Ein Christkind mit Sommersprossen

In der Bibel taugt die Haut nicht zur Stigmatisierung
Selbst das Urzeitmonster Leviathan hat eine Haut: Gustave Doré, „Untergang des Leviathan“, 1865.
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Selbst das Urzeitmonster Leviathan hat eine Haut: Gustave Doré, „Untergang des Leviathan“, 1865.

Um im biblischen Sinn in den Genuss von Personen- oder Menschenrechten zu kommen, bedarf es nichts weiter, als ein Lebewesen mit Haut zu sein, erklärt der evangelische Theologe Volker Grunert.

Die biblischen Texte haben kein Problem mit einem menschlichen Gott. Er wird als ein Gott mit Hand (Exodus 9,3) und Fuß (Matthäus 5,35) beschrieben; mit mächtigem Arm (Jesaja 5,10), einem sprechenden Mund (Numeri 12,8) und einer Nase, die vor Wutschnauben über Unrecht glühen kann (Deuteronomium 29,26), und mit Haaren, weiß „wie gewaschene Wolle“ (Daniel 7,9). Automatisch denken viele bestimmt einen Rauschebart mit. Doch der wird nirgendwo erwähnt. Auch zu einer Haut Gottes schweigt sich die Bibel aus. Genau bei den Details, die Gott ein Geschlecht, eine Ethnie, ein Aussehen geben, entzieht sich Gott. Hinzu kommt, dass die biblischen Texte ebenfalls kein Problem damit haben, dass sich Gott als Bärenmutter beschreibt, die um ihre Kinder kämpft (Hosea 13,8), sich als ungreifbare Wolke zeigt (Leviticus 16,2) und die von der Gebärmutter (hebräisch rechem) abgeleitete Fähigkeit zur Empathie zu einer seiner zentralen Eigenschaften erhebt (hebräisch rachum; Exodus 34,6).

Gott ist in den Köpfen vieler aber immer noch auf das Bild des Weihnachtsmanns begrenzt, den vergöttlichten europäischen Patriarchen mit Bart und weißer Haut. Dies könnte man als vorreflektiertes Element der Populärkultur abtun. Doch auch die Kunstgeschichte wollte lange keine nichtweißen Götter. Nicht nur die bunten Götter der Griechen wurden geleugnet; auch die Entstehung der „Haut“ Schwarzer Madonnen wurde lang als unabsichtlich wegerklärt. Denn der Gott europäischer Statusträger ist so weiß wie Michelangelos Cristo della Minerva. In seltenen Momenten wird der Lendenschurz für wenige Auserwählte gelüftet, um ihren ehrfurchtsvollen Blicken dessen Vorhaut zu präsentieren, die die Massen auch beim David Michelangelos in den Uffizien bewundern können. Nicht nur die weiße Hautfarbe, auch die Vorhaut scheint unentbehrlich zu sein.

Gegen Selbstvergöttlichung

Die Texte der Bibel polemisieren gegen diese Selbst-Vergöttlichung von Zivilisationen, in der Mächtige durch Idole festlegen, was das Göttliche ist – und was nicht. Sie teilen damit in mächtig und ohnmächtig, Mensch und Tier, lebenswert und nicht-so-lebenswert. Die äußere Hülle des Kultbildes, die Götterhaut, legt eine theokratische Norm über Menschen fest. Und es ist eine unumstürzliche Regel, dass diese Idole der Mächtigen nie Sommersprossen haben. Die biblischen Texte aber entziehen Gottes Haut der menschlichen Vereinnahmung und retten damit die Haut derer, die von den überall ihr Unwesen treibenden elitären Haut-Idealisierungen entmenschlicht werden. Eine „Haut“ (hebräisch ‘or) haben im biblischen Denken erfrischenderweise alle – Frauen, Afrikaner, Männer, Nomadinnen, Behaarte, Zuchtochsen, Kinder und Wildesel – selbst das Urzeitmonster Leviathan (Hiob 40,31). Die im Deutschen selbstverständliche menschlich-tierische Grenze zwischen „Haut“ und „Fell“ lässt sich nicht aufmachen. Dies ist nicht eine Vorstufe zu unserer „entwickelteren“ Differenzierung; dies ist Absicht. Denn die biblischen Texte sehen hinter der Haut-Diskriminierung eine Dynamik, die wohl keiner besser als der Satan in der Hioberzählung auf den Punkt bringt, als er nach dem Umkommen der Sklaven, Kinder und Tiere Hiobs spricht „Haut um Haut, und alles, was ein Mann besitzt, gibt er her für sein eigenes Leben“. Die erste „Haut“ sind Menschen und Tiere, die unter Hiobs Verfügungsgewalt stehen; ihr Unwert gegenüber dem Großgrundbesitzer Hiob zeigt sich allein daran, dass sie keine Namen bekommen. Dies ändert sich erst, nachdem Hiob göttliche Schläge treffen und er Gott als den kennenlernt, der das „unwerte“ Leben, die Wildtiere und Monster, erhält. Danach bekommen seine Töchter Namen – und Landbesitz.

Im Hebräischen wird das soziale und physische Ungeschütztsein gegenüber der Verfügungsgewalt von meist männlichen Akteuren als „Hautheit“ (hebräisch ‘ervah) verstanden. Der Schutz der „Hautheit“ ist einer der zentralen Gedanken des biblischen Rechts. Um im biblischen Sinn in den Genuss von Personen- oder Menschenrechten zu kommen, bedarf es dabei nichts weiter, als ein Lebewesen mit Haut zu sein; die biblische Form der Menschenwürde ist somit eine „Hautwürde“. Diese eher unerwartete Gleichsetzung – im Schabbat-Gebot etwa treten wieder neben Sklaven und Kindern Tiere auf (Exodus 20,10) – hat ihren Sinn darin, dass die Behandlung von Nutztieren mit der von Nicht-Statusträgern meist analog geht und die Vernichtung von Wildtieren mit der Vernichtung der nicht-unterworfenen Feinde gleichgesetzt wird. Je mehr in einer Zivilisation „Haut um Haut“ (Hiob 2,4) getrennt wird, desto mehr wird die Würde des Eigenen auf Kosten der entwürdigten Anderen gelebt. Selbstvergöttlichung und Entmenschlichung bilden auch beim Thema Haut einen Zusammenhang.

In unserer Gesellschaft ist Hautwürde etwas, das erkämpft werden muss. Eine Anekdote aus Süddeutschland: Anfang der 2000er-Jahre in einer rheinland-pfälzischen Stadt bewarb sich eine junge Frau mit dem Motto „blond kann jede …“ für den Stadtmarketing-Posten des „Christkinds“ und begründete damit eine kleine Revolution. Sie war nicht nur brünett; sie stach gegenüber den Mitbewerberinnen auch durch ihre Sommersprossen heraus. Bourgeois-anmutige Christkinder hatten zuvor keine Sommersprossen. In der Populärkultur zierten Sommersprossen eher Fabelwesen wie Kobolde – im DDR-Sandmännchen etwa die Figur des Plumps und im ARD-Kinderprogramm der Pumuckl. Als ob sich die Macher über den Eisernen Vorhang hinweg abgesprochen hätten, repräsentieren beide Sommersprossen-Träger das Wilde und vom bürgerlichen Leben Unbeeindruckte. Zusammen mit Pipi Langstrumpf und gegenwärtig Sams befreien diese mythischen Sommersprossenheroen Kinder aus der autoritären Welt, in der der „Liebe Gott“ eigensinnige Mädchen, die im gleichnamigen Märchen nicht auf ihre Eltern hören, automatisch mit dem Tod bestraft.

Dieser „Liebe Gott“ ist in der Vorstellung wahrscheinlich Bartträger und weiß. Der Gott der Bibel hingegen mag Sommersprossen – natürlich im übertragenen Sinne. Der „biblische Sommersprossenträger“ ist der Wildesel, „er lacht über die lärmende Menge der Stadt und auf das Geschrei des Antreibers hört er nicht“ (Hiob 39,7). Sein Schöpfer hat ihn aus der Sklaverei für die Zivilisation befreit, ihm Humor und Unbeherrschbarkeit verliehen. Der Wildesel ist in der Propaganda des Alten Orients häufig ein Bild für die Feinde. „Schwarz bin ich und anmutig“ (Hohelied 1,5) ruft die zur Landarbeit verdonnerte Verliebte den Jerusalemerinnen zu. Sie teilt mit Sommersprossenträgerinnen das „Schicksal“, dass sie der Sonne ausgesetzt ist, deren ungnädiger „Blick“ (Hohelied 1,6) für die vornehm blassen Städterinnen alle Rechtlosen markiert. Für den Geliebten jedoch ist sie „anmutig“ (Hohelied 1,10), die „schönste unter den Frauen“ (Hohelied 1,8), an anderer Stelle sogar „schön wie der weiße Mond“ (Hohelied 6,10). Er sieht ihre Sonnen-Verfärbung nicht. Durch seine Liebe zu ihr verliert der soziale Fetisch der Sonnen-Exposition seine Bedeutung. In Echnatons Sonnenhymnus verfügt der Sonnengott Aten etwa, die Unterscheidbarkeit dunkler oder heller Ausländer von den rotbraunen Ägyptern. „Schön“ sind nur die Rotbraunen und dieses Ideal ist auch in die israelitische Liebeslyrik gekommen: „Mein Geliebter ist glänzend und rot.“ Nur bekommen in Echnatons Hymnus auch nur die Rotbraunen den Status „Mensch“ (ägyptisch remetsch); die Nicht-Rotbraunen sind keine Menschen, die bleiben „Ausländer“.

Wenn nicht-weiße junge Frauen Christkinder werden, dann berichtet selbst die überregionale Presse über die identitätspolitischen Schimpftiraden, über ihr nicht passendes „orientalischen“ Aussehen. In biblischen Texten gehören die als deutlich dunkler erkennbaren Menschen zur administrativen Elite Israels. Einer der biblischen Propheten, Zephanja, scheint vom Namen her eine ostafrikanische Herkunft zu haben und verkündet den dortigen Anbeterinnen JHWHs das Heil (Zephania 3,10). Das heißt nicht, dass dunkle Haut den Menschen nicht auffiel. In einem Sprichwort in Jeremia 13,23 steht die ostafrikanische Haut für Unveränderlichkeit. Sie wird mit den Flecken eines Leoparden verglichen, die ebenfalls nicht veränderbar sind. Dass deutsche Übersetzer sofort an „dunkel“ denken, zeigt die Luther-Übersetzung des Wortes mit einem nun absurderweise Flecken habenden schwarzen „Panther“. Aber die Hautfarbe ist für Israelitinnen nicht das auffälligste. Denn selbst polemische Texte gegen die ostafrikanischen Königreiche Kusch und Saba assoziieren mit ihnen nur die höhere Körpergroße und den großen Reichtum der Menschen (Jesaja 45,14). Die Hautfarbe ist selbst in der schwer erträglichen Identitätsbildung durch Abgrenzung nach der Erzählung von Esra-Nehemia nie Thema. Die Männer sollen sich von den „fremden“ Frauen scheiden lassen (Esra 9f.), obwohl sie selbst zuhauf ägyptische, kanaanäische und besonders mesopotamische Namen tragen. „Fremd“ sein bedeutet, Ammoniterin, Moabiter, Jebusiterin oder Äypterin zu sein. Selbst dieser zutiefst irritierende Text geht Abgrenzung nicht über den einfachen Weg der Hautfarbe; denn die Abgrenzung geht hier auf Kosten von äußerlich sehr ähnlichen Frauen. Die Abgrenzung anhand von Äußerlichkeiten ist so alt wie die Menschheit selbst und ist ein Topos in einer der ältesten Erzählungen der Menschheit, der sumerischen Erzählung über den Heiratswillen des Nomaden-Gottes Martu und der Stadt-Göttin Adjar-Kidug. Hier rät die beste Freundin der Braut Adjar-Kidug ganz entschieden von der Heirat mit diesem „umherziehenden Rohfleischfresser“ ab. Martu hat in der Erzählung zwar einen festen Wohnsitz in einer Stadt, hat dort Freunde und sich unter den Sesshaften einen Status erarbeitet. Aber Nomaden, so die Freundin Adjar-Kidugs, blieben immer Nomaden. Von Kultur verstünden sie nichts; Manieren von Hunden hätten sie, streifen ziellos umher, buddeln in der Wildnis nach Pilzen wie Wildschweine und sähen durch ihre vielen Haare so aus wie Affen. Die Götter ekelt es vor diesen gefährlichen Biestern. „Beste Freundin“, so versucht sie Adjar-Kidug noch von ihren Heiratsplänen abzuhalten, „warum um alles in der Welt willst du Martu haben?“ Adjar-Kidug, ein Freigeist wie die Verliebten des Hoheliedes, lässt das kalt. „Martu ga-ba-an-tuku-tuku“ spricht sie: „Ich werde Martu auf jeden Fall haben“ (daher das doppelte tuku) – und nimmt ihn als Mann. Kein Mensch muss sich den Kategorien seiner Zivilisationen beugen. Gott tut es auch nicht.

Wächter der Hautwürde

Zu den vielen Anti-Abgrenzungs-Texten, die die Massenscheidung in Esra 9f. nach Ansicht einiger Forschender provoziert hat, gehört die Episode in Numeri 12. Dort versuchen Moses Mitstreiter, „wegen des Umstands seiner kuschitischen [ostafrikanischen] Ehefrau, die er genommen hat – denn er hatte eine kuschitische Ehefrau genommen“ – an seinem Stuhl zu sägen. „Kusch“ (ägyptisch kesch) ist im Ägyptischen häufig austauschbar mit medscha, einem Midian sehr ähnlichen Begriff. Es könnte daher sein, dass mit Zippora eine Midianiterin gemeint ist, die Moses in Exodus 2,21 heiratet. Auch wenn dies nicht ganz klar ist, deutlich ist das göttliche Urteil zu diesem Äußerlichkeiten nutzenden Machtspielchen. Gott stellt die Mitstreiter des Mose zur Rede und macht einen von ihnen „aussätzig wie Schnee“ (Numeri 12,10). In der „Black Theology“ wird der Moment immer noch gefeiert, in dem Gott die Haut einer Person, die einen dunklen Menschen angegriffen hat, so weiß werden lässt, dass sie selbst ausgeschlossen wird.

Wenn Gott in biblischen Texten Menschen mit dem flechtenartigen Aussatz oder anderen Hautirritationen schlägt, trifft es nur mächtige Völker und besonders Könige. Wenn „normale“ Menschen Hauterscheinungen haben, werden keine moralischen, theologischen oder medizinischen Gründe des Befalls aufgeführt. Auch hier entzieht die Bibel die Betroffenen der Stigmatisierungswut der Unbetroffenen, die von antiken Erklärungen, Aussätzige seien von den Göttern gestrafte Lästermäuler, bis zu Schillers judenfeindlichen Ausfällen reicht, in denen der Aussatz eine „erbliche Stammeskonstitution“ der Juden sei. In den Evangelien überschreitet ein Aussätziger eigenmächtig Quarantäneregelungen und bittet in einer Synagoge Jesus um Heilung (Markus 1,40). Auch er überschreitet die Haut-Grenze, wie die Verliebten des Hoheliedes, Adjar Kidug und das sommersprossige Christkind. Und bei der Begegnung spürt Jesus nach der Wortwahl des Evangelisten wie der Gott der Hebräischen Bibel in sich die mit der Gebärmutter verbundene Fähigkeit zum Erbarmen und spricht: „Ich will, sei rein!“ (Markus 1,41). Der menschliche Gott will, dass Menschen „auf dem Boden“, also Menschen bleiben. Er will, dass sie andere Menschen als Menschen sehen und behandeln. Über ihre Hautwürde wacht er. 

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