Jenseits von Eden und Blühwiesenromantik

Über Fehlschlüsse zeitgenössischen Ökoglaubens und die Freude weihnachtlicher Schöpfungstheologie
Panoramabild einer malerischen Aussicht an einem nebligen Morgen, Odental, Bergisches Land, Deutschland (27.11.2021).
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Panoramabild einer malerischen Aussicht an einem nebligen Morgen, Odental, Bergisches Land, Deutschland (27.11.2021).

Im zweiten Corona-Winter werde immer deutlicher, dass die herkömmliche romantisierende Öko-Schöpfungstheologie nichts tauge, meint der Bochumer Systematische Theologe Günter Thomas. Auf zeitzeichen.net  entfaltet er seine Überlegungen und plädiert darin für einen neuen schöpfungstheologischen Realismus.

Mit Weihnachten gibt es dieses Jahr einige zusätzliche Probleme. Unter dem Diktat des Coronavirus will nur schwer eine Weihnachtsfreude aufkommen. Auch die spirituellen Routinen können eine gewisse Betretenheit nicht verdecken. Jede neue Mutante trifft auf zunehmend erschöpfte und gereizte Menschen – außerhalb und innerhalb der Kirche, unter den einfachen Christenmenschen wie auch unter den Geistlichen.

Wohin kann sich der Blick wenden, damit auch nur eine Ahnung der Weihnachtsfreude aufkommen kann? Die These der folgenden Überlegungen ist eine einfache: Im zweiten Corona-Winter leuchtet die weihnachtliche Schöpfungstheologie. Von Seiten des reformatorischen Liederdichters Nikolaus Herman gibt es dazu einen Vorschlag: „Heut schließt er wieder auf die Tür zum schönen Paradeis; der Cherub steht nicht mehr dafür. Gott sei Lob Ehr und Preis, Gott sei Lob Ehr und Preis.“ (EG 27,6).

Was das Aufschließen einer Tür angeht, hat Nikolaus Herman recht. Aber er hat sich in der Tür vertan. Die Tür zum Paradies bleibt verschlossen. Und das ist gut so. Das Paradiesexperiment Gottes ging schief und wird nicht wiederholt. Aufgeschlossen wird eine andere Tür. Das Paradies würde zu wenig bieten im Vergleich zum weihnachtlichen Versprechen für diese Schöpfung. Wir feiern an Weihnachten Gottes Gang in eine bis tief in die naturalen Seiten der Schöpfung gewaltdurchsetzte Welt. Mit dem verletzlichen Kind in der Krippe lebt Gott ein Versprechen: Die Tür zu einer das Paradies überbietenden Neuschöpfung von Himmel und Erde wird weit aufgestoßen.

Verbaut durch Paradiesträume

Das Problem hier und heute ist nur: Der Weg zu der weihnachtlichen Schöpfungstheologie ist theologisch verbaut. Er ist verbaut durch Paradiesträume und Blühwiesenromantik, durch einen pathetischen Gestus des Bewahrens und das Übersehen eines ganz einfachen Sachverhaltes. Jede neue Mutation des Coronavirus macht etwas sichtbar, was die auf eine Bewahrung der Schöpfung abstellende kirchliche Rede von Natur weitestgehend leugnet: Menschen sind nicht nur leibliche Wesen, sondern durch die Natur gefährdet. Wir sind – ökotheologisch gewendet – gefährdete Gefährder.

Rund um den Globus ringen Menschen auf der biologischen Ebene mit einem in der Alltagswahrnehmung so unsichtbaren wie zugleich zerstörerischen Feind. Wir sind ganz offensichtlich Getriebene. Die Treiber sind gegenwärtig die ganz und gar ‚natürlichen‘ Viren und ihre Mutationen. Die Natur erweist sich als der Booster für die unzähligen psychischen, sozialen, ökonomischen und politischen Probleme. Die Bedrohung des Menschen in der Natur und durch die Natur steht nun schon fast zwei Jahre machtvoll im Raum – auch im Raum der Kirche.

Kann die Theologie und können die Kirchen mit all ihren Umweltbeauftragten diese so universale wie elementare Erfahrung der Bedrohung schöpfungstheologisch und dann auch spirituell aufnehmen und verarbeiten? Meine Befürchtung ist: Sie können es nicht. Schon seit knapp zwei Jahren nicht. Und sie können es nicht, weil sie sich weithin in eine in schlechtem Sinne romantisierende, Paradiesträume pflegende Bewahrensethik verrannt haben.

Schwelende Krise der Ökotheologie

Unter allen so berechtigten wie notwendigen Appellen für Solidarität und Fürsorge inmitten der Pandemie schwelt in Wahrheit eine Krise der Schöpfungstheologie – genauer, eine Krise der Ökotheologie. Diese Krise hat etwas mit dem Verbauen der anderen Tür zu tun. Wie konnte die Tür zur weihnachtlichen Schöpfungstheologie so verbaut werden? Zur Beantwortung dieser Frage ist erst ein Blick auf einen Grundzug der gegenwärtig dominierenden Schöpfungstheologien zu werfen und dann ein kurzer, scharfer Blick auf die Dramen der Schöpfungserzählungen im ersten Buch der Bibel. Mit dem Problembewusstsein dieser Dramen erschließt sich die Freude des weihnachtlichen Schöpfungsereignisses fast wie von selbst. Und dann leuchtet die Weihnachtsbotschaft auch in Corona-Zeiten.

1. Ökotheologie – ein Blick zurück: Seit der Mediävist Lynn White 1968 die ökologische Krise auf den biblischen Herrschaftsauftrag des Menschen zurückführte und seit den Anstößen des Konziliaren Prozesses für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung (Vancouver 1983: Justice, Peace, and Integrity of Creation) wird in einer unübersehbaren Fülle an Literatur die Schöpfungstheologie auf eine Schöpfungsethik und diese auf eine Ethik der Bewahrung umgestellt. Es ist so erstaunlich wie offensichtlich: Im Fokus steht die Bedrohung der außermenschlichen Natur beziehungsweise der natürlichen Seiten der Schöpfung durch den Menschen. Die Menschen sind die Gefährder, nicht die Gefährdeten.

Die zentrale Einsicht der gesamten Bewegung „Friede, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung“ und aller gegenwärtigen Ökotheologie ist, dass die Gefährdung der Natur und der theologisch gefassten Schöpfung von dem Menschen ausgeht. Der Mensch ist die Gefahr für die Natur. Beim Menschen steckt das Problem. Die Änderung des Menschen ist daher die Lösung. So die Idee.

Die theologische Rezeption der Gaia-Hypothese von James E. Lovelock verstärkte die Vorstellung einer dynamischen, aber letztlich wohlgeordneten Ganzheit der Natur, der sich der Mensch einzufügen hat. Es geht um die Bewahrung einer Integrität der Schöpfung. Für nicht wenige Protagonisten geht es gar um ein Heilen der Erde. Das Ziel für viele ist eine fruchtbare Resonanz zwischen Körper und Umgebung, ausformuliert in einer nicht-anthropozentrischen Lehre vom Menschen in einer körpersensitiven Öko-Theologie. Achtsamkeit und Respekt für die Mutter Erde sollen die neuen Tugenden sein.

Erde als Körper Gottes begreifen?

Die radikale ökotheologische Transformation von Glaube, Liturgie, Theologie und kirchlichem Handeln steht bei einigen ganz oben auf der theologischen Wunschliste. Protestanten lassen sich von der katholischen Idee einer Heiligkeit des Lebens anstecken. Einige theologische Vorstöße möchten die Erde als Körper Gottes begreifen. Nicht wenige Theologen und Theologinnen schlagen vor, gar die ganze Erde als Sakrament des Göttlichen zu betrachten.

Viele sind fasziniert von der Idee, die ganze Schöpfung sei vom Geist Gottes belebt. Jegliche Priorisierung des Menschen ist dann eine Verletzung dieses Amalgams aus Gott, Geist und Natur. Die Förderung von Blühwiesen wird zum Anliegen der Kirche. An die Stelle von Heil tritt das Flourishing of Life.

Keiner will in dieser Sache den Anschluss verpassen. Herrschaft wird zum Unwort, die Unterlassung der Intervention zum Gebot, denn Schöpfungsethik ist Bewahrensethik. Christliche Weltverantwortung meint die Verantwortung für die Integrität dieser Schöpfung. Die neue Chiffre der religiös-moralischen Intersektionalität heißt darum Schöpfungsgerechtigkeit.

2. Und dann kam Corona. Brutal und innovativ, variantenreich und rücksichtslos machen Viren weltweit, für was sie in der biologischen Evolution gut zu sein scheinen – mutieren und den Anpassungsdruck erhöhen. Herzlos und frei jeder Barmherzigkeit suchen sie sich die Schwächsten als Opfer aus – Alte, Arme und schon vorher Kranke. Mit einem frostigen Lächeln blickt die Mutter Erde auf die Sterbenden. Die Reisefreiheit in Richtung Paradies ist aber drastisch eingeschränkt. Vor dem Tor des Paradieses steht heute ein Engel mit zwei Flammenschwertern. Auf dem einen steht „Mutation“ und auf dem anderen steht „Selektionsdruck“ geschrieben.

Bei vielen Menschen außerhalb des ökotheologischen Resonanzraums wuchs während der langen Corona-Monate die unheimliche Einsicht, dass die Natur für den Menschen ein riskanter Ort ist und schon immer war. Wie auch für die 99 Prozent aller bekannten Arten, die noch vor dem Auftauchen des Menschen untergingen. Wie auch für Lazarus. Der religiös aufgeladene Geist des geschöpflichen Lebens schnürt den Corona-Kranken den Atem ab. Dabei ist das Coronavirus doch ‚natürlich‘, voll und ganz ‚bio‘! Inmitten einer tiefen Sehnsucht nach dem Paradies einer „unberührten Natur“ greift die nasse kalte Hand der Evolution nach den Menschen. Der ‚Gott von Galapagos‘ rüttelt die romantischen Träumer wach.

Jede Nadel einer Corona-Impfung injiziert neben dem Vakzin zugleich die Einsicht: Das Leben kann ein übler Verräter sein. Natur ist nicht nur gut. Jede Booster-Impfung entlarvt viel der kirchlichen Schöpfungsgerechtigkeitsromantik als religiösen Kitsch.

Den Anthropozentrismus überwinden? Bloß nicht

Ist Gott ein Freund des Lebens? Hoffentlich nicht! Wer so denkt, macht ihn zum Dämon. Gott ist auch ein Feind des Lebens – des bedrohenden und chaotischen, als Nacht und Zerstörung hereinbrechenden Lebens. Gott ist ein Feind manchen biologischen Lebens zugunsten heilvoll gelingenden biologischen Lebens – von Menschen und anderen Geschöpfen. Darum bauten Christen von Anfang an neben Kirchen Hospitäler. Den Anthropozentrismus überwinden? Um Gottes Willen nein! Impfen ist Anthropozentrismus pur!

Ist „das ganze materielle Universum … Ausdruck der Liebe Gottes, seiner grenzenlosen Zärtlichkeit uns gegenüber“? Ist „in allem, was existiert, der Widerschein Gottes vorhanden“? Ist die Erde wirklich, „eine schöne Mutter, die uns in ihre Arme schließt“? Ich fürchte, dies sind theologisch törichte Gedanken. Sie werden auch nicht dadurch besser, dass sie von Papst Franziskus stammen und in der vielzitierten Enzyklika Laudato si stehen. Es ist dummerweise diese Mutter, die eben einige Menschen nicht liebevoll umarmt, sondern erwürgt – weil diese Mutter den Selektionsdruck der Evolution mehr liebt als die Menschen. Es ist diese Mutter, die weltweit die ohnehin vorhandenen sozialen, psychischen, politischen und ökonomischen Konflikte boostert.

Versöhnung mit der Natur? Bewahren und achtsam kultivieren, jenseits aller Herrschaft? Schöpfungsgemeinschaft leben? Nein! Intensivstationen sind Schlachtfelder im Kampf gegen das zerstörerische Leben zugunsten gelingenden Lebens. Intensivpfleger und Intensivpflegerinnen sind Krieger und Kriegerinnen. Krankenhäuser sind keine Orte, an denen die Versöhnung mit der Natur gefeiert wird. Jede Impfung, von der Forschung bis zur Injektion, ist Herrschaft. Der Mechanismus jedes mRNA-Impfstoffs ist ein Akt trickreich-täuschender Kriegsführung. Wer möchte im Ernst mit dem Coronavirus unbedingt in einer ungeschützten Schöpfungsgemeinschaft leben, so ganz ohne Diskriminierung? Die gefährlichen Varianten des Covid-Virus wollen weder bebaut noch bewahrt werden. Sie wollen bekämpft und beherrscht werden. Das Immunsystem des Menschen lebt keinen schlichten Schöpfungsfrieden.

Kampf gegen verobjektivierende Technik und gegen Biotechnologie? Wie viele Liter Druckfarbe und wie viele Tonnen Papier wurden in dieser Causa auf Seiten der christlichen Kirchen eingesetzt! Corona entlarvt geradezu brutal die Illusionen und erzwingt moralische Ehrlichkeit. Künstliche Beatmung und auch eine Hightech-Maschine wie die ECMO (Extra Corporeal Membrane Oxygenation) sind ein Segen. Wo wären wir in der Pandemie ohne die in kapitalistischem Wettbewerb und durch Biotechnologie hergestellten effizienten Impfstoffe? Ohne die so oft ritualisiert religiös verteufelte Verobjektivierung der Natur gäbe es keinen Impfstoff.

Im Einklang mit der Natur ‚ökologisch‘ leben, im Haus Gottes ganz achtsam leben, Heilung der Erde – welche bewahrenstheologischen Metaphernräume auch immer in der theologischen und kirchlichen Kommunikation eröffnet werden, ihre Wucht und ihre Kraft der Durchsetzung erhalten sie durch ihren Charakter als Halbwahrheit. Wie alle halben Wahrheiten sind auch sie ganz irreführend. Ohne Herrschaft – und das nannten die Alten Kultur –, das heißt ohne ein Begrenzen und ohne ein verobjektivierendes Verarbeiten der Natur gibt es jenseits des Paradieses kein menschenwürdiges Leben. Wer dies bestreitet, hat nicht nur elementare Einsichten zur biologischen Evolution, sondern auch wesentliche Einsichten der biblischen Tradition gegen sich. Und: Wer dies bestreitet, verpasst die Weihnachtsfreude.

Kurz, in der Corona-Krise ‚rettet‘ all dies, was von vielen Ökotheologien verdammt wird: Intervention und Vernichtung statt Bewahrung und Schöpfungsgemeinschaft, die Verbindung von intellektuellem und ökonomischem Startup-Unternehmertum im Kapitalismus statt Idealismus im Kollektiveigentum, verobjektivierend-manipulierende Zugriffe auf Natur statt Ganzheitlichkeit und natürlich ein robuster Anthropozentrismus statt Liebe zu allem Leben. Ist es nicht ein großer Segen, dass Wirtschaft, Politik und Wissenschaft in der Auseinandersetzung mit dem Virus nicht auf die Schöpfungstheologie der Kirchen hören? Würden diese ihre zahlreichen Blühwiesenromantikbotschaften ernst nehmen, so müssten sie letztlich die Impfverweigerung propagieren. Aber das tun sie nicht. Adorno sei gedankt. Es gibt den Trost der Dialektik. Auch im Falschen kann Wahrheit aufblitzen.

3. Jenseits des Ursprungs – Gewalt in allem Leben. Wo stecken die Probleme der ökotheologischen Orientierung? Sie stecken ganz wesentlich in drei reduktionistischen Entscheidungen. Das für viel aktuelle Schöpfungstheologie zentrale Anliegen der Bewahrung einer guten Natur erhält seine vermeintliche biblische Grundierung durch einen dreifachen Reduktionismus. Zunächst werden aus der Fülle der biblischen Schöpfungstexte die beiden Erzählungen in Genesis 1 und 2 herausgeschnitten. Die intensive innerkanonische Debatte um eine Ordnung und eine relative Stabilität der Chaosbegrenzung und Chaosüberwindung, wie sie in Hiob 38; Psalm 104; Hiob 40; Psalm 74; Jesaja 51 und 54 und Psalm 89 geführt wird, fällt damit aus.

Die zweite Reduktion wird wieder mit der Schere vorgenommen – es ist die Herauslösung der beiden Schöpfungsgeschichten in Genesis 1 und 2 aus dem Drama der Urgeschichte, das von Genesis 1-11 reicht. Die dritte Reduktion ist die Auflösung der je eigenen inneren Logik der zwei Erzählungen, indem sie zusammengerührt werden. Die ursprüngliche göttliche Prädikation der Güte („Und siehe, es war sehr gut.“) aus der ersten Erzählung der sieben Tage wird unbekümmert kombiniert mit dem ursprünglichen Bewahrensmotiv aus der Gartenerzählung: Die gute Schöpfung gilt es zu bewahren – vor dem Menschen. So die vielfach variierte Botschaft.

Doch die Kombination aus Herausschneiden und Verrühren verfehlt die Pointe der Erzählungen. Sie verfehlt den schöpfungstheologischen Realismus, der aus beiden Schöpfungsdramen erwächst. Es ist dieser schöpfungstheologische Realismus der biblischen Texte, der einen theologischen Blick auf die Covid-19-Pandemie erlaubt.

Mit fürsorglicher Herrschaft betraut

In Genesis 1, 27 wird die Gottebenbildlichkeit der Gattung Mensch eng mit dem Herrschen über die Tierwelt verknüpft. Die dahinterstehende Königsvorstellung wird jedoch demokratisiert und generalisiert: Alle Menschen sind mit fürsorglicher Herrschaft betraut. Der Mensch als Vertreter Gottes ist befähigt und beauftragt zum „dominium terrae et regnum animalium“.

Nötig ist die Herrschaft, weil Mensch und Landtiere am selben Tag für den gleichen Lebensraum geschaffen werden. Damit stehen sie im gemeinschaftlichen Lebensraum unausweichlich in einem konflikthaften Konkurrenzverhältnis, das nicht nur Koordination und Grenzziehung verlangt. Der Mensch ist im gemeinsamen Lebensraum einer Bedrohung und Gefährdung ausgesetzt, die ein Herrschen als regulatives Intervenieren und gottebenbildliches Unterscheiden erfordern. Die Herrschaft durch Unterscheidung in dem geteilten Lebensraum dient – wie überhaupt das royale Herrschen – der Abwehr des grenzauflösenden Chaos und der Entfaltung des Lebens, dessen Indiz die Fruchtbarkeit ist.

Die Konkurrenz im gleichen Lebensraum erscheint als durch den Menschen immer wieder zu bearbeitender, aber doch lösbarer Konflikt. In dieser Ordnung der Grenzwahrung ist die Tötung von Tieren noch nicht vorgesehen, ebenso wenig wie der Verzehr von Tieren durch Tiere. Aber es ist schon hier eine nicht nur durch die Nacht, sondern für den Menschen durch die Lebenskonkurrenz mit den Tieren chaosbedrohte Welt.

Ursprüngliche Integrität durch Gewalt zerstört

Nicht nur für uns, auch schon für die Autoren des Textes ist ganz wesentlich: Dies ist eine untergegangene Welt, eine definitiv vergangene Möglichkeit. Das Programm der Herrschaft ist gescheitert und doch zugleich notwendig. Deshalb wird es erzählt. Die ursprüngliche Integrität der Schöpfung ist, folgt man Genesis 6,11-13, durch Gewalt in allem Fleisch, das heißt auch in der lebendigen, blutführenden Natur, zerstört. Prägnant heißt es in Genesis 6,11f.: „Und verderbt wurde die Erde vor Gott, und angefüllt wurde die Erde mit Gewalttat. Gott sah die Erde und siehe: sie war verderbt, denn verdorben hatte alles Fleisch seinen Weg auf der Erde.“ Dies ist in scharfer Abgrenzung zur sogenannten Billigungsformel „Und siehe, sie war sehr gut“ (Genesis 1,31) formuliert. Die Arche enthält daher keinen Kinderzoo. Die Tiere in der Arche zeigen etwas Dunkles an: Gewalt in allem Leben! Keine Integrität der Schöpfung. Nirgendwo.

Die Lösung, die die Erzählwelt der Priesterschrift für eine gewaltdurchsetzte Welt anbietet, ist allerdings nichts anderes als eine auf einen hoffnungsvollen Realismus zielende Komplexitätssteigerung. Die falscher Herrschaft erwachsende Gewalt wird nicht überwunden, sondern nur begrenzt. Einerseits darf der Mensch die Tiere töten, andererseits werden sie in den Gottesbund hineingenommen.

Aber es darf nicht übersehen werden, dass am Ende der Flutgeschichte in Genesis 9 mit Blick auf die Tierwelt und auf das Verhältnis zwischen Mensch und Tier die geradezu resignative Einsicht steht: Leben ist auch Räuberei (Alfred North Whitehead). In den Worten Albert Schweitzers: „Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will.“ Chaosbegrenzung und Lebensfürsorge bleiben also verwoben mit riskanter Herrschaft, die in Gewalt umschlagen kann. Und es gibt keinen Weg zurück.

Gegenweltlich radikale Hoffnung

Die Herrschaftsbegrenzung ist keine Roadmap für eine allmähliche Annäherung an das Reich Gottes. Die Möglichkeit eines herrschafts- und somit auch völlig gewaltfreien Verhältnisses zu naturalen Umgebungen wird zur gegenweltlich radikalen Hoffnung. Im Feiern vor Gott wird diese Hoffnung vergegenwärtigt.

4. Jenseits von Eden – die Mühen des Ackers. Auch die zweite Schöpfungsgeschichte, die Paradiesgeschichte, ist ebenso eine Krisengeschichte über eine verlorene Möglichkeit. Der Mensch ist in einen königlich-göttlichen Garten versetzt. Geradezu einem entsakralisierenden Impuls gleichkommend wird der Mensch aus dem gleichen Material wie die Tiere geschaffen – aus dem Staub, dem Ackerboden. Er ist schlicht „Staub, der atmet“.

Aus dem Ackerboden und dem Hauch des Lebens entsteht der Mensch als næpæš, als „Schlund, Rachen, Kehle“ (H.W. Wolff). Der Mensch ist ein Wesen, das Vitalität, sprudelnde Lebensenergie, Leidenschaft, individuelle Lebendigkeit, aber auch Begehren und Begierde ist. Während in Genesis 1 der Mensch eine herrschaftliche Fürsorgeaufgabe hat, ist diese Geschichte geprägt von einer Mühelosigkeit im Bebauen und Bewahren des von der chaotischen Wüste schon ausgegrenzten Gartens. Es ist eine Arbeit ohne die Erfahrung der Vergeblichkeit, der Mühe und des Schmerzes der Lebensweitergabe (Genesis 3, 17ff.). Der Garten ist der Ort einer konfliktfreien Integration in lebensfördernde naturale Umgebungen. So ist er der Ort der fürsorglichen Pflege der Lebensgrundlagen. Im Paradiesgarten kann die „Integrity of Creation“ gelebt und gefeiert werden.

Betrüblich ist nur: Die Welt des Paradieses ist in der biblischen Erzählung definitiv eine vergangene, eine verriegelte, eine unmögliche Möglichkeit. Um jede Illusion zu zerschlagen, um jeder Verwechslung von Vergangenheit und Gegenwart, von Traum und Realität, von Gartenromantik und Lebenserfahrung vorzubeugen, dafür steht (schon in der Story!) am Eingang des Paradieses ein bewaffneter (!) Engel. Ein Engel als Sehnsuchtssperre. Ein Engel als göttlicher Krieger, der aus dem Sehnsuchtstraum in die Realität des Lebens jenseits von Eden zurückweist.

Den Paradiesengel austricksen?

Die Geschichte weiß, wie gerne die Menschen in das Paradies zurückreisen möchten. Wer eine im Kern paradiesische Schöpfung in ihrer „Integrity“ nur bewahren will, müsste diesen Engel austricksen. Oder anders formuliert – die biologische Evolution leugnen.

Die Pandemie verdeutlicht unerbittlich: Außerhalb des Gartens sind die vormals ausschließlich lebensförderlichen naturalen Umgebungen und Grundlagen auch lebenswidrig und widerständig geworden, bis hin zur Grenzlage des verflucht Feindlichen. Die Mühe bereitende Widerständigkeit der naturalen Welt ist es auch, die hart die Endlichkeit vergegenwärtigt (Genesis 3,19). Die Lebensförderlichkeit ist den naturalen Umgebungen mit hohem Einsatz abzuringen. Es gibt widriges „Unkraut“, tatsächlich! Dornen und Disteln auf dem Acker des Lebens (Genesis 3,18). Und die vitale Lebensweitergabe ist schmerzhaft und darin riskant. Leben ist unausweichlich von Antagonismen geprägt.

Und doch: Inmitten aller Daseinsminderung bleibt der Erdling vom Acker abhängig. Natürlich! Aber der Weg ins Paradies, in eine „Integrity of Creation“, in eine nur zu bewahrende Welt bleibt verriegelt. Was auch immer wir in Theologie und Kirche meinen naturreligiös und fromm-romantisch imaginieren zu müssen, wir sind vom Paradies ausgesperrt.

5. Ein befreiender Realismus. Die schöpfungstheologischen Dramen der sogenannten Urgeschichte bieten einen erstaunlichen Realismus – theologisch wie phänomenologisch. Jenseits von Herrschaftsphantasien, jenseits romantischer Harmonievorstellungen und jenseits populistischer Formeln wie „Gott ist ein Freund des Lebens“ bieten schon diese beiden Texte ein komplexes Tableau an Verhältnissen zur Natur. Sie bieten inmitten der Pandemie und inmitten der Klimakrise einen befreienden Realismus. Herrschaft ist riskant und Bewahren ist schwierig.

Weder Natur noch Leben sind Heilsbegriffe

Beide Erzählungen sind näher an Erkenntnissen zu einer evolutionären Welt angesiedelt als so manche aktuelle Schöpfungstheologie. Sie sind in narrativer Form Plädoyers für Komplexität im Verhältnis zu den naturalen Aspekten der Schöpfung. Der Mensch ist unentrinnbar und auf riskante Weise in die Umgebungen „verwickelt“ und integriert. Doch zugleich steht der Mensch diesen Grundlagen unausweichlich auch auf differenzierte Weise gegenüber, sowohl erleidend wie auch abwehrend und ordnend-herrschend.

Notwendig ordnende, fürsorgliche Interventionen in die naturalen Umgebungen geht mit dem Risiko eines Abgleitens in chaoserzeugende und zerstörerische Gewaltverhältnisse einher. Weder Natur noch Leben bieten sich nach diesen Texten an, als post-theistische oder interreligiöse Heilsbegriffe aufgerufen zu werden.

Es sind dann weitergehende göttliche Versprechen (in Bundestheologien und in messianischen Verheißungen), die die Natur bzw. die ganze Schöpfung in eine neue Schöpfung einbeziehen und damit die vielfältigen Relationen nochmals dynamisieren – und so letztlich eine radikale Beendigung „räuberischer Verhältnisse“ und der Gewalt erhoffen lassen (Jesaja 11, Römer 8, Apokalypse 21,25).

Und Covid-19? Die Pandemie ist eine bedrängende Erinnerung daran, dass der Mensch trotz aller offensichtlichen Risiken sich der Aufgabe des Herrschens nicht verweigern kann. Die Kontingenzen im Prozess der Natur, die Eigenmächte im Prozess der Schöpfung, erfordern so kreative wie riskante Herrschaft. Chaoserzeugende Umgebungen – man könnte auch sagen, evolutionäre Gefahren und Risiken – zwingen den Menschen dazu. Dabei bleibt die herrschaftliche Arbeit an den Gefahren geschöpflich-leiblichen Lebens selbst riskant. Herrschaft bleibt die riskante Antwort auf die Gefahr der chaoserzeugenden Grenzverwischung im gemeinsamen Lebensraum. Im Imaginationsraum der zweiten Schöpfungserzählung lässt sich formulieren, dass die naturalen Grundlagen und Umgebungen für die Menschen nicht nur lebensförderlich, sondern zugleich lebensfeindlich sind. Mit Beatmungsgeräten und Impfstoffen wird diesen naturalen Grundlagen das Überleben des Menschen in einem von Mühe und Dramatik gekennzeichneten Kampf abgerungen. Nochmals: Genau darum bauten Christen von Anfang an Kirchen und Hospitäler als Orte der Barmherzigkeit und des Protestes gegen biologisch-naturales Elend. Sie bauten keine Altäre für eine Mutter-Erde-Gottheit. Und: Sie hatten Recht damit! In den anti-evolutionären Krankenheilungen Jesu erkannten sie einen aufzunehmenden Impuls. Die Entwicklung von modernen Impfstoffen schreibt diesen Impuls fort.

6. Ökologische Umsicht? Notwendig und riskant! Die Einsicht, dass der Mensch gefährdet ist, relativiert nicht die andere Einsicht, dass er Gefährder seiner naturalen Grundlagen und Umgebungen ist. Sie vertieft diese vielmehr. Schon die sogenannte priesterschriftliche Schöpfungserzählung kennt das Gefährdungspotential, das auch vom Menschen ausgeht. Der Prozess der Herrschaft, des Weltenbaus durch Unterscheidung, Grenzziehung und Chaosbegrenzung, war schon immer riskant und endet in „Gewalt“ in „allem Fleisch“, das heißt in allem Leben (Genesis 6,11-12). Die Chaosbewältigung und Lebenssicherung können noch mehr Chaos erzeugen. Aus der Macht der Herrschaft wird dann zerstörerische Gewalt. Die notwendige Herrschaft ist stets in der Gefahr, das Leben im gemeinsamen Schöpfungsraum mehr zu verunmöglichen als zu ermöglichen.

Die Liste ist lang. Nicht nur Ozeane voller Plastikmüll sind ein beredtes Zeugnis. Sind diese Gestalten menschlicher Chaosbewältigung und Gefahrenabwehr selbst zu riskant, ja gefährlich, Chaos erzeugend? Dies ist unstrittig in vielen Fällen die bedrängende Frage. Diese feine Linie zwischen dem notwendigen Zurückdrängen des gefährlichen Chaos und der Vergrößerung des Chaos durch eben diese riskante Chaosbewältigung, zeigt an, wo unsere ökologischen Probleme liegen.

Ein Tor wäre, wer dies bestreiten wollte. Aber ein Narr wäre, wer behaupten würde, dass die aufgerufenen Lösungen für die ökologischen Gefährdungen nicht selbst immer noch voller Risiken sind. Ökologischer Landbau produziert mehr CO2 als traditioneller. Schade auch. Wie schmutzig wird das Recyceln der Batterien der Elektroautos und aller E-Bikes sein? Time will tell.

Die Wahrnehmung der Gefährdung des Menschen erlaubt einen anthropologisch und sozialpsychologisch tieferen Blick auf die realen Dynamiken der Ausbeutung, der Zerstörung und der Gewalt. Es ist der Hungrige, der von zerstörerischer Gier überwältigt wird. Es ist der Verletzte, der zum maßlosen Rächer wird (Genesis 4,23-24). Es ist der Vulnerable und der Bedrohte, der sich rücksichtslos sichern möchte. Aus der realen Gefährdung und der prekären Bedürftigkeit des Menschen erwachsen die mächtigen Schubkräfte, die die notwendige Herrschaft großformatig lebensfeindlich werden lassen. Das Anliegen der notwendigen Bewahrung kann nur dann effektiv verfolgt werden, wenn die Dynamiken der Gefährdung des Menschen präzise und realistisch gesehen werden. Anders formuliert: Es sind oft die Lösungen, aus denen Probleme erwachsen.

Plastikutensilien lösen Hygieneprobleme

Zurück zum Plastikmüll: Auch wenn viele guten Gründe gegen eine Plastikkultur sprechen, die billigen und leicht zu reinigenden Plastikutensilien lösen so manches Hygieneproblem in der Küche. Darum denken Menschen, die in einem tropischen Klima leben, noch heute anders über Plastik als die deutschen Liebhaber handgedrechselter Holzschüsseln mit Nachhaltigkeitszertifikat und Bioölimprägnierung. Die Klimakonferenz in Glasgow machte jüngst deutlich, dass auch diese Liste lang ist.

Der Gefährder ist gefährdet – und dies auch durch seine eigenen Fehlhandlungen, durch die Folgen der bösen und viel öfter auch der guten Tat. Zur Erinnerung: Es gab Zeiten, da wurden Dieselfahrzeuge als ökologisch vorzüglich angeboten. Die Veränderungen der Landnutzung, zu denen das Bioethanol im E10-Kraftstoff führen, müsste jedem seiner frühen Protagonisten die Schamröte ins Gesicht treiben. Der Gefährder ist oft selbst Ursache seines Gefährdet-Seins. Der Klimawandel ist das eindrücklichste Beispiel.

Aber es gibt nicht nur die Selbstgefährdung. Dies einzugestehen fällt schwer. Nicht zuletzt die Corona-Pandemie zeigt, dass viele Menschen lieber schuldig als biologisch verletzlich sein wollen. Die Selbstanklage ist für viele dem Eingeständnis der Ohnmacht vorzuziehen. Wer sich selbst als Täter anklagt, kann sich immer noch mit Stolz seiner Tatkraft erfreuen. Das bedrohliche Ausgeliefertsein an eine auch wenig gütige Natur anzunehmen, ist für den ökologischen Homo Faber, den Heiler der Erde, zutiefst kränkend.

Theologische Lebenslüge mutig verabschieden!

Es spricht manches für die Annahme eines dem Präventionsparadox ähnlichen Herrschaftsparadoxes: Eben weil die Natur in der westlichen Welt so gut und zum Schutz des Menschen so weitgehend beherrscht ist, können sich theologische und politische Bewegungen gegen die Beherrschung der Natur wenden. Genau dieses Paradox bricht die Covid-19 Pandemie auf einer elementar körperlichen Ebene auf. Dass sich ohne die Interventionen des Menschen in der Natur ein Schöpfungsfriede findet, ist eine theologische Lebenslüge, von der sich mutig zu verabschieden die Covid-19-Pandemie eine Gelegenheit bietet.

7. Weihnachtsfreude im zweiten Corona-Winter? Es bedarf keines Griffes in die theologische Trickkiste, um einen realistischen Blick auf die naturalen Seiten der Schöpfung im zweiten Corona-Winter mit dem Weihnachtsfest zu verbinden.

„Das Wort ward Fleisch“, so die knappe Weihnachtsbotschaft des Johannesevangeliums. Der göttliche Logos ging ein in das „Fleisch“, von dem in der Noah-Erzählung Gott selbst befindet, dass es voller Gewalt sei (Genesis 6,11-12). Weihnachten ist das Fest der göttlichen Interventionsbereitschaft. Es ist die Feier von Gottes Weg in eine von Gewalt durchtränkte Welt – offensichtlich durchtränkt in ihren sozialen und naturalen Dimensionen.

Es ist eine bis tief in die Natur hinein durch Gewalt verkehrte Welt: Weil die Welt nicht flächig von Gottes Geist durchdrungen ist, weil sie nicht der Entfaltungsraum eines heiligen Lebens ist, und weil sie aus vielen Gründen auch kein Sakrament ist, genau darum kommt Gott. Er kommt, weil er nicht schon immer irgendwie in der Welt da ist. Weil die Welt eben nicht Gottes Körper ist, kommt Gott in der körperlichen Gestalt des Kindes. Weil Gott nicht mit dem Leben selbst verwechselt werden soll, kommt er in eine in ihrer Feindschaft gegen Gott höchst lebendige Welt. Gott kommt nicht in eine Welt der Liebe, sondern der gescheiterten Gewaltbegrenzung.

An Weihnachten feiern wir, dass sich Gott höchst verletzlich den Risiken einer feindlichen, ja gewalttätigen Schöpfung aussetzt. Noch mehr – Gott fügt sich mit dieser neuen Initiative ein in eine lange Geschichte der immer wieder scheiternden Bemühungen um eine Gewaltbegrenzung.

Die seufzende Welt ist Ort der Gottesgegenwart

Diese ganz und gar nicht gütige, nicht nur harmonische und letztlich tief friedlose Welt wird von Gott gewürdigt. Diese seufzende Welt der Intensivstationen und voll des bitteren Geschmacks der Endlichkeit, die Welt der gefährdeten Gefährder, wird ein Ort der intensiven Gottesgegenwart. Diese Gegenwart ist eine barmherzig bewahrende und gestaltende Gegenwart. Wenn Gottes Feindesliebe dieser Welt nicht zerstörend, sondern barmherzig rettend begegnet, dann sollten auch wir diese Welt nicht zerstören. Selbstverständlich.

Wir feiern auch Weihnachten im Lichte der Auferstehung Jesu. Die Zukunft der Schöpfung bricht in dem Leben Jesu an. Durch das gesamte Leben Jesu, durch Inkarnation, Verkündigung und Heilungen, Kreuz und Auferstehung, gibt Gott dieser Schöpfung das Versprechen einer neuen Welt und lebt es selbst vor. Das Leben Jesu ist die Weihnachtsbotschaft. Das Kind im Stall macht den Anfang.

„Das Wort ward Fleisch“. Die Evangelien sind voller Hinweise auf eine schöpfungstheologische Dimension dieses Ganges in die Welt der Gewalt. Nicht umsonst sind die Weihnachtslieder angefüllt mit Bildern des in das Dunkle und in die Nacht einbrechenden Lichtes – ein zentrales Motiv der Schöpfungstheologie der Bibel. Die Natur im Stall nimmt an der Weihnachtsfreude teil.

Jesus gebietet den Chaosmächten

In Anspielung auf den Propheten Jesaja lässt der Evangelist Markus Jesus bei den wilden Tieren weilen (Markus 1,13). Wie der davidische Herrscher über die Chaosmächte des Meeres gebieten wird (Psalm 89,26), so gebietet Jesus den bedrohlichen Chaosmächten des Sturmes (Markus 4,35-41). Mit der Heilung der Blinden und Lahmen wendet sich Jesus Menschen zu, die nicht nur unter den sozial-kulturellen, sondern eben auch den naturalen Zerklüftungen des Lebens leiden.

Die tiefen Antagonismen in den naturalen Seiten der Schöpfung werden von Jesus weder heiliggesprochen noch einfach mitleidend und anteilnehmend begleitet. Sie werden verwandelnd adressiert – jenseits einer Verachtung („der Leib als Gefängnis“) und jenseits einer Sakralisierung („Heiligkeit des Lebens“) naturaler Prozesse. Die naturale Seite der Schöpfung kann gleichwohl zum Gleichnis der Welt Gottes werden – in Analogie und auch gegenläufig in scharfer Grenzziehung (Markus 11,20) – aber eben nur Zeichen und Gleichnis. Sakrament ist nicht die ‚rohe‘ Natur, sondern in Brot und Wein werden es die kultivierten, das heißt die beherrschten Schöpfungsgaben.

Der Tag, an dem der Gott der ersten Schöpfung ruht, wird zum Tag neuschöpferischer Unruhe (Lukas 13, 10-16; 14,1-6). Jenseits von Eden lässt sich Gott in Christus wie nie zuvor von seiner Schöpfung berühren und in der Tat zur Verwandlung bewegen. Wir feiern darum Gottes verwandelnde Respektlosigkeit gegenüber der Gewalt ‚in allem Fleisch‘.

Im Licht von Ostern feiern wir an Weihnachten, dass sich Gott in dieser verkehrten Welt letztlich durchsetzen wird – und der in der Verletzlichkeit des Kindes in Bethlehem einsetzende Weg kein Irrtum ist. Aber es bleibt eine auch provozierende Intervention Gottes: Gott kommt weder als apokalyptischer Rächer an Kohlekraftwerkbetreibern noch als Magier, der uns den Gewalten einer evolutionären Welt entnimmt. Für die, die im Dunkeln sitzen, kommt das Kind, der Tröster.

Weihnachtsbotschaft als tröstende Torheit

Nicht nur das Kreuz erscheint für viele als Torheit. Auch die Weihnachtsbotschaft muss wohl in diesem Jahr eine tröstende Torheit sein. So wird das Kind zum Zeichen einer radikalen göttlichen Anfänglichkeit (Hannah Arendt) inmitten des Alten, einer großen Wende der Welt, die hier schon einsetzt. In Christus und im Geist steigert Gott seine „compassion“ im Sinne eines empfindenden Mitleidens wie auch im Sinne einer Leidenschaft der aktiven Intervention. Im Geist Gottes findet sich eine Steigerung der Kreativität, die nicht nur in die Auseinandersetzung mit den Kräften der Gewalt in dieser Schöpfung geht, sondern tiefgreifend Neues, ja die Überwindung des Todes verspricht.

Dieser kreativen Wende Gottes versuchen wir Menschen zu entsprechen – wohl wissend, dass es einen Überschuss des Versprechens gibt, der noch aussteht. Wenn Paul Gerhardt vom Kind in der Krippe sagt, es sei „voller Lieb und Lust, all Angst und Not zu stillen, die ihm an Euch bewußt“, ja, wenn er Christus einen König sein läßt, der „all Feind auf Erden“ überwindet, so ist mehr gesagt, als in der Erfahrung der Pandemie einzuholen ist (EG 11).

Und doch ist es die Freude weckende Weihnachtstorheit, dass – wieder in den Worten Paul Gerhardts – Christus „alle Welt in ihren tausend Plagen und großen Jammerlast, die kein Mund kann aussagen, so fest umfangen“ hat (EG 11). So feiern wir jenseits von Eden diese leidenschaftliche Missachtung der menschlichen Gottlosigkeit und diese barmherzige Achtung der zerbrechlichen Leiblichkeit. Noch ist Herrschaft unvermeidlich und riskant, weil sie gewaltaffin ist. Genau dieser Schöpfung ist aber ein göttliches, ein kindliches Versprechen gegeben. Diese ganz und gar realistische Leidenschaft Gottes ist Grund zur Freude – auch in einer Zeit, in der das Jubeln der Engel so ferne scheint. Diese Leidenschaft Gottes ist ansteckend – auch für gefährdete Gefährder. Dann kann auch ihnen die Weihnachtstorheit eine Gotteskraft werden (1 Kor 1,18).

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