Johann Peter Hebel: Biblische Geschichten

Meisterstücke

Geschichten von Hebel
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Die Lektüre lohnt sich, und sie lohnt sich wirklich, weil die Erzählungen literarische Meisterstücke sind.

Warum soll 2018 jemand Johann Peter Hebels Biblische Geschichten lesen, die zwischen 1821 und 1823 entstanden sind? Hebel war damals Prälat der „Vereinigten evangelisch-protestantischen Kirche des Großherzogtums Baden“. Heute hieße sein Amt Landesbischof. Und es fehlte ein zeitgemäßes Lesebuch mit biblischen Geschichten für die zehn- bis 14-jährigen Gymnasiasten. So verfasste der durch seine Alemannischen Gedichte und vor allem durch seine Kalendergeschichten Schatzkästlein des Rheinischen Hausfreunds bekannt gewordene Hebel dieses Lesebuch. Es wurde bald nicht nur in Baden, sondern auch in Württemberg, der Schweiz und sogar in Italien als Schulbuch genutzt. Bereits 1825 erschien eine katholische Bearbeitung.

Was war der Grund für diesen Erfolg? Hebel schreibt volksnah und zugleich aufklärerisch. So erzählt er von der Witwe in Sareptha, deren Mehl und Öl nicht ausgingen, so lange der Prophet Elias bei ihr wohnte. Und es folgt: „Es ist wohl zu glauben, dass es gute Menschen aus der Nachbarschaft waren, welche der armen Frau täglich so viel zum Unterhalt des Propheten zutrugen, dass sie und ihr Kind auch davon zu leben hatten. Wiewohl Gott auch die Seinigen kann wunderbar retten und segnen und die Gutmütigkeit einer vertrauenden Seele belohnen.“ Das heißt, dass Hebel Wunder lebenspraktisch zu erklären versucht, ohne aber rationalistisch auszuschließen, dass Gott auch Wunder wirken könne.

Er erzählt nicht weitschweifig und somit nicht langweilig. Er bemüht sich, die Distanz zwischen dem Erzählten und dem Alltag der Schüler so gering wie möglich zu halten, das biblische Geschehen zu vergegenwärtigen, damit sich die Leser in das Erzählte hineinversetzen können. Aus den biblischen Erzählungen macht er knapp, präzis und verständlich geschriebene Kurzgeschichten.

Dabei wählt er aus; er erzählt Ereignisse aus dem Alten Testament, die sich gut zu Kurzgeschichten formen lassen, die ein „narrativ-dramatisches Potential“ haben, wie es Karl-Josef Kuschel nennt; die eine „weisheitliche, lebenspraktische Pointe“ besitzen; und er erzählt von den „menschenfreundlichen Handlungen“ Jesu, von seinen Wundern und von seinen Predigten. Zu den Wundern meint er: „Verständige Kinder wollen etwas nicht sogleich für unmöglich halten, weil sie es aus Mangel an gehörigen Kenntnissen nicht geschwind begreifen können.“ Wenig später resümiert er: „Aber nicht alles, was Jesus seinen Zeitgenossen sagt, gilt so auch für alle Menschen und für alle Zeiten.“

Schwarz-Weiß-Malerei lag Hebel fern. Er kritisiert die Grausamkeit des Propheten Elias, die Unhöflichkeit des Elisa, und über Rebekka schreibt er, sie „war eine Frau von listiger Gemütsart, nicht immer, wie eine redliche Hausfrau und treue Mutter sein soll“. Auch die Personen des Neuen Testaments werden in ihren Widersprüchlichkeiten dargestellt.

Nun sind die Biblischen Geschichten in einer schön gestalteten Ausgabe wieder veröffentlicht worden. Ein Vorwort von Karl-Josef Kuschel und ein Nachwort von Thomas Weiß geben Erklärungen zu Entstehung, Bedeutung und Wirkung des 1824 erstmals erschienenen Buchs. Weiß, der auch Religionsunterricht erteilt, räumt ein, dass Hebels Sprache heutigen Schülern fremd geworden ist.

Was am Beginn des 19. Jahrhunderts neu war, aufregend und zugleich glaubenstärkend, dass Hebel keinen unlösbaren Widerspruch zwischen der naturwissenschaftlichen Erforschung der Welt und einer biblisch fundierten Schöpfungsfrömmigkeit sah, dass er Prinzipien der Aufklärung vertrat und biblische Erzählungen nicht unkritisch las - das alles ist heute nichts Neues. Deshalb lohnten diese alten Texte die erneute Lektüre nicht. Die Lektüre lohnt sich, und sie lohnt sich wirklich, weil die Erzählungen literarische Meisterstücke sind, unterhaltsam und eindringlich vorgetragen, gelegentlich humorvoll bis ironisch, fromm und menschenfreundlich.

Jürgen Israel

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Hörbuch - Amos Oz: Wo die Schakale heulen.

Detailversessen

Beziehungen im Kibbuzdorf
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Fressen oder gefressen werden: Darum geht es, auch wenn die ausweglose, politische Lage in Palästina kaum je direkt benannt wird.

Die Schakale heulen in jeder dieser acht frühen Erzählungen des Autors. Sie durchstreifen das Niemandsland zwischen der Wüste und einem Kibbuzdorf, in dem Amos Oz seine Geschichten ansiedelt. Wenn die Tiere elendig in einer Falle krepieren, wenn die Meute ihr Trauergeheul um einen ihrer verlorenen Brüder anstimmt, könnte die Hörerin Mitleid mit diesen hässlichen Kreaturen entwickeln. Doch Oz beschreibt ebenso detailversessen, wie die Schakale sich über die Leichen gefallener Soldaten hermachen. Fressen oder gefressen werden: Darum geht es, auch wenn die ausweglose, politische Lage in Palästina kaum je direkt benannt wird. Stattdessen erzählt Amos Oz über das komplizierte Beziehungsgeflecht im Kibbuzdorf. Fast immer geht es um einen Generationenkonflikt. Die Söhne verhalten sich nicht männlich genug, die Töchter fühlen sich zu arabischen Hirten hingezogen, die Gründer selbst verlassen den Kibbuz, als sie erkennen, dass ihre Ideale keine Zukunft haben. Ein unscharfes „Wir“ beobachtet und erzählt diese Entwicklung ungerührt.

Die Erzählungen erschienen bereits 1965 und liegen jetzt erstmals in deutscher Übersetzung vor. Erstmalig ist auch ihre Produktion als Hörbuch. Muss man noch viel über die Qualität der Präsentation hinzufügen, wenn Christian Brückner sie vorlegt? Der wohl berühmteste, deutschsprachige Vorleser versenkt seine Stimme ins Innere eines Erzähltextes, der nie Rollenprosa wird und nie Rollenprosa werden soll. Da trotzdem die Erzählper-spektiven ständig wechseln, liest sich diese Prosa nicht einfach. Wer das Buch als Einstieg in das Werk von Oz wählt, kommt mit dieser Hörversion vermutlich leichter zurecht als mit der Printausgabe.

Susanne Krahe

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Herfried Münkler/ Jürgen Kaube/ Wolfgang Schäuble u. a.: Staatserzählungen

Der erzählte Staat

Der Nationalstaat und die EU
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In der akuten Krise der von populistischen Nationalismen unterminierten Europäischen Union ringen zwei Europa-Erzählungen miteinander.

Gegen das populistische Zerreden des Staates als Gestaltungs- und Ordnungsfaktor gehen Sozialwissenschaftler, zumeist von der Berliner Humboldt-Universität, mit der friedlichen Waffe des Erzählens vor: „Staatserzählungen stiften (.) Orientierung und Identität“ - so ihre Überzeugung. Horst Bredekamp und Herfried Münkler sowie Georg Nolte gehören dazu; aus dem Raum von Politik und Publizistik Wolfgang Schäuble und Jürgen Kaube, Mitherausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

Von der frühen Fürstenberatung über die politische Erzählkunst der Brüder Grimm und Karl Marx’ berühmtes Vorwort „Zur Kritik der politischen Ökonomie“ von 1859 bis zum Recht in Kriegen und die populistische Kritik am „Establishment“ spannt sich der Themenbogen.

Besonders aktuelle Akzente setzen Herfried Münkler auf der „Suche nach einer neuen Europaerzählung“ und Wolfgang Schäuble zum Verhältnis von „Staat und Religion im 21. Jahrhundert“. Der Berliner Politologe Münkler stellt die großen traditionellen Europaerzählungen römischer und karolingischer Provenienz, sowie den gaullistischen Traum von einem heraufziehenden „diokletianischen“, mediterranen Westreich dar.

In der akuten Krise der von populistischen Nationalismen unterminierten Europäischen Union sieht er zwei Europa-Erzählungen miteinander ringen: Zum einen eine „Abendlanderzählung“: Sie hat einen eher defensiven national-konservativen Charakter und repräsentiert „ein um globalen Einfluss bemühtes, aber auch um die politische Stabilität und ökonomische Prosperität besorgtes Europa“ mit einer Islam-Aversion. Ihr steht die anspruchsvollere „Global-Player-Erzählung“ gegenüber: Diese weist der EU eine zentrale Rolle bei der Gestaltung der Weltordnung zu - sowohl politisch als auch wirtschaftlich. „Rückzug, Abschottung, Separation sind diesem Narrativ zufolge keine angemessene Antwort“ auf die globalen Herausforderungen. Es geht um die Sicherung der Menschenrechte ebenso wie um die Sicherung der europäischen Investitionen.

Das Ringen um die Köpfe und Herzen der Europäer werde nicht nur zwischen den Mitgliedsländern, sondern auch zwischen den Generationen sowie den ländlichen und urbanen Räumen ausgetragen. Die Reaktion der Visegrád-Staaten gegen das Fremde zeige ebenso wie der Brexit oder die aktuelle Wende in Italien, welche Dynamik dieses Ringen entwickelt.

Die Rolle des religiösen Faktors in diesen Prozessen skizziert Wolfgang Schäuble auf einem großen historischen Tableau, auf dem er bis auf das politische Erbe der Reformation zurückgreift. Schäuble, der als Innenminister die Islam-Konferenz begründet hat, zeichnet den Weg vom Staatskirchenrecht zum heute auszubauenden Staatsreligionsrecht nach. Die Ausweitung einer, durch Globalisierungsprozesse und Migration ausgelösten Pluralisierung der religiösen Landschaft greift über das Recht hinaus tief in die Lebensformen der Gesellschaft ein.

Schäubles Fazit ist angesichts dessen klar und handfest: Der rechtliche und politische Rahmen von Religion in Deutschland, der oft als hinkende Trennung von Staat und Kirche verspottet wird, erweise sich „als erstaunlich fähig angesichts der pluralisierten Bedingungen unserer Gegenwart. In Zeiten, da die Demokratie von innen ausgehöhlt zu werden droht, sollten wir dem Beitrag der Religionen zur politischen Kultur vertrauen, solange dieser sich in den vom Grundgesetz bewusst weit gezogenen Grenzen bewegt.“

Eine Herausforderung bleibe freilich, „wie mit den Instrumentarien des Nationalstaates Entwicklungen zu regeln sind, die ihrer Natur nach über dessen Rahmen hinausreichen“ - eine Frage an Europa, die sich nicht nur im Blick auf die Religions- und Kulturpolitik stellt, sondern die Kompetenz des Staates auf allen Ebenen betrifft.

Diese allzu knappen Notizen mögen zeigen, dass es im Umbruch der Europäischen Union nicht nur institutionellen und rechtlichen Regelungsbedarf gibt, sondern dass die Mitgliedsvölker dieser Gemeinschaft vertieft nach einer zukünftigen Orientierung ihres gemeinsamen politischen und geschichtlichen Weges suchen müssen.

Hans Norbert Janowski

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Gundula Döring (Hg.): Reden hat seine Zeit – Schweigen hat seine Zeit

Übung

Über das Schweigen
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Die Hamburger Pastorin Gundula Döring hat Erfahrungsberichte, Interviews und Vorträge herausgegeben, die alle um eine leere Mitte kreisen.

Gundula Meyer ist eine namhafte europäische Zen-Lehrerin. Zui-Un-An, wie sie 1985 bei der Übertragung der Lehrerlaubnis genannt wurde, „Glück verheißende Wolke“, arbeitete vor ihrem sechsjährigen Zen-Training in Kamakura als evangelische Pfarrerin in Lübeck und Manchester. Meyer hat bis dato so gut wie nichts veröffentlicht. Und jetzt doch noch ein Buch? Ja, aber kein traditioneller Zen-Text.

Die Hamburger Pastorin Gundula Döring hat Erfahrungsberichte, Interviews und Vorträge herausgegeben, die alle um eine leere Mitte kreisen, um jene schlichte Übung der Präsenz, die Meyer mit „Hier! Jetzt! So!“ umreißt. Sie vermittelt dies nicht nur in regelmäßigen Zen-Exerzitien, sie hat auch den Weg in das Pastoralkolleg der Nordelbischen Kirche gefunden, in dessen Verweilzeiten sich Meyer und die Herausgeberin vor Jahren begegnet sind. Daraus hat sich eine ökumenisch offene „Oase der Stille“ entwickelt, für die Meyer Kurse im stillen Sitzen anbietet. Apropos leere Mitte: Der Band, um den es geht, ist wie eine Zwiebel aufgebaut. Im Zentrum finden sich Erfahrungsberichte von Schülern, die aus einem christlichen Kontext stammend die Übung der gegenstandslosen Meditation aufgegriffen haben. Um diese Essays herum liegt eine zweite Schicht aus Reflexionen Dörings über Protestantismus und Kontemplation sowie einem Gespräch zwischen Meyer und ihr. Jeder, der ein geistliches Amt anstrebe, sollte sich auch mit einem spirituellen Weg vertraut machen, rät Meyer darin, ob dieser Weg nun Zen, Kontemplation, Achtsamkeit oder Herzensgebet heißen mag.

Die äußere - und eigentlich tragende - Schicht der Anthologie bilden drei Texte aus Gundula Meyers eigener Feder. Auf einen Bericht an ihre Kirchenleitung von 1980 folgt eine Ansprache von 1992. Sie veranschaulicht eindrücklich, wie die Stimmen von Zen und Christentum in einer transreligiösen Begegnung zusammenfinden: Meyer brütete in ihrer japanischen Zeit einmal über einem besonders sperrigen Koan, einer rational nicht auszulotenden Zen-Geschichte. Ein Lehrer antwortet darin seinem kranken Schüler, der ihn um die Befreiung von seinen Sünden bittet: „Bring mir deine Sünden und ich will sie für dich tilgen.“ Was meint der Meister damit? Als Gundula Meyer nicht weiterkommt, gibt der buddhistisch geprägte Yamada Koun einen entscheidenden Wink in der Sprache seiner christlichen Schülerin: „But, Gundula, there is no sin in God!“ Barrieren auf dem Weg in die Stille bestehen auch aus fixen Ideen, in diesem Fall waren es starre Vorstellungen von ‚Sünde‘, die den Blick für das Wesentliche und Naheliegende verstellten.

Im letzten Text „Leben in Gnade - Leben aus Gnade“ von 2017 tritt die erste Person der Sprecherin noch stärker zurück. Gundula Meyer stellt die Kern-Wahrheit jeder geistlichen Übung heraus, die mehr sein will als eine subtile Form von Psycho-Wellness: Gott, offene Weite oder, wie es in einem hübschen Druckfehler auf Seite 30 heißt, das „Seelenrund“ - es ist immer schon da, aber wir sehen es vor lauter Ich und Mein und Mir und Mich meist nicht. Wenn wir es aber doch einmal realisieren, dann ganz bedingungslos - kein Werk, keine Leistung, kein Verdienst! Das meint für Meyer „Gnade“. Sie bedeute nicht, sich einfach in die Hängematte zu werfen. Übung, systematische und ausdauernde Übung, sei zunächst und für lange Zeit notwendig, um capax dei zu werden, fähig, Gott aufzunehmen.

Es ist ein tagheller Weg, den einem Gundula Meyer da weist, eine nüchterne, plausible praxis pietatis, die ohne Raunen und lauten Enthusiasmus zur Sprache kommt.

Friedmann Harzer

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Edith Öxler: Spiritualität am Ende des Lebens

Nötiger Respekt

Spiritualität am Lebensende
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Die Pfarrerin und Altenheimseelsorgerin Edith Öxler hat einen hilfreichen Zugang zum Umgang mit dem Thema Tod vorgelegt.

Zum Leben gehören Lebensanfang und Lebensende. Letzteres wird in der menschlichen Wahrnehmung oft ausgeblendet. Zum Sterben und zum Tod, zu Erwartungen, Hoffnungen und Befürchtungen hat Edith Öxler, Pfarrerin und Altenheimseelsorgerin in München, mit Spiritualität am Ende des Lebens nun einen hilfreichen Zugang zu dieser alle betreffenden Tatsache vorgelegt. Am Anfang steht eine Begriffsklärung: „Spiritualität ist eine (Such)-Bewegung in einem Menschen: Er kann in diesem Prozess auf eine transzendente Wirklichkeit vertrauen, muss (es) aber nicht“, schreibt Öxler. Spirituelle Begleitung schließe den Respekt vor dem jeweiligen Menschen und dessen Suchbewegung ein: angesichts einer niederschmetternden Diagnose, einer Überwältigung durch unterschiedliche Gefühle, auch eines Rückblicks auf das bisherige Leben. Am Lebensende schließlich bekomme die fast vergangene Lebenszeit durch Rituale noch einmal eine Struktur, gerade auch für die Angehörigen. Der Verstorbene könne durch einen Segen einer anderen Kraft übergeben werden.

Und dazwischen, zwischen Diagnose und Sterben? „Spirituelle Begleitung fängt mit mir selbst an“, mit der Akzeptanz der eigenen unterschiedlichen Ressourcen, um in Resonanz mit anderen treten zu können, wie es - für beide Seiten - angemessen ist.

Öxler orientiert sich an folgenden Leitfragen: Woran kann man erkennen, dass ein Mensch Kontakt will? Wie kann man diesem ohne Worte, aber mit Würde begegnen? Wie kann man in Stille einander begegnen? Wie kann man ein Sich-Aussprechen erleichtern? Zu noch einmal einer anderen Herausforderung komme es bei einem Menschen mit Demenz: ihm mit Aufrichtigkeit zu begegnen. Hier sind es wiederum oft die Angehörigen, die Ratschläge und Hilfestellungen brauchen.

Hospizbegleiter und -begleiterinnen schließlich bringen häufig ein eigenes Interesse an religiösen Themen und Fragestellungen mit - und treffen nicht selten auf Menschen, die unsicher geworden sind: ihres persönlichen Weges und Zieles und ihrer Sprache. Durch offenes und unbefangenes Fragen könne sich die Spiritualität der Gehenden herauskristallisieren. Musik, auch Lieder, Geschichten und Symbole übten dabei eine heilende Wirkung aus.

In Anlehnung an Eberhard Weiher nennt Öxler drei sich überschneidende Bereiche spiritueller Begleitung: rituelle Begleitung, Bedeutung erschließende Begleitung und mitmenschliche Begleitung, die gemeinsam helfen können, das Geheimnis der betreffenden Person zu erschließen. Öxler grenzt sich allerdings Weiher gegenüber ab, indem es ihrer Ansicht nach nicht zu einer Aufgabenteilung kommen dürfe: praktisch begleiteten oft auch Pflegekräfte Menschen „in ihren tiefsten existentiellen Nöten“.

Was könne nicht alles bei der pflegerischen Zuwendung während der täglichen Reinigungsprozedur zur Sprache kommen? Das entbinde allerdings nicht Pfarrerinnen und Pfarrer und andere kirchliche Mitarbeiter von ihrer Verantwortung zur spirituellen Begleitung im Alten- und Pflegeheim gegenüber alt gewordenen Frauen und Männern und manchmal auch vom Leben gezeichneten Jüngeren.

So werden in Zeiten zunehmender spiritueller Verunsicherung, gar „spiritueller Unbehaustheit“ professionell Seelsorgende und darüber hinaus andere Interessierte einen Gewinn aus „Spiritualität am Ende des Lebens“ ziehen können.

Burkhard Pechmann

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Christian Lehnert: Cherubinischer Staub

Poetisches Maß

Lehnert: Neue Gedichte
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Lehnerts Gedichte sind Zeugnisse einer Anverwandlung, wie sie sich poetisch ereignen und in der Wandlung des Gebets wirklich werden kann.

Diese Gedichte von Christian Lehnert sind keine Verse über die Natur, sie wurden auch nicht in „einer natürlichen Sprache“ geschrieben, sie sind vielmehr von Natur aus Poesie. Der Lyriker Christian Lehnert weitet gleich eingangs seines neuen Gedichtbandes Cherubinischer Staub mit Zweizeilern aus dem Wörterbuch der natürlichen Erscheinungen die Natur zur Poesie.

Trotz der Bezüge zu dem Philosophen und Mystiker Jakob Böhme (1575-1624) intendiert er aber mit diesen auf hundert Seiten ausgebreiteten Gedichten alles andere als einen theologisch gedachten und mystisch gemeinten Lauschangriff auf die Natur. So heißt es im Gedicht „Wandlung“: „Der graue Schnee zerrinnt, er nährt den Schlamm, er dringt/ins Erdreich ein und lauscht, wie jede Pore klingt.“ Hier lauscht die Natur auf sich selbst. Im Kapitel „Baumgespräche“ beginnen sogar die Bäume zu sprechen: Junge Buchen klagen darüber, wie ihnen der Vaterbaum das Licht nimmt. Doch es keimt Hoffnung: „Warte noch! Niemand weiß, wann plötzlich die Herbststürme greifen./ Über dir hängt die Zeit.... Der Wind muss erst den Weg öffnen für die Sonne, die den kleinsten Baum erkennt und zum Heranwachsen erwählt.“

Indessen ist dieses Gedicht keine Regression in eine literarisch höchst riskante Märchenwelt, sondern eine geschickte Übertragung der Metapher des griechischen Dichters Pindar (517-438 v. Chr. ) von der Hängenden Zeit in die Pflanzenwelt. Die Vermenschlichung der Natur wird hier gerade poetisch möglich durch die aufscheinende Einsicht des Menschen und seiner Natur, dass wir mit der gesamten Schöpfung auf die Erlösung warten.

Lehnerts Gedichte sind somit Zeugnisse einer Anverwandlung, wie sie sich poetisch ereignen und in der Wandlung des Gebets wirklich werden kann.

Im Gedicht „Morgenandacht“ der Füchsin an der Autobahn sucht ein Raubtier Aas am Rand des schwarzen Asphalts. Der unentwegte Verkehr wird ihm zur unbegreiflichen jagenden Herde. Die Füchsin lauscht in ihrer Andacht Motoren, höherem Atem. Prägnant markieren in Lehnerts Gedichten Autobahnen den Weg von der ersten in die zweite Natur, in die unerlöste Zivilisation.

Damit kommen sie nie zeitlos daher, sondern sind stets auf der Höhe der Zeit: In der Elegie an den Baal von Palmyra erkundet Lehnert den Ort, an dem der IS eine Gegend der ehemals religiösen Verehrung durch eine brutale Sprengung auf einen Geländegewinn reduziert, eine Sprengung, die noch von Tauben gehört werden konnte. Lehnert löst aber den Zeitbezug seiner Gedichte nicht in Aktualität und formale Beliebigkeit auf. Seine Gedichte wahren die Form und kennen poetisches Maß. Viele sind in Paar- und Kreuzreimen und in anspruchsvolleren klassischen Formen geschrieben.

Doch verschwindet etwa bei den Sonetten auf ein böhmisches Flurkreuz das poetologische Kalkül ganz hinter der rhetorischen Gegenwart dieser Salven an die Glieder Christi. Hier ist kein literarischer Raum für religiös gemeinte „Bedeutungshuberei“ vor einem Kruzifix, sondern ein Sich-Aussetzen des Betrachters, der es riskiert, dass ihm die Worte fehlen.

Auch die einfachste literarische Form, ein schlichter Paarreim, wahrt im Gedicht Dorfkirche die verblüffende Konvergenz von Inhalt und literarischer Form:

„Gebunden und gepflockt, der Gott grast stumm im Tal./ So wird der Turm genannt: der aufgestellte Pfahl.“

Für den hermeneutischen Zusammenhang zwischen der Glaubenserfahrung und ihrer literarischen Gestalt im interpretierenden Danach gilt bei diesen Texten durchweg: Vom Flügelschlag der Cherubim wie der Falter bleibt nur der Staub.

Friedrich Seven

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CD - Josh T. Pearson: The Straight

Klasse trotz Anzug

Josh T. Pearsons neue Regeln
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"The Straight Hits!" sind eine Wucht aus ruppigem Indie-Rock, Country-Doo-Wop, experimenteller Introspektion und ergreifenden Neofolk-Balladen.

Die Welt verdampft zu Oberfläche, üppig anzusehen, aber eben platt. Facebook & Co. sei Dank nimmt die lange Vorherrschaft des Visuellen nun die Hürde zur Erblindung. Sie verdeckt durch schiere Überfülle das Wesentliche. In der Musik tut die Clipkultur das ihre dazu, nur selten kommen Songs noch ohne Video aus. Das Authentische, aus sich heraus Echte hinkt an Visualisierungskrücken, wenn auch unterhaltsam. Und in der Imageproduktion setzt sich derlei Schieflage fort. Dem Befund mag man vorderhand auch das Album "The Straight Hits!" von Josh T. Pearson zuschlagen. Denn der Sänger aus Texas war ja zuvor als versierter Schmerzensmann bekannt, dessen Bärtigkeit an die Bilder von Holger Meins im Hungerstreik gemahnte.

Wenn nun ausgerechnet Pearson rasiert mit weißem Stetson, hellem Anzug, markantem Gürtel, Sonnenbrille und stylishem Clark-Gable-Bart daherkommt, kann das eigentlich kein Popstar-Gehabe-Kalkül, sondern nur ein schräger Witz sein. Doch der ist überaus gelungen und trifft ins Schwarze. Aber der Reihe nach: Pearson kündigte einen Ausbruch an und gab sich für diese zehn Songs Regeln, darunter extrem kurze Aufnahmezeit, wenig Text, jeweils eine überleitende Bridge, straight (geradeheraus) in jedem Titel und die Freiheit, von diesen Regeln gegebenenfalls abzuweichen.

Launisches Augenzwinkern, Selbstaufgabe, chartsgängiges Neuerfinden, sarkastische Geste, Dekonstruktion? Von wegen! "The Straight Hits!" sind eine Wucht aus ruppigem Indie-Rock, Country-Doo-Wop, experimenteller Introspektion und ergreifenden Neofolk-Balladen. In allen Songs glänzt Pearsons starke Stimme, ob er nun im Talkmodus den Erzähleinstieg macht, im Chorus schwelgt oder wie Nick Cave eine Dringlichkeitsballade zelebriert, deren krachiges Gitarrencrescendo nie von der Stelle kommt und so die gehörige Verzweiflung verleiht. Das Album beginnt rumpelnd rock’n’rollig à la Tav Falco und greift aus bis ins symphonisch große Besteck mit Drummachine, Hall und Trompete am Ende, was Tränen garantiert. Natürlich geht es dort um Liebe. Doch auch mit Danny & Dusty-Klamauk grölt Pearson mal herum. Ein Geschoss, das die Oberflächendiktatur pulverisiert und Wunden zeigt, mit denen man sich wieder lebendig fühlt. Programmatische Camouflage wird hier zur Echtheitsfolie. Geht doch. Da ist es fast überflüssig zu erwähnen, dass Josh T. Pearson Predigersohn ist. Der Glaube kommt frei nach Paulus eben doch aus dem Hören, und man kann einiges daraus machen. Nur der Bart muss manchmal einfach ab. Und selbstredend gibt es zu den Songs auch Videos.

Udo Feist

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CD: Florilegium Portense

Herrliche Klänge

Chorsammlung neu entdeckt
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Häppchenweise erblickten sie bereits während des aufsehenerregenden Kantatenringes beim diesjährigen Leipziger Bachfest wieder das Licht der großen Konzertwelt, die Motetten und Hymnen des Florilegium Portense, einer Sammlung verschiedener Stücke deutscher, italienischer und franko-flämischer Meister der Spätrenaissance und des Frühbarocks. Sie unterteilten die Aufführung der Bachkantaten und wurden interpretiert von den Starensembles unter John Eliot Gardiner, Ton Koopman und Masaaki Suzuki, die mit einzelnen dieser Werken musikalische Zäsuren beziehungsweise Atempausen zwischen den einzelnen Kantaten setzten (vergleiche zz 7/2018).

Klänge, die schon damals als Pausenfüller aufhorchen ließen, auch wenn die Interpreten des Bachfestes den Werken nicht immer so viel Sorgfalt und musikalisches Feingefühl angedeihen ließen, wie die Interpreten der jetzt erschienenen CD mit dem Vocal Concert Dresden unter der Leitung von Peter Kopp. Der Chor klingt beim ersten Hören - und das ist jetzt wirklich als Kompliment gemeint - wie ein Knabenchor. Allerdings von einer Güte, wie er zurzeit auf Erden wohl nicht zu finden wäre: frisch und kernig, dabei immer wieder sensibel, klangschön und mit Sinn für Text und Phrasierung. Herrlich! Im Zusammenspiel mit dem Instrumentalensemble Cappella Sagittariana Dresden entfalten Kopps Sängerinnen und Sänger einen Klang, den man wieder und wieder hören möchte. Das liegt auch an der geschickten abwechslungsreichen Auswahl, zum Beispiel bereits am Anfang mit der festlichen, wohlig-kontrolliert ekstatischen Psalmhymne „Benedicam Dominum in omni tempore“ (Ich will den Herrn loben allezeit) von Hieronymus Praetorius, die gefolgt wird von der ganz anderen, grübelnden, düster-zurückhaltend eingefärbten Hassler-Motette „Si bona suscepimus“ mit einem Text aus dem Buch Hiob („Haben wir Gutes empfangen von der Hand Gottes, sollten wir dann nicht das Böse auch annehmen?“).

Aber auch der editorische Wert dieser Einspielung ist kaum zu überschätzen, hebt sie doch zumindest einen Bruchteil der etwa 150 Werke, die um 1600 im Gymnasium Schulpforta von den dort tätigen Kantoren Erhard Bodenschatz und Seth Calvisius erstmals gesammelt und 1618 im Druck als „Florilegium Portense“ (Pfortaer Blütenlese“) veröffentlicht wurden, wieder ans Licht.

Die Sammlung prägte zweihundert Jahre lang den Chorgesang in Mitteldeutschland. Noch 1729 ließ Johann Sebastian Bach für die Thomaner neue Stimmbücher dieser Sammlung anschaffen, erst sein Nachnachnachfolger Johann Adam Hiller mottete sie 1790 ein. Die Einspielung ist für alle, die gesungenen klaren guten Klang Alter Meister lieben, sehr zu empfehlen. Es sollen in Bälde auch die Noten wieder veröffentlicht werden. Hoffentlich dauert es nicht zu lange, denn schon jetzt verspürt man beim Hören große Lust, voll Freude mitzusingen .

Reinhard Mawick

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Yusra Mardini: Butterfly

Kämpferisch

Auf der Flucht
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Die Geschichte einer Olympionikin, die auf ihrer Flucht Leben rettete.

Die Kulturbühne in Berlins größter Buchhandlung in der Friedrichstraße ist überfüllt. Zwei Tage vor dem offiziellen Erscheinungstermin ihres Buches ist Yusra Mardini gemeinsam mit ihrer älteren Schwester Sara gekommen, um von ihrer Flucht und ihrem Leben in Deutschland zu erzählen. Auf jedem Stuhl liegt eine Bademütze - ein Hinweis darauf, was die 20-jährige Yusra mit Leib und Seele ist: Schwimmerin. „Ich schwimme, noch ehe ich laufen kann“, verrät sie gleich zu Beginn des Buches. Ihr Vater ist Schwimmlehrer, ihre Schwester schwimmt.

Yusra erlebt vor dem Fernseher den US-Schwimmer Michael Phelps bei den Olympischen Spielen 2004 in Athen und, „(.) von diesem Augenblick an bin ich Feuer und Flamme“. Wie ihr Vater ist sie extrem ehrgeizig, will es eines Tages auch zu Olympia schaffen. Sie wird es tatsächlich schaffen, doch das allein macht sie noch nicht berühmt, sondern erst die Kombination schlimmer und schöner Schicksalswendungen in ihrem Leben. Yusra kommt aus Syrien, sie wächst in einem Vorort von Damaskus auf. Ihre Familie ist muslimisch, doch praktiziert sie den Islam sehr liberal.

In ihrem Leben dreht sich alles um das Schwimmen, nicht um Religion. Selbstredend tragen Yusra und Sara weder Kopftücher noch Burkinis. Bereits vor dem Krieg nehmen sie für Syrien an internationalen Wettkämpfen teil. Anschaulich schildert das Buch, wie sich das Klima im Land verändert, wie es mit Beginn der Demonstrationen gegen das Assad-Regime immer gefährlicher wird, dort zu leben und zu trainieren.

Eines Tages fällt eine Bombe durch das Dach der Schwimmhalle in das Becken, in dem Yusra trainiert, und detoniert nicht. Überstürzt beschließen die Schwestern zu fliehen. Sie möchten nach Deutschland: „Ein guter Ort, um zu studieren. Ein guter Ort für eine Zukunft.“ Die detaillierte Schilderung der Flucht, das Ausgeliefertsein gegenüber den Schleusern, dem Meer, der Angst vor dem jederzeit möglichen Tod lässt den Leser erahnen, was die Flucht für zigtausende Menschen bedeutete, die im Sommer 2015 Syrien verließen. Ohne die Schwestern Yusra und Sara wäre das überfüllte Schlauchboot auf dem Mittelmeer gekentert. Weil der Motor versagte, gingen die beiden für Stunden ins Wasser und zogen das Boot Richtung Lesbos. Abenteuerlich ging es weiter, noch immer gefährlich, am Ende aber glücklich durch Ungarn, über Wien und München bis nach Berlin. Eine viele Wochen lange, sogar privilegierte Flucht, denn die Schwestern hatten mehr Geld als die meisten Flüchtlinge, und ihre Gruppe wurde von Journalisten, die sie unterwegs getroffen hatten, unterstützt. Von alldem erzählt Yusra, mal auf Deutsch, mal auf Englisch, souverän beantwortet sie die Fragen. Sie tritt auf wie ein Model, sympathisch, selbstbewusst, sichtlich daran gewöhnt, vor Publikum aufzutreten.

Seit ihrer Ankunft in Berlin trainiert sie beim Verein „Wasserfreunde Spandau“, wo sie auch ihre ersten deutschen Freunde findet. 2016 erfüllt sie sich ihren Traum: Sie nimmt in einem Team von Flüchtlingsathleten an der Olympiade in Rio de Janeiro teil. Das TIME-Magazin reiht sie 2016 unter die einflussreichsten Teenager weltweit ein. Sie trifft mit Präsident Obama und Papst Franziskus zusammen. Dieses Buch, das zugleich auf Englisch erscheint, wird sie noch bekannter machen, ihr Leben soll verfilmt werden. Am meisten aber interessiert Yusra die nächste Olympiade in Tokio. Denn sie definiert sich nicht primär als Geflüchtete, sondern als Schwimmerin. Wer neugierig ist auf unglaubliche, aber wahre Geschichten, wer überhaupt neugierig ist auf die Menschen, die zu uns geschwommen sind, ist bei diesem Buch, das auch tolle Fotos enthält, genau richtig.

Martin Bauschke

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Sibylle Lewitscharoff/Najem Wali: Abraham trifft Ibrahim

Unorthodox

Figuren aus Bibel und Koran
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Mit Sprach- und Irrwitz arbeitet Lewitscharoff Grundfragen des Glaubens und der Menschheit heraus.

Was für eine überschäumende Sprachgewalt. So himmlisch schön und zugleich so irdisch mehrdeutig. Es ist der fulminante Sprachwitz und die überbordende Phantasie von Sibylle Lewitscharoff, die diese Streifzüge durch Bibel und Koran zu einer außerordentlichen Leseerfahrung machen. Der Initialfunke für „Abraham trifft Ibrahim“ jedoch ging von ihrem Ko-Autoren, Najem Wali, aus.

Der im irakischen Basra geborene und seit Jahren in Berlin lebende Autor trug sich seit geraumer Zeit mit der Idee, die der Bibel und dem Koran gemeinsamen Figuren neu zu entdecken. Denn oft - so Wali - verhindere die für selbstverständlich genommene Tradition die wirkliche Beschäftigung mit den Grundtexten der Religionen. Und so nehmen sich die beiden Autoren acht Figuren aus Bibel und Koran vor - nicht nur die „Klassiker“, wie Abraham und Mose, sondern gerade auch die Figuren in der zweiten Reihe, wie Eva, Hiob, Lot oder Salomo.

Die Berliner Schriftstellerin legt dabei keinen Wert auf eine Nacherzählung des biblischen Erzählstoffes; vielmehr konzentriert sie sich auf Details oder verfremdet das biblische Urbild. Im Kapitel über Abraham zum Beispiel wird die grundlegende Frage, ob Gott denn wirklich die Opferung Isaaks verlangt habe, zum Streitpunkt zwischen dem Philosophen Søren Kierkegaard und einer Maus, die jenem im wahrsten Sinne des Wortes den Schlaf raubt.

Verstörend gar ist die Vorstellung im Maria-Kapitel, dass Jesus, der nur noch „bisweilen von der Erinnerung an seine ungeheuerlichen Leiden am Kreuz heimgesucht wird“, seiner Mutter einen Pflichtbesuch im himmlischen Hortus Conclusus abstattet.

Mit Sprach- und Irrwitz arbeitet Lewitscharoff Grundfragen des Glaubens und der Menschheit heraus: die Komplementarität von Wissenschaft und Sündenfall (Eva) oder die Frage nach dem Leiden in der Welt (Hiob). Dabei bringt sie den Sachverhalt meist gnadenlos auf dem Punkt, zum Beispiel, wenn sie die drei Freunde des Hiob als „Stalinisten in einer Justizparodie“ bezeichnet, die „einen Unschuldigen zum zähneknirschenden Eingeständnis seiner Verfehlungen bringen wollen, um sich in der eigenen Gerechtigkeit zu sonnen“. Zugleich geht die Berliner Religionswissenschaftlerin mit solcher Verarbeitung biblischer Stoffe gegen eine von ihr wahrgenommene defizitäre Bibellektüre an: „Etliche moderne Leser sind halbblinde Textflieger, die sich damit begnügen, was sich ihnen an der Oberfläche zeigt. Sie verpassen den Clou der Geschichte.“

Während Lewitscharoff die biblischen Erzählungen vom Staub der Jahrhundert befreit - ohne Groll gegen die Religion und ihre Gläubigen -, arbeitet sich Wali voller Zorn am islamischen Konservativismus ab. Dabei kommt es leider zu manch simplifizierendem Abwatschen des Islams und bisweilen auch aller Religionen, zum Beispiel, wenn er den Religionen pauschalisierend vorwirft, dass es ihnen - im Gegensatz zur griechischen Mythologie - nur darum gehe, das Publikum zu narkotisieren.

Unangemessen ist auch die implizit vorgebrachte Behauptung, dass Unterschiede und Widersprüche der koranischen Überlieferung zur Bibel darauf beruhten, dass Muhammad aus den Evangelien abgeschrieben habe. Richtig daran ist, dass der Koran weniger eine Erzählstruktur aufweist als ein assoziatives Erinnern an und ein Deuten von vorgegebenen Erzählungen. Daher muss Wali neben dem Koran oft auch spätere Legenden einbeziehen. An einigen Stellen gelingt es ihm dann doch, Anfragen präzise zu benennen: Im abschließenden Kapitel über den Teufel wundert sich Wali über das Heilsdrama, das im vorhersehbaren Kampf zwischen Gott und Teufel besteht, und fragt lakonisch: „Hat Gott so etwas nötig?“

Im Vorwort entschuldigen sich die Autoren für manche Ungereimtheit, da sie keine Theologen seien. Das Gegenteil ist der Fall: Durch die unorthodoxe Herangehensweise ist ein Buch entstanden, das die Grundthemen der Erzählungen herausarbeitet und daher von theologischem Tiefgang zeugt.

Ralf Lange-Sonntag

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