Den Blick weiten

Warum der Einsatz für die Schöpfung keine „Blühwiesenromantik“ ist
Narzissen im Sonnenlicht
Foto: Rike / pixelio.de
Die „Blühwiesenromantik“ Paul Gerhardts hilft uns vielleicht dabei, uns ein wenig zurückzunehmen.

In diesen frühsommerlichen Tagen gehen vielen Menschen Paul Gerhardts Naturpreisungen durch den Kopf. Auch die Theologin und Religionslehrerin Angelika Nothwang freut sich an „Narzissus und Tulipan“ und fragt sich, ob sie wohl eine „Blühwiesenromantikerin“ ist. So hatte der Bochumer Theologieprofessor Günter Thomas hier vor einiger Zeit Vertreter einer ihm zu naiven Schöpfungstheologie bezeichnet. Angelika Nothwang hält dagegen und erinnert an die Inhalte des Konziliaren Prozesses für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung.

Wie froh bin ich, dass die Psalmbeter, aber auch Jesus von Nazareth und Paul Gerhardt es gewagt haben, die Natur mit Gott in Verbindung zu bringen. So hat mir der Psalter Worte mit auf den Weg gegeben, die mich in schweren Zeiten getragen haben: „Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen. Woher kommt mir Hilfe? Meine Hilfe kommt vom Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.“

So lehrte mich Jesus Vertrauen darauf, dass Gott immer noch für seine Geschöpfe sorgt: „Sehet die Vögel unter dem Himmel, sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater ernährt sie doch. …. Schaut die Lilien auf dem Feld an, wie sie wachsen: Sie arbeiten nicht, auch spinnen sie nicht. Ich sage euch, dass auch Salomo in all seiner Herrlichkeit nicht gekleidet gewesen ist wie eine von ihnen.“

Und Paul Gerhardt erfreut mich jedes Jahr neu und lenkt meinen Blick auf „Narzissus und Tulipan“, den Flug der Lerchen, und mein Ohr auf die „hochbegabte Nachtigall“ und überhaupt den Gesang der Vögel – und all das ist Grund zur Freude an meines Gottes Gaben.

Lob der Schöpfung

Dass die Welt deswegen nicht (wieder?) zum Paradies wird, das wussten die Psalmbeter, Jesus von Nazareth und Paul Gerhardt natürlich nur zu gut. Fremdherrschaft, Hunger und Seuchen begleiteten ihr Leben. Und doch hielten sie am Lob der Schöpfung fest und waren sich des menschlichen Ortes im Ganzen bewusst.

Bin ich, wenn ich diese Texte liebe, eine „Blühwiesenromantikerin“?

Die bedrohliche Seite der Natur, der Evolution und eigenartigerweise nicht der „Schöpfung“ hat Günter Thomas nun in der Corona-Krise erlebt und diese Erfahrung theologisch verarbeitet. Er freut sich der menschlichen Möglichkeiten, diese Krankheit zumindest zu bekämpfen.  „Natur“ ist für ihn das ständig mutierende Virus, bekämpft wird es mit Impfstoffen, für deren Entwicklung es den Kapitalismus brauchte – und keine „Blühwiesenromantik“ oder links-grüne Träume von Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung.

Interessant ist, dass Günter Thomas hier die Perspektive eines Menschen im Zentrum des globalen Kapitalismus einnimmt: das Virus hat uns aus unserem vergleichsweise komfortablen Alltag katapultiert, macht uns unsere Verwundbarkeit und Sterblichkeit in neuer Weise bewusst.

Die Bewegung für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung, die Thomas möglicherweise als Adressat seiner Kritik im Hinterkopf hat, hatte schon in ihren Anfängen einen etwas weiteren Blick. Ihr ging es immer auch um die Menschen an der Peripherie des westlichen Kapitalismus. Wohl gab es ein europäisches Thema: die Massenvernichtungswaffen, mit denen sich die Blöcke gegenseitig bedrohten. Aber schon bei diesem Thema, das Menschen in Europa in den 1980er-Jahren zu Recht sehr beunruhigte (und das uns inzwischen in ganz neuer Weise wieder beschäftigt), wurde auch darüber diskutiert, wie sich die hohen Rüstungsausgaben der Industrieländer auf die armen Länder dieser Welt auswirken.

Jahrhundertelange Erfahrung

Und auch wenn es damals schon gelungen war, die schlimmsten Umweltfolgen der Industrialisierung in Europa einzudämmen – verschwunden waren sie damit natürlich nicht. Die Zerstörung wurde ausgelagert nach Südostasien, Afrika und Lateinamerika. Das Bemühen um „Bewahrung der Schöpfung“, Ehrfurcht gegenüber der „Mutter Erde“, wie sie in Lateinamerika in indigenen Völkern praktiziert wird, ist nicht naive Romantik, sondern basiert auf jahrhundertelanger Erfahrung. Die Zerstörung der Lebensräume dieser Völker für kapitalistische Interessen, oft verbunden mit mörderischer Gewalt gegenüber denen, die sich der Ausbeutung von Natur und Menschen entgegenstellen – das ist der Horizont, vor dem die Bewegung für Frieden, Gerechtigkeit und die Bewahrung der Schöpfung entstanden ist.

Es geht hier um die Suche nach etwas mehr innerweltlicher Gerechtigkeit, dazu wird auf die Auswirkungen des Kapitalismus in anderen Teilen der Welt geblickt. Es ist schön, dass wir einen Impfstoff haben, allerdings ist er längst nicht allen Menschen zugänglich. Es ist angenehm, dass unser Leben von vielen unangenehmen Folgen des Kapitalismus vergleichsweise wenig beeinträchtigt ist. Dieser Luxus aber basiert auf Ausbeutung und Externalisierung, die nicht nur natürliche Lebensgrundlagen zerstört, sondern schon längst Menschen gefährdet, in Armut treibt und tötet.

Günter Thomas sieht Krankenhäuser in kirchlicher Trägerschaft als Fortsetzung des Heilungshandelns Jesu, als Widerstand gegen die unbarmherzige Auslese der Evolution. Schön und gut – allerdings sind wir inzwischen auch konfrontiert mit den enormen gesundheitlichen Folgen, die unsere Herrschaft über die Natur hat. Menschen sterben bei Hitzewellen oder bei Flutkatastrophen, sie verhungern aufgrund von Dürren, die es zwar auch früher schon gegeben hat, die aber, wie von Wissenschaftlern vorhergesagt, zunehmen – vor allem in Ländern, die bisher wenig von den Segnungen des Kapitalismus profitiert haben. Wäre es da nicht angebracht, die Ursachen dieser Phänomene in den Blick zu nehmen und darüber nachzudenken, wie man fürsorglicher und auch für Menschen weltweit gerechter mit der uns anvertrauten Welt umgehen kann?

Die „Blühwiesenromantiker“ unter den Theologinnen und Theologen gingen wohl davon aus, dass hier auch ein spirituelles Problem vorliegt, dass es einen neuen, ehrfürchtigeren Blick auf die Schöpfung braucht und eine Wertschätzung auch des außermenschlichen Lebens in dieser Welt. Mag sein, dass sie dabei übers Ziel hinausgeschossen sind und ein idealisiertes Bild der Natur gezeichnet haben. Allerdings griffen sie damit doch auch Gedanken auf, die in der Tradition des Christentums vorhanden waren. Zwar haben Christinnen und Christen keine Altäre für Mutter Erde errichtet, doch haben sie Erntebetstunden und Erntedankfeste gefeiert und ihre Kinder gelehrt bei Tisch zu beten. In meiner Ausbildungsgemeinde, in der viele Menschen Weinbau betrieben, habe ich noch Menschen von einem „gnädigen Regen“ reden hören. Sie wussten: es gibt auch den Regen, der die Arbeit eines ganzen Jahres vernichten kann. Gerade diejenigen, die in ihrer Arbeit regelmäßig mit den Unbilden der Natur zu tun hatten, mit Disteln, Dornen und Mehltau kämpften, brachten doch auf der anderen Seite die ganze Realität ihrer Arbeit mit Gott in Verbindung.

Ziemlich billig

Es fällt auf, dass Thomas die Irrwege immer nur da wahrnimmt, wo Menschen nach Lösungen in der ökologischen Krise suchen, und er die Protagonisten dieser Suche mit einer gewissen Häme überzieht. Das ist schon ziemlich billig, wenn man die schädlichen Auswirkungen der kapitalistischen Wachstumsideologie immer nur am Rande streift. Dass es der Hungrige sei, der von zerstörerischer Gier überwältigt wird, das mag vielleicht gelten für die biblischen Urgeschichten, für die heutige Welt stimmt das so nicht. Da kaufen die Reichsten das Land der Armen, vertreiben sie, legen Minen an, die eine Region auf Ewigkeiten unfruchtbar machen. Plastik als Lösung von Hygieneproblemen hinzustellen ist gewagt, wenn inzwischen Mikroplastik ein fast selbstverständlicher Bestandteil unserer Nahrung ist und man die östrogenartige Wirkung von manchen Kunststoffen bedenkt, die die männliche Fruchtbarkeit bedroht – bei Mensch und Tier.

Zu Recht weist Thomas darauf hin, dass regelmäßig vermeintliche Lösungen für ökologische Probleme in neuen Desastern endeten. Nur, was folgt daraus? Müssen wir nicht mehr weiter suchen, weil es mit dem neuen Himmel und der neuen Erde aus Menschenhand ja doch nichts wird? Es bleibt uns ja nichts anderes übrig, als irgendwie immer neu auf die Krisen zu reagieren. Gehört zu einer intelligenten Ausübung der Herrschaft auf dieser Erde vielleicht doch endlich ein größeres Bewusstsein dafür, dass wir eingebettet sind in ein ökologisches System, das wir bei weitem nicht durchschauen? Eine Ahnung davon, dass der Einsatz für die Erhaltung der Biodiversität nicht einfach naive „Blühwiesenromantik“ ist, sondern wohlverstandenes Eigeninteresse des Menschen. Wäre nicht etwas mehr Zurückhaltung bei der Zerstörung der Natur angebracht, auch da, wo wir noch keinen unmittelbaren Nutzen für den Menschen erkennen können? Wer hätte schließlich angenommen, dass Schimmelpilze Basis lebensrettender Medikamente werden können?

Thomas unterzieht die von ihm herangezogenen Schöpfungstheologien (deren Urheber kaum genannt werden) einem Realitätscheck und befindet sie für zu leicht.  Wie gut, dass es da die weihnachtliche Schöpfungstheologie gibt. Sie braucht anscheinend keinen Realitätscheck zu fürchten. Weihnachten, das ist Gottes Eingehen in unsere von Gewalt geprägte Welt, eine Widerstandsgeschichte, doch, das schon – aber der Erfolg dieses Widerstandes Gottes steht noch aus. Ich muss zugeben, nicht nur einmal ist es mir schwer geworden, Weihnachten zu feiern. Deutlich zu groß sind die messianischen Hoffnungen, an die wir im Advent anknüpfen: Jeder Stiefel, der mit Gedröhn dahergeht, und jeder Mantel, durch Blut geschleift, wird verbrannt und vom Feuer verzehrt.

Verheißung und Realität

Ja, Christinnen und Christen haben aus dieser Spannung zwischen Verheißung und Realität die Konsequenz gezogen, sich in der Welt dafür zu engagieren, dass das Leben etwas von dieser Hoffnung widerspiegelt. Und trotz ihrer Hoffnung auf eine Gerechtigkeit, die menschliches Maß übersteigt, haben viele sich für Gerechtigkeit im Diesseits eingesetzt. Wenn zu unseren Hoffnungsbildern gehört, dass im neuen Himmel und der neuen Erde Friede zwischen Tieren und Menschen, aber auch zwischen Raubtieren und Beutetieren gehört, was hindert uns daran, uns heute für einen anderen Umgang mit der außermenschlichen Natur zu engagieren, auch wenn wir wissen, dass wir ganz sicher nicht das Paradies auf Erden schaffen werden?

Die „Blühwiesenromantik“ Paul Gerhardts und das Singen all der Lieder, die im Evangelischen Gesangbuch „Natur und Jahreszeiten“ preisen, helfen uns vielleicht dabei, uns ein wenig zurückzunehmen und durchzuhalten im neuen Normalzustand, mit dem wir es zu tun haben und den „Krise“ zu nennen nicht wirklich die Realität trifft.

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