Das Bad im Wald

Punktum
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Alljährlich um diese Zeit erfreuen sich die Menschen auf herbstlichen Waldspaziergängen an der Laubfärbung nach dem Sommer. Sie sammeln mit ihren Kindern Waldfrüchte wie Eicheln, Bucheckern, Tannenzapfen und Kastanien. Und auch die Autoren der Romantik sehnten sich in die Waldeinsamkeit, die als „Hallraum der Seele“ imaginiert wurde. Mit knorriger Eiche und Moospölsterchen.

In neuester Zeit werden die Bäume sogar von bleichgesichtigen, hausstaubgeplagten Großstädtern umarmt. Diese haben dafür einen Begriff gefunden: Tree Hugging. Oder sie treten barfüßig Moospölsterchen platt, flechten Gräser, balancieren in Gruppen auf Stämmen, sitzen auf Baumstümpfen oder meditieren unter einem Buchenzweig. „Waldbaden“ nennen sie den Naturtrend, der gleichsam in den Publikumszeitschriften so benannt und angepriesen wird. Mit Baden im Wasser hat das nichts zu tun. Außer vielleicht mit der Grundidee des Badens, also dem Eintauchen, aber in die Natur und nicht ins Wasser.

Henry David Thoreau sah es in den Fünfzigerjahren des 19. Jahrhunderts philosophierend voraus: „Bei meinen Nachmittagsspaziergängen möchte ich meine morgend-lichen Beschäftigungen und meine Verantwortung gegenüber der Gesellschaft vergessen. Doch manchmal gelingt es mir nur schwer, das Städtchen abzuschütteln. Der Gedanke an irgendeine Aufgabe schießt mir durch den Kopf, und ich bin nicht mehr dort, wo mein Körper ist - ich bin nicht bei Sinnen. Auf meinen Spaziergängen möchte ich jedoch bei Sinnen sein. Was soll ich im Wald, wenn ich dabei an etwas denke, was nicht im Wald ist?“

150 Jahre später entdeckt Japan das Waldbaden, Shinrin-Yoku genannt. Das Eintauchen im Wald dient der Gesundheitsvorsorge, es soll den Blutdruck senken, den Puls regulieren und auch die Stresshormone abbauen.

Und weil sich mit Naturtrends Geld verdienen lässt, gibt es nun in Deutschland den ersten anerkannten Heilwald auf der Insel Usedom. Ein zertifizierter Ausbildungsgang zum Waldtherapeuten wird an der Universität entwickelt. Doch ob Eichen, Buchen und Birken beim Waldbaden genauso wirken wie Zedern, Pinien und Lerchen aus Japan steht in den Sternen. Dabei ist es mit einem Waldspaziergang nicht getan. Die Anleitung zum neuen Waldbaden, zum Shinrin-Yoku, beschreibt in zehn Schritten: Schlendern, Rasten, Wahrnehmen, Ausprobieren, Sanfte Bewegung, Achtsamkeit, Augenentspannung, Atemübungen, Meditation und Stille.

Sollten wir nicht alle am 8. September den Spaziergang in den Wald wagen? An diesem Tag ist der erste Internationale Tag des Waldbadens ausgerufen. Auf den Lippen hätten wir dann Joseph von Eichendorffs „O Täler weit, o Höhen, o schöner, grüner Wald... da mag vergehn, verwehen das trübe Erdenleid, da sollst du auferstehen in junger Herrlichkeit.“ Dabei fragt man sich, ob das Waldbaden nur ein neuer Weg zu einem alten Bekannten ist.

Kathrin Jütte

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Kathrin Jütte

Kathrin Jütte ist Redakteurin der "zeitzeichen". Ihr besonderes Augenmerk gilt den sozial-diakonischen Themen und der Literatur.


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