pro und contra

Müssen wir für den Klimaschutz den Kapitalismus überwinden?

Bruno Kern
Foto: privat
Stephan Kosch

Die Auswirkungen des Klimawandels werden von Jahr zu Jahr deutlicher. Es geht darum, das Schlimmste zu  verhindern. Aber ist nicht das auf Wachstum ausgerichtete kapitalistische Wirtschafts­­system das eigentliche Problem? Ja, meint der Theologe, Philosoph und Ökosozialist Bruno Kern. Ihm widerspricht zeitzeichen-Redakteur Stephan Kosch.

Industrielle Abrüstung nötig

Ein ökologischer Umbau allein reicht nicht

Für die Exit-Strategie sind mutige ordnungspolitische Schritte gefragt.

Das kapitalistische Wirtschaftssystem unterliegt einem zuinnerst eingeschriebenen Zwang zu stetigem Wachstum. Kein Geringerer als der reformierte Theologe Helmut Gollwitzer hat deshalb bereits unter dem Eindruck des Berichts an den Club of Rome 1974 festgestellt: „Wird heute angesichts objektiv sichtbar werdender ,Grenzen des Wachstums eine wirtschaftliche Wachstumsbeschränkung gefordert, so muss gesehen werden, dass dies eine das kapitalistische System aufhebende Forderung ist.“ Auch die sogenannte soziale Marktwirtschaft löst diesen Grundwiderspruch nicht auf, im Gegenteil: Sie setzt eine bewusste Politik wirtschaftlichen Wachstums voraus. So heißt es bei einem ihrer Haupttheoretiker, Alfred Müller-Armack: „Der Wettbewerb muss primär als eine Form, möglichst ungehindert den technischen und ökonomischen Fortschritt zu realisieren, begriffen werden. Seine Rechtfertigung ist daher die stete Produktionssteigerung.“

Nun behaupten Verfechter eines Ökokapitalismus beharrlich, dieses Wachstum ließe sich in genügendem Maße vom Energie- und Ressourcendurchsatz abkoppeln. Angesichts der erheblichen Reduktionen, die ein klimaneutrales Wirtschaften erfordert, entpuppt sich das als völlig illusorisch. Erneuerbare Energien sind nicht unerschöpflich und weisen nur begrenzte Potenziale auf. So weist etwa eine Studie für den WWF darauf hin, dass wir in Deutschland theoretisch ein Potenzial an erneuerbaren Energien in der Größenordnung von 700 TWh ausschöpfen können. Dem steht aber ein Gesamtverbrauch an Endenergie von 2 500 TWh gegenüber! An ähnliche Grenzen stoßen Effizienzverbesserungen. Sie unterliegen ja grundsätzlich dem Gesetz des abnehmenden Grenzertrags, das heißt: Je mehr Effizienzpotenzial wir aus einer Ressource oder einem Verfahren bereits herausgeholt haben, umso schwieriger wird es, weitere Effizienzsteigerungen zu erschließen. Das lässt sich durchaus auch empirisch nachvollziehen. Und genau das ist auch der Hauptgrund für die Grenzen marktkonformer Steuerungsinstrumente, wie zum Beispiel den Handel mit CO2-Lizenzen: Sie entfalten ihre Wirkung grundsätzlich nur so weit, soweit die entsprechenden Reduktionen durch innovative Verfahren und Effizienzsteigerungen wettgemacht werden können. Angesichts der Notwendigkeit absoluter Reduktionen, eines Zurückfahrens des Energieverbrauchs insgesamt, erweisen sie sich als untauglich. Würde man den CO2-Preis politisch so anheben, dass die Pariser Klimaziele erreicht werden, so würde dies nichts anderes als ein Ende des Geschäftsmodells eines Großteils der Konzerne und eine Kapitalvernichtung im gro­ßen Stil mitsamt den entsprechenden sozialen Verwerfungen bedeuten. Die Grenzen marktkonformer Instrumente verweisen von sich aus auf Ordnungspolitik. Allenthalben hört man auf den Demos von Fridays for Future den Ruf nach „system change“. Mir ist der aber nicht radikal genug. Eine schlichte Änderung der Eigentumsordnung an sich wird den Klimawandel nicht besonders beeindrucken. Nicht nur der Kapitalismus, sondern unser Typ von Industriegesellschaft insgesamt steht zur Disposition. Nicht ökologischer Umbau allein, sondern ein möglichst solidarisch gestalteter Rückbau, industrielle Abrüs­tung, ist in den reichen Industrieländern gefordert. Mutige ordnungspolitische Schritte sind gefragt. Sie sind gleichzeitig die einzig erfolgversprechende Exit-Strategie aus der Zwangsjacke des kapitalistischen Wirtschafts­systems. 

 

Literatur

Bruno Kern: Das Märchen vom grünen Wachstum. Plädoyer für eine solidarische und nachhaltige Gesellschaft.  Rotpunktverlag, Zürich 2019, 240 Seiten, Euro 15,–.


Tiger wieder in den Tank

Den Kapitalismus zähmen und seine Kraft nutzen

Es ist viel Geld für den Klimaschutz da. Aber es braucht eine Chance auf Rendite.

Warum sollte man überwinden, was man nutzen kann? Im Falle des Kapitalismus zum Beispiel das Kapital: Gut 47 Billionen US-Dollar liegen in Anlagefonds weltweit, rund zwei Billionen US-Dollar werden pro Tag (!) weltweit an Aktienbörsen umgesetzt, an den Devisenmärkten 6,6 Billionen US-Dollar. Was wäre, wenn dieses Geld in die Erzeugung von erneuerbarer Energie, in die Entwicklung von Speichertechnik, in Forschung und Entwicklung von Ersatzstoffen für Beton oder Stahl, in klimafreundliche Landwirtschaft oder in Technologie fließt, mit der wir der Atmosphäre das Kohlendioxid entziehen? Das alles und noch mehr Technik und Knowhow werden wir nämlich brauchen, wenn wir den Klimawandel noch beherrschbar halten wollen. Und das kostet sehr viel Geld, das kaum von den Steuerzahlerinnen alleine aufgebracht werden kann.

Es ist aber da und würde durchaus auch von privaten Investoren bereitgestellt werden, wenn es die Chance auf Rendite gäbe. Damit es die gibt, brauchen wir weiterhin ein Marktsystem, aber ebenso wichtig sind politische Rahmenbedingungen, die die Finanzströme entsprechend kanalisieren. Das Erneuerbare-Energien-Gesetz in Deutschland war ein solches Instrument, der Emissionshandel könnte ein solches sein, wenn die Politik ihn endlich mal entsprechend ausgestaltet. Denn das Problem war bislang ja nicht, dass wir zu viel marktwirtschaftliches Denken im Umwelt- und Klimaschutz hatten, sondern zu wenig. Die Preise, die im Kapitalismus eine zentrale Rolle spielen, sprechen nicht die Wahrheit. Externe Kosten wie Umweltverschmutzung, Gesundheitsschäden oder gar die Kosten von extremen Wetterereignissen wie Hochwasser oder Dürre werden ja von der Allgemeinheit getragen und sind nicht Teil der Preiskalkulation für ein Produkt, das mehr oder weniger umweltschädlich hergestellt wird. Wenn das nämlich so wäre, würde zum Beispiel Ökostrom deutlich billiger als Kohlestrom und Atomenergie.

Es geht also nicht darum, die gerade sehr geschundene Welt einem ungezügelten Raubtierkapitalismus zur Mahlzeit vorzuwerfen, sondern darum, seine Kräfte zu nutzen. Den Tiger wieder in den Tank packen, aber kein Benzin, sondern Wasserstoff oder gleich Ökostrom. Der Kapitalismus hat sich in der Vergangenheit als durchaus anpassungsfähig gezeigt und kann auf einem klug kontrollierten Markt sehr nützlich sein. Und die immer wieder zitierte Aussage, dass es in einer endlichen Welt kein unendliches Wirtschaftswachstum geben kann, stimmt ja nur dann, wenn für das Wachstum endliche Ressourcen genutzt werden müssen. Aber was wäre, wenn der Markt auf Stoffkreisläufen basieren würde, die Energie von Sonne und Wind käme und das Wissen zum entscheidenden Wirtschaftsfaktor würde? Ideen für die ressourcenschonende Versorgung aller Menschen weltweit mit Energie, Nahrung und Medizin können auf diesem Planeten unendlich entwickelt werden und wir können viele von ihnen brauchen.

Und das schnell: Wir haben nur noch wenige Jahre Zeit, die Klimakatastrophe, die vor allem dem Süden der Welt und den Menschen dort droht, aufzuhalten. Wir haben überhaupt keine Zeit dafür, die seit knapp zweihundert Jahren geschlagenen Schlachten zwischen den Anhängern des Kommunismus und denen des Marktes jetzt auf die Spitze zu treiben, um irgendwann dann klimafreundlich zu werden. Die große Transformation, die die Weltwirtschaft nun durchlaufen muss, um klimafreundlich zu werden, ist eine riesengroße Aufgabe. Diese Stufe der Evolution müssen wir erstmal schaffen. Über die Revolution reden wir dann später noch einmal … 

 

Literatur

Stephan Kosch: Expeditionen im Krisengebiet: Auf der Suche nach der neuen Wirtschaft. Rotbuch Verlag, Berlin 2009, 160 Seiten, Euro 9,90.

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