Eile mit Weile

Mehr als ein Ratgeberbuch
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Computer und Fernseher in ungemütliche Räume verbannen, für manche Tage in den Terminkalender das Wort "nichts" eintragen - Ulrich Schnabels Buch gibt auch Ratschläge. Es liefert aber weitaus mehr, als die typische Ratgeberliteratur.

Dieses Buch gibt Ratschläge, gehört aber nicht zu der seit einigen Jahren ins Uferlose gewachsenen Ratgeberliteratur. Das wird schon in Ulrich Schnabels "Vorwort für Eilige" deutlich. Sein Buch, schreibt der Wissenschaftsredakteur der Zeit bescheiden, könne "im besten Falle" dazu beitragen, dass die Leserinnen und Leser "auf bessere Gedanken kommen" als er.

Der Untertitel des Buches führt in die Irre. Denn Muße beschränkt sich für Schnabel "nicht auf das entspannte Nichtstun", sondern könne "in jenen Momenten" gepflegt werden, "die nicht der modernen Verwertungslogik unterworfen sind". So ließen sich "Mußestunden auch als Zeiten definieren, in denen wir etwas ausschließlich um seiner sonst willen tun". Das geschieht doch gerade in Gottesdiensten und Andachten, möchte der Rezensent spontan einwerfen. Aber in den meisten Gottesdiensten fehlen Momente der Stille. Die Besucher müssen dauernd aktiv sein und etwas tun, zuhören, sprechen und singen. Da die Kirchen ihre mystischen Traditionen nicht besonders pflegen, abgesehen von den Orden, suchen Leute, die zur Ruhe kommen wollen, bei anderen religiösen Traditionen Zuflucht, gerade im Buddhismus. So ist es kein Wunder, dass auch Schnabel ein Kapitel dem "Glück der Meditation" widmet.

Kritisch setzt er sich mit der Ratgeberliteratur à la "Simplify your life" auseinander und den vielen Büchern, die ihren Leserinnen und Leser beibringen wollen, wie man seine Zeit effizienter nutzt. Nach Schnabels Urteil tun diese Publikationen so, als handle es sich bei der Unfähigkeit zur Muße "um ein individuelles Problem, das man durch eine entsprechende Verhaltensänderung ganz leicht lösen" kann. Schnabel zeigt dagegen, wie die meisten Leute in ein Arbeitsleben und eine Kultur eingespannt sind, die auf Beschleunigung aus sind und nicht auf Entschleunigung. Allerdings macht er für die Unfähigkeit zur Muße nicht einfach die Zwänge der Informationsgesellschaft verantwortlich. Denn auch denen, die sich von ihnen befreien wollten, scheine eines "ungeheuer schwerzufallen: das Alleinsein".

Schnabel gibt nicht Ratschläge, die eine vollkommene Änderung des eigenen Lebensstils propagieren und damit den Leser überfordern, sondern solche die man umsetzen kann. Unter anderem empfiehlt er die "Odysseus-Strategie", das heißt, sich "Orte des Rückzugs" zu schaffen. Hier, wie in anderen Kapiteln seines Buches, versucht Schnabel nicht, krampfhaft originell zu sein. So bezieht er sich auf den Jenenser Soziologen Hartmut Rosa, den Erfinder der "Odysseus-Strategie". Der empfiehlt, Computer und Fernseher "eine Zeit lang" in ungemütliche Räume zu verbannen. Wem das zu aufwändig ist, solle für manche Tage in den Terminkalender einfach das Wort "nichts" einzutragen. Und diejenigen, die an diesem Tag etwas unternehmen wollten, solle man mit dem Hinweis abwehren, man habe schon etwas vor. Und wer sich gerne in ein Kaffeehaus zurückzieht, den verweist Schnabel auf die Webseite des israelischen Mathematikers Ariel Rubinstein. Der hat ruhige Cafes in der ganzen Welt aufgelistet: arielrubinstein.tau.ac.il univ-coffee.html.

Der Analyseteil des Buches ist etwas zu umfangreich geraten. Doch das wird durch Schnabels Stil und Witz aufgewogen. Und seine Impulse würden vielen Menschen gut tun, gerade auch Geistlichen, die oft bis zur Besinnungslosigkeit von Besinnung zu Besinnung eilen.

Ulrich Schnabel: muße. Vom Glück des Nichtstuns. Karl Blessing Verlag, München 2010, 288 Seiten, Euro 19,95.

Die Kaffeehäuser von Ariel Rubinstein

Jürgen Wandel

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