Wir waren schon mal diverser...

...und können es deshalb heiterer werden und nicht ängstlich

Bevor ich mit dem Schreiben der Kolumne begann, saß ich in einer Sitzung, in der die Besetzung einer wissenschaftlichen Kommission diskutiert wurde, die über viele Fördergelder zu entscheiden hat. Ein Staatssekretär nahm als Vertreter der Landesregierung an dieser Sitzung teil und kommentierte, nachdem die vorgeschlagene Besetzungsliste verabschiedet worden war, die Namen. „Mir fällt auf“, sagte er ebenso im Ton freundlich wie in der Sache deutlich, „dass hier nur deutsche Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler benannt sind. Ist die Wissenschaft nicht international? Sollten nicht auch andere Stile der Wissenschaft als nur der europäische berücksichtigt werden?“. Abschließend wies der Staatssekretär auch noch darauf hin, dass in Zeiten digitaler Sitzungen auch das Problem explodierender Reisekosten beherrschbar geworden sei. Die übrigen Teilnehmenden der Sitzung musterten, nachdem der Politiker gesprochen hatte, etwas betreten die Besetzungsliste und versprachen für die nächste Runde eine deutlich internationale Auswahl von Namen.

Es gibt Menschen, die halten die Bemühung um größere Diversität – und größere Internationalität ist ja nur eine Dimension von Diversität – für eine Mode, die im Zuge der Bemühungen um politische Korrektheit jetzt überall von der politischen Seite verpflichtend gemacht wird. Im Gespräch mit solchen Menschen hilft natürlich wenig, wenn man vom Staatssekretären erzählt, die erst nach der Verabschiedung einer Liste freundlich darauf hinweisen, dass man ja nicht nur deutsche Kolleginnen und Kollegen im Blick haben sollte, wenn es um Qualitätsstandards und Qualitätsurteile geht – entsprechende Debatten sollten ja schließlich tatsächlich international sein. Und leider hilft auch wenig, wenn man von dem puren Glück berichtet, das es mit sich bringt, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus anderen Weltregionen, sozialen Schichten und weltanschaulichen Hintergründen zu treffen, weil man selbst davon so viel lernen kann. Wer in seiner kleinen Welt bleiben will, der wird sich weder durch Werben noch durch Druck daraus fortbringen lassen. Und noch weniger hilft meiner Erfahrung nach, wenn man dafür argumentiert, dass Moden ja gar nichts Schlimmes sein müssen. Von Zeit zu Zeit seh ich Orange ganz gern.

Je älter ich werde, desto mehr zweifle ich allerdings auch an der Voraussetzung, dass das Engagement für Diversität eine ganz neue Mode der um politische Korrektheit bemühten Zeitgenossen ist. Denn mir fällt immer deutlicher auf, dass wir schon Zeitgenossen aus dem achtzehnten Jahrhundert hatten, denen Diversität außerordentlich wichtig war und die sich durchaus auch mit politischer Unterstützung darum bemüht haben. Mir fällt das vor allem an der Geschichte der Institution auf, die ich gerade das Vergnügen habe, zu leiten – an der Geschichte der Berliner Akademie. Ihr achtzehntes Jahrhundert war nämlich mindestens auch ein französisches Jahrhundert. Hatte schon ein evangelischer Theologe aus Böhmen – Daniel Ernst Jablonski – gemeinsam mit dem Universalgelehrten Leibniz und dem preußischen Königspaar im Jahre 1700 die Akademie begründet, so übernahm im Jahre 1746 ein in der Gegend von Saint-Malo geborener Franzose für dreizehn Jahre die Leitung der Akademie: Pierre-Louis Moreau de Maupertuis hatte Mathematik und Philosophie studiert, arbeitete dann eine Zeitlang als Offizier und wirkte schließlich als Naturwissenschaftler in Paris. Mit einem Schlag berühmt wurde er, als er 1736 im Rahmen einer Expedition nach Lappland nachwies, dass die in London u.a. durch Isaak Newton vertretene Theorie zutreffend ist, dass die Erde an den Polkappen abgeplattet ist (und nicht, wie man in Paris glaubte, verlängert).

Akademiepräsident Maupertuis in lappländischer Tracht mit der Hand die Polkappen abplattend

Akademiepräsident Maupertuis in lappländischer Tracht, mit der Hand die Polkappe abplattend

Allerdings war man in Paris über die Widerlegung der eigenen Ansichten und die Bestätigung einer in England vertretenen Theorie so missvergnügt, dass Maupertuis schließlich nach längerem Zögern der Einladung Friedrich des Großen folgte, nach Berlin zu übersiedeln und die Berliner Akademie zu leiten. Da es auch in Berlin allerlei Querelen mit Kollegen und dem König gab, begab sich Maupertuis 1756 nach Basel und wurde als Katholik 1759 im katholischen Kanton Solothurn in Dornach begraben. Heute befinden sich seine sterblichen Überreste allerdings in Paris, weil 1826 eine französische Delegation in Dornach erschien und das, was von ihm geblieben war, mitnahm und in der Kirche Saint-Roch in Paris (zwischen Place Vendôme und Louvre gelegen) erneut beisetzte.Das bis heute in Paris befindliche Grabmal von Maupertuis habe ich in der vergangenen Woche besucht und dabei sehr viel über Pariser und Berliner Diversität im achtzehnten Jahrhundert gelernt. Zu meinem nicht geringen Erstaunen las ich in der lateinischen Inschrift des barocken Denkmals für Maupertuis in Saint-Roch, das seine Freunde bereits 1766 für den damals noch in der Schweiz bestatteten Gelehrten aufgestellt hatten, dass dieser Gelehrte nicht nur Präsident der Berliner Akademie war, sondern sich vor Ort für den Bau der katholischen Kirche eingesetzt hat (der heutigen Hedwigskathedrale).

Grabdenkmal Maupertius

Grabdenkmal Maupertuis in Saint-Roch, Paris (Ausschnitt)

So praktizierte der Präsident der Akademie im protestantischen Berlin also nicht nur seinen katholischen Glauben, sondern setzte sich aktiv für seine Ausbreitung ein. Was wohl dazu andere französische Mitglieder der Akademie gesagt haben? Sekretar und Historiograph der Akademie war damals Jean Henri Samuel Formey (1711-1797), zugleich Professor am französischen Gymnasium und Prediger der französisch-reformierten Kirche am Gendarmenmarkt. Neben Hugenotten gab es in der Akademie aber auch Franzosen, die erkennbar den überlieferten christlichen Glauben, sei es katholischer oder evangelischer Prägung, ablehnten. 1754, also während der Präsidentschaft von Maupertuis, wählte die Akademie den ursprünglich aus der Pfalz stammenden und in Paris lebenden Philosophen Paul Thierry Baron von Holbach (1723-1789) zum Mitglied, der damals schon erkennbar deistische Optionen favorisierte, und ab 1760 teils unter Pseudonym schroff religionskritische Texte publizierte. Er liegt übrigens – wie auch der große französische Aufklärer Denis Diderot, mit dem er befreundet war, in der nämlichen Kirche Saint-Roch begraben und wohnte in deren Pfarrbezirk. Schon 1746 hatte die Akademie Voltaire zugewählt, der nicht nur die römisch-katholische Kirche der Zeit mit seinen ätzenden Spott überzog, sondern auch seinen Präsidenten Maupertuis.

Als schiedlich-friedliche, fröhlich diverse Tafelrunde – wie Adolf Menzel sie gemalt hat – darf man sich die mündlichen wie schriftlichen Debatten der Berliner Akademie in der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts nicht vorstellen; Diversität bringt eben auch Kontroverse, nicht nur Pluralitäts-Gewinn an Geist; Diversität ist nicht nur ein heres, politisch korrektes Ideal. Aber die Reihe der Namen Maupertuis, Formey, Thierry von Holbach und Voltaire machen deutlich, dass Aufklärung nicht erst bei Kant beginnt und sich auch nicht in ein paar Sätzen seiner Philosophie oder einer berühmten Antwort auf die Frage, was Aufklärung ist, erschöpft. Aufklärung ist nicht nur in Berlin divers gewesen, sie bestand nicht nur aus philosophischen Positionen, sondern aus naturwissenschaftlichen Entdecken. Kritik an einem Weltbild kann auch durch Messen des lappländischen Meridians vorgetragen werden. Aufklärung ist viel diverser, als unsere Schullehrbücher und Studienhandbücher uns weißmachen wollen.

In Berlin erinnert heute eher wenig an das französische Jahrhundert der Akademie mit aller ihrer Diversität, nicht nur in religiösen und theologischen Fragen. Die berühmte Büste Voltaires von dem französischen Bildhauer Jean Antoine Houdon, die Friedrich der Große 1781 der Akademie mit der Auflage schenkte, sie im Sitzungssaal aufzustellen, steht heute am Gendarmenmarkt wegen ihres Werts im Archivkeller in einer Panzerglasvitrine. Das Pariser Seitenstück ist im Louvre ungleich prominenter ausgestellt.

Voltaire-Büste in der Berliner Akademie

Voltaire-Büste in der Berliner Akademie

Maupertuis geht in der langen Präsidentengalerie der Berliner Akademie eher unter und der Quadrant, mit dem er bei seiner Lappland-Expedition den Meridian gemessen hat, steht in einem Potsdamer Institut in einer Vitrine, die man leicht übersehen kann.

Quadrant von Maupertuis, Leibnitz-Institut für Astrophysik, Potsdam

Quadrant von Maupertuis, Leibniz-Institut für Astrophysik, Potsdam

Formey wird in der offiziellen Akademiegeschichte als eher geistloser Sammler und Epigone portraitiert und die religionskritischen Schriften von Thierry von Holbach gehören nicht zum Kanon, den man im Theologie- oder Philosophiestudium liest. Kein Wunder also, dass viele Diversität für ein modisches Fündlein unserer Tage halten und sich zu Modekritik aufgerufen fühlen. Es würde sich lohnen, die Diversitäten vergangener Jahrhunderte zu studieren.

Natürlich darf man nicht in den Fehler verfallen, die Vergangenheit allzu rosa anzustreichen und als reine Vorgeschichte unserer Gegenwart zu stilisieren. Das achtzehnte Jahrhundert war weder in Berlin noch in Paris ein multikulturelles Paradies. 1758 schrieb Maupertuis: „Ich bin zu deutsch für die Franzosen geworden“ und in einem anderen Brief: „Früher war ich Preuße in Versailles und Franzose in Potsdam und zwar mit der gleichen Leichtigkeit an dem einem Ort wie an dem anderen. Heute kann ich nicht mehr der eine oder der andere sein, weder in dem einen noch in dem anderen Land“. Wer in der bunten und diversen Welt um seine eigene Identität ringt und sich der Auseinandersetzung mit anderen Kulturen und Lebenseinstellungen aussetzt, hat es nicht immer einfach. Mindestens darin sind das achtzehnte und das einundzwanzigste Jahrhundert vergleichbar.

Wir waren schon einmal diverser. Und können es deshalb heiterer wieder werden, heiter und nicht ängstlich wie die, die vor der Diversität Angst haben. Ob Geschichten aus dem achtzehnten Jahrhundert und Bilder aus Paris wie Berlin ängstliche Menschen beruhigen, darf man bezweifeln. Aber sich helfen Menschen, sich ihrer gegenwärtigen Aufgaben zu versichern. Und das ist ja nicht nichts.

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