Gelesen und gebraucht

Die Bibel ist kein Luxusgegenstand
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Kann dem Christentum also gleichgültig sein, was aus dem Buch wird? Was würde es für den Umgang mit der Bibel bedeuten, wenn die Buchform durch das E-Book verdrängt würde?

Die Zukunft des Buches scheint bedroht. Der erhebliche Anstieg der Buchproduktion in den vergangenen Jahrzehnten untermauert die Sorgen zwar nicht. Auffallend ist allerdings der deutliche Zuwachs beim Verkauf von E-Books. Die Attraktivität der neuen elektronischen Lesemedien wird dabei nur als ein weiteres Symptom für den Rückgang der kulturellen Bedeutung des Buches insgesamt gewertet. Die Hochzeit als kulturelles Leitmedium erlebte das Buch vom 17. bis ins beginnende 20. Jahrhundert. Seit den Sechzigerjahren sei es damit definitiv vorbei. Seither tendiere das Buch - so der Lüneburger Medienwissenschaftler Werner Faulstich -, zu einem Luxus- und Elitegegenstand zu werden.

Diese Entwicklung wird auch durch die verschiedenen Radio- und Fernsehsendungen sowie Feuilletonbeiträge begünstigt, in denen die Neuheiten auf dem Buchmarkt vorgestellt werden. Das mag man angesichts der unübersehbaren Fülle von Büchern als hilfreich empfinden. Aber oft sind die Urteile gnadenlos populistisch. Der kulturellen Bedeutung des Buches wird so ein ambivalenter Dienst erwiesen.

Welche Bedeutung haben solche Entwicklungen für das Christentum? Diese Frage liegt nahe, war und ist doch die Geschichte des Christentums auf das Engste mit der Entstehung des Buches verbunden. Nicht nur für die Verbreitung des christlichen Glaubens, sondern ebenso für Gottesdienst, christliche Erziehung und Theologie gewann die Bibel als Buch eine kaum zu überschätzende Bedeutung. Und die Bibel hat es als Buch weit gebracht. Sie ist heute das mit Abstand am meisten gedruckte und am weitesten verbreitete Buch der Welt.

Gleichwohl ist das Christentum nur im sekundären Sinne eine Buchreligion. Die Bibel bezeugt nach dem Glauben der Christen das Wort Gottes. Aber damit ist noch nicht über ihre verbindliche Textgestalt und über die genaue Zahl der biblischen Bücher entschieden, die zwischen die Buchdeckel der Bibel gehören. Sie ist ein geschichtlich gewachsenes Buch, über dessen Grenzen und Textgestalt immer wieder neu nachzudenken war und ist. Das hat ihrer Bedeutung keinen Abbruch getan. Denn der Glaube lässt sich - wie Martin Luther sagte - "nit von dem text treyben", sondern von der Botschaft, die die Bibel enthält. Wo diese Botschaft laut wird, kann man auch Christ sein, wenn man keine Bibel besitzt oder sie nicht lesen kann. Der Glaube an das Evangelium allein macht lebendig.

Kann dem Christentum also gleichgültig sein, was aus dem Buch wird? Längst ist auch die Bibel in allen modernen Speichermedien zugänglich. Aber was würde es für den Umgang mit der Bibel bedeuten, wenn die Buchform durch das E-Book verdrängt würde? Die Tatsache, dass die Bibel als gedrucktes Buch in vielfältigsten Formaten und für viele Adressatenkreise erhältlich ist, weist derzeit nicht darauf hin, dass ihr Buchformat an Bedeutung verliert. Gerade die Buchform hat die breite kritische Auseinandersetzung mit der Bibel befördert. So wird sich zeigen, ob diese Form auch in Zukunft die handhabbarste ist, um sich mit der Bibel zu beschäftigen. So viel ist allerdings sicher: Die Bibel ist kein Luxus- oder Elitegegenstand. Sie richtet sich an jeden und jede, sie will gelesen und gebraucht werden.

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Friederike Nüssel

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Friederike Nüssel

Friederike Nüssel ist Professorin für Systematische Theologie in Heidelberg und Herausgeberin von zeitzeichen.


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