Praktizierte Liebesethik

Keinem Menschen bleibt die Auseinandersetzung mit der Zweideutigkeit von Religion erspart
Foto: privat

Wenn es um das Phänomen „Kulturprotestantismus“ geht, um seinen Einfluss auf die Gesellschaft, die Kultur und die Politik, ist eine Forderung nicht neu: Kirchen, so heißt es dann häufig, sollten die Kommunikation mit Gruppen aller Art außerhalb ihrer schwerfälligen Institutionen suchen. Diese Forderung ist durch die wachsende religiös-kulturelle Vielfalt der letzten Jahrzehnte noch dringlicher geworden.

Und es ist ja richtig: Von den verfassten kirchlichen Institutionen her sollte die Schaffung solcher öffentlichen Foren für offene Diskurse und kulturelle Veranstaltungen aller Art erwartet werden können. Denn sie leiten sich von der Förderung des Dialogs und der Kommunikation mit Menschen gleich welcher Provenienz her. Diese und andere Elemente sind Teil des genuinen Auftrages der Kirchen als praktizierte Liebesethik (Glaube, Liebe, Hoffnung), die sich „Fremdlingen“ auf Augenhöhe nähert und sie so zu Nächsten macht. Diese Ethik will dabei wechselseitige Partizipation an den zukünftigen gesellschaftlichen Prozessen ermöglichen.

So weit, so gut. Seit den 1920er-Jahren aber ist nun ein Dauerstörfall entstanden, der namentlich über den reformierten Einfluss auf die protestantische Theologie des 20. Jahrhunderts dauerhaft die Wahrnehmung fremder, religiös begründeter Kulturen getrübt, ja behindert hat: die Diskreditierung des Begriffes „Religion“ und die Eröffnung einer offenen und verdeckten Kontroverse um das damit zusammenhängende Menschenbild.

Der Hintergrund: Wie der Jahrhunderttheologe Karl Barth unterschied auch der ebenso bedeutende Dietrich Bonhoeffer bekanntlich zwischen Glauben und Religion – und mit Religion im Sinne eines Rückzugs auf eine reine Innerlichkeit konnte Bonhoeffer trotz teilweise bewegend frommer Texte („In guten Mächten“ zum Beispiel) wenig anfangen.

Diese damals verständliche Distanz zu einer womöglich nur noch institutionell funktionierenden Religion organisierter Innerlichkeit hatte aber Folgen im Protestantismus des 20. Jahrhunderts: „Religion“ wurde nicht nur aus dem gängigen evangelischen Vokabular verdrängt und zu einem Kampfbegriff, der abgelehnt wurde. Er führte im Diskurs auch zu einer Verengung in der Wahrnehmung von Menschen – weg von der Vieldimensionalität des persönlichen und sozialen Lebens hin zur Eindimensionaltät, verbunden mit begrifflichen Fehldeutungen und falschen Alternativen.

Ein wesentliches Element dieser Eindimensionalität ist diese Fehlinterpretation: Mitgliedschaft in einer verfassten Kirche bedeutet ja nicht, wirklich gläubig zu sein. Und potenzielle oder latent Glaubende finden sich natürlich in allen gesellschaftlichen Gruppen. So gehört zu den Begriffsverengungen der vergangenen Jahrzehnte die Identifizierung von „religiös sein“ und „gläubig sein“. Das Gleiche gilt auch für den Umkehrschluss, wonach „nicht religiös sein“ bedeute, „nicht gläubig sein“. Denn in der Öffentlichkeit wird „religiös sein“ fast automatisch im Sinne der Zugehörigkeit zu einer verfassten Religionsgemeinschaft verstanden. Wer sich als nicht religiös bezeichnet, ist aber keineswegs automatisch ungläubig, und vermeintliche beziehungsweise vorgebliche Ungläubige behalten durchaus ihr religiöses Fundament.

In diesem Sinne hat der deutsch-amerikanische Theologe Paul Tillich mit Erfolg verhindert, dass dem glaubenden Menschen sein religiöses Fundament entzogen wird. Freilich bleibt jedem Menschen die persönliche Auseinandersetzung mit der Zweideutigkeit von Religion keineswegs erspart. Insgesamt ist Tillich nicht bereit, Begriff und Inhalte von „Religion“ preiszugeben. Seine pointierte Kurzformel lautete: „Religion ist die Substanz von Kultur, und Kultur die Form von Religion“ – in ihrer ganzen Vielgestaltigkeit.

Tillich hielt die Ausgrenzung von „Religion“ für einen epochalen Fehler. Seine Warnung vor dogmatisch-orthodoxen Verkrustungen schon Mitte des 20. Jahrhunderts können als geradezu prophetisch gelten. Ihm ging es immer um eine basisbezogene Ernstnahme von Menschen auf gleichermaßen religiöser wie kultureller Ebene.

Der Clou ist: Tillichs betont existenzieller Ansatz (im Gegensatz zu Barths trinitarischer Formel von oben) stellt zugleich das methodische Instrumentarium bereit, interreligiöse Kontakte und religiös-kulturelle Plattformen für Begegnungen herzustellen. Dies bietet den Schlüssel für zukunftsorientierte Perspektiven, mit denen künftige Organisationsformen von Kirche lokal und global entwickelt werden können, die das vorherrschende Gefälle zwischen Organisation und religiöser Person/Gruppe unter dem ethischen Kriterium von „Entsprechung“ in eine neue Ausgewogenheit führen könnten.

Ein solches Verständnis bietet die Chance, „Religion“ als Basis kulturellen Schaffens neu zu verstehen und als theologischen Begriff zu rehabilitieren. In diesem Sinne kann man Religion zugleich integrativ fruchtbar machen. 

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