Historische Linien

Gegen Antisemitismus

Mittlerweile sind zahlreiche Arbeitskreise, Foren, Tagungen im Bereich des christlich-jüdischen Dialogs etabliert. Das Festjahr „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ ist im vollen Gange. Erschreckend aber ist, wie aktuell Antisemitismus ist – und wie vergleichsweise kurz die Geschichte seiner Bekämpfung und des Dialogs, in dem es auch künftig noch viel zu tun gibt.

Umso wichtiger ist es, die historischen Linien aufzuzeigen, aus der seit einigen Jahrzehnten ein immer konstruktiveres Miteinander erwachsen ist. Joshua Ahrens zeichnet in seiner Dissertation den Weg der Annäherung der Christen und Juden nach, die mit der „Seelisberger Konferenz“ in der Schweiz von 1947 einen Meilenstein erreichte. Sie wurde vom Internationalen Rat der Christen und Juden, von Amerikanern und Europäern gemeinsam vorbereitet. Sie war jedoch weniger eine Dialog-, sondern vielmehr eine Dringlichkeitskonferenz zur Bekämpfung des Antisemitismus, an der siebzig Personen teilnahmen. Die Versuche, Schlüsselfiguren wie Thomas Mann, Jean-Paul Sartre oder Eleanor Roosevelt einzuladen, zeigen, welchen Stellenwert sie haben sollte.

Protagonisten auf dem Weg werden durch biografische Skizzen vorgestellt und so deren Handlungsmotive deutlich. Der Seitenblick auf die Entwicklungen der (Bekennenden) Kirche in Deutschland beschreibt (etwas knapp) die dortige Lage und die impliziten Konflikte. Eindrucksvoll wird hier erstmals der internationale Zusammenhang erläutert, in dem die Akteure tätig waren: die Verbindungen zwischen christlichen und jüdischen Initiativen und Kreisen in den USA, Großbritannien und der Schweiz, die Rolle des entstehenden Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) in Genf, die Bedeutung der Vereinten Nationen und der UNESCO.

Schon seit Beginn der 1930er-Jahre hatten sich erste Kooperationen entwickelt, zunächst hauptsächlich auf die Flüchtlingsarbeit bezogen. Erste Dialog-Tagungen fanden in Wipkingen (1938/39) statt, dann in Walzenhausen (Ende 1943). Vor allem auf der Konferenz in Oxford im Sommer 1946 wurden nicht nur die Weichen für einen vertiefenden Dialog gestellt, sondern bereits wesentliche Fragen erörtert. Nach Seelisberg entstand der institutionelle Dialog in Europa, auch durch die Gründung des International Council of Christians and Jews (ICCJ). Ahrens zeigt, wie wichtig einzelne Personen im Vorfeld gewesen sind, die das Gespräch initiierten und voranbringen konnten, wie Karl Barth, der Rabbiner Zwi Chaim Taubes oder Adolf Freudenberg, Pfarrer der Bekennenden Kirche (BK) und Mitarbeiter des „Büro Grüber“, der seit Ende der 1930er-Jahre das Flüchtlingssekretariat des Vorläufigen ÖRK leitete.

Zu den treibenden Kräften gehörten Hans Ornstein und Henry N. MacCracken oder Everett R. Clinchy, die vor allem organisatorische Fragen voranbrachten. Amerikaner und Europäer vertraten in den Prozessen durchaus unterschiedliche Positionen, etwa im Blick auf die Frage einer Mitgliedschaft in der UNESCO.

Ahrens ist Mitverfasser der bahnbrechenden „Orthodoxe(n) rabbinische(n) Erklärung zum Christentum„ vom Dezember 2015, in der sie für einen umfassenden Dialog jüdischer und christlicher Partner plädieren, ohne bestehende Differenzen zu überdecken. Die hier nun vorgelegte Arbeit zeigt, wie wichtig es ist, sich mit den historischen Wurzeln des Dialogs zu befassen, um ihn weiter voranzubringen. Bisweilen entsteht bei der Lektüre das Gefühl, selbst bei der Tagung in Seelisberg dabei zu sein. Das Eindrücklichste an der Darstellung ist das Sichtbarmachen des enormen Potenzials an vorausschauendem Wissen, das noch immer in dieser Gründungsurkunde des Dialogs liegt.

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