Mehr Licht!

Warum Karl Barths Theologie aktueller denn je ist
Foto: epd
Der Theologe Karl Barth (1886-1968) während eines Referates in der Evangelischen Gesellschaft in Wuppertal, März 1956.

Der Nürnberger Theologe Ralf Frisch weigert sich, dem vorherrschenden Anthropozentrismus in der Theologie unserer Gegenwart nachzueifern, der in trostlosen Moralismus führt. Frisch ist vielmehr davon überzeugt, dass gerade heute die theologischen Grundannahmen Karl Barths der bessere Weg des Denkens von und mit Gott ist. Eine Liebeserklärung.

Kürzlich fand die 53. Internationale Karl-Barth-Tagung in Bettingen bei Basel statt (siehe auch zz-Beitrag hier). In einem Pausengespräch wurde ich dort mit einer Frage konfrontiert, die mich ein wenig überrumpelte, weil im Rahmen einer Barth-Tagung eigentlich nicht mit ihr zu rechnen war. Ob es heute eigentlich noch Barthianer gebe und woran man sie erkenne, fragte einer. Ich bin mir nicht mehr hundertprozentig sicher, was ich antwortete. Ich glaube, ich sagte, dass es nicht darum gehe, Barthianer im Sinne einer Barth-Sprechpuppe oder eines epigonalen Nachbuchstabierers zu sein, sondern ein Vorstellungsvermögen davon zu entwickeln, was Karl Barth heute sagen würde und wie Barths Theologie angesichts der Herausforderungen unserer Gegenwart aussehen könnte. Barthianer könne man, wenn man denn einer sein wolle, nur sein, wenn man den Fragen und Antworten einer Epoche nicht auf den Leim gehe, sondern geistesgegenwärtig, gottesgegenwärtig, vor allem aber frei bleibe. Evangelisch frei.

Eigentlich bin ich auch im Rückblick einigermaßen zufrieden mit meiner etwas improvisierten Antwort. Doch seltsamerweise schwelt die Frage auch nach Tagen noch in meinem Hinterkopf. Aber warum? Wahrscheinlich deshalb, weil sie ins Herz der gegenwärtigen Theologie und womöglich sogar ins Herz der deutschen Gesellschaft der Gegenwart trifft.

Exotischer Vogel

Was ist ein Barthianer? – Mir kommt es derzeit so vor, als werde jemand bereits dann für einen Barthianer oder eine Barthianerin gehalten, wenn er oder sie dazu neigt, an Gott als eigenmächtigen, eigensinnigen und lebendigen Akteur zu glauben. Als Akteur also, der nicht mit dem Agieren von Menschen identisch ist, sondern seiner­seits auf menschliches Agieren reagieren, sich also dazu verhalten kann.

Wenn diese Beobachtung zutrifft, wäre das höchst bemerkens­wert, um nicht zu sagen bedenklich – zumal unter der Voraussetzung, dass das Wort „Barthianer“ ja meist mit einem gewissen Unterton ausgespro­chen zu werden pflegt, der zwischen Befremden, Mitleid und Süffisanz changiert. Als habe man es dabei mit einem exotischen Vogel zu tun, der zwar irgendwie inter­es­sant ist, aber eben so interessant, wie jemand ein Essen, das ihm im Grunde nicht schmeckt, als „interessant“ bezeichnet. Der Franke greift angesichts befremdlicher Mahlzeiten gelegentlich zu einer Formulierung, die besonders gut zu Barths exotischer Theologie des ganz Anderen und deren Ablehnung passt. Er sagt innerlich naserümpfend, das ihm Vorgesetzte sei „mal was Anderes“.

Wenn also Barthianer in der theologischen Zunft deshalb als komische Vögel belächelt oder als „letzte Mohikaner“ bewundert werden, weil sie an Gott glauben, dann ist das ein sicheres Indiz dafür, dass die Theologie eigentlich mit der Vorstellung Gottes als eines lebendigen Akteurs abgeschlossen hat und diese Vorstellung allenfalls für eine Metapher zu halten vermag – genauer gesagt für die Metapher einer bestimmten Gestalt menschlichen Daseins und menschlicher Daseinsbewältigung.

Mir scheint, als stünden nicht wenige Theologinnen und Theologen meiner Gegenwart derart über der Gottesfrage, dass sie atheistischen Psychologen gleichen, die nichts dagegen haben, wenn die existenziell oder womöglich sogar religiös beunruhigten Menschen, die ihnen gegenübersitzen, beten, und die diesen Menschen daher mit auf dem Schreibtisch aufgestützten Ellenbogen und einander federnd berührenden Fingerspitzen beider Hände ermutigend zureden, es ruhig zu versuchen. Nütze das Beten nichts, so könne es doch nichts schaden. In jedem Fall stärke es die Resilienz.

Ist Gott „durch“?

Nehmen wir also an, es wäre tatsächlich so, dass Gott in der Theologie einer kirchenferner und atheistischer werdenden aufgeklärten Welt eigentlich „durch“ ist und dass diese Welt ihn hinter sich gelassen hat. Nehmen wir an, es wäre tatsächlich so, dass er in einer Welt, deren exakte Wissenschaften und Katastrophenerfahrungen sich erfolgreich als Glaubens- und Gotteskiller bewährt haben, nurmehr als Fremdkörper, als peinliches, naives, gespenstisches Wort ein gleichsam untotes Da­sein führt. Und nehmen wir an, es gäbe tatsächlich immer mehr Kirchen, in denen das Wort „Gott“ nur noch dazu verwendet wird, in etwas höherem Ton vom Menschen zu reden. Was wäre dann?

Dann wäre absehbar, dass Kirche und Theologie und vielleicht auch der christliche Glaube allmählich von der Bildfläche der Welt verschwinden wie am Meeres­ufer ein Gesicht im Sand. Und dann wäre es tatsächlich an der Zeit und vielleicht sogar notwendig, an Karl Barths theologische Flaschenpost zu erinnern. Und zwar nicht um Karl Barths willen. Sondern um Gottes willen. Das mag pathetisch und vorgestrig klingen, aber es könnte die Wahrheit sein.

Das Heilige – erschütternd und erhebend

Vor gut einhundert Jahren rief Karl Barths Theologie der Krise etwas oder vielmehr jemanden in Erinnerung, den die Theologie seiner Zeit vergessen zu haben schien. Barth erinnerte die Theologie daran, dass sie nicht gut daran tut, ihre Rechnung ohne Gott zu machen, also Gott aus allen Kalkulationen herauszukürzen oder durch andere Größen zu ersetzen. Vor allem erinnerte Barth die Theologie daran, dass Gott und Theologie zweierlei sind, dass also Gott nicht durch die Theologie definiert, beherrscht oder gezähmt werden, sondern allenfalls – wenn überhaupt – als der ganz Andere in sie einfallen kann. Das, woran Barth seinerzeit erinnerte, ist eigentlich erschütternd trivial. Aber der Schweizer Dorfpfarrer erschütterte damit die theologische Welt. Er erschütterte sie, indem er sie geradezu expressionistisch mit einer Theologie konfrontierte, in der eine große, unheimliche, bedrohliche, aber auch heilsame Unruhe pulsierte – eine Unruhe, von der Theologie und Kirche damals wie heute lieber in Ruhe gelassen werden wollen.

Letztlich war der Glutkern von Barths Denken der Gott, der Furcht und Zittern, Erschrecken und Erheben auslöst. Der Theologe und Religionsphilosoph Rudolf Otto hatte dieses göttliche mysterium fascinosum et tremendum im Jahr 1917 in seinem Jahrhundertwerk „Das Heilige“ nahezu zeitgleich mit Karl Barth wiederentdeckt. Auch Barth ging es um das Heilige. Er nahm bis zur Selbstverstümmelung und Selbstkastration der daher – ein wenig hilflos – dialektisch genannten Theo­logie ernst, dass niemand, auch nicht die Theologie, dieses Heiligen Herr werden kann. Zugleich wusste Barth instinktiv, dass jede Theologie, für die das Heilige seine Anziehungskraft verloren hat, letztlich nichts ist. Barths Denken zehrte mit anderen Worten von einer unauslöschlichen Überzeugung, die das Zeitalter des Anthropo­zän immer nachhaltiger auszulöschen beginnt – der Überzeugung nämlich, dass die mit den Mitteln menschlicher Rationalität detektierbare, bearbeitbare und zerstörbare Wirklichkeit nicht die letzte Wirklichkeit ist, sondern dass hinter ihr, über ihr, unter ihr und um sie ein Geheimnis waltet – ein Geheimnis, das in der Gestalt Jesu Christi ins menschliche Dasein eingebrochen ist, um die unfassbare Unterschiedenheit von Mensch und Gott um so erschütternder, aber eben auch um so erhebender zum Vorschein kommen zu lassen. Barth war zeitlebens davon überzeugt, dass die Spannungen des Diesseits überhandnehmen und unerträglich werden, wenn Menschen von der Spannung zwi­schen Himmel und Erde nichts mehr wissen wollen. Er war davon überzeugt, dass der christliche Glaube und die zivile Gesellschaft in sich zusammenfallen, wenn – und sei es im Namen der Mensch­werdung Gottes – Himmel und Erde ineinsfallen.

 Dass es zum Wesen Gottes gehört, dieses Wesen menschlicherseits nicht begreifen und erfassen zu können, aber dass es zum Wesen der Theologie gehört, wie der überlange, vielleicht sogar ein wenig zitternde Zeigefinger des Täufers in Grünewalds Isenheimer Altar auf die rätselhafte, befremdliche und rettende Wirklichkeit Gottes hinzuweisen, brachte Karl Barth 1922 im wohl berühmtesten theologischen Satz des 20. Jahrhunderts auf den dialektischen Punkt: „Wir sollen als Theo­logen von Gott reden. Wir sind aber Menschen und können als solche nicht von Gott reden. Wir sollen beides, unser Sollen und unser Nicht­-Können, wissen und eben damit Gott die Ehre geben. Das ist unsre Bedrängnis. Alles Andre ist daneben Kinderspiel.“[1]

Tänzer auf dem Nullpunkt

Wahrscheinlich ist ein Barthianer jemand, der die Behauptung riskiert, dass dieser Satz auch mehr als einhundert Jahre später exakt beschreibt, worum es in Theologie und Kirche gegenwärtig und in Zukunft gehen müsste, damit von der Theologie und von der Kirche zu Recht gesagt werden kann, dass die Kirche Kirche und dass die Theologie Theologie ist. Wahrscheinlich ist ein Barthianer jemand, der die Fest­stellung wagt, dass sich die Theologie heute ebenso am Nullpunkt[2] befindet wie Karl Barths Theologie, die vor ziemlich genau einem Jahrhundert auf diesem Nullpunkt zunächst zu balancieren versuchte und später darauf zu tanzen begann.

Bekanntlich entfernte sich Karl Barth in den 1930er-Jahren, also im Angesicht der zweiten großen Kriegskrise des zwanzigsten Jahrhunderts, von der negativen Dialektik der Theologie der Krise seiner Frühphase und ging anders zum Angriff auf den Geist seiner Gegenwart über – nicht mehr expressionistisch eruptiv, sondern mit der großen, wie ein breiter Strom souverän dahinfließenden Gegenerzählung seiner „Kirchlichen Dogmatik“. Unter veränderten historischen Bedingungen hatte Barths großes Ja eigentümlicherweise ebenso große und ebenso verstörende Kraft wie das große Nein, mit dem er eine Generation zuvor auf den Plan der Theologiegeschichte getreten war.

Ich habe mich lange gefragt, warum die „Kirchliche Dogmatik“ derart überwältigend und derart erhebend ist. Irgendwann fand ich zufällig die Antwort: in Bertolt Brechts Gedicht „Erinnerung an die Marie A.“. Was Brecht dort über eine Wolke am Himmel sagt, gilt auch für das gelöste, vielleicht sogar erlöste Kinderspiel, zu dem Barths Theologie, die wie eine Scheherazade unbändig gegen das Grauen anerzählt, je länger je mehr wurde: sie ist „sehr weiß und ungeheuer oben“[3].

Vermutlich gibt es zwei Arten von Theologen und Theologinnen. Die Einen, denen diese Theologie in mehrfacher Hinsicht zu weiß und zu weltfern ist. Und die Anderen, die sogenannten Barthianer, die der Überzeugung sind, genau eine solche Theologie fehle unserer Gegenwart. Eine Theologie also – oder vielmehr eine Christologie – die den Versuch unternimmt, unter dem Eindruck der Menschwerdung Gottes einen Standort einzunehmen, der – wie Theodor W. Adorno formuliert hat – „dem Bannkreis des Daseins, wäre es auch nur um ein Winziges, entrückt ist“[4].

Ich, der ich wohl doch zu den Barthianern gehöre, bin mir sicher, dass man es unserer theologischen und vielleicht auch unserer kirchlichen, ganz gewiss jedenfalls der öffentlichen Theologie unserer Gegenwart einst retrospektiv anmerken wird, dass sie genau deshalb zu einer im nachhinein nicht nennenswerten, belang­losen, vor allem aber trostlosen theologischen Angelegenheit, gleichsam zu einer salatblattartigen Beilage des Anthropozän wurde, weil sie vielleicht doch zu sehr vom Bannkreis des Daseins gebannt und nicht verrückt genug war, um sich daraus verrücken zu lassen und weil sie letztlich weder Sinn noch Geschmack für das eigentlich theologisch Ungeheuerliche, nämlich den weltüberlegen weltbewegenden Gott – oder archaischer gesagt: den Vater im Himmel hatte.

Theologie ohne Oberlicht

In dem Vortrag „Das Geschenk der Freiheit“ aus dem Jahr 1953, den es sich im Originalton nachzuhören lohnt[5], findet sich ein großartiges Aperçu des Mozartliebhabers Karl Barth. Sehr heiter, weise, von weither und ungeheuer oben – eben so, wie die Musik Wolfgang Amadeus Mozarts – könnte es ins Herz unserer theologischen Gegenwart hineingesagt sein, damit diese Gegenwart es sich ins Herz und hinter die Ohren schreibe: „Es gibt“, so Barth, „so viel tief ernsthaft, fromm, gelehrt und scharfsinnig unternomme­ne und durchgeführte Theologie, der nur gerade das Oberlicht und damit die Serenität fehlt, ohne die der Theologe ein trüber Gast auf der dunklen Erde und ein uner­quicklicher Belehrer seiner Brüder sein muss, dem es im besten Fall – und wie selten ist es der beste Fall! – immer nur bis zu Beethoven und Brahms reicht! Wer nicht mit Gott anfangen will, kann als besinnlicher Mensch nur mit seiner und der allgemeinen Misere, mit dem ihn und die Welt bedrohenden Nichtigen anfangen, mit lauter Sorgen und Problemen. Und eben bei diesem Anfang wird er dann nach kürzestem Kreislauf auch immer wieder endigen. Er bekommt keine Luft und sieht dann wohl seine besondere, ernste Pflicht darin, auch den Anderen keine Luft zu gönnen.“[6]

Ich fürchte, dass es sich heute exakt so verhält, wie Barth es vor siebzig Jahren karikierte. Viele virtuose und voluminöse Erzeugnisse und Ausdrucksformen theologischer Reflexion und kirchlicher Verkündigung sind Theologie ohne Oberlicht. Sie folgen den Diskursregeln. Sie flanieren geistreich und souverän durch Kultur- und Lebenslandschaften. Weil sie selbst Oberlicht zu sein meinen, fehlt ihnen das göttliche Oberlicht nicht. Sie genügen sich selbst – so, wie sich eben der Mensch im Anthropozän selbst genügt. Der Mensch, der im Erddrama alle Rollen spielt: die Rolle des Schuldigen und des Retters, die Rolle des Sünders und des Heilands, die Rolle des Teufels und Gottes. Im Anthropozän kann nur der Mensch die Antwort sein – jedenfalls die einzige Antwort, die ernsthaft in Frage kommt. Die große Transformation der drei „solae“ und des einen „solus“ der Reformation hin zum „solus Homo“ ist vollzogen. Die Idee, dass auch eine andere, theologische, Antwort in Frage kommen könnte, löst erwartbar den Satz „Träum‘ weiter!“ aus.

Barth selbst träumte weiter – weiter, als es in der Matrix seiner Zeit erlaubt war. Und weiter, als es in der womöglich noch restriktiveren Matrix unserer Zeit erlaubt ist. Ob auch wir Heutigen weiter träumen können, wird davon abhängen, ob wir den Willen und den Glauben haben, uns vom Oberlicht bescheinen zu lassen oder uns zumindest die Ahnung davon und die Sehnsucht danach zu bewahren, dass hinter allen Weltverdunklungen ein Oberlicht leuchtet. Ob wir weiter träumen können, wird davon abhängen, ob wir es – und sei es experimentell, fiktional, tastend und zweifelnd – wagen, weit über uns hinaus ins Fremde zu greifen und mit der Arglosigkeit und Tollkühnheit spielender Kinder vom Oberlicht zu zeugen, das Barth seinerzeit vermisste. Und genau von diesem Oberlicht her fällt dann auch das entscheidende Licht auf die Ausgangsfrage. Was ist ein Barthianer? – Es ist jemand, der an die Theologie und an die Kirche seiner Zeit die Prüffrage stellt, ob in ihnen und aus ihnen – und sei es hinter Wolken – das Oberlicht scheint oder nicht.

Allgegenwärtiges Jüngstes Gericht

Wenn die Theologie mehr oder weniger stillschweigend ihr Einverständnis damit erklärt, das Oberlicht programmatisch, unwillkürlich oder gedankenlos aus den Augen zu verlieren oder zu verdunkeln, macht sie keine sonderlich gute Figur – es sei denn, sie begnügt sich damit, virtuoses Glasperlenspiel unter einem leeren Himmel zu sein.

Wenn sie keine Glasperlenspiele spielen und auch nicht nur Theologie als Lebenskunst oder als Lebenslehre praktizieren und Lebensgenuss verkündigen will, aber zugleich fest davon überzeugt ist, dass kein Gott uns retten wird, droht sie zur Ritterin von der traurigen, genauer gesagt, humorlosen Gestalt, eben zu einem trüben Gast auf einer dunklen Erde zu werden. Und in der Tat: Wenn Menschen von keinem jenseitigen Licht der Hoffnung mehr beglänzt werden und alles Rettende aus sich selbst schöpfen müssen, aber nicht schöpfen können, muss ihre Theologie, die angesichts der Herausforderungen des Anthropozän letztlich nur als Ethik Gestalt gewinnen kann, eigentlich eine Anleitung zum Unglücklichsein und zur Erschöpfungsdepression sein. Ihr ist denn auch nicht selten die Miesepetrigkeit ins Gesicht geschrieben – zum einen deshalb, weil es tatsächlich nichts zu lachen gibt, wenn der Ernst der Lage wirklich letzter, nicht nur vorletzter Ernst ist.

Zum anderen deshalb, weil der Ernst der Lage und der heilige Ernst der ethischen Mission jegliches Lachen verbietet. Weder Freude noch Zerstreuung dürfen von der ernsten Pflicht der Weltrettung ablenken. Wenn das, was ist, alles ist, und wenn alles, was getan werden kann, von uns getan werden muss, weil nur wir die letzte Instanz sind und nur wir im Regimente sitzen, sind Verfehlungen, Fehltritte und Seitensprünge in den Unernst intolerabel. Die Logik von Schuld und Sühne breitet sich in die kleinste Ritze des geschöpflichen Lebens hinein aus. Der Geist des An­thropozän ist gewissermaßen eine Art allgegenwärtiges Jüngstes Gericht nach den Worten und nach den Werken. Ein Gericht, das keine Gnade kennt und das von keiner Gnade, von keiner Güte und von keinem Erbarmen jenseits unserer selbst weiß. Ein Gericht, unter dessen Augen alles, was wir tun oder nicht tun, entweder gut oder böse sein muss, während Ambiguität und Ambiguitätstoleranz, Barmherzigkeit und Vergebung, Entlastung und Entdramatisierung geradezu tabu sind.

Lachen verboten

Wenn es nur noch das Drama dieser Welt gibt und das eigentliche Drama der Geschichte, der Kampf des Schöpfers, Versöhners und Erlösers gegen das Chaos, nicht mehr wahrgenommen und nicht mehr für wahr gehalten werden kann, wenn also mit dem Wunder des rettenden Gottes nicht mehr gerechnet wird, dann ist es kein Wunder, wenn alles, was auf Erden geschieht, dramatisiert werden muss und wenn jeder, der zu entdramatisieren sucht, für böse gehalten wird, weil er die Katastrophe verharmlost. Wenn alles Heil am Tun und Lassen des Menschen hängt, dann sind die Häresien des Anthropozän folgerichtig ausschließlich moralischer Natur.

Wenn das Heilige dadurch definiert ist, dass man nicht darüber lachen darf, dann lässt sich aus dem, worüber nicht gelacht werden darf, ersehen, was unsere Epoche für heilig hält und wen sie zum Häretiker erklärt. Häretiker ist derjenige, der über das Falsche lacht und falsch lebt. An falscher Stelle und über das Falsche zu lachen ist ebenso gefährlich, wie lachend einen falschen Lebensstil zu pflegen. Wer lacht und sich lustig macht, verliert die Furcht, den Respekt und die Kontrolle. Und er ist von Inquisitoren jeglicher Art nicht mehr kontrollierbar. Häresie ist, wenn man trotzdem lacht.

Ich erinnere in diesem Zusammenhang an den grandiosen Showdown von Umberto Ecos wunderbarem Roman „Der Name der Rose“. Im Angesicht William von Baskervilles, der ihm, dem Mönchsmörder, auf die Schliche gekommen ist, vergiftet sich der alte blinde Bibliothekar Jorge von Burgos selbst. Wie eine Hostie verzehrt er die Seiten des Buches, die er selbst vergiftet hat, damit alle, die sich die Finger danach lecken und dies auch beim Umblättern der Seiten tun, an der Lektüre zugrunde gehen. Der Foliant, durch dessen Verspeisen der Täter sich selbst richtet, ist das einzige erhaltene Exemplar des als verschollen geltenden zweiten Buches der Poetik des Aristoteles, einer Abhandlung über die Komödie. Es ist also ein Buch über das Lachen.

Als William von Baskerville den blinden Seher fragt, was ihn an dieser Abhandlung so schrecke, dass er dafür töte, antwortet der: „Das Lachen … vertreibt die Angst … Und aus diesem Buch könnte der luziferische Funke aufspringen, der die ganze Welt in einen neuen Brand stecken würde, und dann würde das Lachen zu einer neuen Kunst, die selbst dem Prometheus noch unbekannt war: zur Kunst der Vernichtung von Angst!“[7] Wenn es also geschehen sollte, dass die Menschen die Furcht verlören und über alles gelacht werden dürfte, dann wäre es mit der Autorität derer dahin, die sich von der Furcht jener ernährt, denen sie Angst macht. 

Welch großartige Parabel auf die Gesellschaft unserer Gegenwart, in der zunehmend suspekt ist, wer über das Falsche lacht, sich am Falschen freut und es am heiligen Ernst für das Richtige fehlen lässt! Welch großartige Parabel auf die oberlichtlose Epoche des allgegenwärtigen Jüngsten Gerichts und der Totalisierung des Ethischen, in der ästhetische Begrün­dungen irgendeines Tuns oder Lassens, also die Freude um der Freude willen nur dann nicht unzulässig und untersagt sind, wenn der Nachweis geführt kann, dass auch wirklich niemandem damit geschadet und niemand dadurch verletzt wird! Welch großartige Parabel auf eine Zeit, in der diejenigen politisch, moralisch und theologisch suspekt sind, die Fünfe gerade sein lassen und sich des Daseins freuen, ohne Nachhaltigkeits- oder Gerechtigkeits­kalkula­tionen anzustellen, sich über Denk- und Sprechverordnun­gen hinwegzusetzen wagen und sei es aus einem menschlich-allzumenschlichen Naturell oder eben aus dem Wissen um das alles überstrahlende Oberlicht fröhlich, heiter oder gar unbekümmert zu sein riskieren!

Dietrich Bonhoeffer notierte in seiner „Ethik“: „Der Radikale kann Gott seine Schöpfung nicht verzei­hen.“[8] Ebensowenig kann der Radikale dem Oberflächlichen seine Unbekümmertheit und dem Frommen seine Glaubensheiterkeit nachsehen. Der Radikale hält es nicht aus, dass die Arglosen und Achtlosen kein anderes Lebensziel haben, als sich nach getaner Arbeit ihres Lebens zu freuen. Und er hält es nicht aus, dass sich die Frommen, die von einer Weltaufgangsstimmung, also von Ostern herkommen, der Weltuntergangsstimmung zu widersetzen trauen.

Vom großen Entweder-Oder her

Karl Barths Theologie ist nicht etwa aufgrund irgendeiner positiven Weltsicht, sondern aufgrund des in ihr hinein und aus ihr heraus scheinenden Oberlichts glaubensheitere Theologie. Sie trotzt souverän allen Weltuntergängen. Und sie ist dazu in der Lage, weil sie gewissermaßen die Frucht einer Entscheidung ist. Barths Theologie kommt von einem großen Entweder-Oder her. Entweder, wir glauben an Gott. Und zwar – salopp gesagt – an einen Gott mit allem Drum und Dran, also nicht nach dem Drehbuch von Anthropozänregisseurinnen und Anthropozänregisseuren, sondern nach dem Drehbuch des Alten und Neuen Testaments. Entweder, wir lassen uns auf das uralte und ureigene Narrativ der jüdisch-christlichen Tradition ein. Dann ist der altböse Feind besiegt. Dann wird, auch wenn es nicht danach aussieht, alles gut[9], und wir können gelassen und zuversichtlich Gottes mehr oder weniger schwa­che Bundesgenossinnen und -genossen im Kampf gegen das Chaos sein. Oder wir glauben nicht. Dann gibt es letztlich keinen Grund zur Zuversicht. Dann müssen wir, wenn wir angesichts des Weltlaufs ehrlich und aufrichtig zu uns selbst sein wollen, eigentlich zornig, verzweifelt, radikal, stoisch, hedonistisch, vitalistisch, resignativ, egoistisch und vielleicht sogar böse werden. Denn es könnte böse enden.

Vielleicht rührt die Ablehnung der Barthschen Theologie auch von der Weigerung her, sich auf die Konsequenz von Barths verwegenem Entweder-Oder einzulassen. Denjenigen, die die Denk- und Glaubensvoraussetzungen Barths nicht teilen und nicht bereit sind, unter den Bedingungen aufgeklärter Rationalität die Möglichkeit eines Oberlichts ins Auge zu fassen oder schlicht aufgrund ihrer Einschätzung der Welt oder ihrer Lebenslage keinen Grund zum Lachen, nicht einmal zu einem Lächeln sehen, muss Barths Theologie ein Dorn im Auge sein. Wie kann einer angesichts so fürchterlicher kollektiver und individueller Katastrophen so fürchterlich heiter und so fürchterlich fromm sein? Wie kann einer angesichts von Kopernikus, Kant, Darwin, Freud, Auschwitz, Corona und der Klimakrise noch an den Vater im Himmel glauben? Ist das nicht naiv? Ist es nicht zynisch? Wie kann einer allen Ernstes trotz allem Theologie treiben, als wäre nichts gesche­hen und als stünde die Welt nicht in Flammen?

Nun, Barth konnte es, weil er es konnte – also weil es ihm gegeben war und weil er es sich nicht nehmen ließ, daran zu glauben. Er konnte es, weil er den verwegenen Sprung aus dem allgegenwärtigen Nominalismus in den Realismus hinein wagte – den Sprung, der aus aufgeklärter Sicht nur als Salto mortale ins Irreale erscheinen kann. Er konnte es, weil er nicht davon abzubringen war, davon überzeugt zu sein, dass nicht wir die Helden und Heldinnen sein müssen, sondern Gott Held des Dramas der Schöpfung, der Versöhnung und der Erlösung ist und bleibt. Er konnte es, weil er wusste, dass es zwar ernst, aber so ernst auch wieder nicht ist.

Das große Ja

Mag sein, dass Karl Barth sich etwas vormachte, vielleicht sogar vorsätzlich. Und mag sein, dass auch alle Barthianer nach ihm sich etwas vormachen. Mag sein, dass das, was sie glauben, zu schön ist, um wahr zu sein. Aber wer weiß: Vielleicht ist es ja auch zu schön, um nicht wahr zu sein. Wie auch immer es sei: Es scheint mir alternativlos, als Theologe so zu denken, zu schreiben, zu glauben, zu reden und in Erscheinung zu treten, als gäbe es Gott und als scheine aus Christus heraus sein Oberlicht in die Welt. Ich finde, Zeitgenossinnen und Zeitgenossen von Christen sollten diesen Christen und ihrer Theologie getrost anmerken dürfen, dass sie von einem Licht beglänzt sind, das alles, was ist, in einem anderen, so befremdlichen wie erlösenden, sozusagen andersweltlichen Licht erscheinen lässt. Sie sollten den Christen getrost anmerken dürfen, dass sie von einem ganz anderen Licht beglänzt sind. Es scheint ganz gewiss nicht nur aus den Glaubenden, sondern auch aus den Zweifelnden und Sehnsüchtigen, aus den Weinenden und Klagenden, aus den Verzweifelten und Zornigen, die mit ihrem Engagement und mit ihrem Seufzen davon zeugen, dass die Welt im Argen liegt und die Kreatur seufzt. Aber es scheint gewiss auch aus den Heiteren, aus den Gelassenen, aus den Zuversichtlichen und aus den Lachenden – eben aus jenen, die in die Abgesänge auf unsere Zivilisation nicht einstimmen wollen, sondern lieber die fünfte Strophe von Paul Gerhardts Osterlied anstimmen. Der dichtete: „Die Welt ist mir ein Lachen / mit ihrem großen Zorn, / sie zürnt und kann nichts machen, / all Arbeit ist verlorn. / Die Trübsal trübt mir nicht / mein Herz und Angesicht, / das Unglück ist mein Glück, / die Nacht mein Sonnen­blick.“[10]

Während der Auseinandersetzung mit Barths Texten im Rahmen der Arbeitsgruppen der Internationalen Karl-Barth-Tagung hatte es mir insbe­son­dere eine Passage aus der Schöpfungslehre von Barths „Kirchlicher Dogmatik“ angetan. Es ist eine von vielen Passagen, die mich immer wieder dazu bringen, mich am Ende doch für einen Barthianer zu halten und mich wünschen zu lassen, es gäbe mehr von ihnen. Wenn das der Fall wäre, dann wäre die Theologie jedenfalls keine bierernste, verkrampfte, verbissene, gegenstandslose, langweilige oder banale Angelegenheit, sondern eine heilsame Befreiung aus dem himmellosen, erbarmungslosen und hoffnungslosen Moralismus, der der Gesellschaft und mitunter auch der Kirche unserer Gegenwart so erdenschwer auf der Seele liegt.

 Karl Barth schrieb 1945, in den Trümmern des Zweiten Weltkrieges, angesichts einer ungeheuren Kulturkatastrophe also: „Vor der Heiligkeit Gottes hat sich nicht der zu schämen, der immer noch lachen kann und immer wieder lachen muss, sondern der, der sich erlaubt hätte, sich das Lachen ernstlich vergehen zu lassen, und vor allem der, der nun wirklich auf ein wehmütig ironisches Lächeln heruntergekommen wäre. Gerade das nicht: gerade darin verbärge sich sicher das böse Besserwissen, der schlechthin unzulässige Widerstand gegen Gottes Selbstkund­gebung, in deren Licht die Geschöpfwelt so hell wird, dass sie unser hellstes und gerade nicht irgendein eigenmächtig verdunkeltes Ja geradezu herausfordert.“[11]

Einer solchen Theologie gebe ich immer wieder gerne mein Jawort. Denn sie, vor allem sie und vielleicht nur sie, erinnert in unserer Zeit wirklich an das große Ja Gottes.

 

[1] Karl Barth, Das Wort Gottes als Aufgabe der Theologie, in: ders., Vor­träge und kleinere Arbeiten 1922–1925 (Karl Barth ­Gesamtausgabe Bd. 19), hrsg. v. Holger Finze, Zürich 1990, 144–175, hier 151.

[2] Siehe dazu Matthias Zeindler und Magdalene Frettlöh (Hrsg.), Theologie am Nullpunkt. Karl Barth und die Krise der Kirche, reformiert! Bd. 13, Zürich 2022.

[3] Bertolt Brecht, Bertolt Brechts Hauspostille, in: Bertolt Brecht, Gedichte, zusammengestellt v. Wolfgang Jeske, Frankfurt am Main 1991, 127.

[4] Theodor W. Adorno, Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben, Frankfurt am Main 1989, 333.

[5] Karl Barth, Wortmeldungen. Vorträge, Reden und ein Interview. Radiooriginalaufnahmen, 2 Audio-CDs, Zürich 2002.

[6] Karl Barth, Das Geschenk der Freiheit, Theologische Studien Bd. 39, hrsg. v. Karl Barth, Zollikon-Zürich 1953, 22. Die Bemerkung in Parenthese findet sich nur in der gesprochenen Fassung.

[7] Umberto Eco, Der Name der Rose, München 1986, 622.

[8] Dietrich Bonhoeffer, Ethik, hrsg. v. Ilse Tödt, Heinz Eduard Tödt, Ernst Feil und Clifford Green, München 1992, 146f.

[9] Siehe dazu Ralf Frisch, Alles gut. Warum Karl Barths Theologie ihre beste Zeit noch vor sich hat, Zürich, 5. Aufl. 2020.

[10] Evangelisches Gesangbuch. Ausgabe für die Evangelisch-Lutherischen Kirchen in Bayern und Thüringen, München 1994, 225.

[11] Karl Barth, Kirchliche Dogmatik Bd. III,1, Zürich 1945, 424f.

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Foto: Johannes Minkus

Ralf Frisch

Ralf Frisch, Jahrgang 1968, ist Professor für Systematische Theologie an der Evangelischen Hochschule Nürnberg.


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