Peter Bukowski: Theologie in Kontakt

Schöne Summe

Aufsätze von Peter Bukowski
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Ein Buch mit theologischen Texten, in dem man sich sofort festliest - das gibt es wirklich nicht alle Tage.

Wer weiß schon, was „Naikan“ ist? Wahrscheinlich wissen das auf Anhieb nur wenige. Aber wer den neuen Band von Peter Bukowski, dem langjährige Moderator des Reformierten Bundes und Direktor des Seminars für Pastorale Ausbildung in Wuppertal, gelesen hat, der weiß das und noch viel mehr, hat er doch auf 200 Seiten einen theologischen Denker und Praktiker kennengelernt, der Tiefsinn und Lebendigkeit in vorbildlicher Weise vereint.

Aber um die Leserschaft nicht weiter auf die Folter zu spannen: „Naikan“ ist eine „Form der Selbsterforschung“, die aus Japan kommt. Das Wort „Naikan“, so Bukowski, bedeute so viel wie „konzentrierte Innenschau“, und wer sich auf Naikan einlasse, meditiere unter der Anleitung eines Lehrers mehrere Tage die verschiedensten Etappen seines Lebens unter drei Leitfragen: „1. Was hat meine Mutter Gutes für mich getan. 2. Was habe ich ihr Gutes zurückgegeben? 3. Welche Schwierigkeiten habe ich ihr bereitet?“ Bukowski schreibt, er habe sich, als er davon hörte, sofort die kritische Rückfrage gestellt: „Wo bleibt die Frage nach dem, was meine Mutter - und dann auch alle anderen - mir an Schwierigkeiten bereitet hat/haben?“ Die Vertreter des Naikan aber, so Bukowski, klammerten diese Frage bewusst aus und ihr Argument sei folgendes: „In der Beschäftigung mit dieser Frage sind die meisten Menschen ziemlich gut.“ Der kleine Exkurs über diese japanische Selbsterforschungsmethode platziert Bukowski als Illustration in seinem Kapitel „Gottes Hilfe predigen“ und bekennt, dass ihm dieser Ansatz geholfen habe, die Weisheit des 103. Psalmes neu zu entdecken: „Lobe den Herrn meine Seele und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat“. Allerdings wäre Bukowski nicht Bukowski, wenn er in diesem Zusammenhang die drohenden Einseitigkeit nicht gleicht mitdenkt, um vor ihnen zu warnen: „Ein happy-clappy-evangelium ist in Wahrheit nicht so fromm, wie es bisweilen daherkommt und lebensdienlich ist es auch nicht.“ Es sind solche interessanten Beispiele und solche überraschenden Volten, die Bukowskis Buch, in dem er Vorträge, Predigten und Skizzen aus den vergangenen Jahren und auch einige neue Texte gesammelt hat, so reizvoll machen. Ein Buch mit theologischen Texten, in dem man sich sofort festliest - das gibt es wirklich nicht alle Tage. Was soll man herausgreifen? Besonders überzeugend sind die vier Texte übers Predigen, die sicher nicht zufällig die Mitte des Buches bilden. Unter den Überschriften „Gerechtigkeit predigen“, „Gericht predigen“, „Gottes Hilfe predigen“ und „Emotional predigen - ein Impuls“ bündelt Bukowski seine Erfahrungen und Beobachtungen, die er in der Ausbildung mehrerer Vikarsgenerationen gesammelt hat. Alle, die regelmäßig predigen, sollten diese tiefsinnigen und doch so leicht daherkommenden und mit Beispielen illustrierten Überlegungen lesen - sie eröffnen einem neben dem unzweifelhaften Lesegenuss durchaus auch die Möglichkeit, die eigene Praxis selbstkritisch zu überprüfen.

Peter Bukowski kann und will nicht verbergen, dass er von der Theologie Karl Barths geprägt ist. Die scheint ja in den vergangenen Jahrzehnten etwas aus der Mode gekommen zu sein, aber Bukowskis Ausführungen, zum Beispiel auch im einleitenden Aufsatz „Wer ist Jesus Christus für uns heute“, die er anlässlich seiner Verabschiedung aus dem Amt des Leitenden Geistlichen des Reformierten Bundes im Jahre 2015 auch als Antwort auf die von Notger Slenzcka vertretene Subjektivitätstheologie Schleichermacher‘scher Provenienz entwarf, sind für alle „Lager“ mit Gewinn zu lesen. Bukowski zählt sich gerne zur „Minderheit“, die diesen subjektivitätszentrierten Weg nicht mitgehen will. Für ihn ist und bleibt klar, „dass die Auferstehung (Jesu) in einem (gegenständlichen) raum-zeitlichen Geschehen den entsprechenden Glauben der Jünger allererst hervorbringt und also begründet.“ Daraus folgert er: „Wir müssen also die Auferweckung (Jesu) als Glaubensgrund strikt vom Glauben der Jünger unterscheiden.“ Aber auch wer in diese barthianische Richtung nicht mitgehen kann oder will, findet bei Bukowski viele wichtige Gedanken, die von der Fülle eines reichen und reichlich praktisch reflektierten Glaubens und eines überaus originellen und kreativen theologischen Nachdenken zeugen. Mehr davon!

Reinhard Mawick

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Martin Mosebach: Die 21

Heilige im Himmel

Nachhall eines Massenmordes
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Mosebach beschönigt nichts an der bedrohten Lage der Kopten. Fasziniert ist er aber dennoch.

Im Jahre 2015 wurde zwanzig koptischen Arbeitern (und einem Mann aus Ghana) an einem Mittelmeerstrand bei Sirte in Libyen die Kehle durchgeschnitten. Die unbekannten Täter enthaupteten die Leichen. Anschließend tauchte im Netz ein authentisches Video von der Tat auf, gewissermaßen professionell inszeniert.

Die Ermordeten wurden kurz nach der Bluttat vom koptischen Papst Tarwadros II. als Märtyrer heiliggesprochen. Auch Mosebach billigt ihnen diesen durch den islamistischen Terror beschädigten Titel zu (er schreibt „Martyrer“). Die Familien der Toten erhielten vom Staatspräsidenten Sisi neue Häuser, Scheußlichkeiten aus Beton, wie sie überall auf dem ägyptischen Land die traditionellen Bauten verdrängen. Dort, bei den Familien der Opfer, erlebt der Besucher eine Überraschung: Kaum entdeckt er wenigstens leise Zeichen der Trauer bei den Angehörigen. Fast alle zeigen nur Stolz darauf, dass ihre Söhne als Heilige in den Himmel eingegangen sind. Die Kopten, wahrscheinlich ethnische Nachfahren der alten Ägypter, sind noch immer in einer für Westler unglaublichen Weise von dem Glauben geprägt, der ihnen, den Angehörigen der ältesten noch existierenden christlichen Kirche, das Überleben seit der islamischen Eroberung erlaubt hat. Allerdings als eine benachteiligte Minderheit am Rande der Gesellschaft - und gerade deshalb wird ihnen von vielen Ägyptern nachgesagt, sie besäßen geheimen Reichtum und konspirative Macht, ähnlich wie man das hierzulande einst von den Juden sagte. Koptische Frauen erzählen Mosebach, sie würden des Öfteren von Musliminnen gebeten, für sie zu beten - ihr Gott sei schließlich dafür bekannt, dass er auch individuell helfe.

Martin Mosebach ist ein renommierter Schriftsteller, bekannt geworden mit Romanen aus dem städtischen westdeutschen Milieu - und er ist Katholik, einer jener Christen, darf man unterstellen, die sich nach dem wahren, echten, intensiven Glauben eher sehnen, als dass sie ihn hätten. Eine durch und durch moderne und urbane Spezies, deren Sehnsucht aber unversehens ins Nostalgisch-Rückwärtsgewandte umschlagen kann: die Quellen, die reinen, entspringen in der Vergangenheit, und dort muss man sie aufsuchen.

Aber es führt ja nur ein Irrweg zurück. Mosebach meidet ihn. Er beschönigt nichts an der bedrohten Lage der Kopten. Fasziniert ist er aber dennoch: Hier ist sie noch zu finden, die Glaubensstärke, die er in der „westlichen Kirche“ vielleicht vermisst…

Gerät Mosebach doch noch ins Schwärmen? Nein, seine Aufschwünge sind solche der distanzierten Art, unabhängig davon, ob es um aktuelle Politik, Geschichte, Theologie geht. Aber jene dunkle Wolke, die Möglichkeit, er könnte nur eine Nachricht aus einer untergehenden Welt gesendet haben, erwähnt er nur widerwillig.

Helmut Kremers

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Kit Downes: Obsidian

Neue Wege

Orgelreisen mit Fantasie
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Ein improvisierendes Fischen und Ergründen in den musikalischen Weltmeeren, das die klassische Kirchenorgel als Barke nimmt...

Obsidian ist das erste Soloalbum des britischen Improvisationsmusikers Kit Downes, der als Organist und Pianist als eines der herausragenden Jazztalente Großbritanniens gilt und schon bei etlichen Größen des Jazz an Piano und Orgel reüssiert hat. Im Zugang auf die Instrumente hört man Kit Downes als Bruder im Geiste etwa von Volker Jaekel (Berlin), Daniel Stickan (Lüneburg, oft im Duett mit Uwe Steinmetz), Andreas Mücksch (Halle an der Saale) oder auch Jens Goldhardt (Gotha, oft im Duett mit Ralf Benschu) - genauso hört man ihn in den Registrierungen die Artrock-Hammondsounds der 60er und 70er aufnehmen, wie sie von Procol Harum, dem legendären John Lord von Deep Purple und Keith Emerson von Emerson, Lake and Palmer oder auch bei Urbesetzung der Stern Combo Meißen mit Norbert Jäger und Thomas Kurzhals zu hören sind.

Ist Obsidian tatsächlich eine Jazz-CD? Oder ist sie in ihren teilweise dekonstruktiven Fantasien etwa von dem bekannten Traditional „Black Is The Colour“ (genial von Nina Simone, Joan Baez oder Christy Moore) eher ein improvisierendes Fischen und Ergründen in den musikalischen Weltmeeren, das die klassische Kirchenorgel als Barke nimmt und deren Möglichkeiten erprobt.

Kit Downes nutzt drei unterschiedlich große Instrumente. Als erstes hört man mit dem weitgreifenden Eingangsstück „Kings“ die große dreimanualige Orgel der Londoner Union Chapel. Dann geht es nach Suffolk in die Church of St. John the Baptist in Snape, wo Downes auf einer zweimanualigen Orgel spielt. Schließlich ist noch das einmanualige Instrument in der St Edmund’s Church in Bromeswell zu hören. Downes begegnet jedem dieser Instrumente mit der gleichen Hingabe, spielt leichtfingrig mit ihren Möglichkeiten und offenbart mit jedem neuen Stück, was ihn an dieser Orgelreise so reizt: das Kreieren von Landschaften, das Skizzieren schroffer Welten mit großer klanglicher Geste ebenso wie des pittoresken Idylls in flanellweicher Pastellzeichnung. Manche Idee dreht sich um sich selbst, wandert spielerisch und selbstverloren hin und her und hat die Flüchtigkeit nachmittäglicher Wolkengebilde. In einem sehr gelungenen Duett mit dem Tenorsaxophonisten Tom Challenger erklingt „Modern Gods“, dessen Weltentaumel sowohl einen Leiermann im Drehorgelgestus wie einen gezielt seine melismatisch und chromatisch sich auftürmenden Kapriolen setzenden Eulenspiegel zeichnet. Hier weitet sich das Klangbild über die bisherigen Horizonte hinaus. Die reinen Improvisationen wie „Seeing Things“ oder der Zyklus „Rings Of Saturn“ wechseln zwischen Spannung und Erwartbarkeit. Nicht immer füllen sich die Krüge des Klanges mit gleicher thematischer Dichte. Aber langweilig wird es nie.

Klaus-Martin Bresgott

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Kay Zeisberg: Orgelfantasie

Wildes Treiben

Organistenzwirn in Buchform
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Es holpert und stolpert an vielen Stellen, die Geschichte ist überladen und gleichzeitig blutleer.

Hoppla, hier ist was los: Die Komponisten Georg-Friedrich Händel, Johann Sebastian Bach, Heinrich Schütz, der Philosoph Friedrich Nietzsche, der Dichter Novalis, die Dichterin Marie Louise von François, der Orgelbauer Friedrich Ladegast - sie alle und noch mehr historische Personen treffen zusammen in dieser Nacht in der Weißenfelser Marienkirche.

Und das alles nur, weil den jungen Musikstudenten Alban Bruckner Liebeskummer und Lampenfieber vor dem Orgelwettbewerb am nächsten Tag drücken. Deshalb verbringt er die Nacht auf der Empore der Kirche, wo ihm nach und nach all die Figuren aus der Vergangenheit begegnen, mit ihm und miteinander sprechen und streiten. Das allein würde ja schon ziemlich viel Stoff für ein schmales Bändchen von 134 Seiten sein.

Doch es kommt noch toller: Die nächtliche Begegnungsorgie der Gegenwart mit der Geschichte ist wiederum eine Zukunftsfantasie des Schriftstellers Gottfried Adolf Müllner, der tatsächlich von 1774 bis 1829 in Weißenfels lebte und wirkte und die er als Theaterstück auf die Bühne bringen möchte.

Und das alles hat der 1965 geborene Autor Kay Zeisberg aufgeschrieben. Dieser ist nicht nur offenbar ein Kenner der Kulturgeschichte in und um Weißenfels sondern auch ein Orgelliebhaber, hat er doch bereits 2013 einen Gedichtband unter dem Titel "Spieltisch mit Rückpositiv - Gedichte für eine Orgel" veröffentlicht. Von jedem verkauften Buch floss ein Euro in die Renovierung der Rühlmann-Orgel in der evangelischen Kirche in Weßmar (Sachsen Anhalt).

Und nun also dieses wilde Treiben, dessen eigentlicher Held auch nicht der junge Alban ist, sondern der Orgelbauer Friedrich Ladegast (1818-1905), ebenfalls aus Weißenfels. Der erscheint dem jungen Musiker als erstes und begleitet ihn als väterlicher Mentor durch die Nacht. Ihm zur Seite steht die Weißenfelser Dichterin Marie Louise von François, die sich selber als „bescheidene Protestantin“ bezeichnet und sehr klug und einfühlsam den jungen Mann Wege aus der Sinn- und Beziehungskrise zeigt.

Bis es aber soweit ist, lernt der Leser sehr viel über meist mitteldeutsche Künstler und Künstlerinnen, an Originalzitaten wird nicht gespart, und bei aller Inszenierung des Stoffes wird das Lesen zu einem volkshochschulartigen Schweinsgalopp. Gerade äußert wieder jemand einen interessanten Gedanken, schon geht wieder die Kirchentür auf und der nächste intellektuelle oder künstlerische Gigant betritt die Szene.

Das ist anfangs noch witzig, später aber zum Haare raufen, und so ist es kein Wunder, dass die ziemlich eitel gezeichneten Händel und Bach sich irgendwann gegenseitig die Perücken vom Kopfe klauen. Weniger wäre hier wahrlich mehr gewesen. Zudem sind die Zukunftsfantasien des Theaterautoren Müllner erstaunlich konkret und zutreffend, er sagt Handys und Tablets voraus, ärgert sich über „alternative Fakten“ in der Zeitung und weiß vieles, was er noch gar nicht wissen kann und räumt dies am Ende sogar selber ein. „Es ist nicht Wissen, es sind Ahnungen…“

Bei aller Sympathie für die Idee und Bewunderung für das historische Wissen: Diese literarische Orgelfantasie ist doch eher Organistenzwirn, es holpert und stolpert an vielen Stellen, die Geschichte ist überladen und gleichzeitig blutleer. Und auch die Moral von der Geschichte am Ende, rettet nicht: Habe Mut zur Freiheit, zum eigenen Denken, zum Improvisieren, nicht nur an der Orgel, dann klappt es auch mit der Liebe. Das mag stimmen, ist aber bei aller aufgefahrenen geballten intelektuellen Kompetenz der auftretenden Figuren dann doch am Ende eine etwas dürftige Erkenntnis aus dem nächtlichen Wahn.

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Stephan Kosch

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Irmgrad Keun: Nach Mitternacht

Glücksfall

Neu gehört: Irmgard Keun
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Lisa Wagner liefert mit der Modulation ihrer Stimme ein akustisches Glanzstück.

Sie ist eine typische Keun-Heldin: Susanne Moder, die alle nur Sanna nennen. Selbständig, emanzipiert, geht sie mit einem wachen Blick durch die Zeit, in der viele die Realität nicht wahrnehmen möchten. Die Schauspielerin Lisa Wagner ist die ideale Besetzung für die 19-jährige Ich-Erzählerin in dem Hörspiel "Nach Mitternacht", das nach dem Roman von Irmgard Keun (1905-1982) in der Bearbeitung und Regie von Barbara Meerkötter reüssiert. Und das sich an zwei Tagen in Nazideutschland 1936 ereignet, in dem Verleumdung und Berufsverbote an der Tagesordnung sind. Wagner liefert mit der Modulation ihrer Stimme ein akustisches Glanzstück. Sie lässt die Erzählerin in ihren Beobachtungen zwischen scheinbarer Naivität und feiner Ironie variieren. So erzählt Sanna auch in Rückblenden aus ihrem Leben, nachdem sie mit ihrer Freundin Gerti einen Auftritt Hitlers auf dem Frankfurter Opernplatz erlebt hat.

Die Hörerin lernt den schlichten Kulmbach kennen, der sich für Hitler begeistert. Sie wird Zeugin, wie die linientreue Tante ihre Nichte Sanna denunziert. Und wie Franz und Sanna am Ende nach Holland flüchten. Alles in allem herrscht eine groteske Stimmung. Barbara Meerkötter lässt den Roman mit allen seinen Protagonisten und deren Geschichten durch ihre Inszenierung lebendig werden.

Dazu kommen die verschiedenen Stimmlagen der Schauspieler wie Thomas Wodianka und Hans Peter Hallwachs, der wohldosierte Einsatz von Musik und die zurückhaltende Geräuschkulisse, das Schreibmaschinengeklapper und die „Sieg Heil“-Rufe der Massen, all das sind die wirksamen Mittel, die den von Irmgard Keun 1937 im Amsterdamer Exil veröffentlichten Roman zum Gesellschaftspanorama dieser Zeit öffnen. Ein Glücksfall.

Kathrin Jütte

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Kathrin Jütte

Kathrin Jütte ist Redakteurin der "zeitzeichen". Ihr besonderes Augenmerk gilt den sozial-diakonischen Themen und der Literatur.

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David Murray: Blues für Memo

Swingende Sache

David Murrays „Blues for Memo“
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Alles passt, ist warm, vital, vielfältig. Jazz at its best, Genuss für Connaisseure.

Mächtigen muss man auf die Finger schauen, auf die Musikvorlieben aber auch. Für Gerhard Schröder waren das die Scorpions. Ein Kommentar erübrigt sich. Bei Donald Trump darf man rätseln. Das David Murray-Album „Blues for Memo“ ist sicher nicht darunter. Denn das ist Jazz, und Neugier ohne Kalkül, und Jazz ist Trumps Gegenteil, denn statt um Dominanz geht es um freies Spiel, in dem Gewinn spürbar statt zählbar ist, um Aufmerksamkeit, Begegnung, Offenheit, gemeinsame Suche nach Dynamik im Augenblick, Kreativität.

Holzbläser David Murray (Tenorsaxophon; Bassklarinette) samt Mitmusikern zeigen auf „Blues for Memo“ viel davon - gewidmet ist die CD dem verstorbenen Mehmet Ulu, genannt „Memo”, der mit seinem Bruder in den 90ern in Istanbul den Club Babylon eröffnete und so Leuten wie Murray, Butch Morris, Sun Ra oder Pharoah Sanders eine Bühne schuf, die indes Trumps Seelencousin Erdogan gar nicht gefällt. Eingespielt haben sie das swingende Album denn auch in Istanbul. Der ebenfalls 2013 verstorbene Kornettist Butch Morris, langjähriger Weggefährte Murrays, unterrichtete dort ein paar Jahre. Auch an ihn erinnert das Album. Zu Morris Komposition „Obe“ steuert Poetry-Slammer Saul Williams hier seine Lyrik bei. Kennen- und schätzen lernten er und Murray sich bei der Beerdigung des Dichters Amiri Baraka. Sie verabredeten ein Album.

Williams ist an sechs der zwölf Stücke mit seiner spoken poetry beteiligt, etwa am eindringlichen „Mirror of Youth“. Viel Gedenken und Tod, aber eben auch herrlich viel Feier des Lebens mit einer tollen Besetzung (neben Murray und Williams sind das Orrin Evans/Piano; Nasheet Waits/Schlagzeug; Jaribu Shahid/Bass; Jason Moran/Fender Rhodes; Mingus Murray/Gitarre; Craig Harris/Posaune). Pervis Evans singt zu drei Stücken und findet etwa in „Deep in Me (there is an answer, there is a joy)“ mit starkem Latin-Groove eine Balance zu Williams‘ Rezitation, die einen umhaut, und „Red Summer“ ist ein engagierter #BlackLivesMatter-Beitrag. Im Titelsong, einem echten Blues, nur eben nicht erdig, gospel-verklärt, rock’n’rollend oder Soul-transponiert, sondern mit voller Jazzwucht bis in jeden Seelenwinkel ausgeforscht, spielt Aytac Dogan die türkische Kastenzither Kanun. Alles passt, ist warm, vital, vielfältig. Jazz at its best, Genuss für Connaisseure und ein Erlebnis für jene, die sich endlich drauf einlassen möchten. „Blues for Memo“ ist ein grandioses Album. Besonders fesseln die Saxophon- und Posaune-Soli in „Enlightenment“, einem Stück des Space-Afrofuturisten Sun Ra, dessen Zeilen im Innencover Lebende und Tote aus dem Jenseits grüßen: „I’ll build a world of abstract dreams/And wait for you“. Spiritualität, wie wir sie mögen! Besides: Who the fuck are Trump & Co.?

Udo Feist

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Christoph Türcke: Umsonst leiden

Ein Abenteuer

Die Hiobsgeschichte
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Türckes Rekonstruktion ist ein Schlüssel zum Rätsel der Hiobsgeschichte

Die Lebenswelt ist auf Ausgleich angelegt. Schon in frühen Ritualen haben Menschen der übermächtigen Naturgewalt geopfert, um einen gerechten Ausgleich für die Schuld zu erwirken, die sie zum Beispiel durch Töten und Fleischessen auf sich luden. Äquivalenz gilt als Prinzip für den Ausgleich von Schuld und Schulden durch Opfern und Bezahlen.

Gegenüber diesem Denken in Äquivalenzen zeigt sich die Hiobsgeschichte seit eh und je als eine sperrige Herausforderung. Sie erzählt von einem Gott, der es dem Satan überlässt, den Glauben des glücklich-reichen Hiob bis aufs Blut zu testen. Und sie zeigt einen leidenden Menschen, der zwar gegen sein Geschick vor Gott protestiert, aber bis zum vollkommenen Verlust seiner Lebenskraft an seinem Glauben festhält. Am Ende erlebt er - ebenso unverdient wie sein Leiden - ein Happy End: beides gratis und doch auch vergeblich. Hier findet kein gerechter Ausgleich statt.

Der Leipziger Philosoph Christoph Türcke stellt die Frage, wie eine solche, das Bild von einem allmächtigen und gerechten Gott kompromittierende Geschichte überhaupt in den biblischen Kanon aufgenommen werden konnte. Türcke macht das plausibel, indem er das Buch Hiob als Märchen interpretiert; das Märchen hat, anders als der Mythos, einen glücklichen Ausgang. Der alten, provokanten Geschichte von der Glaubensprobe als Geschäft mit dem Teufel habe wohl ein kenntnis- und einflussreicher Grande aus der Jerusalemer Priesterschaft die umfangreiche Hiob-Dichtung mit den Reden der Freunde eingefügt. Und dadurch sei vermutlich der ärgerliche, aber im Märchen nötige dritte Teil (nach dem wiederholten Glaubenstest) ersetzt worden.

Zunächst habe Gott den rechtschaffenen Hiob zweimal dem satanischen Test ausgesetzt, ob Hiob denn tatsächlich umsonst, also ohne auf Belohnung zu spekulieren, auf Gott vertraue. Nach Bestehen dieser gesteigerten Probe habe Satan in der dritten Runde Gott herausgefordert, Hiob zu offenbaren, was im Himmel zwischen Gott und ihm verhandelt worden sei. Eine solche Bloßstellung habe schließlich aber Gottes Zorn heraufbeschworen; sie hätte Hiobs vollkommene Verzweiflung und sein tragisches Ende herbeigeführt.

Hiob durfte von diesem Handel also nichts wissen. Die Grenzen zwischen Himmel und Erde müssen im Märchen für die handelnden Personen aufrechterhalten bleiben; nur der Hörer und Leser erfährt von den himmlischen Machenschaften. Um der Glaubensfestigkeit Hiobs und der biblischen Leserschaft willen, bedurfte Türcke zufolge einer „Notoperation“: dem Einschub des Streits der Freunde mit dem Ergebnis: Der göttliche Zornesausbruch blieb erhalten, richtete sich nun aber nicht mehr gegen Satan, sondern als Blitzableiter gegen die Freunde und rehabilitierte den gequälten Hiob.

Das Hiobsmärchen erhält durch diesen Umbau eine andere Zielrichtung: Die Opferarithmetik des gerechten Ausgleichs wird von der Freiheit des geschenkten Umsonst verdrängt: „Eine Welt, die durch einen allmächtigen Gott im Lot gehalten wird, so dass in ihr stets alles mit rechten Dingen zugeht, eine Entsprechung, ein Äquivalent hat: ist die glaubwürdig? Das Hiobsmärchen sagt: Nein…Der Überschuss des Geschenkten ist umsonst und gerade deshalb die Würze aller Glückserfahrung; allerdings auch der Bitterstoff, der uns daran gemahnt, dass sie bloß der Vorgeschmack einer Glückseligkeit ist, die Sterblichen vorenthalten bleibt. Und so berühren sich in dem hebräischen Wörtchen hinnam die Extreme: Umsonst ist das Vergebliche, aber auch das Beglückende.“

Hiob hat umsonst gelitten, und sein Geschick wendet sich, obwohl, ja, gerade weil er sich erduldend dagegen erhoben hat. Türckes Rekonstruktion ist ein Schlüssel zum Rätsel der Hiobsgeschichte und ihrer mutigen Aufnahme in den biblischen Kanon. Sie bleibt eine literarische Hypothese, aber eine in den Interpretationszügen plausible Annahme. Sie ist jedenfalls ein mitreißendes Abenteuer literaturkritischen Scharfsinns.

Hans Norbert Janowski

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Bernhard Maier: Die Ordnung des Himmels

Fragwürdig

Neue Geschichte der Religionen
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Im Unterschied zu den lesenswerten älteren Büchern des Autors ist die Lektüre dieses Buches nicht empfehlenswert.

Eine Geschichte der Religionen von der Steinzeit bis heute vorzulegen, ist ein mutiges Unternehmen, wie Bernhard Maier auch selber bemerkt. Tatsächlich sind nach der von Mircea Eliade in fünf Bänden publizierten Geschichte der religiösen Ideen (1976 ff) solche Gesamtdarstellungen aus einer Hand eher selten verfasst worden.

Als ein Problem hebt Maier hervor, dass die zahlreichen spezialisierten Einzelstudien von keinem Forscher mehr überblickt werden könnten. Als weitere Probleme sieht er Fragen, wie die einer „angemessenen Periodisierung der Religionsgeschichte, nach einer objektiven Gewichtung des Stoffs, nach der relativen Geltung zentraler Deutungskategorien und nach der Berechtigung kausaler Erklärungen religionsgeschichtlicher Entwicklungen“. Doch werden diese Fragen in seinem Buch kaum erörtert. Zudem hält er sich weder an die Chronologie - Grundlage einer jeden Geschichtsschreibung, so dass die Darstellung der einzelnen Religionen wiederholt abgebrochen und an anderer Stelle fortgeführt wird, noch geht er geografisch vor. Der Zusammenhang der Geschichte der einzelnen Religionen, ihrer Lehren und Praktiken wird dadurch undurchsichtig. Ferner räumt der Verfasser der politischen Geschichte, die unbestritten eine wichtige Rahmenbedingung für ein Verständnis der Religionen ist, zu viel Raum ein, so dass man den Eindruck erhält, hier werde eine Weltgeschichte mit ausführlichen Bemerkungen zu den Religionen vorgelegt.

Über die einzelnen Religionen freilich erfährt man zu wenig. Das ist auch dem Aufbau des Buches geschuldet, der „bestimmte Phänomene und religionsgeschichtliche Entwicklungen“ ins Zentrum rückt. Wichtige Grundbegriffe der Religionen werden gar nicht erläutert. Ein Beispiel: Ein Bedürfnis nach Erlösung taucht in den Ausführungen zum Jainismus auf, ohne dass die Bedingungen der Ausbildung eines solchen Bedürfnisses thematisiert werden und die, damit verbundenen, weitreichenden Änderungen der Religionen ins Blickfeld kommen. Natürlich kann man die Auffassung vertreten, daß Erlösung schon immer ein Thema der Religionen war, aber dies hätte im Einzelnen dargelegt werden müssen.

Ebenso wird der Begriff „Weltreligionen“ ohne Berücksichtigung seiner Mehrdeutigkeit verwendet. Als „Weltreligionen“ kann man Religionen nach ihrer Ausbreitung in der ganzen Welt ansehen oder Religionen, die sich der Welt und ihrer Gestaltung zugewandt haben.

Die Transformation des Opferkultes, der ohne Zweifel mit Anrufungen der Götter und Gebeten verbunden war, in einen Wortgottesdienst, der ins Zentrum des Kultes die Lesung aus den dann für heilig erklärten Schriften und deren Auslegung in einer Predigt setzte, wie sie im Judentum nach der Zerstörung des Tempels, im frühen Christentum und inzwischen auch von anderen Religionen adaptiert wurde, wird nicht einmal erwähnt. Diese Transformation des Kultus hatte jedoch weitreichende Konsequenzen, nicht nur für die Qualifikationen und Ausbildung der religiösen Amtsträger, sondern auch für das Selbstverständnis der Religionen selber. Eine Erörterung des Begriffs „Religion“ vermisst man ebenso. Da es aber ein Problem darstellt, was begründet als Religion reklamiert werden kann, ist eine Erörterung dieser Frage in unserer Zeit, in der mit der Auszeichnung Religion in den meisten Ländern Rechte und Pflichten verbunden sind, dringend erforderlich.

Ein Unterschied zwischen Religion und Magie wird ohne Erläuterung irgendwie ebenso vorausgesetzt wie sein innerreligiöser polemischer Charakter. - Es überrascht nicht, wenn Bernhard Maier im Schlusswort als Zitat schreibt, dass der „Wert der Wissenschaft“ in dem bestehe, „was sie Dir selbst bietet“. Nun war und ist Religion eine kollektive kulturelle Schöpfung, auch wenn es in ihrer Geschichte immer wieder rein individuelle Formen gegeben haben mag. Eben deshalb kann die kollektive Seite von Religionen nicht ohne Schaden anzurichten ausgeblendet werden. Im Unterschied zu seinen lesenswerten Büchern Religion der Kelten (2001) und Religion der Germanen (2003), ist die Lektüre dieses Buches nicht empfehlenswert.

Hartmut Zinser

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A.Adami-Aho Euké u.a.: Heimat(en)?

Empfehlenswert

Über neue Heimaten
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Die hier vorgelegte „theologisch-ethische Heimatkunde“ ist dringend nötig, damit wir nicht weiterhin groben Kurzschlüssen aufsitzen.

Die verbreitete gegenwärtige Renaissance des Heimatbegriffs dient in der Regel der Legitimierung einer immer restriktiveren Flüchtlingspolitik und der Relativierung ihrer ethischen Orientierungen. Wir lassen uns derzeitig einigermaßen besinnungslos in einen irrationalen asymmetrischen „Bedürftigkeitswettkampf“ hindrängen, in dem vor allem eines auf der Strecke bleiben wird: die Menschlichkeit, jedenfalls so, wie sie aus christlicher Perspektive als Gemeinschaftlichkeit zu verstehen ist. Die hier vorgelegte „theologisch-ethische Heimatkunde“ ist dringend nötig, damit wir nicht weiterhin groben Kurzschlüssen aufsitzen, mit denen in fahrlässiger Weise der Heimatbegriff als ein Katalysator für Rechtsverdrehung und Selbstimmunisierung missbraucht wird - Frank Mathwig spricht von einer „Teflonhülle für verunsicherte Seelen“.

In drei fulminanten Studien wird uns vor Augen geführt, wie empfindlich eine Heimat ist, die im Grunde von allen gesucht wird, auch wenn das, was die einen meinen, verteidigen zu können, nicht dasselbe ist wie das, was die anderen in ihrer Not zu finden hoffen. Heimat bleibt eine „konstruierte Größe“, die nicht einfach zur Verfügung steht und schon gar nicht in Besitz genommen werden kann, zumal sie als „Sehnsuchtsbegriff“, wie er insbesondere die biblische Tradition geprägt hat, auch immer etwas Ausständiges mit sich bringt.

Die am Ökumenischen Institut Bossey lehrende Theologin Amélé Adamavi-Aho Ekué bestimmt in ihrem Beitrag die Theologie selbst als eine Migrationsbewegung, welche das wandernde Gottesvolk in seiner Sehnsucht nach Heimat begleitet. Heimat wird zu einem reisenden Konzept, das die Kirche als eine einheitsstiftende Vision in Anerkennung von Verschiedenheit versteht. Aus theologischer Perspektive kann Heimat nur interkulturell in der das Leben prägenden Entdeckung des gemeinsamen Menschseins buchstabiert werden.

Der in Bern wirkende Theologie Matthias Zeindler macht einen verheißungsvollen Umgang mit dem Thema „Heimat“ davon abhängig, dass ihr unausweichlich konflikthafter Charakter anerkannt und ausgehalten wird. Heimat bleibt recht verstanden eine Gabe, während die selbstgeschaffene Heimat eine illusionäre Ersatzheimat bleibt. Es ist die Sünde als Vertrauensbruch, durch den sich der Mensch bereits im Paradies seine Heimatlosigkeit einhandelt, die er mit seinen anhaltend ichbezogenen Anstrengungen nicht wieder aufzuheben vermag. Nicht das Abstraktum der Menschenwürde verhilft zu der notwendigen Solidarität, sondern allein der Wechsel zur Perspektive der Anderen kann zu einer Gemeinschaft führen, der schließlich auch Heimat verheißen ist. Zeindler macht schließlich darauf aufmerksam, dass auch die Enteschatologisierung unseres Existenzbewusstseins zu einer Abweisung von Fremden beiträgt.

Der ebenfalls in Bern tätige Ethiker Frank Mathwig geht davon aus, dass die größten Heimatgefährdungen des Menschen von innen kommen. Er legt den Finger darauf, dass die Sorge vor allem einem Heimatverständnis zu gelten habe, das einen Lebensraum beschreibt, der sich aufgrund seiner Vertrauenswürdigkeit als geeigneter Ort für ein gedeihliches Zusammenleben erweist. Wo Menschen gesichtslos gehaltene Menschen abweisen, kann auch kein Vertrauen in die eigene Gemeinschaft wachsen, weil sich das dort gepflegte Misstrauen nicht allein auf Fremde konzentrieren lässt. Es kann anderen grundsätzlich nichts verweigert werden, was ich dann nicht unversehens auch für mich selbst zu befürchten hätte. Und so bleibt die bedenkenswerte Frage: „Wie viel Vertrauen können ein Staat und eine Gesellschaft beanspruchen, die gegenüber Unwillkommenen ihre rechtlichen und moralischen Grundsätze willkürlich zu ändern oder aufzugeben bereit sind?“ Es wird schon sehr darauf ankommen, was jemand unter den gegenwärtigen Umständen bereit ist, als seine beziehungsweise ihre Heimat auszugeben. - Überaus empfehlenswert.

Michael Weinrich

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Uwe Habenicht: Leben mit leichtem Gepäck

Neue Spiritualität

Lebens- und Glaubensgestaltung
Bild
Die wiederaufgebauten Dörfer aus seiner ehemaligen italienischen Lebenswelt sind für Habenicht Sinnbild für ein kultiviertes Nebeneinander verschiedener Religionen als verschiedene Übungsräume zur Transzendenz.

Womit können wir in der globalen Krise des 21. Jahrhunderts als Glaubende und Handelnde überleben? Wie kann der westliche Mensch der Spätmoderne den Lebensfallen von Beschleunigung und Technisierung entkommen? Wie kann schließlich christlicher Glaube zwischen und gemeinsam mit anderen Religionen seinen Weg finden? Mit einer Spiritualität, die minimalistisch wird, ist ein Weg möglich, so die programmatische und mutige These des Autors von "Leben mit leichtem Gepäck". Vielen mag er damit aus der Seele sprechen.

Der Autor versteht Spiritualität als eine „durch Übung vertiefte Sehnsucht nach Verwandlung durch das Transzendente“. In dieser Definition kommt bereits sein breiter Zugang zur Lebens- und Glaubensgestaltung als geistliche und körperliche Praxis zum Ausdruck. Das ist der Schlüssel zum großen Wurf. Bevor er aber seinen minimalistischen Übungsweg darlegt, analysiert der Autor erfrischend pointiert Kernprobleme der Gegenwart: „Grenzen des Wachstums“, „Armut und Ungerechtigkeit“, „Das erschöpfte und überforderte Individuum“, „Die Religionen und die Gewalt“, schließlich „Die Krise der traditionellen Kirchen in Europa und die Autonomie des Einzelnen“. All diesen Fragen könne nur eine Glaubenspraxis begegnen, welche beim übenden Individuum ansetzt.

Gibt es Beispiele für „übende Individuen“ im christlichen Abendland, unserer eigenen Tradition? Bei den Wüstenvätern, die im Umfeld der Verstaatlichung des Christentums ihre Berufung fanden und sozusagen als Gegenbewegung zur Expansion in die Wüste gingen, findet Habenicht Merkmale minimalistischer Spiritualität. Sie wurzelten in der Verkündigung und Lebenspraxis von Jesu selbst und bildeten die Grundlage für jede christlich-monastische Tradition. Autonomie, Selbstbegrenzung, Beschränkung auf das Essenzielle und Gemeinschaft werden hier als Grundelemente einer minimalistischen Spiritualität aufgezählt und tauchen im weiteren Verlauf des Buches wiederholt auf.

Als zweiten historischen Gewährsmann minimalistischer Spiritualität führt der Autor Martin Luther ein. Originell entwickelt Habenicht anhand von klassischen lutherischen Schriften, wie Luther sein monastisches Erbe in eine „Spiritualität für alle“ umwandelte. Das gute Werk könne nicht mehr als die übende „Arbeit“ am Gottvertrauen im Gebet sein, Gebet sei allerdings auch ein Handeln zugunsten des Nächsten. Lautes Memorieren von Katechismus, Bekenntnis und Gebet als eine beinah verschollene Praxis erscheint durch Habenichts Analysen plötzlich in einem neuen Licht.

Das fünfte Element minimalistischer Spiritualität, die Sensibilität für die Wunden der Gegenwart, zeigt der Autor an den übenden Betern Dietrich Bonhoeffer, Frère Roger und der Schriftstellerin Herta Müller auf, die zugleich in ihrer spirituellen Existenz mit einem Minimum an Tradition auskamen beziehungsweise sich neue, persönliche Zeichen minimalistischer Spiritualität erschufen.

In einer Methode der Korrelation, könnte man beinahe in Anlehnung an Paul Tillich sagen, tritt der Autor mit diesen Erkenntnissen in das Gespräch mit dem Philosophen Peter Sloterdijk ein. Dessen Buch „Du musst dein Leben ändern“ hat den vorliegenden Essay deutlich inspiriert. Auch der populäre Soziologe Hartmut Rosa darf als Gesprächspartner des Minimalisten nicht fehlen, geht es ihm doch um das gemeinsame Anliegen, der Entfremdung des Humanums durch eine Kultur minimalistischer Wahrnehmung zu widerstehen. Denn minimalistische Wahrnehmung ermögliche erst wieder eine Resonanz zwischen den Menschen und Gott.

Im Bild des „Albergo diffuso“, der „zerstreuten Herberge“, formuliert Habenicht schließlich seine Vision. Dazu entlehnt der Pastor, der mittlerweile in der Schweiz arbeitet, aber viele Jahre Seelsorger in Italien war, die wiederaufgebauten Dörfer aus seiner ehemaligen italienischen Lebenswelt, in denen verschiedene Behausungen unterschiedlichen Baucharakters als Gaststätten nebeneinander und miteinander zu einer gastfreundlichen Herberge verwoben waren. Sie sind ihm Sinnbild für ein kultiviertes Nebeneinander verschiedener Religionen, als verschiedene Übungsräume zur Transzendenz. In ihnen werden verschiedene Übungswege beschritten, Fremde als autonome Individuen gastfreundlich empfangen und in der Gemeinschaft angenommen. Habenicht versteht damit Jesu Rede „In meines Vaters Haus sind viele Wohnungen.“ (Johannes 14, 2) durchaus als Möglichkeit, verschiedene Religionen nebeneinander bestehen zu lassen. Minimalistische Spiritualität erfordere in letzter Konsequenz Selbstbeschränkung um Gottes Willen. „Wer bereit ist, ein Teil von etwas zu sein, verzichtet darauf, das Ganze sein zu wollen.“

Marcus A. Friedrich

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