Das gefühlte Geschlecht

Von echten Frauen und faktischen Männern
Foto: privat

Haben Lufttemperatur und Geschlecht etwas gemeinsam? Seit etwa zwanzig Jahren gibt der Wetterdienst neben der gemessenen Temperatur auch die gefühlte Temperatur an. Beide weichen oft voneinander ab, und für viele Menschen ist die gefühlte Temperatur die maßgebliche, weil sie darüber Auskunft gibt, ob wir morgen eher frieren werden oder nicht. Mit anderen Worten: Die Empfindung ist wichtiger als die wissenschaftliche Messung.

Beim Geschlecht ist es ähnlich – sagt jedenfalls das Bundesverfassungsgericht. Es gibt das „gemessene“ Geschlecht (Genitalien, Chromosomen, Hormone etc.) und das gefühlte Geschlecht. Maßgeblich für das Gesetz und den Geschlechtseintrag ist das Geschlechtsempfinden eines Menschen. Damit stellt das Bundesverfassungsgericht die Selbstbestimmung als Persönlichkeitsrecht einer Person klar in den Vordergrund. Das bedeutet: Wenn eine Person beispielsweise einen Penis hat, sich aber als Frau fühlt, kann sie ihren Vornamen und ihren Personenstand in „weiblich“ ändern lassen und den Penis behalten. Eine operative oder hormonelle Geschlechtsangleichung ist mithin nicht erforderlich. Das Gesetz gibt es seit zehn Jahren.

Der Haken ist eine endlose Tortur, der sich Transmenschen unterwerfen müssen, bevor eine Geschlechtsangleichung möglich ist: langwierige Gerichtsverfahren, psychologische Verhöre und zwei entmündigende Gutachten, die entscheiden, ob der Wunsch der Geschlechtsangleichung „echt“ ist. Nur wie soll man ein Gefühl und seine Nachhaltigkeit beweisen? Was noch wichtiger ist: Warum soll jemand beweisen müssen, dass sier im falschen Körper lebt?

Diese Tortur gehört abgeschafft, finden die Grünen und die FDP. Sie haben einen Gesetzesentwurf verfasst, der davon ausgeht, dass Transgeschlechtlichkeit nicht diagnostizierbar ist. Einziges Kriterium für die Änderung des Vornamens und die Berichtigung des Geschlechtseintrages ist das Geschlechtsempfinden der Antragstellenden. „Nur die antragstellende Person selbst kann letztlich über ihre geschlechtliche Identität Auskunft geben.“ Auf ein Gerichtsverfahren soll verzichtet und die Änderung beim Standesamt unbürokratisch vollzogen werden. Klingt doch ganz vernünftig, oder?

Transfrauen misstrauisch beäugt

Wenn da nicht die Folgen wären für den Kampf der Frauen für Gleichberechtigung! Birgit Kelle, AfD-nahe Journalistin und nicht gerade bekannt für feministische Positionen, sieht durch Transfrauen die Errungenschaften weiblicher Emanzipation bedroht und befürchtet den Verlust von Schutzräumen von Frauen – sie spricht von „echten Frauen“, während für sie Transfrauen „faktisch Männer sind, aber auf dem Papier eine Frau.“ Diese „Papierfrauen“ werden von der neuen Rechten als Trojaner beschrieben, die die Frauensaunen stürmen und „spezielle Programme zur Frauenförderung in Anspruch nehmen“ (Götz Aly). Transidentität wird so als eine Drag-Aktion mit dem Ziel der Täuschung zur eigenen Vorteilsnahme konstruiert.

Solche Phantasien finden sich nicht nur in rechten Kreisen – auch in gewissen feministischen Szenen werden Transfrauen misstrauisch beäugt, als wäre in dem einst männlichen Körper patriarchale Dominanz unverlierbar eingelassen, ungeachtet des soziopolitischen Kontexts und der individuellen Verfasstheit. Dazu gehört der taxierende Blick als Bestandteil der Gewalterfahrung transidenter Menschen, dieses visuelle Abjagen des Körpers mit dem Ziel, das vermeintlich „Echte“, Ewige aufzuspüren und festzunageln auf „Herrschaft“ (männlich) oder „Unterwerfung“ (weiblich).

Gerade habe ich mich selbst dabei ertappt, das Foto von Christina Bergmann zu scannen auf Spuren von Christoph, als der sie früher angeredet wurde. Ihr Buch „Und meine Seele lächelt“ beschreibt ihren Weg vom Pfarrer zur Pfarrerin, von der Zerrissenheit und Einsamkeit zu einem Leben „versehrt und heil zugleich, nicht perfekt!, aber ganz und glücklich, als die Frau, die ich geworden bin: Christina.“ Sie erzählt von transphoben Diskriminierungen und davon, wie die Westfälische Landeskirche ihren Übergang begleitet hat: „Kein moralisches Feuerwerk, keine Demütigung, kein ‚wie können Sie nur‘. Nein, es gab Zuhören, Verständnis auch, Mitgefühl sogar.“

Das macht Mut. Mit einem neuen Gesetz und einer Kirche wie dieser sind wir der transfreundlichen Gesellschaft ein großes Stück näher.

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