Abrüstung, jetzt!

Die Debatte um Krieg und Frieden eskaliert
Foto: Rolf Zöllner

Kennen Sie Bullshit-Bingo? Das ist ein Spiel für langweilige Präsentationen in Schule und Beruf. Man schreibt vorher ein paar Sätze auf, die in diesen Zusammenhängen oft gesagt werden. Wenn eine Phrase fällt, darf man einen Haken dran machen, wer zuerst alles abgehakt hat, gewinnt. Neulich machte eine „Ukraine“-Version dieses Spiels auf Facebook die Runde. Darin standen Sätze derjenigen, die sich noch nicht in die neuen Schützengräben begeben haben. „Im Krieg stirbt die Wahrheit immer zuerst“, „Waffenlieferungen verlängern den Krieg“ oder „Frieden schaffen ohne Waffen“.

Man kann über jeden einzelnen Satz streiten, auch über den letzten, der ja aus dem Berliner Appell stammt, den Robert Havemann und Rainer Eppelmann vor ziemlich genau 40 Jahren formuliert haben. Auch aus Angst vor einem Atomkrieg, aber vor allem mit dem Mut, solch einen Text in einer Diktatur zu formulieren. Und mit der Hoffnung auf einen anderen Frieden, der sich auch aus dem Glauben speist. Schließlich wird ausdrücklich in dem Appell auf Jesus Bezug genommen. Man muss das alles nicht wissen und schon gar nicht teilen, aber auch nicht als verbalen Kuhdung der Lächerlichkeit preisgeben.

Das „Bullshit-Bingo“ reiht sich ein in die Häme und in die Diffamierungen, die derzeit Pazifisten entgegenschlägt. Die radikalen unter diesen nennt der Spiegel-Kolumnist Sascha Lobo nun „Lumpenpazifisten“ und Mahatma Gandhi eine „Knalltüte“. Der „Appell“, der sich gegen die neue Aufrüstung der Bundeswehr ausspricht, wurde als irrelevant bezeichnet, weil er bei Twitter nicht trendete. Und der Shitstorm, der Alice Schwarzer, Harald Welzer und den anderen Unterzeichner*innen des offenen Briefes entgegenschlug, der auf die Mitverantwortung aller für eine Deeskalation der Lage hinwies, war gewaltig.

Es stimmt ja, dass die Welzers, Schwarzers und Co. immer wieder mit einem starken Moralismus auftreten, der nicht wirklich zur Diskussion einlädt. Aber in diesem Punkt herrscht mittlerweile mindestens Waffengleichheit, auch im kirchlichen Lager. In zeitzeichen und auf unserem Webportal wird zurecht darüber gestritten, ob die evangelische Friedensethik, die ja den Gebrauch von Waffen nicht ausschließt, noch robust genug ist. Doch auch hier eskaliert die Debatte zunehmend. Wer etwa, wie Rolf Wischnath und Matthias Kreck, danach fragt, was Jesus zu all dem sagen würde und seine Aussagen zur Feindesliebe zitiert, wird von ge­standenen Protestant*innen als „zynisch“, „geschmacklos“, „selbst­gewiss“ oder „wirr“ bezeichnet. Nach­zulesen auf Facebook. Wer auf Entwicklung und Lernfähigkeit des Menschen im Umgang mit Krieg setzt, wird der versuchten „Selbst­erlösung bezichtigt“, die nichts mit dem christlichem Glauben zu tun habe.

Es ist Zeit abzurüsten. Mag sein, noch nicht in der Ukraine. Aber in der hier geführten Debatte um Krieg und Frieden. Es wäre ein zeugnishaftes Verhalten, wenn sich die Diskussionen unter Christenmenschen unterschiede von den Schimpfereien in Talkshows und Social Media. Denn uns eint doch der Wunsch nach Friedens­stiftung. Und die Sehnsucht nach Shalom.

Liebe Leserin, lieber Leser,

Dieser Inhalt ist nur für zeitzeichen-Abonnenten zugänglich. Bitte geben Sie Ihre Kundennummer ein *:
Ihre Kundennummer finden Sie entweder auf Ihrer Rechnung.

* Das einmalige Einloggen reicht aus, Sie erhalten damit automatisch Zugang zu allen anderen Artikeln. Beim Verlassen der Webseiten von zeitzeichen werden Sie automatisch ausgeloggt.

Online Abonnement

Die komplette Printausgabe und zusätzlich aktuelle Texte als Web-App

Print
Abonnement

Wir schicken Ihnen zeitzeichen ins Haus
Foto: Rolf Zöllner

Stephan Kosch

Stephan Kosch ist Redakteur der "zeitzeichen" und beobachtet intensiv alle Themen des nachhaltigen Wirtschaftens.


Ihre Meinung


Weitere Beiträge zu "Gesellschaft"