Unnahbare Verhüllung

Rechter Glaube weiß von seiner inklusiven Wahrheit
Foto: privat
Es gehört zum Wesen der Erkenntnis des Glaubens, dass sie darum weiß, dass das, was sie erkennt, darin erkannt sein will, dass es mehr ist, als es von sich zu erkennen gibt.

Wer es wie ich unentwegt mit der Ökumene zu tun hat, ist immer auch mit dem Thema der Inklusion befasst. Genau genommen wird die Frage der Inklusion aber nicht erst dort virulent, wo die Grenzen von der eigenen zu einer anderen Konfession überschritten werden. Vielmehr ist sie unausweichlich mit der Frage nach der Wahrheit auch innerhalb des eigenen Orientierungshorizontes verknüpft, eben dann, wenn es um die Reichweite der Wahrheit geht. Das Problem der Wahrheitsfrage kommt in dem Umstand in den Blick, dass die Antwort allein dadurch Überzeugungskraft gewinnen kann, dass sie einem Anspruch auf universale Geltung standhält. Es ist dieser Umstand, der heute vor allem dazu führt, der Wahrheitsfrage den Rücken zu kehren. Weil dies ebenfalls keine befriedigende Lösung ist, wird alles auf einen behutsamen Umgang mit der Wahrheit ankommen.

Gewiss erschließt der christliche Glaube eine Perspektive zur Wahrheit, und zugleich entspricht es eben dem Wesen des Glaubens, dass auch diese Perspektive die Wahrheit nicht einfach enthüllt, sondern ihre Enthüllungen belassen sie immer auch in einer unnahbaren Verhüllung. So nahe Gott uns gekommen sein mag, so fern bleiben wir dem Geheimnis seines universalen Wesens. Es gehört zum Wesen der Erkenntnis des Glaubens, dass sie darum weiß, dass das, was sie erkennt, darin erkannt sein will, dass es mehr ist, als es von sich zu erkennen gibt. So wahr die Erkenntnis sein mag, sowenig können wir durch sie der Wahrheit habhaft werden. Es ist selbst ein Teil dieser Erkenntnis, dass sie uns die Unverfügbarkeit der Wahrheit ins Bewusstsein schreibt. Das gehört mit zur besonderen Heilsamkeit der Glaubenserkenntnis, dass sie uns radikal die Verfügung über die Wahrheit aus der Hand nimmt, damit sie nicht, wie es immer wieder geschehen ist, in unserer Hand zu einer Unheil verbreitenden Waffe wird. Die Wahrheit bleibt allem überlegen, als wir für sie ins Feld führen können.

Bis hier kann wohl mit allgemeiner Zustimmung gerechnet werden. Schwieriger wird es dann, wenn es darum geht, aus dieser Einsicht die Konsequenzen zu ziehen. Aber auf diese kommt es entscheidend an. So exklusiv die jeweilige Perspektive auf die Wahrheit auch sein mag, so wenig zielt ihre Erkenntnis auf Exklusion. Auch wenn sich die Universalität der Wahrheit nicht demonstrieren lässt, so kann sie doch sinnvoll nicht anders als inklusiv verstanden werden. Das Reich Gottes, auf das wir warten, können wir uns nur in Metaphern vorstellen, aber dass es keine Exklusivveranstaltung der Kirchen oder gar nur dieser oder jener Kirche sein wird, das kann wohl mit hoffnungsvoller Gewissheit gesagt werden.

Recht verstandener Glaube weiß sich von einer inklusiven Wahrheit getragen. Das gilt innerhalb der eigenen Konfession, aber auch ökumenisch ebenso wie im Blick auf die anderen Religionen und schließlich auf die ganze Schöpfung. Wenn die Wahrheit auf dem Spiele steht, kann das nicht anders sein. Ihre Exklusivität zielt nicht auf Exklusion, sondern auf Inklusion. Es hätte immense Folgen, wenn diese Lektion des Glaubens bei seinen geschichtlichen Protagonisten einmal tatsächlich ankommen würde.

Michael Weinrich ist Theologieprofessor in Bochum und Mitherausgeber von zeitzeichen.

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Michael Weinrich

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