Rote Montage

Über spontane Zeitverdichtungen zu Beginn der Woche - und was man dagegen tun kann.

Eines meiner Forschungsprojekte beschäftigt sich mit der Zeit und ihrer Wahrnehmung, sowohl in Gesellschaften der Antike als auch heute. Dabei untersuche ich das Phänomen der „Zeitverdichtung“ (und den sprachlich nicht so eingeführten Gegensatz-Begriff der „Zeitverdehnung“), von der seit einigen Jahren vermehrt die Rede ist. 

Gewöhnlich wird mit dem Begriff eine Erfahrung beschrieben, also eine bestimmte Wahrnehmung der Zeit. Eine Fülle von Terminen, eine große Anzahl von Aufgaben auf der To-Do-Liste erweckt den Eindruck, die Zeit sei in einem bestimmten Zeitraum mehr gefüllt als in einem anderen, als sonst oder als früher. Und dieser mentale Eindruck prägt natürlich meine physische Realität: Hektik, Hetze, Stress, Anspannung, leichtere Reizbarkeit, Kurzatmigkeit – die Liste der physischen Anzeichen von Zeitverdichtung kann lang werden. Natürlich lässt sich auch länger darüber diskutieren, ob nicht auch die physikalische Zeit Beschleunigung und Verlangsamung kennt, und wie sich überhaupt subjektiv empfundene, in den Körper als Zeitgefühl biologisch eingeschriebene und physikalische Zeit zueinander verhalten, aber um diese ziemlich spannende Frage geht es mir heute nicht.

Unangenehme Nachrichten

Mir geht es auch nicht um Zeitverdichtung im Allgemeinen, sondern um ein ganz besonderes Phänomen spontaner Zeitverdichtung, die ich für ein Zeichen der Zeit halte und über die daher bei „zeitzeichen“ geschrieben werden kann. Ich würde dieses Zeichen vielleicht „roter Montag“ nennen und es vom „blauen Montag“ absetzen. „Blauer Montag“ war einst die Bezeichnung für eine mit halber Kraft begonnene Arbeitswoche. Man machte am Montag erst einmal blau – oder es wurde jedenfalls bestimmten Berufsgruppen vorgeworfen, gern am Montag „blau zu machen“ und nicht wirklich engagiert zu arbeiten. Mir scheint, dass es inzwischen eine Art Gegenteil zum „blauen Montag“ gibt: eine Arbeitswoche, die gleich mit einem schier unendlichen Schwall von elektronischen Nachrichten und Telefonanrufen beginnt, als habe jemand seine Hunde losgelassen und sie würden nun besonders hurtig die Straße entlangrennen. 

Dazu kommt eine weitere Form von Verdichtung, die leider meist unangenehme Dinge betrifft. Eine lange tätige, zuverlässige Mitarbeiterin kündigt überraschend. In den social media wird eine Attacke auf die eigene Institution geritten. Ein Termin wurde im Kalender übersehen. Und dann fällt einem noch die Füllung eines Backenzahnes beim Mittagessen aus. Es gibt Montage, an denen sich spontan nicht nur die Zeit, sondern auch die Menge der unangenehmen Nachrichten wie Ereignisse spontan verdichtet. Und mein subjektiver Eindruck aus einigen Jahrzehnten Berufserfahrung ist: Es handelt sich vor allem um Montage. Meist um Montage. Ich nenne sie seit einiger Zeit „rote Montage“. Und ich weiß sehr genau, wovon ich rede: Diese Woche begann mit einem roten Montag.

Unerklärliche Häufung

Natürlich gibt es nicht nur rote Montage. Mein Eindruck ist: Die Donnerstage haben jetzt gern die Tendenz, im Blick auf Verdichtungen Montags-förmig zu werden. Roter Donnerstag heißt: Man ist sehr weit entfernt davon, schon für das Wochenende blau zu machen. Ich bekomme an solchen Donnerstagen in etwa so viele elektronische Nachrichten wie montags, und es gibt auch nur schlimme Probleme, da wie dort. Lediglich die Füllungen in den Backenzähnen sind alle noch drin. Donnerstag ist eben nur Montags-förmig und noch nicht direkt wie Montag.

Gelegentlich diskutiere ich mit meiner Frau und mit Mitarbeitenden, woran die spontane Verdichtung an Montagen eigentlich liegt. „Nun“, bekomme ich dann zu hören, „ist ja nicht verwunderlich. Die Woche beginnt und die Menschen schreiben alles in Mails, was sie sich das Wochenende überlegt haben“. Gut, das stimmt vermutlich. Erklärt aber nicht die unerklärliche Häufung anderer unangenehmer Dinge, die weit über eine schwer zu bewältigende Mail-Flut hinausgehen. Ich sage nur: Backenzahn-Füllung.

Gestern fragte mich eine berühmte Foto-Künstlerin beim Abendessen, ob ich an „Fügung“ glauben würde und berichtete mir über Antworten anderer Menschen auf diese und ähnliche Fragen. Natürlich glaube ich nicht, dass ein finsterer Montagsdämon die Woche über unerfreuliche Dinge sammelt und mir gehäuft am Wochenbeginn über den Kopf kippt. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob ich eine statistisch wirklich harte Beobachtung mache oder nur eine individuelle, statistisch nicht unterlegte Erfahrung, gar ein bloßes Gefühl ausbreite. Ich führe eigentlich nur die guten Gaben, schönen Erfahrungen, hellen Momente auf so etwas wie Fügung (ich sagte gestern: „unverdientes Geschenk“, das gefällt mir besser als „Fügung“) zurück.

Blauer Himmel

Die an roten Montagen übliche Häufung unerquicklicher Dinge ist Zufall. Gehäufter Zufall. Und ich gebe gern zu, dass auch Dienstag, Mittwoch und Freitag Montags-förmig im Sinne eines roten Montag sein können.

Nun schreibe ich ja eine Kolumne für „Zeitzeichen“, aber nicht für einen Blog über allgemeine Zeitwahrnehmung. Es stellt sich also die Frage, ob das alles irgendwie mit Theologie und Religion zu tun hat. Auch da möchte ich nicht so antworten, wie vielleicht zu erwarten ist – von Zufall, Fügung und Geschenk (gar Geschick) möchte ich eigentlich nicht schreiben. Sondern eher davon, wie ich an roten Montagen verhindere, im Strudel unangenehmer Ereignisse und Nachrichten zu versinken. Mir hilft dann oft ein biblischer Vers. Die Losung oder der Lehrtext. Ein anderer biblischer Text. Ein Choral aus dem Gesangbuch. Die öffnen den blauen Himmel und lassen das Sonnenlicht mir mitten ins Gesicht oder ins Zimmer scheinen. Meint: Ich merke dann erst, dass Sonnenlicht schon längst im Zimmer ist. Aus dem roten Montag wird doch irgendwie wieder blauer Montag. Blauer Himmel-Montag. 

Brandenburgisches Konzert

Es gibt natürlich auch Musik, die gar nichts mit Theologie oder Religion zu tun hat. Weil in meiner Abiturfeier das Vierte Brandenburgische Konzert von Johann Sebastian Bach musiziert wurde, weckt das Anhören des Stücks oder das Denken an seine Melodien bei mir automatisch die beruhigende Vorstellung, dass ich auch die jetzt vor mir liegende Herausforderung so schaffen werde wie zwölf Jahre Grundschule und Gymnasium. Höre ich Vögel zwitschern, freue ich mich an der herrlichen Schöpfung Gottes. Der Igel ist das Tier des Jahres 2024. Ich breche jedesmal schon in Begeisterung aus, wenn ich das Bild eines solchen Tieres sehe. Und erst Recht natürlich, wenn ich einen lebendigen Igel vor mir sehe.

Gegen rote Montage (und alle in diesem Sinne Montags-förmigen Tage) hilft Andacht. Oder anders: Gegen Verdichtung von Zeit hilft Verdehnung. Mal an einen biblischen Vers denken. Mal einen Choral pfeifen. Mal den ersten Satz des vierten Brandenburgischen Konzerts hören. Mal auf ein Igel-Bild schauen. In diesem Sinne: Vergnügten Montag, rot, blau, gestreift, wie auch immer!

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