Yiyun Li: Lieber Freund, aus meinem Leben schreibe ich dir in deines

Manifest der Kraft

Über den Suizid
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Die stilistisch hinreißenden Essays sind eindringlich, nie auftrumpfend oder bockig, leise, voller Respekt für sich und die Anderen.

Ich vermute, dass das liebe Geschlecht im Spiele war und dass irgendein Skandal drohte“, orakelte Thomas Mann über den Suizid von Stefan Zweig und dessen Frau Lotte im Exil. Zweig sei doch erfolgreich und sorgenfrei gewesen. Yiyun Li nennt das arrogant und schreibt in ihrem Essay „Erinnerung ist ein Melodrama, von dem niemand ausgenommen ist“: „Menschen, die nie Selbstmordgedanken hegen, neigen dazu, die Tat für selbstsüchtig und feindselig zu halten, aber sie übersehen einen entscheidenden Punkt. Man will nicht unbedingt sein Leben beenden, aber den Körper zu zerstören, kann zu der einzigen Möglichkeit werden, den Schmerz zu stoppen. Ich misstraue Urteilen über Selbstmord. Es sind letztlich Urteile über Gefühle.“

Acht intensive Essays und ein Nachwort enthält ihr Band „Lieber Freund, aus meinem Leben schreibe ich dir in deines“. Mit dem Suizid befassen sich alle, doch er beherrscht sie nicht. Der Titel ist ein Satz von Katherine Mansfield, deren Werk die 1972 geborene US-Chinesin schätzt. Die verheiratete Mutter zweier Söhne las vor allem Tagebücher, Briefe, Memoiren und Biographien ihr wichtiger Autoren, nachdem sie 2012 zwei Suizidversuche überlebt hatte. Schreiben mochte sie da erst mal nicht, trotz des literarischen Erfolges zuvor.

Mit 23 Jahren kam Yiyun Li aus Peking in die USA. Sie arbeitete zuerst als Immunologin. Dann wandte sie sich der Literatur zu, ihrer lebenslangen Liebe. Sie gewann Preise, erhielt Stipendien. Die Flucht vor der emotional übel übergriffigen Mutter, der KP-verseuchten Muttersprache und dem Trauma von Tiananmen in ein neues Leben schien gelungen, doch holte sie da offenbar etwas ein, mutmaßlich eine ausgewachsene Depression mit suizidalem Drall. Sie benennt das selbst nicht so, erzählt aber viel von den Aufenthalten in der Psychiatrie.

Ihre Anamnese ist literarisch, klug und bewegend. Die eigene Stimme – wohl sich selbst – findet sie im Dialog mit dem Gelesenen, im Reflektieren des Erlebten und über das Schreiben wieder. Die intim ehrlichen Essays berühren schon allein deshalb, weil Li autobiographisches Schreiben bisher stets von sich wies. Als eine, die existentiell überzeugt war, nichts und nichts wert zu sein, erobert sie jetzt die Fähigkeit, Ich zu sagen. Das tut sie subtil durchdacht, was erträgliche Distanz und zugleich überwältigende Nähe schafft, wie nur Literatur das kann.

Die stilistisch hinreißenden Essays sind eindringlich, nie auftrumpfend oder bockig, leise, voller Respekt für sich und die Anderen. Das mag selbsttherapeutisch sein, vor allem aber ist es ein sich selbst verwirklichendes Manifest der Kraft und Nähe durch Literatur, ein Bekenntnis zur Verbindlichkeit des Schreibens – ernst, bewegend, seltsam tröstlich. Es gibt über Selbstmord, Depression oder Erinnerung als unentrinnbare Melodramen vieles zu lesen, Lieber Freund, aus meinem Leben schreibe ich dir in deines ragt da mit seiner wohltemperierten Leidenschaft für die Literatur, der Gedankentiefe und seinem um das Leben ringenden Stil heraus. Hier kann man sich wiederfinden, noch bevor man sich verloren hat. Geschmack auf die bisher von Yiyun Li auf Deutsch vorliegenden Bücher macht der Band erst recht (die Romane Die Sterblichen sowie Schöner als die Einsamkeit und der Erzählband Tausend Jahre frommes Beten).

Li, die sich selbst stets als sehr zurückhaltende Frau beschreibt, begegnet uns im Umgang mit diesem schweren aufwühlenden Thema als große Schriftstellerin. Und sie zeigt darin dieselbe Entschiedenheit wie gegenüber Kritikervorwürfen, dass gerade sie mit ihrer Herkunft nicht politisch genug sei: „Wenn ich ihnen antworten würde, würde ich Folgendes sagen: ‚Ich habe mich im Leben oft von Drehbüchern abgewandt, die mir sowohl in China als auch in Amerika gegeben wurden; meine Weigerung, mich vom Willen anderer definieren zu lassen, ist mein einziges politisches Statement.‘“

Udo Feist

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Ursula Koch: Wie eine Lilie unter Dornen

Stark

Frauen in der Bibel
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Ein eindrücklicher Blick in die Welt des Alten Orients, in der starke Frauen die Geschicke eines Volkes mitprägten.

In uralten Geschichten begegnen wir der Freundin des israelitischen Mannes, seiner Frau, seiner Geliebten. Sie ist nicht nur schön, sie ist auch geduldig, sie erträgt Mühsal und Last, sie hält der brennenden Sonne stand und ist Sturm und Regen ausgeliefert.“ Mit diesen Worten beginnt Ursula Koch, Autorin, ehemalige Lehrerin und Entwicklungshelferin, ihr neues Buch Wie eine Lilie unter Dornen. Sie hat diesen Vers aus dem Hohelied Salomos gewählt, weil es in den insgesamt sieben Kurzgeschichten um „Begegnungen mit starken Frauen der Bibel“ geht. Vorgestellt werden dem Lesenden die Protagonistinnen des Alten Testaments, die in der Geschichte Israels als Prophetinnen und Ahnfrauen prägend sind, aber in der Überlieferung oft eher ein Schattendasein spielen. Erst in den vergangenen Jahrzehnten treten diese biblischen Figuren mit ihrem Mut und ihrer jeweiligen Historie in Literatur und Forschung wieder mehr in den Vordergrund. Als Verfasserin etlicher weiblicher Biographien hat Ursula Koch mit dazu beigetragen, diese Lebenswege sichtbarer zu machen.

Rut, Hagar, Mirjam, die Schwestern Lea und Rahel, aber auch Batseba, Rizpa und Hanna porträtiert sie in ihrem neuen Werk facettenreich und anschaulich. Dabei wählt die Schriftstellerin unterschiedliche Erzählformen, wie das Zwiegespräch und die Ich-Erzählung, tritt aber auch als Frau von heute in den Dialog mit ihren Heldinnen. Das macht die Lektüre reizvoll und abwechslungsreich. In die Geschichten werden Zitate der Bibel eingewoben: Psalmwörter, lyrische Zeilen aus dem Hohelied oder auch grundlegende Sätze des jüdischen Selbstverständnisses wie das große Dankgebet aus der Exodus-Erzählung. Zum Nachlesen in der Bibel schließt die Autorin jede Episode mit dem Nachweis der jeweiligen Stellen im Alten Testament ab. Das regt zum Nachschlagen in der Schrift an und führt zu manchem Aha-Moment in der Entdeckung von kleinen Details, die oft überlesen werden. Ein Anhang ordnet die Frauengestalten und ihre Bedeutung ein in den biblischen und geschichtlichen Kontext der Vätergeschichten, des Auszugs aus Ägypten und der Staatsgründung. So wird ein Zusammenhang geschaffen, der es auch nicht theologisch Vorgebildeten erlaubt, die einzelnen Personen besser zu lokalisieren.

Koch selbst schreibt im Klappentext, dass sie zu diesem Buch angeregt worden sei durch ihre Arbeit in Burkina Faso, wo sie gemeinsam mit ihrem Mann als Entwicklungshelferin drei Jahre lang tätig war. Damals hieß das Land noch „Obervolta“; den Menschen, vor allem den Frauen dort, fühlt sich Koch bis heute verbunden und unterstützt kirchliche Projekte in der Region. Die Frauen, so die Autorin, erzählten sich an den Brunnen und bei ihren Wanderungen durch die Wüste Geschichten der alttestamentlichen Überlieferungen, die sie durch ihre Erzählungen in ihren Alltag hineinholten. „Die Begegnung mit afrikanischen Christen, den Problemen der Frauen und ihrer großen Kraft“ habe ihr eigenes Leben entscheidend geprägt, schreibt Koch.

Die Wüste und das Leben in ihr spielen in den Episoden des Buches daher auch eine große Rolle: als Orte der Gottesbegegnung, aber auch als solche der Lebensbedrohung. Atmosphärisch dichte Passagen schildern das Leben von Frauen, die aufbrechen und oft auf eine weite Reise gehen – wie Mirjam, Rut, Hagar, Lea und Rahel.

So entsteht ein eindrücklicher Blick in die Welt des Alten Orients, in der starke Frauen die Geschicke eines Volkes mitprägten. Deren Spuren sind bis heute in den uns überlieferten Geschichten der Bibel zu entdecken.

Sonja Domröse

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Ulrich Heckel: Wozu Kirche gut ist

Gesamtschau

Biblische Theologie
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Alle theologischen Probleme, auch heute diskutierte Fragen, werden vom neutestamentlichen Befund her bedacht.

"Wozu Kirche gut ist?" – Ulrich Heckel, seit 2006 außerplanmäßiger Professor für Neues Testament an der Universität Tübingen und seit 2008 Oberkirchenrat und theologischer Dezernent der Evangelischen Landeskirche in Württemberg, antwortet darauf neutestamentlich und reformatorisch: Die Kirche ist Geschöpf, Empfängerin und Trägerin des Heil bringenden Wortes Gottes. Sie ist also zur Weitergabe des heilsamen Evangeliums gut. Kirche, das ist die örtliche Versammlung und die weltweite „Gemeinschaft aller Getauften“. Sie stellt sich in verschiedenen Sozialformen dar. Ihre Einheit besteht in „versöhnter Verschiedenheit“.

In dem Band sind Aufsätze, Vorträge, Gutachten, Grußworte, eine Rezension und eine Predigt versammelt, alle 2008 bis 2017 verfasst. Schwerpunkte sind Themen rund um Paulus (Theodizee, Frieden, Missionsstrategie, alter und neuer Mensch), Taufe, Kirche, Segen (darüber hat Ulrich Heckel andernorts intensiv gearbeitet), kirchliche Erwachsenenbildung, Kirchenmusik, dazu ein besonders eindrücklicher Aufsatz zu Luthers Zwei-Reiche-Lehre. Alle theologischen Probleme, auch heute diskutierte Fragen, werden vom neutestamentlichen Befund her bedacht. Heckel ist ein Meister der bibelkundlichen Darstellung. Er zeigt innerbiblische Entwicklungen, historisch-kritisch geläutert, und gibt eine Gesamtschau, wobei er weniger darauf bedacht ist, scharfe Akzente zu setzen. Der Schüler des Tübinger Neutestamentlers Martin Hengel (1926–2009) vertritt eine reformatorisch akzentuierte biblische Theologie. Sie ist weitgehend Schriftauslegung und versteht sich als „kirchliche Wissenschaft“.

Die Kirchlichkeit Heckels zeigt sich etwa darin, dass das Wirken des göttlichen Geistes im Alltag im Wesentlichen im Rahmen der Kirche gesehen wird. Die Hochschätzung der Taufe durchzieht das ganze Buch. Der Heilige Geist wird durch die Taufe verliehen, ja, ohne die Taufe gibt es keinen Zugang zum Reich Gottes. Die Taufe sei das „Grunddatum christlicher Existenz, die ein für alle Mal vollzogen wird, aber das ganze Leben bestimmt. Sie ist der „Ur-Segen“, und so sind alle kirchlichen Amtshandlungen „Taufgedächtnis“. „Die Taufe verleiht meinem Glauben das Fundament.“

Aber müsste es nicht heißen: „Das Wort Gottes verleiht meinem Glauben das Fundament“? Immerhin hält Heckel die Rede von der „Heilsnotwendigkeit“ der Taufe für „irreführend“, denn „das Heil wird nicht an die Taufe gebunden, sondern an den Glauben an das Evangelium“. Hätte Heckel dies insgesamt beherzigt, dann hätte er deutlich gemacht, dass es eben auch gläubige Christen gibt, die nicht oder noch nicht getauft sind, und dass es mit dem „Herrschaftswechsel in der Taufe“, bei dem „die Macht der Sünde ein für alle Mal gebrochen ist“, auch nicht immer so weit her ist, denken wir nur an Getaufte wie Josef Stalin und Adolf Hitler.

Die „kirchenleitende Sicht“ spielt, glücklicherweise, bei Heckel weniger eine Rolle. Schließlich geschieht nach den Reformatoren Gemeinde- und Kirchenleitung primär durch Schriftauslegung und Verkündigung. An dieser „Leitung durch Lehre“ sind Viele beteiligt, und da hat die „Amtskirche“ keinen Bonus.

In seinen Ausführungen zum Dialog der Religionen ringt sich Heckel schließlich zur „Hoffnung“ durch, „dass es letztlich derselbe Gott ist, der in allen Religionen verehrt wird“. Hätte er über CA 5 hinausgegriffen, wonach der Heilige Geist in der Verkündigung den Glauben wirkt, „wo und wann er will“, und mit dem Schweizer Systematischen Theologen Martin Werner (1887–1964) auch gedacht an „das Geheimnis der göttlichen Schöpfermacht als des Geistes, der weht, wann und wo und wie er will“, könnte er den Geist Jesu zuversichtlicher auch über Christentum und Kirche hinaus am Werke sehen. Schon altchristliche Kirchenväter wie Justin fanden anderswo Bruchstücke jener Wahrheit, die sich freilich in ihrer ganzen Fülle in Jesus Christus ausgedrückt hat.

Andreas Rössler

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Rochus Leonhardt: Religion und Politik im Christentum

Hochgelehrt

Über Religion und Politik
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Leser und Leserinnen werden mit wertvollen Einsichten, kenntnisreicher Präsentation von Wissensständen und präziser Rekonstruktion zentraler politiktheoretischer Fragestellungen belohnt.

Religionen sind nicht per se friedlich. Und sie sind nicht per se Stützen freiheitlicher Demokratien. Diese beiden Aspekte greift der Theologieprofessor Rochus Leonhardt in seiner voluminösen, hochgelehrten Monographie einleitend auf, um deren Fragerichtung zu erläutern. Denn wenn heute sowohl EKD als auch katholische Bischofskonferenz den freiheitlichen Verfassungsstaat begrüßen und nach Kräften stützen, dann ist das nicht nur mit Blick auf andere Religionen, sondern auch und gerade vor dem Hintergrund der eigenen Entwicklungsgeschichte alles andere als selbstverständlich.

Diese „Unselbstverständlichkeit eines christlichen Eintretens für Demokratie, Religionsfreiheit und Pluralismus“ einerseits zu verdeutlichen und andererseits die Faktoren und Entwicklungen zu rekonstruieren, die zu einer grundrechts-, demokratie- und pluralismusfreundlichen Haltung insbesondere im Protestantismus geführt haben, benennt der Autor als Hauptziel seines Buches. Kurz gesagt: Wie kam es zur Versöhnung mit der politischen Moderne?

Zur Beantwortung dieser Frage holt Leonhardt weit, sehr weit aus. Er verfolgt das komplexe Verhältnis von Politik und Religion seit den Anfängen des Christentums – nicht ohne zuvor noch maßgebliche Bibeltexte zur politischen Ethik zu untersuchen. Das Schwergewicht liegt dann freilich erwartungsgemäß auf den großen Abschnitten zwei („Religion und Politik von der Reformation bis zur Aufklärung“) und drei („Von der konfessionellen Parität zum religiösen Pluralismus“). Stets verbinden sich dabei in der Darstellung große Erzähllinien und weiträumige Epochenbeschreibungen mit hoher Präzision im manchmal fast zu liebevoll ausgeschmückten Detail.

Ein besonderes Kennzeichen des stets auch methodensensiblen Werkes besteht darin, dass es sich zentralen staatskirchenrechtlichen Texten und Entwicklungen mit der gleichen Sorgfalt widmet wie theologischen Konzepten und Kontroversen. Auf diese Weise wird man über die Friedensschlüsse von 1555 und 1648 oder die Ausgestaltung des landesherrlichen Kirchenregiments ebenso kundig unterrichtet wie über den Pietismus, Schleiermachers Vision einer staatsfreien Kirche oder über Karl Barth und den Obrigkeitsstreit. Desgleichen handelt der Autor die mittelalterlichen Politiktheorien Dantes, Ockhams und anderer genauso gründlich ab wie die Exegesegeschichte der Zweigewalten- beziehungsweise der Zweischwerterlehre.

Auch wer sich an der einen oder anderen Stelle vielleicht etwas Straffung wünschen würde, sieht sich doch mit wertvollen Einsichten, kenntnisreicher Präsentation von Wissensständen und präziser Rekonstruktion zentraler politiktheoretischer Fragestellungen belohnt. Und wenn man während der Lektüre zuweilen denkt, dass der Ausgangs- und Zielpunkt der Überlegungen ob der vielen Themen, Autoren, Streitfragen und Handlungsstränge etwas aus dem Blick gerät, so lenkt der Autor am Schluss die Aufmerksamkeit wieder genau auf den zentralen Aspekt: das Verhältnis von Religion und Politik in einem pluralistischen, demokratischen Gemeinwesen. Folgerichtig endet die Rekapitulation bei der Demokratie-Denkschrift der EKD aus dem Jahre 1985.

In einem abschließenden, zurückhaltend als „Problemanzeige“ bezeichneten Kapitel fragt Leonhardt sichtlich besorgt und nicht ohne Grund, ob sich die lange Zeit probaten Mittel zur „Zivilisierung der Religionen“ auch bei der Bewältigung aktueller religionspolitischer Herausforderungen wie insbesondere der Integration des Islams als hinlänglich und tauglich erweisen werden.

Insgesamt: Ein informations- und argumentationsreiches, gewichtiges, wertvolles Buch!

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Horst Dreier

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Otfried Höffe: Die hohe Kunst des Alterns

Friedlich

Philosophie für das Altern
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Ein Patentrezept für ein ideales friedliches und heiteres Alter kann dieses Buch nicht geben, aber eine lohnende Lektüre ist es allemal.

Es ist ja wahr: Zwar wollen (fast) alle älter werden und erst recht nicht jung sterben, die letztendliche Konsequenz daraus, nämlich alt zu sein, findet aber auch nicht allzu viel Anklang in der heutigen, an Jugendlichkeit und Leistungsfähigkeit orientierten Gesellschaft. Dabei könnte es so schön sein, das Alter, so „friedlich und heiter“, wie es in Hölderlins Gedicht „Abendphantasie“ heißt. Wie dies aber zuverlässig zu erreichen sei, bleibt hier letztlich offen: Nur eine Bedingung formuliert der Dichter, dass nämlich die „ruhelose, träumerische“ Jugend „endlich“ vergeht. Ob eine auf Fragen der Lebensführung und -kunst spezialisierte Philosophie hier weiterhelfen kann?

Der in diesem Themenbereich zum Erfolgsautor avancierte Wilhelm Schmid (siehe zz 8/2018) hat es in seinem schmalen Band Gelassenheit mit, im Ganzen gesehen, heiter gestimmten Überlegungen zu zeigen versucht. Der renommierte Fachphilosoph Otfried Höffe folgt ihm nun mit weiter ausgeführten und differenzierter argumentierenden Gedanken nach. Der vor allem mit Arbeiten zur praktischen Philosophie und Ethik zu weithin anerkannter Autorität gelangte Höffe kann dabei auf profunden Vorarbeiten aufbauen. Fragen des Alter(n)s ist er etwa schon in einer „Gerontologischen Ethik“ und in Teilen seiner Schrift „Kritik der Freiheit“ nachgegangen.

Höffe plädiert für einen unvoreingenommenen Blick, widerspricht negativen Altersbildern und ermuntert dazu, das Alter als „gewonnene Jahre“ anzunehmen. Griffig und lebenspraktisch empfiehlt er eine Lebensführung, die den „vier L“ größtmöglichen Raum gibt, dem Laufen, Lernen, Lieben und Lachen, und zwar im buchstäblichen wie davon abgeleiteten Sinn, woraus sich ein wertvolles Reservoir an körperlichem, geistigem, sozialem und emotionalem Kapital ergebe. Der Philosoph betont, dass dies im Grunde schon von Cicero formuliert worden sei, und gewinnt seine Argumente immer wieder in Auseinandersetzung mit der Geistesgeschichte. Die gerade heute brisanten Themen finden freilich ebenso Berücksichtigung, seien es die Situation in Alten- und Pflegeheimen oder die Vorzüge einer Patientenverfügung.

Alte Menschen müssten in die Gesellschaft besser integriert werden, fordert Höffe, denn das Alter sei nicht allein als eine Phase der Muße zu begreifen, die mit Aktivität und (sinnvoller) Arbeit nichts mehr zu tun habe. Dann könne auch der nahende Tod mit weniger Schrecken erwartet werden. Um ein glückliches, würdevolles Altern zu ermöglichen, empfiehlt Höffe eine erweiterte Form der ethischen goldenen Regel: „Was du als Kind nicht willst, das man dir tu’, das füg’ auch keinem Älteren zu!“

Höffes „Blick auf die Religionen“, so der Titel eines Unterkapitels, fällt sehr knapp aus und erschöpft sich in Anmerkungen über die verschiedenen Formen des Abschiednehmens und Bestattens; gleich danach wird intellektuell engagierter die moralische Frage nach dem Suizid im Alter und die Rolle von Ärzten aufgeworfen. Auch Höffe ist überzeugt, würde die Palliativmedizin konsequent genutzt, ließen sich viele Suizide vermeiden. Seine Leitidee ist auch hier ein an Würde orientiertes Leben, das es bis zum Ende zu achten gelte. Eine demokratische Gesellschaft, so der Philosoph, sei es ihren Bürgerinnen und Bürgern schuldig, dies zu gewährleisten, und legitimiere sich nicht zuletzt dadurch. Ein Patentrezept für ein ideales friedliches und heiteres Alter kann dieses Buch nicht geben, aber eine lohnende Lektüre ist es allemal, und dies nicht nur für Menschen am Rande des Alters – ein verständliches, gut formuliertes Buch, das kurz und griffig daherkommt und bei aller Konzentration doch nicht zu kurz greift.

Thomas Groß

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Michael Weinrich: Karl Barth

Bestmöglich

Einstimmung ins Karl-Barth-Jahr
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Insgesamt ein Kabinettstück theologischer Zeitgeschichte.

Von einem Studienbuch über das Werk eines Theologen wird man zweierlei erwarten: Es soll dessen Gesamtduktus, Grundentscheidungen und wesentliche Pointen verlässlich und nachvollziehbar herausarbeiten und zum Selberlesen animieren. Beides ist dem emeritierten Theologieprofessor Michael Weinrich in überzeugendem Maße gelungen. Dabei profitieren die Leser nicht zuletzt von dem großen didaktischen Geschick, mit dem der Autor den umfangreichen Stoff aufbereitet hat.

Der Autor setzt ein mit zwölf „Blitzlichtern“, die jeweils einen markanten Aspekt der Theologie Barths aufscheinen lassen. Für den eiligen Leser ein erster, hilfreicher Überblick auf das „Ganze“, zudem eine Leseanleitung für alles Weitere, weil angezeigt wird, wo sich in den folgenden Kapiteln weitere Ausführungen und Vertiefungen finden lassen.

Das zweite Kapitel „Lebensweg“ lässt die Bezogenheit von Barths theologischer Entwicklung auf die Fragen, Herausforderungen und vor allem Abgründe der jeweiligen politischen, gesellschaftlichen und kirchlichen Gemengelage anschaulich werden: Wer je der Falschmeldung aufsaß, Barths Theologie sei abstrakt, selbstverschlossen oder unpraktisch, wird hier eines Besseren belehrt: Vom „roten Pfarrer in Safenwil“ über sein Engagement im Kirchenkampf bis hin seinen Stellungnahmen im Ost-West-Konflikt oder seinen Impulsen in Richtung Ökumene – stets drängt eine der „Menschlichkeit Gottes“ nach denkende Theologie auf orientierte Wahrnehmung dessen, was der Fall ist und in entsprechendes Handeln. Der Nachzeichnung des Lebensweges Barths korrespondiert das Schlusskapitel über „Aspekte der Wirkungsgeschichte“, insofern die positive wie kritische Rezeption Barths entlang seiner Entwicklungsphasen und damit im Kontext der je virulenten Diskurslagen dargestellt wird – insgesamt ein Kabinettstück theologischer Zeitgeschichte.

Dazwischen, gleichsam als Herzstück auf etwa 270 Seiten, zunächst eine Draufsicht auf Barths Weise, Theologie zu betreiben, um danach entscheidende theologische Perspektiven (der Gliederung der Kirchlichen Dogmatik folgend) zu entfalten. Dazu nur drei Unterstreichungen: „Gott kann nur erkannt werden, wo er sich selbst zu erkennen gibt.“ Die Grundeinsicht Barths, Theologie konsequent als Nachdenken über die in der Offenbarung uns ansprechende und ergreifende Wirklichkeit Gottes zu bestimmen, befreit von der Gefahr, auf dem Wege eigener Erkenntnisanstrengungen am Ende nur wieder bei sich selbst zu landen – und somit der Feuerbachschen Religionskritik immer neue Nahrung zu liefern. Ja, es ist unmöglich, dass wir uns zur Erkenntnis Gottes aufschwingen, aber als Antwort auf Gottes Selbstkundgabe ist sie, wie Weinrich es in Umkehrung der berühmten Formel Franz Overbecks ausdrückt, eine „mögliche Unmöglichkeit“.

Zum Zweiten: Der beziehungsreiche (trinitarische) Gott will nicht unter sich bleiben, weshalb sich sein Wesen als „Immanuel“ (Gott-mit-uns) vor allem in der – heute oft vernachlässigten – von Barth strikt christologisch formatierten Erwählungslehre erschließt. In seiner Erwählung erweist Gott sich als der Menschenfreundliche; in ihrem Licht erscheint die Ekklesia als die Gemeinde von Israel und Kirche „unter dem Bogen des einen Bundes“ (Eberhard Busch) – mit weitreichenden Konsequenzen nicht nur im Blick auf die Erneuerung des Verhältnisses von Juden und Christen (Kirche und Israel), sondern auch für die Ökumene, die erst an dieser Stelle mit ihrem Ernstfall in Kontakt käme; schließlich begründet die Freundlichkeit Gottes des Menschen Freiheit und eröffnet ihm einen weiten Raum, der dann in der Schöpfungslehre als dem „äußeren Grund des Bundes“ abgeschritten und konkretisiert wird. Und drittens: Die in Christus geschehene Versöhnung ist als Gottes Erfüllung seines Bundes „die Mitte aller christlichen Erkenntnis“. Indem Weinrich die „Schönheit“ der Architektur von Barths Versöhnungslehre nachzeichnet, vermag er zugleich anzuzeigen, wie hier der Wirklichkeitsraum erschlossen wird, in dem wir heute nicht nur zur heilsam-ungeschminkten Erkenntnis unserer Abgründe geführt, sondern auch und viel mehr befähigt werden, in der Gegenwart des Auferstandenen tätige Zeugen und Boten zu werden. Insgesamt eine bestmögliche Einstimmung in das Barthjahr und gewiss eine Animation, Barth selber neu zu lesen.

Peter Bukowski

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Matthias Nauerth/ Kathrin Hahn u. a. (Hg.): Religionssensibilität in der Sozialen Arbeit

Fundgrube

Neue Soziale Arbeit
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Die Autoren und Autorinnen des Bandes wollen die jahrzehntelange Abstinenz der Sozialarbeitstheorie und -forschung gegenüber der Religion und menschlicher Religiosität beenden.

Viele kirchlich-diakonische Träger Sozialer Arbeit stellen sich die Frage nach dem besonderen Profil im Wettbewerb mit anderen. Zudem gerät die Unternehmensidentität immer stärker in den Fokus, die anstelle formaler Kirchenmitgliedschaft von den Mitarbeitenden zu bejahen ist. Vor diesem Hintergrund haben Mitarbeitende der Hamburger Stiftung „Das Rauhe Haus“ und Lehrende der zugehörigen Evangelischen Hochschule diesen Sammelband zur Religionssensibilität in der Sozialen Arbeit herausgegeben. Zudem wollen sie damit den Impuls setzen, die jahrzehntelange Abstinenz der Sozialarbeitstheorie und -forschung gegenüber der Religion und menschlicher Religiosität zu beenden.

Die Herausgeber sehen sich nach den Säkularisierungsdebatten vergangener Jahrzehnte durch die Wiederkehr des Religiösen ins öffentliche Bewusstsein gefordert. Ausgangspunkt ist dabei die Luhmannsche Unterscheidung von Immanenz und Transzendenz. Der Sinn, den Menschen existentielle Erfahrungen geben, kann so als implizite Religiosität verstanden werden. Ein Transzendenzglaube deutet die Erfahrungen dann aus einem transzendenten Wirklichkeitsverständnis heraus, während ein Konfessionsglaube die Verbindung mit einer theologischen Vorstellung koppelt. So entstehen drei aufeinander aufbauende Dimensionen individueller Sinnkonstruktionen, für deren Verständnis sensibilisiert werden soll. Dieses geschieht, indem sich Soziale Arbeit für die religiöse Erfahrung von Menschen öffnet, deren Bedeutung differenziert wahrnimmt und sie schließlich in professionelle Handlungskonzepte zu integrieren weiß.

Über dreißig Beiträge entwickeln nun höchst unterschiedliche – theoretische wie handlungspraktische – Perspektiven und machen den Band zu einer großartigen Fundgrube, die je nach eigener Profession und Interesse genutzt werden kann. Dabei werden so unterschiedliche Themen wie Religion in der Einwanderungsgesellschaft, das Konzept der Lebensbewältigung, Religionssensibilität in der Jugendhilfe, Meditation als Bildung bis hin zum Überzeugungspluralismus als Gestaltungsaufgabe für diakonische Unternehmen oder Plädoyer für eine Sinn-suchende Psychiatrie behandelt.

Gegliedert sind die Beiträge in fünf Teile, die mit einer Diskussion zur Religion in der Gesellschaft beginnen. Forschungsstände und theoretische Modelle einer religionssensiblen Sozialen Arbeit werden ebenso beschrieben wie Handlungskonzepte und Methoden. Die Religionssensibilität bezieht sich nicht nur auf den Einzelnen und die Gruppe, sondern vielmehr auch auf die Organisationen und Handlungsfelder Sozialer Arbeit, in denen diese Sensibilität entwickelt und gelebt wird. Schließlich spielt aus dieser religiösen Perspektive auch die Konfessionalität eine wichtige Rolle, die in den abschließenden Erfahrungsberichten aus Gemeinschaftserleben deutlich wird.

Offensichtlich stehen Begrifflichkeiten und methodisches Instrumentarium bereit, die Theoriebildung, die sozialarbeiterische Fachlichkeit und schließlich die Organisationsstrukturen auf Religionssensibilität hin zu entwickeln. Der lesenswerte Band ist herausragender Meilenstein auf diesem Weg. Weitere müssen nun folgen. Dabei wird die Interdisziplinarität von entscheidender Bedeutung sein, welche sich aus dem Zusammenspiel aus Sozialarbeitswissenschaft, konfessionell geprägter theologischer Reflexion und interreligiösem Dialog ergibt.

Jens Beckmann

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Foto: privat

Jens Beckmann

Dr. Jens Beckmann ist Pastor der Nordkirche und Theologischer Vorstand der Evangelischen Perthes-Stiftung e.V. in Münster.

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HÖRBUCH - A.Karr/D. Lohr: Frauen.Wahl.Recht.

Meilenstein

Zum ersten Mal gewählt
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Es ist kein Text unter den 33 Beiträgen, dem man nicht mit Interesse lauscht.

Am 19. Januar 1919 konnten Frauen das erste Mal reichsweit an der Wahl zur Deutschen Nationalversammlung teilnehmen . Wie es dazu kam, dass die andere Hälfte der Bevölkerung endlich wählen konnte, schildert das von Angelika Kreuz und Dieter Lohr herausgegebene Hörbuch im bewährten Wechsel von Information, zeitlichem Umfeld und teilnehmender Beobachtung. „Vorgeschichte“, „Der Wahlkampf“, „Der Wahltag“ und „Ausblick“ sind die vier Kapitel überschrieben, unter denen sich die vielfältigen Texte, Auszüge aus Büchern, Zeitschriftenbeiträgen oder Pamphleten, ebenso wie aus Briefen und Tagebüchern, einreihen.

Es ist kein Text unter den 33 Beiträgen, dem man nicht mit Interesse lauscht, angefangen mit dem allerersten von Fanny Lewald aus dem Jahr 1870 bis zu Marie Juchacz vom Februar 1919. Die Pfarrerstochter und Journalistin Minna Cauer und die Pfarrerstochter Gertrud Bäumer, die von 1919 bis 1932 Abgeordnete der Deutschen Demokratischen Partei war, kommen ebenso zu Wort wie Käthe Kollwitz, die ihre Freude am Wahltag beschreibt – gleichzeitig aber auch den Parteienstreit und die Gewalt von rechts und links. Oder die Politikerin und Frauenrechtlerin Marie Bernays, die festhält, dass die „Kriegsarbeit der deutschen Frauen, sie als reif erwiesen hat für die Mitarbeit am Staate“.

Welchen Meilenstein das Frauenwahlrecht vor 100 Jahren markierte, lässt das Hörbuch mit seiner geglückten Auswahl lebendig werden. Zudem: In einem ausführlichen Booklet werden die Protagonistinnen in Text und Bild ebenso wie die Vorlesenden mit einer Kurzbiographie vorgestellt.

Kathrin Jütte

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Kathrin Jütte

Kathrin Jütte ist Redakteurin der "zeitzeichen". Ihr besonderes Augenmerk gilt den sozial-diakonischen Themen und der Literatur.

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Christiane Florin: Der Weiberaufstand

Wortreiche Abwehr

Frauen in der katholischen Kirche
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Die Gleichstellung der Frauen, ihre Zulassung zum Priesteramt, ist keine Nebensache, die man auf den Sankt Nimmerleinstag verschieben kann.

Als Redakteurin für kirchliche Themen beim Deutschlandfunk hat Christiane Florin häufig Gelegenheit, mit katholischen Würdenträgern zu sprechen. Jedes Mal stellt sie am Ende auch diese Frage: „Wann wird es die erste katholische Bischöfin geben?“ Erwartungsgemäß bekommt sie darauf keine Antwort, erntet allenfalls ein Auflachen und, gewiss, wortreiche Abwehr: Warum müssten sich die Frauen denn so auf das Amt fixieren? Es habe sich doch schon viel getan in den vergangenen Jahren: Es gibt nicht nur Messdienerinnen, sondern auch Theologieprofessorinnen, es gibt eine Frauenquote in der Verwaltung der Bistümer und Frauen, die Seelsorgeämter leiten. Schließlich habe Papst Franziskus 2016 eine Kommission eingesetzt, die prüfe, welche Rolle Diakoninnen in der frühen Kirche gespielt haben. Damit deutet sich doch immerhin eine Perspektive an für ein mögliches weibliches Weiheamt.

Außerdem hat die Kirche in dieser friedlosen Welt doch wohl Wichtigeres zu thematisieren. Was müssen da ein paar westliche Frauen auch noch Tumult stiften mit einer Forderung, die bei der überwältigenden Mehrheit der Weltkirche auf Widerstand stößt?

Florin will sich mit flauen Abwehrreaktionen nicht abfinden in einer Frage, bei der es für sie um die Gerechtigkeit und Wahrhaftigkeit ihrer Kirche geht. Mit viel Humor und einiger Leidenschaft stellt sie in ihrer Streitschrift klar: Die Gleichstellung der Frauen, ihre Zulassung zum Priesteramt, ist keine Nebensache, die man auf den Sankt Nimmerleinstag verschieben kann. Solange den Frauen die Weihe versagt bleibt, wird das katholische Verhältnis zur weiblichen Hälfte der Menschheit verdruckst bleiben. Solange es als eine Art höherer Wahrheit im Raum stehen bleibt, dass es die Männer sind, die über die „Bestimmung der Frau“ Bescheid wissen, befindet sich die katholische Kirche an der Seite der Gesellschaften, die Frauen die Gleichberechtigung verweigern. Florin will den Papst beim Wort nehmen, der angetreten ist, seiner Kirche die „klerikalen Ängste“ auszutreiben: „Die Wirklichkeit ist wichtiger als die Idee.“ Mit dieser für den Vatikan revolutionären Formulierung hat Franziskus ja bereits in der katholischen Ehe- und Familienlehre für Bewegung gesorgt.

Nur wenn es um die Priesterweihe für Frauen geht, bleibt auch er äußerst verhalten. Aber der Wirklichkeit im 21. Jahrhundert halten ja auch all die Begründungen nicht stand, die im Lauf der Zeit gegen das Priesteramt für Frauen erfunden wurden, und deren Wandelbarkeit, wie Florin aufzeigt, nicht ohne Komik ist: Galt es im Mittelalter als erwiesen, dass Frauen schlicht minderwertig waren, so neigt man heute dazu, sie wegen ihrer „marianisch-prophetischen“ Bestimmung hochzuloben und ihnen nahezulegen, dass sie doch viel zu gut für das Amt seien. War man früher der Ansicht, dass vor dem Altar jemand stehen müsse, der Christus ähnlich sehe, also ein Mann, so begnügt man sich heute mit der leider nicht zu widerlegenden Feststellung, dass es in der Geschichte der Kirche keine Vorbilder für ein weibliches Priesteramt gibt. Die Kirche habe anderen Wahrheiten zu folgen als die Welt – mit diesem stahlharten Diktum hat 1994 das apostolische Schreiben „Ordinatio sacerdotialis“ die Diskussion beendet, die in den Siebziger- und Achtzigerjahren schon mal hoffnungsvoller geführt worden war. Seitdem sind es viele Katholikinnen müde geworden, das scheinbar Unmögliche zu wollen – und die Evangelischen geben sich auch keine Mühe mehr, sie zu ermuntern.

Das ebenso unterhaltsame wie informative Buch von Christiane Florin aber macht Lust und Mut, die Debatte wieder aufzunehmen. Zu Recht fragt sie: „Wann, wenn nicht jetzt?“

Angelika Obert

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