Es muss gemacht werden

Warum es wichtig ist, sich mit der „Neuen Rechten“ inhaltlich fundiert auseinanderzusetzen
Foto: EKDKultur/Schoelzel

Einfach „gegen rechts“ zu sein ist in evangelisch engagierten Kreisen weitverbreitet. Es lohnt aber durchaus, sich auch konkret inhaltlich mit „rechts“ angesiedelten Strömungen auseinanderzusetzen. Schon allein, um in notwendigen Diskussionen inhaltlich besser gewappnet zu sein, meint der EKD-Kulturbeauftragte Johann Hinrich Claussen und verweist auf die neue Folge seines Podcasts zu diesem Thema.

Es ist notwendig, sich mit „den Rechten“ theologisch auseinandersetzen. Denn zum einen sind es auch religiöse und theologische Impulse, die sie antreiben. Zum anderen versteht man sich selbst und das eigene Engagement besser, wenn man sich in der Auseinandersetzung mit ihnen der theologischen Frage stellt. Das gilt besonders für evangelische Theologen. Denn in der Beschäftigung mit „den Rechten“ erlebt man so einige Déjà-vus: Begriffe, Motive, Argumente und Gestalten, die man aus der eigenen Theologiegeschichte kennt, aber für überwunden hielt, begegnen einem hier als höchst lebendige Gegenwartsimpulse.

Man muss bei „den Rechten“ unterscheiden: 1. den harten Rechtsextremismus, der antichristlich und neuheidnisch ausgerichtet ist, 2. den Rechtspopulismus, der mal mit antiklerikaler Polemik, mal mit konservativ-christlicher Rhetorik arbeitet, inhaltlich aber wenig interessiert ist, 3. die Neue Rechte, die den Anspruch erhebt, eine intellektuell durchgearbeitete Metapolitik zu betreiben, zu der auch eine eigene Laien-Theologie gehört.

Es gibt inzwischen eine Reihe kirchlicher Handreichungen, die Empfehlungen vorstellen, wie vor allem mit dem Rechtspopulismus, als der öffentlich sichtbarsten und politisch wirksamsten Strömung, umzugehen sei. So sinnvoll und hilfreich sie sind, so fehlt doch allzu oft ein kritischer Blick auf sich selbst. Es ist jedoch keineswegs so, als hätte man als evangelische Kirche mit diesen Menschen und ihren Ideen nichts zu tun, als genügte es, sich von ihnen abzugrenzen oder sich über sie zu empören. Sie haben mehr mit „uns“ zu tun, als „uns“ lieb sein mag. Viele der „Unseren“ gehören auch zu den „Ihrigen“. Deshalb braucht es nicht nur eine klare ethische Positionierung der evangelischen Kirche sowie politik- und gemeindepädagogische Hilfestellungen, sondern auch Theologie. Nur wenn wir uns theologisch auch als Teil des Problems verstehen, können wir Teil einer Lösung sein.

Besonders mit denen, die sich für die intellektuelle Elite und Avantgarde der Rechten halten, also den Vertretern der Neuen Rechten, ist eine dezidiert theologische Auseinandersetzung angezeigt. Die evangelische Universitätstheologie hat sich zu lange dieser Aufgabe nicht gestellt. Man kann es ja verstehen: Diese Texte zu lesen, ist nicht eben ein Vergnügen. Aber es muss gemacht werden.

Zum Glück beginnt sich diese Einsicht durchzusetzen. So haben Florian Höhne und Torsten Meireis vom Institut für Öffentliche Theologie an der Berliner Fakultät im vergangenen Jahr einen sehr instruktiven Sammelband über „Religion and Neo-Nationalism in Europe“ veröffentlicht. Im Frühsommer diesen Jahres werde ich gemeinsam Martin Fritz, Andreas Kubik, Rochus Leonhardt und Arnulf von Scheliha einen Band über „Rechtes Christentum“ herausbringen. Wir hoffen auf eine intensive Diskussion.

In der Märzausgabe der zeitzeichen habe ich es einmal exemplarisch versucht, indem ich Karlheinz Weißmann, einen der einflussreichsten Ideologen der Neuen Rechten, als Theologen interpretiere. Besonders wichtig für mich war dabei die Zusammenarbeit mit der Bundesarbeitsgemeinschaft Kirche + Rechtsextremismus, die über viel Erfahrung, politologische und theologische Kompetenz verfügt. In Gesprächen mit dem Projektleiter, dem Politologen Henning Flad, habe ich viel gelernt. Nun habe ich für meinen Podcast ein Gespräch mit ihm über die Theologien der Neuen Rechten und mögliche theologische Antworten darauf geführt. Wer es hören möchte, klicke hier.

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Johann Hinrich Claussen

Johann Hinrich Claussen ist seit 2016 Kulturbeauftragter der EKD. Zuvor war er Propst und Hauptpastor in Hamburg.


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