Die Fabrikation der Anderen

Warum uns in Europa die Dschihadisten so bald nicht ausgehen
Foto: Caroline Nickel

Warum ziehen junge Menschen aus Europa in den Heiligen Krieg? Forschungen zur Radikalisierung von Dschihadisten haben derzeit Konjunktur. So unterschiedlich die Erklärungen auch sein mögen, immer wieder wird ein Satz des französischen Islamwissenschaftlers Olivier Roy zustimmend zitiert. Er sagt, dass man es nicht mit einer „Radikalisierung des Islam” zu tun habe, sondern vielmehr mit einer „Islamisierung der Radikalität”. Es geht also nicht um kontinuierliche Entwicklungen innerhalb religiöser Communities, sondern eher darum, dass diejenigen, die sich – aus welchen Gründen auch immer – radikal gegen die westlichen Gesellschaften positionieren wollen, nach einer passenden Ideologie suchen.

Für diese These spricht unter anderem, dass eine nicht unbeträchtliche Zahl der Dschihadisten erst kurz zuvor zum Islam konvertiert sind oder aus moderaten muslimischen Familien kommen: Männer und Frauen der zweiten oder dritten Generation von Einwanderern, die sich mit ihrer Radikalisierung nicht nur gegen „den Westen“, sondern auch gegen ihre Eltern stellen. Zu Roys These passt auch das auffällig dünne religiöse Wissen, das sich bei jungen Dschihadisten findet. Dass es Netzwerke von radikalen Predigern und ideologisch gefestigten Organisatoren des Dschihad gibt, spricht nicht gegen die These. Sie sammeln die Unzufriedenen ein, aber sie schaffen nicht das Reservoir, aus dem sie schöpfen.

Das Reservoir bilden zu einem guten Teil junge Menschen, die mit ihren Erwartungen und Wünschen in der Gesellschaft gescheitert sind, so die Münsteraner Soziologin Karin Priester in ihrer Studie „Warum Europäer in den Heiligen Krieg ziehen“ (Campus). Sie haben abgebrochene Bildungskarrieren, schlechte Jobs, Diskriminierungserfahrungen und so keinen Weg ins Leben gefunden. Zu diesen Kränkungserfahrungen passt nun kongenial, darauf hat der Pariser Psychoanalytiker Fethi Benslama hingewiesen (Der Übermuslim, Verlag Matthes&Seitz),die Vorstellung von einem gekränkten oder beleidigten Islam.

Die Vorstellung, dass „der Islam“ vom Westen gedemütigt und ausgeschlossen wird, macht die Religion attraktiv für junge Menschen, die sich ebenfalls gedemütigt fühlen. Ihr Gefühl des Gedemütigtseins wird aufgehoben im Bild des ebenfalls gedemütigten Islams. Und derjenige, der sich gegen die Kränkung seiner Religion einsetzt, darf sich als heiliger Krieger fühlen, der nicht nur für sich, sondern für Gott und an Gottes Seite kämpft. Aus dem Gedemütigten wird der Richter über die Anderen. Dieses erhebende Gefühl durch die Umkehrung der Rollen muss man wohl nachvollziehen, wenn man verstehen will, wieso junge Menschen den Krieg oder den Tod einem Leben im Westen vorziehen.

Dass das Bild vom gedemütigten Islam bei jungen Europäern ankommt, zeigt aber auch, dass das Reservoir der Unzufriedenen sich nicht unbeträchtlich auch aus misslungener Integration speist und dem Gefühl, als Muslime nicht vollwertig zu den westlichen Gesellschaften dazuzugehören – was etwas anderes ist als soziales Abgehängtsein. Das Gefühl, anders zu sein, kann auch der muslimische Uni-Absolvent haben. Mit anderen Worten, bevor fundamentalistische Prediger jungen Muslimen eine neue religiöse Identität anpreisen, haben die sie schon jahrelang von ihren Mitschülern, Lehrern und Kollegen erhalten: Wer in der Wahrnehmung der europäischen Mehrheitsgesellschaften früher „Gastarbeiter“ oder „Araber“ war, der wird heute zuerst als „Muslim“ und damit als latent bedrohlich eingestuft. Denn „der Islam“ ist in den westlichen Gesellschaften spätestens seit dem 11. September 2001 das kollektive Feindbild Nummer Eins, das auch denen den Weg weist, die nicht als Muslime groß geworden sind. Wer in die schärfste Opposition zur bestehenden Gesellschaft gehen will, wird heute Dschihadist statt wie früher Kommunist.

Müssen moderne Gesellschaften zwangsläufig eine Gruppe von Anderen markieren, auf die sie die Negation der eigenen Werte projizieren? In dem Theaterstück „Andorra“ von Max Frisch wird dem jungen Andri von seinen Mitmenschen, teils in wohlwollender teils in diskriminierender Absicht, klar gemacht, dass er als vermeintlicher Jude eben anders sei. Und irgendwann nimmt der die Fremdzuschreibung als eigene Identität an. Dieser Mechanismus wiederholt sich heute millionenfach: Durch die Konstruktion der Muslime als „die Anderen“ sorgen auch die europäischen Gesellschaften dafür, dass dem Heiligen Krieg nicht das Personal ausgeht. Und alle Bemühungen, den Feind in den eigenen Reihen zu identifizieren und einzudämmen, verstärkt nur die Produktion von solchen „Anderen“. Einige von ihnen erweisen sich dann tatsächlich als so gefährlich, wie man es von ihnen schon immer behauptet hat.

Christoph Fleischmann ist Diplom-Theologe und Journalist.

Christoph Fleischmann

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