Bedingungslos und befreiend

Wie ich ein Crowdhörnchen wurde
Foto: privat

Wie wäre es, auf einem Flashmob mit fünftausend Leuten zu sein, der Magen knurrt und im Umkreis von vielen Kilometern keine Einkaufsmöglichkeit? Und dann kommt einer mit Brot und Fisch und sagt: „Hier, iss dich satt. Es ist umsonst.“ Und das Essen reicht für alle. Das wäre eine wunderbare Erfahrung. Aber angenommen, es hieße weiter: „Ab jetzt musst du dir nie wieder Sorgen um das Essen machen. Auch nicht um Kleidung und Obdach. Du bekommst, soviel du brauchst, für immer. Es ist umsonst.“ Was wäre das für ein Gefühl, wenn ich alles, was ich brauche (Essen, ein Dach über dem Kopf, ärztliche Versorgung usw.), einfach so bekomme – umsonst und ein Leben lang? Ich weiß es nicht. Es übersteigt meine Vorstellungskraft. Ich kenne das Leistungsprinzip, das Wer-essen-will-muss-auch-arbeiten, ich kenne Existenzängste und Absicherungsbedürfnisse. Aber niemand von uns weiß, wie es sich anfühlt, wenn all das nicht mehr nötig ist – aber eine Ahnung davon könnte es geben.

Mal angenommen, es gäbe für ein Jahr Geld für Fisch und Brot und noch etwas mehr; sagen wir: 1.000 Euro pro Monat. Man könnte damit keine großen Sprünge machen, aber es wäre genug, um beispielsweise nicht länger demütigende Verhöre bei der Agentur für Arbeit über sich ergehen lassen zu müssen oder um schlecht bezahlte entwürdigende Erwerbsarbeit kündigen zu können. Vielleicht gäbe es dann Zeit für Gänseblümchenkränze-Flechten, fürs Dichten oder für einfach Muße. Wie würde sich das anfühlen?

Um das zu erfahren, gründete eine Gruppe von Leuten das Projekt „Mein Grundeinkommen“, das sich für das bedingungslose Grundeinkommen einsetzt. Es bedeutet, dass alle Menschen eines Landes von Geburt an lebenslang jeden Monat vom Staat so viel Geld erhalten, wie sie zum Leben benötigen. Einfach so, als Grundrecht. Ohne, dass sie dafür etwas tun müssen. Ohne, dass es ihnen gestrichen werden kann – eben bedingungslos. Das Projektteam entwickelte die Idee, über Crowdfunding so viel Geld zusammenzubekommen, dass eine Person ein Jahr lang monatlich 1.000 Euro erhält. Geschenkt. Wer es bekommt, entscheidet das Los. Das Team legte die Höhe des Betrags auf 1.000 Euro fest, damit Menschen einen Betrag erhalten, der etwas über dem Existenzminimum liegt (der liegt derzeit bei 812 Euro pro Monat). Mittlerweile haben fast 300.000 Menschen über 1000 Grundeinkommen gefördert. Diejenigen, die mit einem Festbetrag fördern, heißen „Crowdhörnchen“ (keine Ahnung, warum).

Ermutigende Botschaft 

Und wie fühlt es sich nun an, dieses Geld zu bekommen? Auf der Website des Projekts finden sich ganz verschiedene Antworten: Manche fühlen sich beruhigt, weil sie was hamstern können, andere berichten von einer Steigerung der Grundentspanntheit im Alltag. Fast alle beschreiben ein Gefühl der Sorglosigkeit. Vielen verschafft das Geld eine Pause, über die eigene Zukunft nachzudenken und sich neu zu orientieren; andere können es sich erstmals leisten zu spenden.

Das Team von „Mein Grundeinkommen“ behauptet, es ginge gar nicht primär um das Geld. „Das Geld ist nur ein Trick. Die eigentliche Wirkung entsteht durch die Bedingungslosigkeit.“ In der Bedingungslosigkeit steckt eine Botschaft: „Wir glauben an dich, probier dich aus, zeig was du kannst. Wenn es schiefgeht, macht das nichts. Dann probierst du es nächsten Monat einfach wieder. Das ermutigt und gibt Selbstvertrauen.“ Wenn das wahr ist und dieses Grundeinkommen nur einen Bruchteil von dem auslöst, was die großen Gaben im Leben schenken – die bedingungslose Liebe G*ttes und eines Menschen –, dann ist es wert, unterstützt zu werden. Ich bin jetzt auch ein Crowdhörnchen.

Wenn Sie ein Crowdhörnchen wären und das Los auf Sie fiele – was würden Sie mit dem Geld machen? Würden 1.000 Euro im Monat Ihr Leben verändern?

Liebe Leserin, lieber Leser,

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