Neuland

Über rechtes Christentum

Die vorliegende Monografie mit Sammelband-Charakter wird von vier Systematischen Theologen und einem Praktischen Theologen gemeinsam verantwortet. Inhaltlich betreten die Autoren echtes Neuland theologischer Forschung: Es geht um die religiöse Seite der sogenannten Neuen Rechten, die als „Brücken-Milieu zwischen Konservatismus und Rechtsextremismus“ eingeordnet wird.

Es wird der Anspruch formuliert, anstelle einer undifferenzierten Dämonisierung die theologischen Motive neurechter Autoren und Autorinnen sachlich herauszuarbeiten und darauf konstruktive theologische Antworten zu geben. Dies gelingt den Verfassern auch insgesamt tatsächlich sehr überzeugend. Der Beitrag von Johann Hinrich Claussen erreicht nicht ganz die Fairness der anderen Texte. Seine Rekonstruktion einer antisemitischen Theologie zwischen den Zeilen des neurechten Historikers Karlheinz Weißmann wirkt zu wenig distanziert.

Ganz anders der grundlegende und umfangreichste Beitrag des Bandes von Martin Fritz, der ein geradezu mustergültiges Beispiel für differenziertes wissenschaftliches Arbeiten auf einem verminten Feld liefert. Auf der Grundlage von zwei Sammelbänden mit heterogenen laientheologischen Texten aus dem neurechten Spektrum arbeitet er fünf theologische Grundmaximen heraus, die dort durchgängig und konfessionsübergreifend begegnen: gute Ordnungen bewahren, verantwortungsethische Unterscheidung der beiden Regimente, Legitimität von Patriotismus, Selbstbehauptung gegenüber dem Islam sowie objektivistischer Wahrheitsanspruch.

Unpolemisch stellt Fritz die theologischen Chancen und Grenzen dieser Maximen dar. Vor allem aber macht er nüchtern und überzeugend deutlich, dass es sich inhaltlich zunächst um gar keine extremen Positionen handele, sondern um „Gemeingut konservativen Christentums“. Wenn es so etwas wie ein rechtes Christentum gebe, das gefühlt den Boden eines normalen Konservatismus verlasse, dann lasse es sich weniger am Inhalt als am Ton festmachen. Vor dem Hintergrund eines (nicht unverständlichen) Marginalisierungsbewusstseins und einer (ehrlichen) Krisenempfindung wählten die betreffenden Autoren einen polemischen Grundton (gegen das „Establishment“ und den „linken Zeitgeist“), versuchten, durch populistisch zugespitzte und simplifizierende Botschaften zu mobilisieren (Islamfeindschaft, Globalisierungskritik) und wirkten aggressiv, da sie davon überzeugt seien, sich mitten in einem Kulturkampf zu befinden.

Andreas Kubik setzt sich in liturgischer und homiletischer Perspektive kritisch mit einer Mahnwache, zu der auch eine geistliche Ansprache gehörte, auseinander, die von neurechten Akteuren anlässlich des Berliner Terroranschlags 2016 veranstaltet wurde. Er weist die hier zutage tretende politische Instrumentalisierung des Christentums scharf zurück, merkt jedoch an, dass auch die linksliberale Mehrheitskirche nicht vor politischer Instrumentalisierung gefeit sei und dass dort eine „Repräsentationslücke“ für konservative Positionen bestehe, die im 19. und frühen 20. Jahrhundert noch mehrheitsfähig waren.

Arnulf von Scheliha zeigt auf, inwiefern der neurechte Volksbegriff gegenüber dem Volksbegriff der nationalkonservativen Theologen des frühen 20. Jahrhunderts (die er kenntnisreich darstellt) oberflächlich sei. Rochus Leonhardt warnt in seinem außerordentlich lesenswerten Beitrag vor dem Schaden für die Demokratie und die politische Kultur durch eine illiberale Ausgrenzung rechtspopulistischer Parteien und Positionen, zu der auch die Kirche beitrage, anstatt theologisch begründet die Überwindung eines „Freund-Feind-Dualismus“ zu befördern.

Interessant ist die durchgängige Beobachtung der Autoren, dass rechtes Christentum dem von ihm bekämpften Zeitgeist näher sei, als ihm bewusst sei (Individualismus, Subjektivismus, Moralisierung, Politisierung, Säkularisierung). Um das Phänomen angemessen einzuordnen, sollte jedoch nicht vergessen werden, dass der Begriff „rechtes Christentum“ keine Selbstbezeichnung einer relevanten Gruppe darstellt, kein einziger Lehrstuhl in Deutschland mit Vertretern dieser Richtung besetzt ist und anders als in den USA auch kein entsprechender kirchlicher, gesellschaftlicher oder politischer Einfluss besteht.

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