdeutsche mit Ostdeutschland identifizieren. Die Ergebnisse wurden mit den Haltungen von jungen Westdeutschen verglichen. Im Westen identifizierte sich weniger als jede zehnte befragte Person primär mit Westdeutschland. In Ostdeutschland gab jede fünfte Person an, sich eher als Ostdeutsche oder Ostdeutscher denn als deutsch zu identifizieren. „Unter denjenigen Ostdeutschen, die ihre eigene wirtschaftliche Lage oder die ihrer Region als schlecht empfinden, ist der Anteil noch etwas höher. Für sie ist Ostdeutschland identitätsstiftender als Deutschland“, schreiben die Autoren Rainer Faus und Simon Storks. Weiterhin melden sie, dass sich 59 Prozent der Westdeutschen mit Westdeutschland und 68 Prozent der Ostdeutschen mit Ostdeutschland verbunden fühlen.

Befragt wurden in explorativen Tiefeninterviews jeweils 15 Menschen aus Ost- und Westdeutschland zwischen 18 und 29 Jahren, die also ab 1989 geboren wurden. Außerdem haben sie eine repräsentative Online-Befragung unter knapp zweitausend Mitgliedern der Nachwendegeneration durchgeführt.

Ich glaube: Als Nachwendekind ist man nicht zwangsläufig als Ossi geboren, sondern man wird zum Ossi gemacht. Im Frühjahr 2003 zog ich mit meiner Familie von Berlin nach Bayern. Meine Mutter hatte dort einen neuen Job bekommen. Mit Sack und Pack zogen wir in eine klitzekleine Gemeinde, wo beinahe Vollbeschäftigung herrscht, die Freiwillige Feuerwehr und der Schützenverein die Macht haben und die Formel für die eigene Identität plötzlich mit einem Artikel versehen und durch ein Komma getrennt wird. Es ist meine Verwandlung in „den Nichelmann, Johannes“. Bis dahin spielte all das Ost-West-Zeug für mich überhaupt keine Rolle. Aber in der neuen Schule war ich auf einmal „der Ossi“ – für die Lehrkräfte, aber auch für Schülerinnen und Schüler.

„Es ist kein Wunder, dass Ihr Sohn in der Schule so schlecht ist“, sagte mein neuer Klassenlehrer. Er hatte meine Mutter zum Elternsprechtag vorgeladen. Es ging bei dem Treffen, mal wieder, um meine mangelnden Leistungen in fast allen Fächern. In Englisch, Mathematik, Physik, Betriebswirtschaftslehre und in Informationstechnologie stand ich auf Fünf, in Musik sogar auf Sechs. In Erdkunde, immerhin, auf Zwei. Den letzten Satz in der Beurteilung brauchte es da eigentlich gar nicht mehr: „Das Vorrücken in die nächsthöhere Jahrgangsstufe ist sehr gefährdet.“ Der Grund lag für den frisch verbeamteten jungen Realschullehrer auf der Hand: „Sie kommen ja aus dem Osten!“ Will sagen: Kinder aus Bayern sind offenbar besser als Kinder von „drüben“.

Ich wurde gefragt, warum ich „kein Ossisch“ sprechen würde oder ob man in der DDR wirklich erschossen wurde, wenn man auf der Straße gerannt ist. Fragen meiner Mitschülerinnen und Mitschüler an einen Exoten. Daraus mach ich ihnen heute keinen Vorwurf – aber es zeigt, wie sehr die Mythen und Vorurteile weitervererbt worden sind. Auf beiden Seiten natürlich. In dieser Zeit begann ich, „den Osten“ erbittert zu verteidigen. Ich wollte nicht aus einem Landstrich kommen, in dem alles furchtbar und elend war – so, wie es mir nun auf einmal tagtäglich vermittelt wurde.

Meine Biolehrerin empfahl mir damals, mich schleunigst zu integrieren. Mir war gar nicht klar, was sie genau damit meinte. Es war ein Gefühl der doppelten Ohnmacht. Das Ankämpfen gegen die Diskriminierung und das Gefühl, die eigene Herkunft gar nicht erklären zu können. Denn irgendwann fiel mir auf, dass ich überhaupt nicht wusste, was ich da eigentlich verteidige. Im Geschichtsunterricht spielte die DDR keine Rolle. Da ging es um das Wirtschaftswunder, um die raf oder Helmut Kohl. Nicht um die Geschichte der Menschen, mit denen ich aufgewachsen bin.

Tabuthemen

Zurück zum ersten Gespräch mit meinem Vater über sein Leben in der DDR und die Frage, warum er nie mit mir darüber sprechen wollte. Ich wollte also zu Beginn wissen, was für ihn die DDR bedeutete. „Was die DDR war?“, sagte er, „unser sozialistisches Vaterland. Der Friedensstaat.“ So hatte er das Wesen des Arbeiter- und Bauernstaats halbironisch zusammengefasst und nach einer kurzen Pause hinzugefügt: „Was soll ich Dir sagen? Wenn ich diese Frage bekomme, habe ich nicht die Möglichkeit, es wirklich real zu machen. Wenn ich es jemandem erkläre, kann ich mich entweder rechtfertigen, warum ich gemacht habe, was ich gemacht habe, oder ich kann so tun, als ob ich schon immer dagegen gewesen wäre. Als ob ich alles blöd gefunden hätte und jetzt froh sei, dass es vorbei ist.“ Um zu verstehen, was war, sagt mein Vater, könne man nicht in großen Kategorien denken. „Vieles war einfach das normale Leben.“ Natürlich habe er sich nicht von 1965 bis 1990 in die Vogelperspektive begeben und diesen Staat als ein Großes und Ganzes betrachtet. Die DDR sei für ihn die DDR, die er erlebt hat.

Ich weiß, dass mein Vater seinen Wehrdienst bei der nva als Soldat an der Grenze ablegte und dass er mit jungen Jahren in die sed eingetreten ist. Themen, über die wir noch nie gesprochen haben. Tabuthemen. Nach einer intensiven Trauerphase über den Untergang der DDR und des Sozialismus, beschloss er im Herbst 1990 einfach alles hinter sich zu lassen.

„Jetzt gibt es das neue Land, die neuen Möglichkeiten. Ich brauch‘ dem jetzt nicht mehr nachzutrauern. Ich habe über das, was ich gemacht habe und warum ich es gemacht habe, auch nicht mehr groß nachgedacht.“ Mein Vater beschließt, nie wieder ein Parteiabzeichen zu tragen. „Es ist die Angst zu sagen, jetzt machst Du wieder das Falsche.“

Es ist der Anfang. Über ein halbes Jahr lang führen mein Vater und ich immer wieder Gespräche. Er erklärt mir, warum er in die Partei gegangen ist, woran er glaubte und wie hart der Aufprall war, als sich herausstellte, dass vieles gar nicht stimmte, was der Staat ihm tagtäglich vorgebetet hatte. Ich bin als Reporter auch dabei, wenn andere Nachwendekinder auf ihre Eltern treffen. Wenn Dinge ans Licht kommen, die überraschen, die schmerzen, die aber auch verstehen lassen, warum die Dinge gelaufen sind, wie sie gelaufen sind. Auf familiärer, aber auch auf gesellschaftlicher Ebene.

„Wir“ Nachwendekinder haben zwar eine andere Perspektive auf die DDR, doch wenn wir den Dialog mit unseren Eltern und Großeltern nicht suchen, werden wir nicht in der Lage sein, gemeinsam etwas aus diesem Teil der deutschen Geschichte zu lernen. Wir werden außerdem nicht in der Lage sein, einige der politischen Schieflagen im Osten zu lösen. Noch ist es nicht zu spät, damit anzufangen.

 

Literatur

Von Johannes Nichelmann ist in diesem Herbst das Buch „Nachwendekinder – die DDR, unsere Eltern und das große Schweigen“ erschienen. Ullstein Fünf, Berlin 2019, 272 Seiten, Euro 20,–.

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