Fetisch Planbarkeit

Wir brauchen mehr offene Räume statt fixer Ideen
Foto: EKM

Der Sozialphilosoph Charles Taylor macht darauf aufmerksam, dass unsere moderne Welt wie besessen ist von der fixen Idee, man könne durch richtige Planung und Steuerung im Prinzip alle Dinge vorhersehen und beeinflussen.

Wenn etwas noch nicht gut genug geplant und gesteuert werden konnte, dann hatten wir eben noch nicht genügend Daten zur Verfügung, oder unsere technische Ausrüstung war zu schwach, oder unsere Mitarbeiter waren nicht kompetent genug. So lauten die üblichen Erklärungen, wenn etwas nicht vorhergesehen oder gut gesteuert werden konnte. Die Kontingenz, das Zu-Fällige, das Nicht-Planbare ist der Feind, der überwältigt werden muss. Ein Regel- und Normenfetischismus regiert die heutige Welt.

Nun weiß auch Taylor, dass es Prozesspläne, Normen und allgemeine Regeln geben muss, um menschliches Zusammenleben gut zu gestalten. Doch er macht darauf aufmerksam, dass wir modernen Menschen in der Versuchung stehen, daraus einen Fetisch zu machen: „Wir glauben, wir müssten das richtige Regel- und Normensystem finden und es dann ausnahmslos befolgen. Wir erkennen gar nicht mehr, dass diese Regeln unserer Welt der Menschen aus Fleisch und Blut nicht gut entsprechen, und übersehen die Dilemmata, die unter den Teppich gekehrt werden müssen.“

Dienen unsere Normen und Regeln dem menschlichen Leben? Helfen sie die berühmte Frage beantworten, die Jesus die Geschichte vom barmherzigen Samariter erzählen lässt: „Wer ist denn mein Nächster?“ Ich fürchte, eben dieser Regelfetischismus überdeckt die Bauchgefühl-Antwort auf diese zentral wichtige Frage für Menschlichkeit und Mit-Menschlichkeit in unseren modernen Gesellschaften. Ich fürchte, eben die fixe Idee von der Planbarkeit (und dann auch Machbarkeit) aller Dinge führt dazu, dass der Priester im entscheidenden Moment am Unter-die-Räuber-Gefallenen vorbeigeht.

Für Charles Taylor ist das Nicht-Planbare, das Zu-Fällige, das Kontingente die entscheidende Pointe der Geschichte vom barmherzigen Samariter. Wer alles im Vorhinein in Pläne und im Nachhinein in Evaluationen pressen will, übersieht denjenigen, über den er stolpert, weil er verletzt vor ihm auf der Straße liegt.

Ich habe Sorge, dass diese geistliche und menschliche Spontaneität in unserer Kirche verkümmert, wenn wir einen großen Teil unserer Energien in Struktur- und Prozesspläne, in Stellenpläne für in 15 oder 20 Jahren und in das Finden immer neuer Regeln und Ordnungen und auch in - in bester Absicht und Konzeption entworfene - Kampagnen investieren. Die Kirche als Organisation soll Freiräume öffnen, beziehungsweise offen halten, zur Feier von Gottesdienst und für die Zuwendung zu den je konkreten Nächsten. Wenn unsere Ordnungen und Verfahren diese Räume nicht mehr öffnen, und sei es unter grundlegend anderen Umständen als gewohnt, dann müssen sie geändert werden; damit offene Räume Vorrang vor fixen Ideen haben; damit wir anderen zur Nächsten werden können.

Ilse Junkermann

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Ilse Junkermann

Ilse Junkermann ist Landesbischöfin a.D. und Leiterin der Forschungsstelle „Kirchliche Praxis in der DDR. Kirche (sein) in Diktatur und Minderheit“ an der Universität Leipzig.


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