Das Trauma nach dem Massaker

„Die Macht der Projektion“: Der Zentralrat der Juden und die Evangelische Akademie zu Berlin luden zu einer bewegenden Tagung über „antiisraelische Obsessionen“ ein.
Finger zeigen auf Davidstern
Foto: Philipp Gessler
Ausschnitt aus dem Tagungsplakat

Die israelische Gesellschaft und die jüdische Gemeinschaft weltweit sind weiterhin schwer erschüttert über das Massaker der Hamas vor gut einem halben Jahr in Israel. Bei einer Tagung auf dem Gendarmenmarkt in Berlin und am Wannsee loteten Fachleute die Abgründe antiisraelischer Ressentiments und eines globalen Antisemitismus aus. Zu erleben waren auf den Podien und im Saal etliche Menschen, die das Blutbad der Islamisten traumatisiert und hilflos gemacht hat.

Und dann: Alarm! Es ist 18.45 Uhr am Sonntagabend in der Französischen Friedrichstadtkirche auf dem Gendarmenmarkt in Berlin. Lautes, schwer erträgliches Sirenengeheul erfüllt in entnervender Eintönigkeit den schmuck renovierten Gottesdienstraum mit der Kanzel als dem Ort des Wortes Gottes im Zentrum des Saals. Was ist das jetzt: Sind es Hamas-Terroristen? Ein Angriff judenfeindlicher Nazis? Ein Drohnenangriff aus dem Iran? Zwei Security-Männer positionieren sich breitbeinig im ohrenbetäubenden Lärm am Ausgang. Mit verstörtem Gesicht sucht eine ältere Dame fluchtartig den Weg nach draußen.

Was für eine Symbolik! Als müsste die Bedrohung von Juden in aller Welt seinen passendsten Ausdruck genau auf dieser Tagung des Zentralrats der Juden in Deutschland und der Evangelische Akademie zu Berlin finden. Dann Entwarnung: Es ist ein Fehlalarm, das spricht sich rasch herum, nachdem alle Tagungsteilnehmer den Saal verlassen und vor dem „Französischen Dom“ auf das Abschalten der Sirene warten. Im Untergeschoss der Kirche hat ein Koch eine Speise zu lange in der Mikrowelle gelassen, zuverlässig hat ein Rauchmelder den Alarm ausgelöst. Aber der Schrecken steckt doch noch in den Gliedern der rund hundert Tagungsteilnehmer: Hätte das nicht auch ein Akt des antisemitischen Terrors sein können?

Diese Frage ist an diesem Abend gar nicht so abwegig, denn es ist der Tag nach dem nächtlichen Angriff des Iran auf den jüdischen Staat im Nahen Osten – ein judenfeindlicher Akt des Staatsterrorismus, der nur deshalb nicht in einer Katastrophe endete, weil die israelische Luftverteidigung so effizient war und mehrere Staaten, auch arabische, bei der Verteidigung Israels halfen. „Die Macht der Projektion. Antiisraelische Obsessionen als Weltwahrnehmung“ ist der Titel der dreitägigen Tagung des Zentralrats und der Evangelischen Akademie im „Französischen Dom“ und im Akademie-Haus auf Schwanenwerder, einer Insel im Wannsee. Und klar ist von Anfang an: Die Nerven vieler jüdischer und israelischer Teilnehmerinnen und Teilnehmer sind seit dem Massaker der Hamas an Israelis am 7. Oktober vergangenen Jahres am Ende. Immer wieder fällt sogar das Wort „Trauma“.

Schutzlosigkeit offenbart

Beim judenfeindlichen Terrorangriff auf Israel haben die Islamisten vor ziemlich genau einem halben Jahr auf israelischer Seite über 1.100 Menschen, darunter auch Kinder, ermordet oder im Kampf getötet. Mehr als 5.400 Menschen wurden verletzt und vergewaltigt, die Hamas entführte 240 Menschen als Geiseln, viele von ihnen sind bereits tot. Rund 100 sind noch heute in der Hand der Terroristen – wie viele von ihnen noch leben, das ist unklar.

Dass dieses beispiellose Geschehen in Israel, das schlimmste Pogrom seit der Shoah, die israelische Gesellschaft traumatisiert hat, liegt auf der Hand. Denn es hat die Schutzlosigkeit aller Menschen in Israel offenbart – übrigens waren unter den Getöteten auch Männer und Frauen, die sich seit vielen Jahren um einen Frieden und ein gutes Zusammenleben zwischen Israelis und Palästinensern eingesetzt haben. Das Trauma ist auch deshalb so stark, da der Angriff das zentrale Versprechen des jüdischen Staates „Wenigstens hier seid ihr als Juden sicher!“ stark erschüttert, wenn nicht zerstört hat.

Aber auch für die jüdische Community weltweit war das Hamas-Massaker mental desaströs. Nicht nur, dass dadurch noch selbst erlebte oder generationell übertragene Traumata aus Shoah-Zeiten so reaktiviert oder „getriggert“ werden. Wichtiger ist wahrscheinlich, dass Israel nun nicht mehr zu hundert Prozent als „sicherer Hafen“ für alle Jüdinnen und Juden der Diaspora erscheint, eben für alle, die vor Antisemitismus in ihrer Heimat fliehen oder denen diese Zufluchtsoption zumindest etwas (gedankliche) Sicherheit gibt. Es gibt für Menschen jüdischen Glaubens oder jüdischer Herkunft weltweit keinen sicheren Ort mehr, nirgendwo. Das ist die Lehre und wohl auch das gewollte Signal des unfassbaren Massakers im Oktober 2023. Und der ebenfalls beispiellose, direkte und massive Angriff des Iran auf Israel vor wenigen Tagen hat dieses Gefühl, trotz geringer materieller Schäden, vielleicht noch verstärkt.

Großer Schmerz

Das war der Hintergrund der Tagung zuerst auf dem Gendarmenmarkt, dann auf Schwanenwerder: vor allem ein großer Schmerz, viel Hilflosigkeit und eine starke Verunsicherung, die leicht das Existenzielle berührt. Dazu kommt eine tiefe Traurigkeit. Das wurde auf der Wannseeinsel etwa beim so umwerfenden wie nachdenklichen Vortrag von Yariv Lapid deutlich. Der tendenziell linke Israeli ist Experte für „Holocaust-Erziehung“ und hat unter anderem in der Jerusalemer Gedenkstätte Yad Vashem gearbeitet, ebenso in der österreichischen KZ-Gedenkstätte Mauthausen und im US Holocaust Memorial Museum in Washington.

Lapid erklärte, es würden in Reaktion auf das Hamas-Massaker derzeit auch „in meinem Namen“ unschuldige Menschen getötet. Andererseits sei er schockiert über die Tatsache, dass palästinensischen Umfragen zufolge nur vier Prozent der Palästinenser der Meinung sind, die Hamas habe am 7. Oktober ein Kriegsverbrechen begangen. Wahrscheinlich sei die Mehrheit der Leidenden in Gaza unschuldig, aber angesichts ihres Hasses auf Israel empfinde er trotz ihres Leids keinen Schmerz für sie.

In Erinnerung an seine Bildungsarbeit in der österreichischen KZ-Gedenkstätte Mauthausen sagte Lapid, er habe sich immer gefragt, wie die Mauthausener vor 1945 das Leid der vielen KZ-Insassen hätten übersehen können, die zum Teil durch die halbe Stadt ins Lager getrieben worden seien. Offenbar hätten die Bürger der Stadt diese Elenden nicht als menschliche Wesen betrachtet. Er habe früher die angebliche Hilflosigkeit der Mauthausener angesichts dieses offensichtlichen Leids der Häftlinge als Feigheit interpretiert. Heute fühle er sich selbst hilflos.

Empathie fehlt

Ebenso persönlich verletzt und verunsichert zeigte sich in ihrem Vortrag die Literaturwissenschaftlerin Yael Kupferberg, die derzeit Gastprofessorin im Berliner Zentrum für Antisemitismusforschung an der TU Berlin ist. Seit dem Massaker der Hamas seien ihre Koordinaten verrutscht: Die jüdische Philosophie, etwa in Anlehnung an Hannah Arendt, scheine für sie derzeit gedanklich nicht mehr zu tragen. Sie könne dem Geschehen philosophisch nicht mehr Herr werden. „Ich will es nicht glauben, aber ich muss es.“ 

Der genozidale Angriff der Hamas zwinge Juden, zur Freude der Antisemiten, zu Tätern zu werden und ihre eigene Ethik zu unterbieten, so Kupferberg. Es fehle ihr derzeit auch an einer Sprache, ihre eigenen Gefühle zu schildern, ohne dass diese Wörter ihr nicht schnell als Kitsch erschienen. Die Berliner Professorin zeigte sich wie viele der Tagungsteilnehmer enttäuscht über das weitgehende Fehlen von spontaner Empathie aus der nichtjüdischen Bevölkerungsmehrheit nach dem Hamas-Massaker. Ihr muslimischer Nachbar Hassan sei fast der einzige gewesen, der nach dem 7. Oktober-einfach mal gefragt habe, wie es ihr gehe. Kupferberg zitierte zustimmend, wenn auch mit etwas hörbarem Zweifel einen Satz Hannah Arendts: Wer als Jude angegriffen werde, müsse sich nicht als Mensch, sondern als Jude verteidigen.

Ein Gefühl von Hilflosigkeit kam bei der Tagung auch angesichts der unüberschaubaren Masse an antisemitischer Hetze in den Sozialen Medien auf. Dieses Feld vertiefte ein Vortrag von Deborah Schnabel von der Anne Frank Bildungsstätte in Frankfurt am Main. Der Titel: „Wie TikTok den Antisemitismus befeuert.“ Mittlerweile haben fast 1,6 Milliarden Menschen weltweit die Filmchen-App TikTok heruntergeladen – bei jungen Menschen ist TikTok die Social-Media-Anwendung schlechthin. Unter den 16- bis 24-Jährigen nutzen sie hierzulande fast 70 Prozent der Menschen.

Problem TikTok

Auf TikTok werden jedem, der etwa das Wort „Gaza“ eingibt, Millionen von Kurzfilmen angeboten. Ein Großteil davon ist antisemitisch oder israelfeindlich – und meist von keinerlei Sachkenntnis über die Lage im Nahen Osten getrübt. Ein Beispiel ist etwa die deutschsprachige Filmanbieterin (oder „Creatorin“) moamagic, die nach eigenen Angaben vor allem die Themen Spiritualität und Medien behandelt und über 14.000 Follower hat. Rund zwei Wochen nach dem Massaker der Hamas postete sie auf TikTok unter den Hashtags #freepalestine, #kolonialmacht und #genozidingaza einen zweieinhalb-minütigen Film, der knapp 900.000 mal aufgerufen und fast 120.000 mal gelikt wurde.

Die „Creatorin“ moamagic behauptet in dem Film in einem rotzigen, fast an Publikumsbeschimpfung grenzenden Ton, man werde von den deutschen Medien „gebrainwashed“, das sei doch klar, und Israel sei eine „Kolonialmacht“, die in Gaza einen „Genozid“ verübe. Außerdem könne niemand so dumm sein zu glauben, der israelische Premier Benjamin Netanjahu sei nicht vor dem Hamas-Massaker gewarnt worden, dass es dieses Blutbad geben werde. Das Problem bei Filmen dieser Art: Selbst ein Widerspruch gegen den Film direkt in der Reaktionsleiste von moamagic erhöht die Verbreitung des Videoschnipsels nur, denn der Algorithmus von TikTok ist so eingestellt, dass auch negative Reaktionen zu einer weiteren digitalen Streuung des Films beitragen.

Noch deprimierter war die Stimmung auf der Tagung schließlich nach dem Vortrag vom Antisemitismus-Experten Ingo Elbe, der an der Universität Oldenburg lehrt. Er sprach am Dienstag über „Israel im Fokus postkolonialer Debatten“. Israel gilt demnach in weiten Teilen der weltweit sehr stark rezipierten postcolonial studies als Inkarnation aller westlichen Kolonialisten, die das angeblich „indigene Volk“ der Palästinenser auszulöschen trachteten. Israel werde dabei fast durchgehend dämonisiert, antisemitische Motive würden häufig auf Israel übertragen.

Elefant im Raum

So spreche etwa die ungemein einflussreiche US-Philosophin Judith Butler vom israelischen „Mord an Kindern“. Auch den Mythos des angeblich zu ewiger Wanderschaft verdammten Juden verbreitet sie, etwa wenn sie erklärt, Juden, die einen Nationalstaat verteidigten, würden ihr irgendwie jüdisches Wesen verraten. Denn das bestehe eigentlich in einem Diaspora-Dasein einer Auslieferung an den Anderen. Noch radikaler ist der in postkolonialen Kreisen hoch angesehene Ramón Grosfoguel. Der puerto-ricanische Soziologe, der an der US-Elite-Universität Berkeley lehrt, nennt den Zionismus schlicht einen „Hitlerismus“ Mit ihm würden Juden „Jagd auf Palästinenser“ machten. Grosfoguel erklärt sogar, im Kampf gegen Israel stehe „die Zukunft der Menschheit auf dem Spiel“ und nur ein „palästinensischer Sieg“ werde „die Menschheit auf eine höhere Bewusstseinsebene führen“. Wohlgemerkt, dies sind keine Außenseiter im postkolonialen Diskurs, sondern sie stehen mittendrin.

Aber wurde auf der Tagung des Zentralrats der Juden und der Evangelischen Akademie auch über die wohl Zehntausenden Toten unter den Palästinensern im Gazastreifen gesprochen? Auch das, aber die jüdisch-israelische Selbstreflektion stand in diesen drei Tagen in Berlin eindeutig im Vordergrund. Ganz zum Schluss sagte eine Teilnehmerin, „der Elefant im Raum“ sei doch das palästinensische Flüchtlingsproblem, für das eine Perspektive nötig sei. Sei es eine Zwei-Staaten-Lösung im Nahen Osten? Darüber nachzudenken fällt israelischen und jüdischen Menschen auch bei größter Menschen- und Friedensliebe derzeit offenbar sehr schwer. Zu tief sind noch die Wunden.

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