Willkommen allein genügt nicht

Die Kirchen in Deutschland müssen für die Flüchtlinge mehr Opfer bringen
Foto: privat
Die theologischen Fakultäten hierzulande sollten orthodoxe Lehrstühle einrichten.

Es ist die größte Flüchtlingswelle seit dem Zweiten Weltkrieg. Und es ist die größte Welle der Hilfsbereitschaft, die Deutschland seit vielen Jahren gesehen hat: Menschen sammeln Kleidung, geben Essen aus, kümmern sich um Kinder, erteilen Deutschunterricht. Überall im Land gibt es Willkommensinitiativen, überall sorgen sich Nachbarn um Neuankömmlinge.

Auch die Kirchen überall bei uns im Land sind mit voller Kraft dabei: Flüchtlingsheime und Notunterkünfte werden eingerichtet, Spendengelder bereitgestellt. Und in einem in der Geschichte der EKD einmaligen Vorgang unterzeichneten im September alle leitenden Geistlichen eine Erklärung, in der sie zur Schaffung legaler Zugangswege nach Europa und der Bekämpfung der Fluchtursachen aufrufen.

Aber das reicht nicht aus. Die Willkommensinitiativen, die Anstrengungen der Kirchen, die Feldbetten und Kinderspielzeuge, all das greift zu kurz. Denn es lindert nur die Symptome. Kurzfristig ist die Hilfe wirksam, aber langfristig fehlt es ihr an Nachhaltigkeit. Natürlich ist es im Moment wichtig, dass die Flüchtlinge, die nach Europa kommen, ein Dach über dem Kopf und ein Kissen darunter haben. Aber genauso wichtig ist es, dass sich Europa über die Zukunft dieser Menschen klar wird.

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Wie soll es in den nächsten Jahren weitergehen? Sicher, Deutschland braucht Krankenpfleger, Ärzte, Facharbeiter und Ingenieure. Doch tatsächlich steht Europa nicht nur vor der Herausforderung der Integration. Natürlich müssen die Neuankömmlinge für den hiesigen Arbeitsmarkt fit gemacht und in der Gesellschaft integriert werden. Eine klassische Aufgabe der Wohlfahrtsverbände - für Diakonie und Caritas ebenso wie für das Rote Kreuz, den Arbeitersamariterbund oder sogar die Sozialarbeiter des Humanistischen Verbands.

Doch, um den legendären Gründer der Heilsarmee, William Booth, zu zitieren: Es geht nicht nur um Suppe und Seife. Es geht auch um das Seelenheil.

Suppe und Seife jedenfalls erhalten die Flüchtlinge heute schon an vielen Stellen. Beim Seelenheil hingegen könnte es Probleme geben: Wie geht es mit den orientalischen Kirchen weiter, deren Kernländer Syrien und Irak nun in der Gewalt des IS sind? Ein christliches Leben ist dort nicht mehr möglich, die Gemeinden sind auf der Flucht. Und in Europa sind die orientalisch-orthodoxen Kirchen klein und kaum auf einen Massenansturm aus dem Nahen Osten vorbereitet.

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Eine Situation, die die evangelischen Landeskirchen ebenso wie die römisch-katholische Kirche als ökumenische Herausforderung begreifen sollten. Denn während die Suppe und die Seife in den Flüchtlingslagern auch vom Deutschen Roten Kreuz kommen können, wird wohl niemand auf die Idee kommen, das Deutsche Rote Kreuz um Unterstützung bei der Gründung einer Kirchengemeinde zu bitten.

Es wäre deswegen ein wichtiges Signal, würden sich die evangelischen und katholischen Kirchengemeinden in Deutschland unter dem Eindruck der Flüchtlingswelle auch Kollekten für die hiesige Orthodoxie sammeln. Die orientalischen Kirchen brauchen Geld, um Geistliche anzustellen, Gemeindehäuser zu betreiben, und aus der ersten Nothilfe für Flüchtlinge ein kontinuierliches Gemeindeleben werden zu lassen. Genau wie jeder einzelne Asylbewerber brauchen auch die Kirchen eine sichere Zuflucht: Deswegen wäre es ein wichtiges Signal, würden an den theologischen Fakultäten hierzulande orthodoxe Lehrstühle eingerichtet, damit die Traditionen und Überlieferungen der Christen aus Syrien und dem Irak bewahrt und an kommende Generationen weitergegeben werden können. Denn wo sonst sollten sie ihre Geistlichen ausbilden? Im Orient wird die Lage immer schwieriger. Ihre Gemeinden leben sowieso in Europa. Und gerade weil im Umgang mit dem Islam immer wieder die Ausbildung von Geistlichen und Religionslehrern in Europa gefordert wird, könnten die Kirchen und die theologischen Fakultäten hier mit gutem Beispiel vorangehen und die Umwidmung einzelner Professuren betreiben, anstatt mit der klassisch landeskirchlichen Mentalität der staatskirchenrechtlichen Besitzstandswahrung an einem ohnehin vorhandenen Überangebot theologischer Fakultäten festzuhalten. Denn eines sollte doch nicht vergessen werden: Im Nahen Osten hat sich der IS die Vernichtung des christlichen Lebens in seinen Herrschaftsgebieten vorgenommen. In Syrien und dem Irak ist das schon fast gelungen - doch wenn die vertriebenen und nach Europa geflohenen Christen nun zu ganz normalen, säkularisierten Mitteleuropäern werden, wäre der IS wohl endgültig am Ziel. Das zu verhindern, sollte auch Aufgabe der beiden großen Kirchen in Deutschland sein.

Benjamin Lassiwe ist freier Journalist in Berlin.

Benjamin Lassiwe

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