„Erzählen, was uns wichtig ist“

Gespräch mit Rainer Kiefer, dem Direktor von Evangelische Mission Weltweit, über Mission heute und seine Erwartungen an die Ökumenische Vollversammlung in Karlsruhe
Abschiedsbild der 10. Vollversammlung in Busan/Südkorea, 2013.
Foto: Peter Williams/WCC
Abschiedsbild der 10. Vollversammlung in Busan/Südkorea, 2013.

zeitzeichen: Herr Kiefer, Sie haben Ihr berufliches Leben als Theologe bisher fast ausschließlich im Zusammenhang mit der weltweiten Ökumene zugebracht. Wie kam das, gab es da ein Schlüsselerlebnis?

RAINER KIEFER: Mein Schlüsselerlebnis war sicher das Studium in Heidelberg. Dort hatte ich bedeutende Lehrer, zum Beispiel Ulrich Duchrow, Theo Sundermeier, Wolfgang Huber und Eduard Tödt. Bei ihnen lernten wir, theologische Themen im ökumenischen Kontext zu diskutieren. Das hat uns fasziniert, das waren reiche Jahre! Dann habe ich mich nach dem Examen beim Lutherischen Weltbund erfolgreich um ein Stipendium in Südafrika bemüht. Dort herrschte damals, Mitte der 1980er-Jahre, Ausnahmezustand in den Kämpfen gegen die Apartheid. Das hat mich in vieler Hinsicht geprägt, ich lernte Beyers Naudé, Wolfram Kistner und Desmond Tutu kennen und erlebte eine Kirche inmitten gewaltsamer Konflikte. Wobei es auch damals ambivalent war. Es gab in den südafrikanischen Kirchen beides, die quietistische Richtung, die sagte: Wir bleiben ganz bei unseren Leuten und bei den Dingen, die wir kennen und verantworten können. Und es gab andere, die prophetisch gesagt haben: Wir gehen jetzt mit auf die Demonstrationen und die großen Trauerfeiern und zeigen Gesicht.

Und danach mussten Sie ins Vikariat ins lange nicht so aufregende Deutschland?

RAINER KIEFER: Richtig, aber danach konnte ich, noch bevor Namibia 1990 unabhängig von Südafrika wurde, nach London gehen. Da wurde damals die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der namibischen Kirchen gemacht, wegen des Apartheidsregimes im britischen Exil. Ein Jahr habe ich da mitgearbeitet, und das war tatsächlich alles sehr aufregend.

Waren Sie damals ein richtiger Aktivist?

RAINER KIEFER: Ich bin mit dem Begriff Aktivist vorsichtig, weil ich viele Menschen kenne, die wirklich Aktivisten und sehr mutig waren. Aber ich habe auf jeden Fall damals gelernt, dass man als Kirche nicht nur zuhause bleiben kann, sondern dass wir
für bestimmte Themen auch auf die Straße gehen müssen.

Nach dem Londoner Jahr sind Sie Gemeindepfarrer geworden und dann bald ökumenischer Referent im Landeskirchenamt in Hannover. Aber da hielt es Sie offensichtlich nicht lange?

RAINER KIEFER: Das stimmt, aber die Stelle hat mich gut vorbereitet auf meine Tätigkeit im Büro des Deutschen Nationalkomitee des Lutherischen Weltbundes, das damals, wie auch Brot für die Welt, in Stuttgart saß. Sieben Jahre war ich dort und hatte intensiv mit der Projektarbeit des Lutherischen Weltbundes zu tun – sowohl in der Flüchtlingsarbeit, als auch in den kirchlichen Programmen, wo es um Entwicklung, ganzheitliche Mission und theologische Grundsatzfragen ging.

Sie sind also Ihren Themen treu geblieben.

RAINER KIEFER: Ja. Ich habe ja auch im Rat des Lutherischen Weltbundes mitgearbeitet, der zwischen den Vollversammlungen die Geschicke der Weltgemeinschaft lenkt. So konnte ich viele Erfahrungen sammeln, bis ich 2005 in meine hannoversche Landeskirche zurückkehrte und dann viele Jahre dort verantwortlich war für Mission, Ökumene und den Kirchlichen Entwicklungsdienst. Dann ergab sich 2019 die Möglichkeit, die EMW-Geschäftsstelle zu leiten, und ich habe dankbar die Gelegenheit wahrgenommen, doch noch mal anders und noch intensiver für Fragen der internationalen Ökumene zuständig zu werden. Hier findet sich konzentriert all das, was mich schon lange beschäftigt, und das, beziehungsweise die EMW, stand am Ende eines Reorganisationsprozesses. Hier mitzugestalten und die Geschäftsstelle und die Organisation neu aufzustellen, das war und ist immer noch reizvoll.

Wie Sie es gerade andeuteten, löst sich das Kürzel EMW seit vergangenem Jahr nicht mehr in „Evangelisches Missionswerk“ auf, sondern in „Evangelische Mission Weltweit“. Wollen Sie kein Werk mehr sein oder warum die Namensänderung?

RAINER KIEFER: Die Anregung zur Umbenennung kam aus dem Kreis unserer zwanzig Mitglieder, die ja zum Teil Missionswerke sind. Die fragten: Warum meint ihr denn, dass ihr neben uns anderen Missionswerken noch ein zusätzliches Missionswerk sein müsst? Aus unserer Wahrnehmung heraus seid ihr doch eher ein Dach- und Fachverband. Ihr nehmt für uns Aufgaben wahr, zum Beispiel in der Grundsatzarbeit, in der Förderung theologischer Ausbildung, im Service-bereich und in der Öffentlichkeitsarbeit. Es ging in diesem Reorganisationsprozess auch darum, Aufgaben zu identifizieren und genauer zuzuweisen. Das war sehr sinnvoll. Und dass wir nun – praktischerweise mit denselben Initialen – einen neuen Namen haben, macht deutlich, dass hier Dinge eben nicht in Doppelstrukturen erledigt werden, sondern dass wir als EMW ganz spezifische übergreifende Aufgaben als Servicezentrale und Dachverband unserer Mitgliedswerke wahrnehmen.

Das Bild von Mission hat sich in den letzten Jahrzehnten gravierend verändert. Da werden nicht mehr glaubensstarke Missionare in die weite Welt geschickt, sondern es ist doch heute mehr ein Geben und Nehmen, oder?

RAINER KIEFER: Ja. Ganz wichtig ist, dass wir uns der Vergangenheit stellen. Wir arbeiten auf, was Mission und Kolonialismus, aber auch, was Rassismus und Mission miteinander zu tun haben. Aber in Gesprächen mit unseren weltweiten Partnern können wir auch ein positives Bild von Mission beschreiben. So hatte Mission immer auch mit Bildung zu tun, mit Befreiung von Ängsten und mit Heilung. Das Bauen von Schulen, das Bauen von Krankenhäusern und Pflegestationen war immer Teil missionarischen Handelns. Das erinnern durchaus auch unsere Partner und Partnerinnen im Globalen Süden. Auch Vertreter des politischen Wandels in Afrika in den letzten Jahrzehnten, zum Beispiel Nelson Mandela, haben mit großer Achtung von den Missionsschulen gesprochen und dem, was sie dort gelernt hatten. Aber natürlich gab es genauso eine ungute Nähe zu kolonialen Strukturen und häufig eine respektlose Haltung gegenüber indigenen Kulturen. Da muss man immer sehr konkret hinschauen, Pauschalurteile helfen nicht weiter.

Gibt es denn überhaupt noch den klassischen Missionar aus Deutschland, der in der weiten Welt missioniert?

RAINER KIEFER: Für unsere Mitgliedswerke kann ich sagen, dass wir heute anders arbeiten und im Gespräch mit unseren Partnern im Globalen Süden überlegen, ob es sinnvoll sein kann, Mitarbeitende aus Deutschland zu entsenden. Manchmal werden noch Experten und Expertinnen gebraucht, aber der Normalfall ist, dass die Kirchen des Globalen Südens absolut in der Lage sind, die Arbeit selbst zu leisten. Wir ermöglichen heute in erster Linie jungen Leuten Praktika oder ein Studienjahr im Globalen Süden, damit sie etwas von der Welt sehen und verstehen. Zudem hat sich die Entwicklung eher umgekehrt: Wir haben in Deutschland immer mehr Mitarbeitende aus der weltweiten Ökumene bei uns, und das ist gut so, denn für uns ist weltweite Mission längst keine Einbahnstraße mehr, sondern ein Austausch von Ideen. Indem wir das tun, machen wir uns gemeinsam stark für das Evangelium.

Ist es noch das entscheidende Missionsziel, dass Menschen ihre Ursprungsreligion ablegen, um sich taufen zu lassen?

RAINER KIEFER: Nein, das ist es nicht. Manchmal hören wir auch den Vorwurf: Ihr seid doch gar kein richtiges Missionswerk, weil ihr keine Missionare entsendet. Dann sagen wir, dass wir Mission eher als einen Austausch von Ideen verstehen, die unseren Glauben berühren und unser Leben verändern. Wir wollen keine Konversionen, sondern wir wollen von dem erzählen, was uns wichtig ist. Und das jeweilige Gegenüber hat die Freiheit zu sagen: Das ist interessant, hier möchte ich mehr wissen und mit euch mache ich etwas zusammen. Oder auch zu sagen: Das ist interessant, und ihr seid sympathisch, aber ich bleibe bei meiner Religion, ich bleibe bei meiner Weltanschauung, und ich erwarte, dass ihr das auch respektiert.

In der neueren Missionstheologie fällt früher oder später das Stichwort Missio Dei. Was bedeutet das im Gegensatz zum Missionsverständnis früherer Zeiten?

RAINER KIEFER: Die Idee, die sich hinter dem Begriff Missio Dei verbirgt, ist die: Nicht wir hier sind es, die sich auf den Weg machen, um das Licht des Evangeliums in den dunklen Kontinent zu tragen, wie man es früher sagte, sondern es gibt eine Autorität, die uns alle auf den Weg schickt, und diese Sendung dient dem Heil der Welt. Wenn Gott uns schickt, dann schickt er uns nicht unbedingt alle in den Süden, sondern er schickt uns in ganz unterschiedliche Kontexte, in denen Heilung, Versöhnung und Frieden notwendig sind. Und wir nehmen alle daran teil, auf den sechs Kontinenten und in den jeweiligen Gesellschaften. Ich finde, das ist für das Selbstverständnis der Christenheit eine schöne Vorstellung. Wir nehmen teil an der Missio Dei, der Mission Gottes, können auch Fehler machen, lernen auf jeden Fall dazu und wissen voneinander. Damit kommt die frühere Dominanzidee an ein Ende, und das ist gut so.

Nun ist die Vollversammlung des Ökumenischen Rates erstmals in Deutschland. Funktioniert die Idee ÖRK noch? Wenn man die Erfahrungen von Margot Käßmann liest (Seite 33), dann können einem ja Zweifel kommen.

RAINER KIEFER: Das ist keine einfache Frage, aber ich denke, wenn es den ÖRK nicht gäbe, müsste man ihn erfinden. Eine Plattform, in der weltweit so viele Kirchen aus so unterschiedlichen Traditionen zusammenkommen und sich verpflichten, miteinander zu arbeiten, zu leben, Gottesdienste zu gestalten und auch die Welt zu verändern – das ist schlicht ein tolles Format. Andererseits ist es eine große Herausforderung, mit 352 Kirchen aus verschiedenen Konfessionsfamilien und Traditionen zusammenzuarbeiten. Da gilt es, sehr unterschiedliche Positionen miteinander ins Gespräch zu bringen. Und natürlich könnte aus unserer Sicht bei manchen Partnerkirchen vieles im Blick auf den Umgang mit Frauen, im Blick auf den Umgang mit anderen Konfessionen, im Blick auf ethische Herausforderungen viel besser sein. Aber die, die sich dort versammeln, halten im Moment noch daran fest, dass es diesen Ökumenischen Rat der Kirchen gibt, und das finde ich sehr wichtig.

Aber die Fliehkräfte, die es im ÖRK gibt, zum Beispiel in Bezug auf Anerkennung und Gleichberechtigung Homosexueller, sind doch enorm.

RAINER KIEFER: Richtig. Da merken wir auch, dass die Kirchen in ihren jeweiligen Kontexten unterschiedlichen Herausforderungen ausgeliefert sind. Wer als Bischof aus einem Land stammt, in dem Homosexualität unter Strafe steht, für den ist es nicht leicht, im Ausland zu erklären, was sich alles ändern müsste im eigenen Land. Und im Blick auf unsere europäische, liberale Tradition erinnere ich immer daran, dass ich vor 30, 40 Jahren auch meine hannoversche Landeskirche ganz anders erlebt habe, was etwa den Umgang mit Homosexualität angeht: Gleichgeschlechtlich liebende Menschen hatten keine Perspektive im Pfarramt. Es ist erfreulich, dass wir im europäischen Kontext, und das gilt ja vor allem für den westeuropäischen Kontext, da ein Stück weiter sind. Aber ein paar Jahrzehnte sind wirklich nicht so eine lange Zeit, um selbstbezogen zu sagen: Guckt mal, was wir alles geschafft haben.

Also darf man jetzt in Karlsruhe kein Papier erwarten, in dem es heißt: Wir sind für die Rechte der queeren Gemeinschaft. Man kann höchstens darüber diskutieren, aber es wird keinen Konsens geben in dieser Frage, oder?

RAINER KIEFER: Gerade zu diesem Thema hat es Beratungsprozesse gegeben in den letzten Jahren seit der Vollversammlung in Busan 2013. Die Berichte werden nun entgegengenommen, und es gilt: An diesem Punkt müssen wir weiterarbeiten. Ich will das nicht beschönigen, was da an Spannung ist, aber die Befürchtung, daran würde der Ökumenische Rat der Kirchen zerbrechen, teile ich nicht. Was eine große Herausforderung sein wird, ist die Frage von Krieg und Frieden und wie wir damit umgehen, dass es im Jahr 2022 eine Kirche gibt, die sich im Blick auf die politisch-militärische Initiative des eigenen Landes zurückhaltend bis befürwortend äußert.

Warum formulieren Sie das so vorsichtig? Warum fragen Sie nicht: Wie gehen wir mit einem Patriarchen Kyrill um, der einen Angriffskrieg sogar theologisch überhöht?

RAINER KIEFER: Im Gespräch mit Vertretern und Vertreterinnen der Russisch-Orthodoxen Kirche (ROK) beim letzten Treffen des Zentralausschusses war für mich interessant, dass uns vorgeworfen wurde: Ihr folgt der Propaganda von CNN, was ihr hier erzählt, entspricht ja gar nicht der Wahrheit. Im Zuge der Stellungnahmen sind die russischen Vertreter dann aber relativ weit mitgegangen auch in der Verurteilung des Krieges. Das zeigt doch, dass auch die ROK aus vielen Menschen besteht, mit denen wir im Gespräch bleiben sollten. Wir haben eine ganze Reihe von Stipendiaten und Stipendiatinnen aus dieser Kirche bei uns in Deutschland, und das sind Brückenbauer. Die brauchen wir für die Zukunft! Wenn wir an dem Punkt zu massiv um des eigenen Gefühls willen sagen, mit euch wollen wir nichts mehr zu tun haben, schaden wir der gesamten Bewegung.

Insofern sind Sie nicht der Meinung derer aus dem Raum der EKD, die kurz vor Pfingsten in einem offenen Brief gefordert haben, dass man die Teilnahme der ROK in Karlsruhe verhindern soll?

RAINER KIEFER: Nein, der Meinung bin ich bestimmt nicht. Ich denke an das letzte Treffen der Konferenz Europäischer Kirchen. Da haben uns Menschen aus Russland erzählt: Ihr müsst euch klarmachen, dass viele unserer Verwandten in der Ukraine leben und wir insofern von den Auswirkungen dieses Angriffskrieges selbst betroffen sind. Darin zeigt sich die Hilflosigkeit und eine gewisse Aporie dieses schrecklichen Krieges. Aber nur solche Begegnungen schaffen eine Grundlage für etwas, was danach irgendwann mal kommen kann in Hinblick auf Frieden und Versöhnung.

Ist es überhaupt vorstellbar, dass in Karlsruhe ein Dialog zwischen Vertretern der Russisch-Orthodoxen Kirche und Vertretern der Ukrainisch-Orthodoxen Kirche stattfindet?

RAINER KIEFER: Sicher nicht öffentlich, aber vielleicht im geschützten Raum. Natürlich wäre es wunderbar, wenn es ein deutliches Friedenssignal gäbe, das Christen aus Russland und der Ukraine verbindet, aber ich fürchte, dazu wird es in Karlsruhe nicht kommen. Gleichwohl dürfen wir dem Geist Gottes und seiner Wirkkraft natürlich niemals zu enge Grenzen setzen.

Das Gespräch führten Philipp Gessler und Reinhard Mawick am 14. Juli in Hamburg.

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Foto: Corinna Waltz/EMW

Rainer Kiefer

Pastor Rainer Kiefer verbrachte zwei Auslandsjahre in Südafrika und Großbritannien und wurde dann Geschäftsführer des Deutschen Nationalkomitees des Lutherischen Weltbundes in Stuttgart. Danach war der Theologe im Landeskirchenamt der evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers für Weltmission und Ökumene, Öffentlichkeitsarbeit und Publizistik zuständig, bevor er 2019 Direktor von Eine Mission Weltweit (EMW) in Hamburg wurde (bis 2021 Evangelisches Missionswerk in Deutschland).


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