Autoritäre Neigungen

Christian Meinefeld forscht über evangelische Zeitschriften in der Weimarer Republik
Foto: Thomas Eisenkrätzer

Die Doktorarbeit des Kieler Religionsphilologen Christian Meinefeld vergleicht die politische Haltung von konservativen und liberalen Kirchenblättern zur ersten deutschen Demokratie.

Ich habe im Rahmen eines Masterstudiengangs Englisch, Geschichte und evangelische Theologie studiert, um Lehrer zu werden. Nach Abschluss meiner Dissertation möchte ich das Referendariat antreten. Da ich historisch interessiert und politisch engagiert bin, wollte ich eine Doktorarbeit schreiben, in der sich beides berührt. Mein Doktorvater Andreas Müller, der an der Theologischen Fakultät der Universität Kiel Kirchengeschichte lehrt, schlug mir vor, über die Politik in der evangelischen Presse der Weimarer Republik zu promovieren. Begonnen habe ich mit der Arbeit 2017, und beenden möchte ich sie im kommenden Jahr. Die Bedeutung der Presse dieser Zeit für die politische Orientierung in evangelischen Milieus kann kaum unterschätzt werden.

Als gebürtiger Kieler untersuche ich ein regionales konservatives Kirchenblatt, das Sonntagsblatt fürs Haus. Es erschien im nordfriesischen Breklum, das als Sitz einer Missionsgesellschaft ein geistliches Zentrum der lutherischen Landeskirche Schleswig-Holsteins war. Diese Zeitschrift wurde vor allem auf dem Land gelesen und zwar von Laien. In der Sparte Aus Welt und Zeit wurden politische Vorgänge berichtet und kommentiert. Das überregionale konservative Blatt, das ich untersuche, die Allgemeine Evangelisch-Lutherische Kirchenzeitung, hatte ebenfalls eine politische Rubrik mit Namen Wochenschau.

Neben den beiden konservativen Publikationen durchforste ich auch zwei liberale Blätter. Von überregionaler Bedeutung war die Christliche Welt, die Martin Rade herausgegeben hat, liberaler Theologe und Mitglied der linksliberalen Deutschen Demokratischen Partei. Daneben untersuche ich das Schleswig-Holsteinische Kirchenblatt und sein Nachfolger Volk und Kirche. Das Blatt, das sich vor allem an Pastoren richtete, war anders als sein Titel klingen mag, ebenfalls liberal geprägt.

In den konservativen Blättern spielt der Vertrag von Versailles eine große Rolle. In der Neujahrsnummer 1919 des Sonntagsblatts fürs Haus schreibt der Breklumer Pastor Matzen: „Was uns erwartet, ist kein ehrenvoller, sondern ein schmachvoller Friede, kein Friede, der unsere Zukunft sichert, sondern ein Friede, der unsere Zukunft in tiefstes Dunkel hüllt. Hinzu kommen die Wirren im Inneren. (…) Wird es noch dahin kommen, daß unser Volk sich selbst zerfleischt? (…) Gibt’s denn keinen Lichtblick in diesem tiefen Dunkel? Es gibt einen Lichtblick: Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit.“

In den konservativen Blättern wird implizit immer wieder eine Gesinnungsgemeinschaft zwischen Autoren und Lesern suggeriert, die sich politisch rechts verortet, ohne sich einer bestimmten Partei zuzuordnen. Klar ist die Ablehnung der Sozialdemokraten und der katholischen Zentrumspartei, die als Steigbügelhalter der spd angesehen wird. Die Furcht vor dem Bolschewismus, die beschworen wird, bildet ein bleibendes Leitmotiv. Und die Allgemeine Evangelisch-Lutherische Kirchenzeitung illustriert das gegen Ende der Weimarer Republik durch regelmäßige Berichte von Gräueltaten, die in der Sowjetunion begangen werden.

Die beiden konservativen Blätter sind überzeugt, dass nur die politische Rechte Deutschland vor dem Bolschewismus schützen kann. Ihm kann nur Einhalt geboten werden, wenn Deutschland mit einer Stimme spricht, statt in Parteien zu zerfallen. Die Sehnsucht nach der Monarchie nimmt mit der Zeit ab und wird durch die Forderung eines „autoritären Staates“ ersetzt, ein Begriff, der in der Allgemeinen Evangelisch-Lutherischen Kirchenzeitung auftaucht. Über den Parlamentarismus wird Hohn und Spott ausgegossen. Und von Reichspräsident Paul von Hindenburg, den die konservativen Blätter schon bei der Reichspräsidentenwahl 1925 gegenüber dem Zentrumsmann Wilhelm Marx favorisierten, wird erwartet, dass er dem Parteienstreit Einhalt gebietet. Eine starke Rolle spielt in den konservativen Blättern auch der „Erbfeind“ Frankreich, der nach Reparationen gierte und so Deutschland schwächte und für den Bolschewismus reif machte.

An einem Punkt unterscheiden sich die beiden Blätter. Das Breklumer Sonntagsblatt empfiehlt die Wahl des Christlich-Sozialen Volksdienstes. Gegründet wurde diese Partei 1929 von Mitgliedern der Deutsch-Nationalen Volkspartei, die den industriefreundlichen Kurs des Vorsitzenden Alfred Hugenberg ablehnten, und von Protestanten aus dem landes- und freikirchlichen Pietismus. Die Allgemeine Evangelisch-Lutherische Kirchen-zeitung lehnt das Projekt einer evangelischen Partei analog zum Zentrum ab, weil sie eine Zersplitterung des rechten politischen Lagers befürchtet.

Die pietistische Prägung des Breklumer Sonntagsblatts zeigt sich auch in seiner Ablehnung des Alkohols und dem Lob der Prohibition in den usa. Unterstützt wird eine Unterschriftensammlung dafür, dass Kommunen restriktive Verordnungen gegen den Verkauf und Konsum von Alkohol erlassen dürfen. Und das Christlich-Soziale äußert sich im Sonntagsblatt auch in der Thematisierung der Wohnungsnot, die als eine Ursache der Verwahrlosung von Menschen angeprangert wird. Die Allgemeine Evangelisch-Lutherische Kirchenzeitung warnt dagegen vor einer zu starken Belastung der Unternehmen. Bemerkenswert ist, dass sich das Sonntagsblatt bei der Reichspräsidentenwahl 1932 für Hindenburg ausspricht und damit gegen Hitler.

Im Unterschied zu den beiden konservativen Blättern versteht sich die Christliche Welt in gut liberaler Weise als Forum für den Austausch von Meinungen und Überzeugungen. Das Spektrum reicht von Religiösen Sozialisten bis zu Deutschnationalen. Aber in seinen Kommentaren tritt Herausgeber Martin Rade für demokratische Strukturen ein, nicht nur im Staat, sondern auch in der evangelischen Kirche. Für eine parlamentarisch organisierte Kirche und gegen ein starkes Bischofsamt engagiert sich auch das Schleswig-Holsteinische Kirchenblatt.

Martin Rade schrieb 1924: „Die Kirchenzeitungen und Gemeinde- und Sonntagsblätter sind voll von Politik. Einige (…) übertreffen an Ungereimtheit und Fanatismus die ausdrücklichen Parteiblätter und Tageszeitungen (…) Aber ist nun wirklich alles fromm, der Gerechtigkeit und dem Frieden dienend, was diese Blätter allsonntäglich ihren Lesern darbieten?“

Als 1989 geborenen Demokraten erschüttert es mich immer wieder, wie massiv die konservative evangelische Presse gegen die Demokratie gehetzt und einen autoritären Staat gefordert hat. Gleichzeitig empfinde ich große Sympathie für Martin Rades Linie, verschiedenen Meinungen ein Forum zu geben, die sich aber dann dem argumentativen Diskurs stellen müssen.

Aufgezeichnet von Jürgen Wandel

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