Verbindungen offenlegen

Alexander Fokin promoviert in Kiel in Kirchengeschichte über Makarios Bulgakov
Alexander Fokin
Foto: Photography-Studio-Kiel/Michael Helbing

Der 28-jährige russische Theologe Alexander Fokin aus Moskau promoviert zurzeit in Kiel über den berühmten Theologen im Russland des 19. Jahrhunderts, Metropolit Makarios Bulgakov, und zeigt dessen Rezeption westlicher Theologieformen auf.

Ich wurde in einem Vorort von Moskau geboren. In meiner Familie gibt es viele Ingenieure, und auch mein ältester Bruder ist Ingenieur und Physiker, wie auch meine Eltern es sind. Sie wurden in der Sowjetunion geboren und waren natürlich Atheisten. Aber nach dem Ende des Kommunismus wurde meine Mutter gläubig, und ich erfuhr mehr und mehr von Gott und über die Kirche. Ich besuchte ein Gymnasium mit mathematischem Schwerpunkt, und eigentlich wollte ich der naturwissenschaftlichen Tradition meiner Familie folgen. Andererseits interessierte ich mich auch immer sehr für Geschichte und Sozialwissenschaften und wollte mit Menschen zu tun haben und mehr über die Fragen, die sich mit den Menschen und ihrem Leben befassen, wissen.

Dann geschah Folgendes: An dem Tag, an dem die Bewerbungsfrist für das Studium ablief und ich eigentlich die Unterlagen für Jura und Politikwissenschaft abgeben wollte, habe ich mich spontan entschlossen, doch Theologie zu studieren. Warum ich es tat, kann ich bis heute nicht erklären, das kam plötzlich über mich. Es war kein Bekehrungserlebnis oder so, das nicht. Aber ich hatte doch auf einmal die Befürchtung, das andere Studium könnte zu langweilig sein, und ich wollte mehr über Gott, über Kirche und über Religionen erfahren. Natürlich waren meine Eltern nicht so richtig glücklich, sie hatten immer gesagt: Zuerst bitte etwas „Vernünftiges“ studieren, dann kannst du machen, was du willst. Ich begann also ein Studium an der Orthodoxen Geisteswissenschaftlichen St.-Tichon-Universität – das ist eine 1991 nach der Perestroika gegründete private Universität, und es ist die erste theologische Volluniversität für Laien in Russland. Bis dahin fand das Theologiestudium in Russland nur in Priesterseminaren der Russisch-Orthodoxen Kirchen und nur für Männer statt. Auf dieser Universität lernte ich im Fach Kirchengeschichte die Professorin Natalia Suchova kennen, die sehr inspirierend war, und so entwickelte sich mein Interesse für dieses Fachgebiet. In Moskau absolvierte ich ein komplettes Studium mit Bachelor- und Masterabschluss. Wir hatten viele internationale Kontakte zu anderen Universitäten, in besonderem Maße zur Humboldt-Universität in Berlin, an der ich während meines Masterstudiums ein Auslandssemester verbringen konnte. Das war sehr inspirierend, und ich begann, Deutsch zu lernen.

Nach der Rückkehr habe ich dann meine Masterarbeit über das Werk des bedeutenden orthodoxen Geistlichen und Theologen Makarios Bulgakov geschrieben. Makarios ist der prägende russische Theologe des 19. Jahrhunderts, der in engem Austausch mit der theologischen Wissenschaft außerhalb Russlands stand. Das fand ich sehr interessant und wollte die Masterarbeit gerne zu einer Dissertation ausbauen und möglichst zu diesem Zwecke auch wieder nach Deutschland kommen. Denn Makarios hat intensiv die deutsche Theologie des 19. Jahrhunderts rezipiert und insofern war ein stetiger Zugang zu einer deutschen Universitätsbibliothek nötig. So habe ich mein Projekt mehreren deutschen Professoren vorgestellt, und freundlicherweise hat mir Andreas Müller, Professor für Kirchen- und Religionsgeschichte in Kiel, zugesagt, mich als Doktorand einzustellen.

In meiner Dissertation unter dem Arbeitstitel „Dogmatisches System des Metropoliten Makarios Bulgakov (1816–1882) im Kontext der (ihm) gegenwärtigen Theologie“ ergründe ich nun die Quellen, aus denen Makarios schöpfte. Dieses Feld ist bisher noch überhaupt nicht erforscht. Außerdem gilt es, falsche Grundannahmen bezüglich seines Werkes zu widerlegen. Vielen ist es bis heute wichtig, dass Makarios Bulgakov seine Theologie ganz rein aus sich selbst und aus seinem russischen Kontext entwickelte. Das ist aber überhaupt nicht so, sondern er hat reichlich Literatur rezipiert, besonders zeitgenössische aus Deutschland – in erster Linie römisch-katholische Literatur, aber auch zum Beispiel Friedrich Schleiermacher. Dessen Argumente, beispielsweise in Fragen der Lehre von der Kirche, der Ekklesiologie, hat Makarios dann gegen die damaligen katholischen Positionen benutzt, indem er der Idee vom Papsttum Schleiermachers Idee von der Kirche als lebendigem Organismus gegenüberstellte – natürlich ohne konkrete Quellennennung. Aber ich konnte jetzt sehr genau in den Archiven in Russland recherchieren, dass die Bücher, auf die sich Makarios Bulgakov bezieht, zu der damaligen Zeit in den Katalogen vorhanden waren.

Insofern kann man das Werk des Makarios durchaus im Kontext der europäischen Theologie seiner Zeit betrachten, und ich kann vielerorts in seinem Werk genau nachweisen, welche Literatur in welche Passagen eingeflossen ist, auch wenn er sie eben anonym verwendet. Deshalb ist die Bedeutung der westlichen christlichen Tradition in der Geschichte des russischen theologischen Denkens kaum zu überschätzen, auch wenn das bis heute leider von vielen stur abgestritten wird.

Diese Bedeutung manifestierte sich auf unterschiedliche Art und Weise: als apologetische Opposition gegen westliche Ideen, Methoden, Trends und Schlussfolgerungen, als Versuche einer völlig unabhängigen Beantwortung der theologischen Fragen der westlichen Theologie und schließlich als Rezeption mit einem unterschiedlichen Grad an Bewusstsein. Letzteres ist am schwierigsten zu erforschen, da es in Bezug auf die Autorschaft nicht immer leicht zu erkennen ist, denn Makarios Bulgakov erwähnt in den Einleitungen seiner Werke zwar westliche Theologen und Autoren, aber nicht mehr in seinen Texten selbst. Diese Verbindungen soll die Quellenarbeit meiner Dissertation offenlegen.

Ich hoffe sehr, dass meine Dissertation dazu beiträgt, die vielfältigen Verbindungslinien zwischen orthodoxer und westlicher Theologie an dem Werk von Makarios Bulgakov, der durchaus als eine Art Kirchenvater der akademischen orthodoxen Theologie bezeichnet werden kann, offenzulegen. Schon im 19. Jahrhundert bemühten sich viele Theologen auf beiden Seiten, Mauern zwischen der westlichen und östlichen Theologie zu erhalten oder im Zuge des Nationalismus gar neu zu errichten. Meine Arbeit soll unter anderem auch zeigen, dass dies keinesfalls einer ökumenisch fruchtbaren theologischen Arbeit dienen kann.

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