Toxisches Gedankenspiel

T-r-i-a-g-e oder „Kein Beatmungsgerät für Corona-Leugner?“ und wie der Strafrechtsexperte Michael Kubiciel die Sache sieht
Foto: Christian Lademann

Es fühlt sich gar nicht wirklich an wie ein Jahreswechsel, sondern eher so, als würde das Jahr 2020 in eine unliebsame zweite Halbzeit gehen. Mit dem Impfstart verbinden sich zwar leise Hoffnungen für die Zukunft, aber dennoch ist diese Zeit „zwischen den Jahren“ eine des angespannten Luftanhaltens, meint unsere Online-Kolumnistin Katharina Scholl.

Wie werden sich die Zahlen entwickeln, wenn sich der diffuse Nebel aus Glühweindunst und Oh-Tannenbaum-Aerosolen aus bis zu fünf Haushalten verzogen hat? Wird 2021 das Jahr des langsamen Aufatmens oder werden die Szenen, die sich im ersten Quartal in Krankenhäusern abspielen, den Jahresbeginn mit einem bitteren Beigeschmack versehen, der zunächst stärker ist als Visionen vom Impferfolg? Bei all dem hängen sechs Buchstaben wie an seidenen Fäden über den Entwicklungen, die in den Sommermonaten irgendwo hinter dem Horizont verschwunden waren: Triage.

Nach ersten Überlastungsanzeigen in Kliniken sollte auch dem Letzten klar werden, dass Triage kein realitätsfernes Unterkapitel eines Medizinethik-Buches ist, sondern ein mögliches Szenario in unseren Krankenhäusern. Mich hat in den vergangenen Wochen ein Statement rund um das Thema Triage besonders aufmerksam werden lassen. Der Strafrechtsexperte Michael Kubiciel hat eine Triage-Situation gedanklich durchgespielt, in welcher es einem Arzt möglich wäre, straflos einen Corona-Leugner im Hinblick auf die medizinische Versorgung zu benachteiligen.

Zu unterscheiden sei dabei zwischen Ex-Ante-Triage, also einer Situation, bei der es einen Beatmungsplatz gibt, aber mehrere Patienten, die diesen potentiell benötigen, und Ex-Post-Triage, also einem Szenario bei dem ein Patient mit geringeren Aussichten auf Behandlungserfolg bereits beatmet wird und das Beatmungsgerät von einem Patienten mit deutlich höheren Erfolgschancen benötigt würde.

Corona-Leugner möglicherweise benachteiligen?

Bei einer Ex-Post-Triage habe der Arzt keinen Handlungsspielraum, weil die Tötung des Patienten, der bereits beatmet wird, zugunsten des Patienten mit höheren Prognosen eines Behandlungserfolges rechtswidrig sei. Bei einer Ex-Ante-Triage hingegen, bei welcher der Arzt zu entscheiden hat, welcher Patient das eine Beatmungsgerät bekommt, sei jede Entscheidung rechtmäßig. So sei es eben laut Kubiciel in diesem Fall auch möglich beispielsweise Corona-Leugner zu benachteiligen, ohne dass der Arzt für diese Entscheidung belangt werden könne.

Zwar propagiert Kubiciel nicht offensiv, Querdenkern medizinische Hilfe zu verwehren, aber es irritiert mich doch zutiefst, dass ein solches Gedankenspiel dieser Tage überhaupt innerhalb der Debatten rund um die Frage nach Triage auftaucht. In Kommentarspalten sozialer Medien ist der Hinweis in Richtung von Querdenkern, die eigene Haltung in Form eines Verzichts auf die Nutzung eines Beatmungsgerätes konkret zu machen, zahlreich geworden und auch die reißerischen Berichterstattungen über an Covid-19 erkrankte Querdenker gehört in die Reihe von medialer Geschmacklosigkeiten, die es mir flau werden lässt in der Magengegend.

Keine Gesundheit ohne Demokratie

Als reales Vorgehen wäre eine solche Entscheidungsfindung ja kaum denkbar, da ja im Fall einer Triage kaum Zeit für entsprechende Recherchen wäre. Aber Kubiciels Bemerkung beunruhigt mich schon allein als Gedankenspiel. Jeder noch so leise Anschein, weltanschauliche Fragen könnten im Hinblick auf Triage ein Kriterium sein, ist toxisch und stellt wesentliche ethische und gesellschaftliche Errungenschaften unserer Zeit in Frage. Bereits im 19. Jahrhundert proklamierte der Mediziner Rudolf Virchow: Keine Demokratie ohne Gesundheit, keine Gesundheit ohne Demokratie. Damit spricht er die grundlegende Einsicht aus, dass Gesundheit nicht länger ein Privileg bestimmter Gruppen bleiben sollte. Diese Einsicht ist es, die überhaupt dazu geführt hat, dass wir heute in einer gesellschaftlichen Situation leben, in der Gesundheit wesentliches Thema staatlichen Handelns ist. Im April 2020 hat die Historikerin Hedwig Richter diesen Zusammenhang pointiert zur Darstellung gebracht durch ihren Hinweis, dass die Quarantäne kein Freiheitsentzug sei, sondern Hochamt der Demokratie.

Dass wir weitestgehend kollektiv die gesamtgesellschaftlichen Anstrengungen zum Schutz vulnerabler Gruppen auf uns nehmen, ist Ausdruck eben dieser demokratischen Grundidee, dass Gesundheit ein Gut aller ist, das es gemeinsam für alle so weit es geht zu bewahren gilt. Wer in dieser Situation nach dem Recht auf Beatmungsplätze für Corona-Leugner fragt, konterkariert all diese Bemühungen.

Triage ist nichts, was mit der Corona-Pandemie plötzlich aus dem Nichts aufgetaucht wäre, sondern es ist in der Katastrophenmedizin immer schon an der Tagesordnung. Dabei geht es um die bestmögliche Nutzung medizinischer Ressourcen und dem höchstmöglichen Maß an Gerechtigkeit. Zu meinen (und sei es nur in einem Gedankenspiel), Bestrafung von Corona-Leugnern könnte dabei eine Rolle spielen, steht jenseits von allem, was ethisch tragbar ist.

Jahreslosung als gute Ratgeberin

Äußerungen wie die Kubiciels beschäftigen mich vor allem, weil die Pandemie nicht allein eine gesundheitliche Krise ist, sondern zweifellos auch eine gesellschaftliche Zerreißprobe. Niemand kann genau sagen, wie die gesellschaftlichen Dynamiken sich weiter entwickeln im Jahr 2021, aber es ist zu erwarten, dass wir auf eine Situation zugehen, in welcher die sich verfestigende Dichotomie von Maßnahmenbefürwortern und –gegnern zunehmend weniger tragfähig sein wird. Es stehen komplexe gesellschaftliche Aushandlungsprozesse an, deren Oberthema nicht weniger sein wird als die Frage, in was für einer Welt wir eigentlich gemeinschaftlich leben wollen. Die große Aufgabe dabei wird sein, durch diese Aushandlungsprozesse und damit einhergehende Konflikte hindurch gesellschaftlich beieinander zu bleiben.

Die Jahreslosung für 2021 scheint mir eine gute Begleiterin für diese Aufgaben zu sein: „Jesus Christus spricht: Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist“ (Lukas 6, 36). Sie ist vor allem dann hilfreich, wenn man sie nicht als kitschige Sozialromantik versteht, sondern als eine am Evangelium orientierte sozialpolitische Maxime, die auf eine entschiedene Absage an jegliche Art von Exklusionsmechanismen drängt und Antrieb ist für eine ständige kollektive Arbeit an einem von uns allen geteilten sozialen Zusammenhang auch angesichts kontroverser Differenzen. Wenn einem Querdenker das Beatmungsgerät verweigert wird (und sei es nur in einem Gedankenspiel), ist diese Barmherzigkeit jedenfalls schon längst vor die Hunde gegangen.

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Katharina Scholl

Pfarrerin Katharina Scholl ist Repetentin der Hessischen Stipendiatenanstalt in Marburg. Neben ihrem Dienst promoviert sie zurzeit im Fach Praktische Theologie.


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