Klotz am Bein

„Bereicherung“ ist eine Lieblingsfloskel von Theologie und Inklusionspädagogik. Wie verlogen!

Und? Wie lebt es sich so als Klotz am Bein? Wie fühlst du dich, seit du nur noch als Anhängsel von jemand anderem von A nach B geschleppt werden kannst?“ So deutlich hat mich natürlich niemand je nach meinem Lebensgefühl als Blinde gefragt. Nicht mal die Rollstuhlfahrerinnen trauen sich, derart direkt zu werden, wenn sie wie lästige Pakete vor den Eingangstüren von Kirchengebäuden zwischengelagert werden. Kein Mühseliger und keine Beladene ist daran gewöhnt, das Gewicht ihres Jochs öffentlich auswiegen zu lassen. Besser, man nennt die Dinge nicht beim Namen.

Oder man bestreitet tapfer, als „Mensch mit Behinderung“ jemals erniedrigt oder beleidigt worden zu sein, erst recht nicht in der Kirche. Ach woher denn! In meinem Freundeskreis, ja, da fällt eine Ausgrenzung schon mal gemein aus. Aber bei Kirchens? In Gottes Großfamilie gehört doch jede und jeder dazu. Alle Unbeliebten sind eingeladen, die vielfältige Geistgemeinschaft mit ihren ausgesprochenen, vor allem aber unausgesprochenen Macken zu bereichern!

Obwohl „Bereicherung“ zu den Lieblingsfloskeln von Theologie und Inklusionspädagogik gehört, halte ich die Vokabel für Schönfärberei. Sie reißt der Idee der Inklusion ihren Stachel aus dem Fleisch, um sie harmloser klingen zu lassen, als sie ist. Inklusion, die Zugehörigkeit aller zu einer Gesellschaft oder einer ihrer Gruppen, entwirft kein romantisches Bild von einer Gemeinschaft, sondern ein konfliktreiches. Das tut ganz schön weh. Intrigen, Zerreißproben, offene Machtkämpfe: Auch in Gruppen, die es für normal erklären, verschieden zu sein, sind sie an der Tagesordnung. Für die Grundidee der Inklusion sind die Interessenkonflikte sogar konstitutiv. Denn sie will die unterschiedlichsten Bedürfnisse unter einen Hut bringen, auch unvereinbare, auch unverschämte.

Wer diese Spannungen allen Ernstes als Reichtum empfindet, lebt offenkundig in einer sehr eigenen Blase. Aber vielleicht gedeiht in diesem exotischen Klima immer schon, was andernorts nur als irrwitzig empfunden werden kann. Christlich durchbuchstabiert, beginnt die Inklusion beim Alphatier und endet bei allem und jedem, was sich als der, die oder „das Letzte“ beschimpfen lassen muss. Sie umschließt alle, die früher als „Sünder“ abgestempelt wurden. Und was ist mit den Zweiflern und Gottesleugnern, was ist mit all jenen Störenfrieden, mit denen nicht gut Kirschkuchen essen ist?

Übrigens bin ich selbst alles andere als ein Naturtalent in Sachen Inklusion.

Lästige Pakete werden kein Gramm leichter, nur weil sie als Federgewichte deklariert werden. Es bleibt dabei: Sie müssen getragen werden, geschleppt, gehievt, und sie schätzen jeden Arm, jede Schulter, der sie diese Mühe wert sind.

Für mich ist Inklusion heute eine politische Übersetzung der Idee eines Gottes, der alle Menschen mit einem zärtlichen, liebenden Auge betrachtet, auch immobile Blinde wie mich. Als ich mein Augenlicht verlor, war „Inklusion“ allerdings noch kein Examensthema für Theologinnen. Menschen mit Einschränkungen mussten sich – gefälligst – „integrieren“ lassen. Was nicht ins Format passte, musste passend gemacht, also zurechtgeschliffen werden. Es mag gut gemeint gewesen sein, aber mir signalisierte der Vorschlag, mich auch ohne Vikariat, ohne zweites Examen und ohne Ordination in die kleinstädtische Pfarrerschaft zu integrieren, dass ich als Blinde also längst draußen stand, dass ich eben nicht zu den anderen Theologinnen gehörte. Gut so!, sage ich heute. Und versteige mich manchmal in die These, dass Menschen ohne Augenlicht den gesichtslosen und unsichtbaren Gott, den die jüdisch-christliche Tradition kaum greifen kann, behutsamer erfassen und tiefer berühren als viele sehfähige Zeitgenossinnen.

Inklusion denkt radikal antihierarchisch. Wer zu spät kommt, wird vom Leben weder belohnt noch bestraft. Wettbewerb, Konkurrenz? Überflüssig. Wie schwer mir das Umdenken immer noch fällt, wurde mir kürzlich mal wieder bewusst. Leider war ich da schon in die Falle getappt, die der Klotz am Bein sich selbst so gern stellt. Es passierte bei einem Vortrag. Referent und Teilnehmende stellten sich persönlich vor. Als ich an der Reihe war, reagierte der Professor verunsichert. Ich kenne das, es stört mich auch nicht weiter. Aber der gute Mann setzte seiner Verwirrung noch einen drauf, indem er mich wohl für so etwas wie meinen unerschütterlichen Eifer, „trotz“ meiner Einschränkung am Ball zu bleiben, loben wollte. „Und Sie können sicher alles mitmachen, was wir anderen hier heute machen …,“ fragte er. Blödsinn, dachte ich. Muss ich das etwa, um hier zuhören zu dürfen? Soll ich mit „euch anderen“ mithalten können, oder darf ich einfach dabei sein? Statt diese Fragen zu stellen, plapperte ich den üblichen Quatsch über ausgefeilte Blindentechnik. Ich stülpte dem Klotz am Bein eine Tarnkappe über seine Ecken und Kanten. Nur ich hörte, wie er sich schlapp lachte über so viel Heuchelei. 

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