Keine empirische Evidenz

"Nachhaltige Entwicklung ist eine unsinnige Vokabel"
Foto: privat
So bleibt es dabei: Die einen haben aus Daseinsnot keinen Sorgenspielraum für die Klimafrage, die anderen murmeln "Nach mir die Sintflut" oder hoffen, dass hierzulande alles gutgehen wird, weil in Flensburg Palmen wachsen werden.

"Die ursprüngliche Idee ... eine gefährliche Erwärmung von mehr als zwei Grad global zu verhindern, ist ... praktisch unmöglich geworden." Diese klaren Worte fand Dennis Meadows, Mitautor des legendären Club-of-Rome-Berichts von 1972 - der Mann, der die Formel von den Grenzen des Wachstums prägte -, in einem Interview mit der FAZ am 4. Dezember 2012, also noch ehe die gut zwanzigtausend Experten, Politiker und Aktivisten, die sich in Doha, Hauptstadt des Emirats Katar, zu einem Klimagipfel versammelt hatten, wieder davongedüst waren. Schon vorher hatte festgestanden: Alles wird weitergehen wie bisher. Doch ob man nun über den menschengemachten Anteil der Klimaerwärmung noch feilschen möchte oder nicht, abzuwenden wird sie nicht sein.

"Bauen wir doch lieber Deiche statt Windräder", ist hier und da zu hören, oder: "Stecken wir das viele Geld doch anstatt in ohnehin aussichtslose Maßnahmen zur Eindämmung der CO2-Emissionen in die nachhaltige Entwicklung der armen Länder, dann haben die wenigstens die Mittel, sich gegen das drohende Schreckliche zu wappnen."

Dennis Meadows hält nichts davon: "Nachhaltige Entwicklung ist eine unsinnige Vokabel wie friedlicher Krieg ... Und was die grüne Industrie angeht, das ist reine Phantasie. Es gibt die Idee, das Bruttoinlandsprodukt vom Energieverbrauch zu entkoppeln. Dafür gibt es überhaupt keine empirische Evidenz." Auf die Frage "Welche Probleme sind die dringendsten?" antwortete Meadows: "Das exponentielle Wachstum von Bevölkerung und der Industrie ... Klimawandel, Nahrungsmangel, Umweltschäden sind nur Symptome."

Die Menschheit steuert also auf eine Katastrophe zu. Natürlich wird es Verschonte und Gewinner geben. So bleibt es dabei: Die einen haben aus Daseinsnot keinen Sorgenspielraum für die Klimafrage, die anderen murmeln "Nach mir die Sintflut" oder hoffen, dass hierzulande alles gutgehen wird, weil in Flensburg Palmen wachsen werden.

Dennis Meadow und seine Mitstreiter galten vielen schon vor vier Jahrzehnten als lästige Apokalyptiker. Ihre Kritiker setzten auf "gesunden" Optimismus und darauf, die Kirche im Dorf zu lassen und das Kohlekraftwerk in Betrieb. Ungesund seien nicht Abgase und Ozonlöcher, sondern - nichts anderes seien die Club-of-Rome-Warnungen - hysterischer Alarmismus und defätistischer Pessimismus. Letzterer sei ohnehin nur ein verkappter Vorwand, sich auf die faule Haut zu legen.

Als bekannteste Alarmistin aller Zeiten gilt Kassandra. Dabei waren ihre Rufe alles andere als unbegründete Panikmache. Apollon hatte ihr die Fähigkeit verliehen, in die Zukunft zu schauen, aber, weil sie ihn verschmähte, ausgeschlossen, dass irgendjemand ihr glaubt.

Und die Pessimisten? Unter ihnen finden sich Typen vom Schlage des Arztes Rieux in "Die Pest" und überhaupt die, denen Albert Camus mit seinem Mythos des Sisyphos aus dem Herzen gesprochen hat - nein, dass sie weniger entschlossen handelten als andere, lässt sich ihnen nicht vorwerfen. Selbst unter Christen hatten die Schwarzseher, die auf rätselhafte Weise bei einem "Trotzdem" landen, schon immer eine Heimstatt, siehe die Offenbarung des Johannes: "Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde ..." (21,1).

Was nun die Klimaerwärmung angeht, so lautet Dennis Meadows Fazit: "Ich habe kein Konzept." Zu befürchten ist: Niemand hat eins.

Helmut Kremers

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