Nur das Beste

Das Volk bevormunden im Namen der Aufklärung
Foto: privat
Ein Staat, in dem Meinungsfreiheit herrscht, kann Gesetztestreue fordern. Nicht aber Gesinnungstreue. Das scheint Konsens zu sein. Doch die Medien schwellen an zu einem schrillen Verdammungschor, sobald sich eine "Persönlichkeit des öffentlichen Lebens" politisch nicht korrekt äußert.

Die selbstverständlichste unter den Freiheiten in der Demokratie ist die Meinungsfreiheit. Was nicht heißt, dass alle in ihrer Meinung gleich frei sind und schon gar nicht, dass alle Meinungen gleich frei sind. Es gibt Grenzen, über deren Verlauf immer wieder gestritten wird. Wer sie überschreitet, tut das nicht ungestraft. Das musste auch Thilo Sarrazin erfahren, der in in einem - seinem - Buch so einiges versammelt hat, was Wissenschaft und Forschung zum Stand der Gesellschaft und zur Intelligenz- und Bildungsverteilung zu sagen hat, und damit etwas beweisen wollte: nämlich dass die deutsche Gesellschaft kein gutes Ende nehmen würde, sollte es mit der mangelhaften Integration von Muslimen in Deutschland so weitergehen.

Für Politiker und für große Teile der medialen Öffentlichkeit war in atemberaubender Geschwindigkeit klar, dass hier ein Volksverhetzer sprach, dem es das Handwerk zu legen galt, dem man, mit Verlaub gesagt, das Maul stopfen muss.

Sie fürchteten wohl, dass "das Volk" (auch "der Stammtisch" genannt) - immer der dumpfen Gefühle verdächtig -, geneigt sein könnte, in dem, was Sarrazin anspricht, ein wirkliches Problem zu sehen. Also gilt es, dieses Volk davon zu überzeugen, dass ihm von Sarrazin Schaden an Geist und Seele droht. Dazu muss es, potenziell unmündig, zum Objekt pädagogischer Bemühungen gemacht werden - hierzulande ein ganz normaler Vorgang, der unter Aufklärung deklariert und mit den Mitteln der Bevormundung betrieben wird. Vielleicht handelt es sich ja auch um einen deutschen Exportartikel, denn auch in Brüssel wird das gern geübt.

Das Volk: Der dumpfen Gefühle verdächtig

Jedenfalls gilt: Wer aufgrund seiner irgendwie zustande gekommenen Öffentlichkeitswirkung in der Lage ist, zu bevormunden, tut's mit Vergnügen und bestem Gewissen. Man will das Beste und weiß, was das Beste ist, namentlich für andere. Es handelt sich gewissermaßen um eine sehr spezielle Art von Brüderlichkeit. Ein Schuft, der Böses dabei denkt, etwa so: Siehe da, schaut da nicht das Unterfutter unserer autoritätsgläubigen Vergangenheit durch? Fremdenfeindlichkeit und Volksbevormundung als Kette und Schuss eines Gewebes?

Ein Staat, in dem Meinungsfreiheit herrscht, kann Gesetztestreue fordern. Nicht aber Gesinnungstreue. Das scheint Konsens zu sein. Die Medien dürfen und sollen letztere fordern, jedes einzelne Medium im Namen der von ihm bevorzugten und propagierten Gesinnung. Problematisch wird das erst, wenn die Medienstimmen zu einem schrillen Verdammungschor anschwellen, sobald sich eine "Persönlichkeit des öffentlichen Lebens" zu irgendetwas politisch nicht korrekt, aber weder ganz dumm noch zu Verbrechen aufrufend äußert.

Schriller Verdammungschor

Sarrazin ist nicht untergegangen. Er hat etwas erreicht. Sollte der Geist, den er aus der Flasche ließ, ein Teil von jener Kraft sein, die stets das Böse will, so hat er in diesem Fall wieder einmal auch Gutes geschaffen. In den Printmedien erschienen neben den üblichen Entrüstungstiraden plötzlich überall Beiträge zur Sache selbst.

Übrigens: In den Kundigen unter ihnen wurde eher selten behauptet, Sarrazin habe nichts von dem bei ihm verarbeiteten wissenschaftlichen Material verstanden. Er wird freilich nicht so leicht aus der Schäm-dich-Ecke herauskommen. Dazu hat er einen zu groben Keil auf einen zu sensiblen Klotz gesetzt. Vielleicht hat er ja geglaubt, sein Ruf sei ohnehin schon so gründlich ruiniert, dass er ungeniert zu Werke gehen könne. Da hat er sich getäuscht: Dieser eine Schritt war noch nötig.

Helmut Kremers

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