Gesunkene Schamschwelle

Die Kirchen können den Juden noch immer keine eigene Heilsgewissheit zugestehen
Foto: privat

In einer Zeit, in der die Schamschwelle schon wieder so tief gesunken ist, dass deutsche Christen nach dem Völkermord am europäischen Judentum meinen, wieder über die „Judenmission“ diskutieren zu müssen, ist es angezeigt, einige theologische Gegebenheiten wieder in Erinnerung zu rufen. Die christlichen Positionen zu diesem Thema pendeln zwischen dem Missionsbefehl, „alle Völker“ zu lehren und zu taufen und der wenn auch heftig schwankenden paulinischen Auffassung, dass Gott sein Volk Israel nicht verstoßen hat und die Christenheit nichts mehr sei als ein Pfropfreis auf dem altehrwürdigen Ölbaum des Volkes Israel. Die besonders israelfeindliche Deutung in der Kirchengeschichte war der Anspruch der Kirche, nunmehr das „wahre Israel“ zu sein, die Erbin der alten biblischen Verheißungen. Das Judentum wurde so seiner eigenen Identität beraubt. Als dies nicht das Ende eines selbstbewussten, von einer reichen theologischen und philosophischen Kultur getragenen Judentums bewirkte, griff man flugs zu der augustinischen Formel, das „verworfene Israel“ müsse als elendes Zeugnis für die Größe der Kirche weiterbestehen. Die theologisch-philosophische Arbeit der Juden wurde als Missdeutung der eigenen Tora gedeutet, durch eine Magd mit verbundenen Augen. Und Martin Luthers „Von den Juden und ihren Lügen“ fügte dem noch den Schlussstein hinzu.

Es bedurfte dann der vom christlichen Antijudaismus vorbereiteten und von Luther geforderten Vernichtung der Juden und ihrer religiösen Kultur, die nach 1945 aus Scham eine Neubesinnung in den Kirchen einleitete. Die protestantische Erklärung von 1950 und die katholische Enzyklika „Nostra Aetate“ von 1965, auch eine vatikanische Verlautbarung von 2015, ließen das Pendel vorsichtig zurückschwingen. Immerhin wurde die Verwerfungstheorie fallengelassen, die Blindheit der jüdischen Schriftexegese wurde nicht mehr in der alten Schärfe vertreten, der jüdisch-christliche Dialog sollte Gleichheit entstehen lassen, wenn auch noch viel zu häufig die „Messiasfrage“ hochkam. Dieser Dialog hat aber wohl kaum zum Bewusstsein gebracht, dass zwar die Kirche in ihrem theologischen Selbstverständnis unbedingt auf das Judentum angewiesen ist, nicht hingegen das Judentum auf die Kirche, das den Dialog eher als verzeihende Geste - von einigen wenigen - mitgemacht hat.

Die Formulierungen verraten jedoch, dass die Kirchen sich weiterhin nicht wirklich mit einem „eingepropften“ Selbstverständnis abfinden wollten. Auch wenn eine formale Judenmission von Mehrheiten abgewiesen wurde, so bleibt doch das Bedürfnis des Bekenntnisses Christi gerade auch gegenüber den Juden, weil den Juden eben eine eigene Heilsgewissheit nicht zugestanden werden kann. Die katholische Verlautbarung von 2015 warnt darum auch ausdrücklich vor der „Irrmeinung“, als könne es zwei Heilswege geben, „nach dem Motto: Juden halten die Tora, Christen halten sich an Christus“. Das Pendel ist zwar weit von der Feindschaft und vom Missionsbefehl zurückgeschwungen, aber offenbar nur bis zur Mitte. Ja, die Katholiken gaben das Ersetzungsdogma vom „wahren Israel“ auf, und die Protestanten distanzierten sich von den Judenschmähungen Luthers, aber ein Ausschlag ganz bis zum paulinischen „Gott hat sein Volk nicht verstoßen“ ist keiner Kirche bisher gelungen. Im Gegenteil, die Bewegung scheint schon wieder rückwärts zu gehen. Das zeigt sich schmerzhaft an Papst Benedikts xvi. Wiedereinsetzung einer reformulierten Karfreitagsbitte: „Lasst uns auch beten für die Juden, auf dass Gott, unser Herr, ihre Herzen erleuchte, damit sie Jesus Christus erkennen, den Retter aller Menschen.“ Der Missionsbefehl schleicht sich also wieder behutsam ein. Die Katholiken sagen: Die Christen sind aufgerufen, auch Juden gegenüber Zeugnis von ihrem Glauben an Jesus Christus abzulegen - wenn auch demütig und in sensibler Weise. Und für den protestantisch-jüdischen Dialog soll noch gelten: „Auf diese Weise bezeugen wir einander behutsam unser Verständnis von Gott und seiner lebenstragenden Wahrheit.“ Das Pendel schwingt aber noch viel weiter, wenn die katholische Verlautbarung meint, „dass Israel ohne die Kirche in Gefahr stehen würde, zu partikularistisch zu verbleiben und die Universalität seiner Gotteserfahrung nicht genügend wahrzunehmen“. Die protestantische Seite geht noch einen Schritt weiter und vermeint, ihre politischen Ansichten zum Nahostkonflikt als Gottes Wille darstellen zu müssen, wenn die pfälzische Landeskirche in einer Arbeitshilfe erklärt, „dass die israelische Besetzung palästinensischen Landes Sünde gegen Gott und die Menschen“ sei. Welche Hybris und Anmaßung! Das exegetische Pendel ist ein Gradmesser für die Mentalität der Zeit, und diese scheint eine der gesenkten Schamschwelle zu sein.

Karl Erich Grözinger

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